Haustech 01-02/2017

Sarah und Sven alleine zu Hause

(Foto: zVg)
Einfach komfortabler Wohnen ist nicht nur für Freaks oder Nerds interessant. Mit einer cleveren Technik wird die Vernetzung zum Kinderspiel. (Foto: zVg)
Jonas Hiller: «Ich bin extrem technikaffin, möchte aber auch, dass meine Frau und meine Kinder mit der Steuerung und Bedienung klarkommen.» (Foto: zVg)
Benutzerfreundlich und einfach zu bedienen: Sarah ist die digitale Assistentin für zuhause. (Foto: zVg)
Paolo D'Avino /

Das Haus der Zukunft ist intelligent und sorgt sich um seine Bewohner. Das Versprechen: Mehr Bequemlichkeit und Komfort. Auch dank Sarah und Sven, zwei Smart-Home-Lösungen, mit denen sich Einzelmodule vernetzen lassen.

Anachronistische Zeitrechnung in einem Berner Quartier. Dort wo einige Strassennamen nach alten Adelsgeschlechtern benannt sind, nimmt die Vision eines zukunftsweisenden Hauses konkrete Formen an. Zumindest in einer Dachwohnung an der Bonstettenstrasse, die zu einer Smart-Home-Demowohnung aufgerüstet worden ist. Die neuen digitalen Bewohner dort heissen Sarah und ihr kleiner Bruder Sven. Entwickelt wurden sie vom Berner Smart-Home-Start-up Hubware und dessen Gründer und Mitinhaber Christian Moser. IT-Technisch nennt er sie «Appliances», also kombinierte Systeme von Hard- und Software, die eine Vielzahl an Einzelmodulen in einem Haus auf einer einzigen Benutzeroberfläche integrieren können.

«Ein zentraler Grundsatz eines smarten Hauses ist, den Bewohnern mehr Komfort zu bieten», sagt Moser. In der Tat arbeite man länger schon mit einzelnen Hausautomationsfunktionen, doch «das Licht oder die Heizung zu regeln, das ist nichts Neues». Für Moser ist ein Zuhause erst dann «smart», wenn die Systeme auf die Bedürfnisse und Gewohnheiten der Bewohner eingehen, von diesen lernen und Aktionen im Haushalt antizipieren oder vorwegnehmen.

Übergeordnetes Bediensystem

Begonnen hat die digitale Zukunft in Mosers eigener Stube. Damals noch als Tüftelei, diente sie ihm in der Anfangsphase vor allem als Versuchslabor. «Vor fünf Jahren begann ich, mich für automatisiertes Wohnen zu interessieren», erzählt der gelernte Informatiker. «Zuhause habe ich fünf verschiedene Hausautomations-Technologien miteinander verbunden», und die Vernetzung der Geräte und Gewerke nahm unweigerlich eine Komplexität an, für die er die Hilfe und das Fachwissen eines Elektroinstallateurs benötigte.

Er lernte in dieser Zeit Philipp Zingg kennen, und mit jeder weiteren Applikation begeisterte sich Zingg für die Ideen von Moser. Gemeinsam habe man angefangen, Sarah, das für «selbständiges arbeitendes rundum automatisiertes Haus» steht, zu programmieren. Anfang 2016 gründeten sie schliesslich das Unternehmen Hubware. Doch alleine mit Sarah funktioniert smartes Wohnen nicht.

Damit sie mit den einzelnen Endgeräten kommunizieren kann, braucht es eine Verbindung des Sarah-Servers mit den anzusteuernden Geräten und zwischen diesen selbst. «Dank der unzähligen Versuche in meinem Haus habe ich mich den verschiedenen Technologien und Datenübertragungs-Systemen wie Bus, Powerline und Funkverbindungen auseinandersetzen müssen.» Zum Vorteil für Sarah, denn sie hat keinen geringeren Anspruch, als schon bald all diese Übertragungssysteme auf einem einzigen übergeordneten Bediensystem zusammenzufassen.

«Wir setzen zunächst aber auf Digitalstrom», einfach deshalb, weil diese Technologie es erlaubt, einerseits über das bestehende Stromnetz zu kommunizieren, andererseits eine grösstmögliche Flexibilität zu erhalten. Kommuniziert wird über das Stromkabel, die Verbindung bilden sogenannte «Lüsterklemmen», die direkt an den Geräten, Leuchten oder Taster angebracht sind. «Geräte wie eine Stehleuchte können so im Haus verschoben werden, ohne dass wir den ganzen Stromkreis anpassen müssen.»

Alles miteinander verbinden

«Unser Ziel ist die Vernetzung aller einzelnen Applikationen in einem System», sagt Moser und grundsätzlich lasse sich alles, was eine Schnittstelle habe, miteinander verbinden. Vom Staubsauger zur Deckenlampe, von der Stereoanlage bis hin zur Videosprechanlage. Im Gespräch betont er immer wieder, dass die Einzelsysteme nicht nur untereinander verbunden sind, sondern in einem ständigen Austausch miteinander stehen. Er erklärt es an einem Beispiel. «Wenn Sensoren eine starke Pollenbelastung oder einen zu hohen CO2-Gehalt in den Räumen messen, dann sollte sich die Lüftung situativ und automatisch an diese Faktoren anpassen.» Und er ergänzt, dass dies nicht einfach so erfolgt, sondern das System noch andere Kriterien mitberücksichtigt. Beispielsweise ob Personen schlafen oder sich Kinder im Raum aufhalten.

Sarah und Sven unterscheiden sich vor allem in der Anwendung und ihrer Intelligenz. «Der 7-Zoll-Bildschirm Sven ist eine reine Digitalstrom-Visualisierung und kommt in erster Linie in Mehrfamilienhäusern oder Überbauungen zum Einsatz. Sarah hingegen ist ein Smart-Home-Gesamtsystem mit eigener Intelligenz und erweitert die Intelligenz bestehender Smart-Home-Systeme. Ihr Einsatzbereich ist eher in Einfamilienhäusern oder Eigentumswohnungen.»

Das Haus oder die Wohnung sollen also mitdenken, sich aktiv um die Bedürfnisse der Bewohner kümmern. «Digitale Assistenten für das Zuhause», nennt Moser seine zwei Entwicklungen, und so kann Sarah beispielsweise anhand der Daten und der Gewohnheiten der Bewohner erkennen, wann die Raumtemperatur angepasst oder das Licht gesteuert werden soll. «Nicht nur», betont Moser, denn Sven und Sarah sind nicht nur Schalt- und Bedienstelle für das ganze Haus, sondern auch Schnittstelle zur Aussenwelt. «Mit Sven kann eine Mietverwaltung individuell mit jedem Mieter direkt kommunizieren», sagt Moser. Smart-Living-Dienste nennt Moser diese Zusatzleistungen. Durchaus denkbar, dass künftig sämtliche Dokumente wie Rechnungen oder simple Nachrichten über Sven gesteuert werden oder ein Reservationssystem eingebaut wird, mit dem die Bewohner eines Mehrfamilienhauses ihr Carsharing-Programm bedienen.

Mehr Komfort und Sicherheit

Die smarte Zukunft im eigenen Heim ist für Jonas Hiller, den bekannten Eishockeytorwart, der seit April 2016 beim EHC Biel wieder in der heimischen National League A unter Vertrag steht, bereits Realität. «Während unserer Zeit in den USA haben wir immer mal wieder mit verschiedenen Smart-Home-Lösungen herumexperimentiert. » Wirklich überzeugt hat ihn während seiner langen Zeit in Übersee kein System. So reifte der Gedanke, dass sein Schweizer Heim ein richtiges Smart Home werden sollte. «Deshalb habe ich mich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt und auch gleich den Architekten mit ins Boot geholt.»

Für Hiller sollte das neue Haus mehr Komfort und Sicherheit haben, und technisch sollte das System ausgereift, stabil und flexibel sein. «Ich bin extrem technikaffin, möchte aber auch, dass meine Frau und meine Kinder mit der Steuerung und Bedienung klarkommen. Zudem sollte es einfach zu bedienen und bezahlbar sein.» Von Architekten kam dann der Impuls, mich intensiver mit Digitalstrom und Sarah zu beschäftigen. Am Ende gab das überzeugendste Gesamtpaket den Ausschlag. «Die unglaubliche Vielzahl an Möglichkeiten und die Tatsache, dass es sich dabei um einen offenen Standard handelt. Meine Bedürfnisse und Anforderungen an mein Zuhause verändern sich über die Zeit ja ständig. Da benötige ich ein System, das in der Lage ist, sich den Veränderungen anzupassen und das sich weiterentwickelt.» Ein weiterer wichtiger Punkt sei, dass die Bedienung über Sarah intuitiv und komfortabel funktioniere.

Stimmungen simulieren

Sven ist gemäss Moser in 10 Minuten eingerichtet. Sarah brauche ein wenig mehr, sagt Moser. Keine grosse Programmierung ist für den Anwender notwendig, um einfache Szenen und clevere Automationen einzurichten. «Bei den Szenen sind ‹Kommen› und ‹Gehen› die beliebtesten». Sie steuern zentral alle hinterlegten Bedienungen, wenn die Bewohner die Wohnung verlassen oder nach einem Arbeitstag wieder in die Wohnung treten. Theoretisch könnte Sarah ausschliesslich über die gleichnamige Smartphone-App gesteuert werden, doch Moser empfiehlt es aus praktischen Gründen nicht, weil es immer mal wieder vorkommen kann, dass andere Personen sich in der Wohnung aufhalten. Und die sind mit Sarah nicht vertraut.

Deshalb empfiehlt Hubware nach wie vor den Einsatz von Tastern. Diese sehen wie gewöhnliche Lichtschalter aus, sind aber mit einer «Lüsterklemme» von Digitalstrom verbaut. «Auf jeder dieser Taste können bis zu vier Stimmungen und Funktionen hinterlegt werden.» Man drückt einmal auf den Lichtschalter, und alle Lampen im Wohnzimmer werden gleichzeitig exakt auf eine vordefinierte Helligkeit gedimmt. Wenn man den gleichen Schalter zweimal drückt, verleiht eine andere Lichtstimmung dem Wohnraum die gewünschte Atmosphäre. Pro Klemme liessen sich mehr als 50 Stimmungen speichern, ergänzt Moser.

Daten nicht öffentlich

Und wie sieht es mit den Daten aus, die es braucht, um solche Funktionen zum Laufen zu bringen? Moser versteht die Skepsis. Ein heikler Punkt, den er nachvollziehen kann. Für ihn war von Anfang an klar, dass die Bewohner Herr über ihre eigenen Daten sein sollten. «Die Daten werden auf keiner Cloud, sondern nur lokal auf dem eigenen Server verarbeitet.» Und sollte einmal der eigene Server abstürzen, ist jede einzelne Klemme intelligent genug, um die Grundfunktionen auch ohne Server laufen zu lassen.

Die Wohnung oder das Haus sind gemäss der Vision von Hubware längst nicht mehr nur ein Gebäude. Vielmehr wird das Heim zu einem Partner, und wie das in einer gut funktionierenden Partnerschaft sein sollte, weiss Sarah über die Bedürfnisse und Gewohnheiten Bescheid. Sie stellt sich auf die Bewohner ein, lernt aus deren Verhalten und vorausschauend wird die Raumluft, die Zimmertemperatur, die Beleuchtung und die Tasse Tee nach Feierabend so vorbereitet, wie es sich die Bewohner wünschen.

Davon sind Moser und sein Team überzeugt. «Wir steuern die Heizung, die Jalousien oder das Licht heute noch einzeln. In Zukunft werden sie dank den digitalen Assistenten Sarah und Sven verzahnt sein und die Bewohner unterstützen.» Wie sich die Welt verändert. Zu Zeiten der Berner Adelsgeschlechter haben die smarten Funktionen noch Bedienstete übernommen. «Heute ist es die Technik», sagt Moser.