Haustech 3/2017

«Produktdaten dürfen nicht mehr blind sein»

(Foto: Peter Frommenwiler)
Simon Eberhard /

Seine Mission ist es, Produktdaten zu digitalisieren und zu kategorisieren, um den Bauprozess und die Zusammenarbeit der Beteiligten zu verbessern. Haustech unterhielt sich mit Start-up-Unternehmer Paul Curschellas über Möglichkeiten und Gefahren der Digitalisierung im Bauwesen.

Im Jahr 2013 haben Sie die Swiss BIM Library ins Leben gerufen. Deren Vision war es, ein «Google der Baubranche» zu werden. Wie weit sind Sie mit ihrer Vision?

So weit, wie wir vermutlich noch nie gewesen sind. Entscheidend ist dabei, dass die vielschichtigen Informationen in einer guten Qualität verfügbar, gut strukturiert und allen zugänglich sind, ohne die Vielfalt einzuschränken. Hier haben wir in den Jahren seit unserer Gründung grosse Fortschritte machen können, auch deswegen, weil wir frühzeitig auf Kooperationen mit der Bau- und der Software-Industrie gesetzt und entsprechende Kanäle aufgebaut haben.

Was waren dabei die wichtigsten Herausforderungen?

Einen hohen Automatisierungsgrad zu erreichen. Ein häufiger Fehler im Zusammenhang mit der Digitalisierung besteht darin, einfach eine gängige Arbeitsweise auf ein neues Instrument zu übertragen, aber nicht wirklich den Prozess und die Herangehensweise zu verändern. So werden die neuen Möglichkeiten, die Mehrwerte, nicht erschlossen. Es gibt alleine in der Schweiz 7500 Hersteller von Bauprodukten. Damit alle ihre Bauteil- und Produktdaten erfassen können, muss das System hocheffizient sein. Und hierfür ist ein hoher Automatisierungsgrad die Voraussetzung. Diesen haben wir von Anfang an angestrebt.

Und auch erreicht?

Ja, wir haben heute einen guten Automatisierungsgrad erreicht und das Modell und die Technologie etablieren können. Nun geht es darum, die Breite und die Produktvarianz zu vergrössern und die Plattform an die gängigen Anwendungen der Enduser, also der Planer und Architekten, anzubinden.

Wie gehen Sie dabei vor?

Wir wollen unsere Stärken fördern und der Industrie die Tore weiter öffnen. Dabei haben wir festgestellt, dass es wichtig ist, Hilfe und Beratung zu bieten. Denn es herrscht heute eine Diskrepanz im Verständnis von BIM und Digitalisierung. Häufig ist eine entkoppelte Arbeitsweise festzustellen, die zu Wiederholungen, Missverständnissen, Fehlern oder verzögerten Entscheidungen führt. Doch die Kollaborationstiefe nimmt zu, also die Bereitstellung und Verwendung der Informationen untereinander, der Austausch, die Weiterverarbeitung und die Vernetzung.

Und das erkennt die Bauindustrie nicht?

Doch, die Industrie hat erkannt, dass die Planer diese Daten fordern. Aber sie sollte daraus folgend auch realisieren, dass sie auch einige Hausaufgaben hat: Die Produktdaten müssen in einer guten Qualität, gut strukturiert und aktuell vorliegen, damit der Endkunde diese überhaupt nutzen kann. Dieses Bewusstsein zu schaffen, sehen wir als unsere Kernaufgabe. Eine wichtige «Lesson learned» für uns nach den ersten Jahren betrifft die Erkenntnis, dass die blosse Bereitstellung der Technologie eigentlich den kleineren Teil unserer Herausforderungen darstellt. Der grössere, wichtigere Teil besteht darin, der Industrie bei der digitalen Transformation, «vom realen zum digitalen Produkt», zu begleiten und ihr die Möglichkeiten und das Potenzial zu zeigen, die damit einhergehen.

Was hat das für Konsequenzen für die Industrie?

Zusätzlich zu den klassischen Prospekten, Beratungen oder Dienstleistungen müssen die Anbieter verstärkt auf eine informationsbasierte Strategie setzen: Zu dem analogen Produkt müssen digitale Produktdaten vorhanden sein, damit diese vom Planer in einer frühen Planungsphase eingebunden und genutzt werden können. Dies beginnt schon bei der Evaluation. Die Produktdaten dürfen nicht «blind» sein.

Können Sie das genauer ausführen?

Der Planer konzipiert einen Bauteil anhand der gestellten Anforderungen, daraufhin läuft die Evaluation, welches Produkt diese Vorgaben genauso oder auch aufgrund seiner Leistungswerte besser zu erfüllen vermag. Die Daten müssen gut strukturiert sein, damit man sie evaluieren, suchen, finden und dann auch verwenden kann. Produktdaten auf Papier oder einem PDF reichen nicht mehr aus. Ziel muss sein, dass Produkte in der funktionalen Suche aufgrund der Leistungswerte gefunden werden. Geht dies nicht, existiert das Produkt nicht, bzw. die Produktinformationen wurden in diesem Falle nicht in genügendem Masse aufbereitet. Die digitalen Daten gehören zum Produkt wie die Verpackung oder das Zubehör, jedoch mit dem Vorteil, dass sie, sind sie erst einmal erarbeitet und auf der Plattform verfügbar, mehrfach genutzt werden können!

Was ist dabei die Rolle Ihres Unternehmens?

Es funktioniert sozusagen als Zwischenstation: Wir moderieren und unterstützen die Anbieter bei der Distribution ihrer Produkte.

Wie gross sind die Widerstände in der Branche?

Das Verständnis für die Möglichkeiten der Digitalisierung ist in den letzten zwei bis drei Jahren sicher gestiegen und ist Teil der Strategie geworden. Ich stelle generell ein besseres Verständnis für die Chancen und Risiken fest. In der Geschwindigkeit und in der Ausrichtung gibt es Unterschiede, nicht jedoch in der Überzeugung, dass der Wandel im Gange ist und dass es kein Zurück gibt. Natürlich gibt es aber noch einzelne Akteure, die bei dem Thema blocken, weniger aus fachlichen Gründen, sondern mehr aus der Angst, dass sie den Wandel in der angestammten Struktur nicht vollziehen können ohne Veränderung.

Woher kommt diese Angst?

Das hat sicherlich mit Positionen und Monopolen zu tun. Nehmen Sie das Beispiel aus der Taxibranche. Diese hat versucht, auf politischem Weg durch Regulierungen zu verhindern, dass durch Uber eine neue Flexibilisierung und Dynamik in den Markt kommt. Ich stelle dies völlig wertungsfrei fest. Es geht mir nur darum: Die Dynamik, die sich entwickelt, ist vom Markt und der Technologie getrieben, exponentiell. Es ist vergleichbar mit einer Seerose in einem Biotop: Zuerst ist da nur eine, dann zwei und plötzlich ist die ganze Wasseroberfläche davon belegt. Eine solche Entwicklung kann natürlich auch disruptiv sein und entsprechende Ängste auslösen.

Auch in der Baubranche?

Bei gewissen Vertretern ist das sicher so, doch grundsätzlich bin ich der Überzeugung, dass die Baubranche sehr agil ist und weniger konservativ als beispielsweise die Finanzbranche. Sie muss ihre Agilität jetzt einfach in Bezug auf die Digitalisierung anwenden. Wenn ihr das gelingt, wird sie in zwei oder drei Jahren ihre Effizienz massiv steigern können. Und ich bin überzeugt, dass die Branche dies sehr schnell umsetzen kann. Wichtig ist dabei, dass die Gesamtwirtschaft befähigt wird. Beeinflussen lässt sich dies nur durch aktives Mitgestalten. Am Rande zu stehen ist ein schlechter Ratgeber, zu schnell könnte der Zug abgefahren sein. Wenn zudem nur einige Firmen vorauseilen und neue Technologien vorantreiben, nützt das niemandem, auch ihnen selbst nicht.

Weshalb?

Weil sie dann einfach der Zeit zu weit voraus sind und es bei einem teuren Prototyp bleiben wird, den sie produziert haben. Denn Folgendes wird passieren: Die Gesamtwirtschaft zieht nach, geht aber eine leicht andere Richtung, und der Prototyp wird sterben, weil man nie dort ankommen wird. Gerade deshalb ist es wichtig, die digitale Transformation gemeinsam zu vollziehen: Industrie, Planung, Besteller und auch das Bildungswesen müssen an einem Strang ziehen. Aktuell am besten verkörpert diesen Weg der Stufenplan von Bauen digital Schweiz.

Sie sprechen das Bildungswesen an. Ist dieses bereit für diesen Prozess?

Es gibt einige Schulen, die mit exemplarischen Bildungsangeboten vorangehen wie die ETH und zunehmend mehr Fachhochschulen. Diese sind wichtig und zwingend notwendig. Doch damit ist das Thema Bildung bei Weitem noch nicht abgeschlossen. Denn es braucht die Breite. Und hier sind wir noch nicht so weit. Das Thema muss in den gesamten Lehrplänen im Kern eingebunden werden, und zwar schon auf Primar-, Sekundar- und Gymnasialstufe und selbstverständlich in den höheren Berufsausbildungen. Wir preisen immer wieder unser Bildungswesen. Soll dies so bleiben, haben wir hier noch Hausaufgaben zu erledigen.

Wie kann das bewerkstelligt werden?

Das kann nur auf politischem Wege über die verstärkte Initiative getrieben werden. Denn die Schulen haben das Problem, dass sie in einem Korsett stecken. Eine Schule ist ja sozusagen eine grosse Firma und in der Regel stark reglementiert und administriert – dies in einer Zeit, die von Dynamik und Wandel geprägt ist. Um eine Veränderung zu vollziehen, braucht es weniger die Regel und die Administration, sondern vielmehr die Vision. Diese gilt es dann, auf eine Strategie herunterzubrechen und Massnahmen zu erarbeiten. Doch diese Vision steht noch nicht.

Wie könnte eine solche Vision denn aussehen?

Wir haben die heute erfahrenen 45- bis 55-Jährigen. Die sollten Inkubatoren sein, also die Änderungen zulassen und organisieren. Und dann gibt es die Jüngeren, die nach den neuen Gesetzen arbeiten. Diese beiden Gruppen sollten sich im Transformationsprozess ergänzen und nicht im Weg stehen. Bildhaft gesprochen: Momentan ist es so, dass die Generation, die heute 45- bis 55-Jährigen versucht, schreiben zu lernen. Doch lassen wir doch besser die  Jungen schreiben und stellen selbst sicher, dass das nötige Papier vorliegt und der Wunsch zum Schreiben und Lesen ungebremst funktioniert!

Sie werden am kommenden Planertag ein Referat halten. Werden Sie der Branche dann ins Gewissen reden?

Nein, es ist nicht mein Anspruch, irgendjemandem ins Gewissen zu reden. Mein Beitrag am Planertag wird sich damit befassen, wie sich der Transformationsprozess im Bereich der Bauindustrie auswirkt und welche Möglichkeiten es gibt, früher in der Planung und im Bauen auf das Wissen der Industrie zuzugreifen. Dieser Aspekt wird meiner Meinung nach unterschätzt. Es herrscht diesbezüglich leider immer noch ein Kastendenken. Im Rahmen des Planertages möchte ich zeigen, dass heute viele Entscheidungen früher gefällt werden müssen und dass es hierbei ein Zusammenspiel aller Beteiligten braucht, das nur möglich ist, wenn alle am Digitalisierungsprozess teilnehmen.

Viele Planer und Architekten sind heute aber der Meinung, dass Fragen zu Produkten erst auf der Baustelle entschieden werden müssen.

Ja, aber dieses Verständnis ist falsch. Denn wenn ich konzeptionelle Entscheide treffe, erzeugen diese Entscheide Abhängigkeiten und Folgeentscheide. Ein gutes Gebäude entsteht in der frühen Planungsphase, und dort braucht es ein System oder Produkt, das die genaue Information liefert. Ansonsten ist es ein wenig so, wie wenn ich eine Reise in den Norden plane und dann im Süden ankomme – mit der völlig falschen Ausrüstung, also mit Pelz und Skischuhen anstatt Badehosen und Sandalen.

Ihr Start-up ist ein Beispiel für neue Geschäftsmodelle, die sich aus der Digitalisierung ergeben. Welchen Tipp würden Sie Jungunternehmern mit auf den Weg geben?

Zuerst braucht es eine Vision. Daraus muss dann ein realistisches Geschäftsmodell entwickelt werden. In der Digitalisierung sind Kollaborationen das A und O. Ein intensiver Austausch mit Kunden, Anwendern und Partnern ist daher sehr wichtig. Dabei muss man auch selbstkritisch sein und Mängel hinterfragen und verändern, die man aus anfänglicher Verliebtheit vielleicht übersehen hat.

Wo sehen Sie Ihr Unternehmen in den nächsten Jahren?

Unser Ziel ist, dass jedes Bauprodukt seine digitalen Daten hat; dass diese gut strukturiert  auf unserer Plattform verfügbar sind, damit Entscheider wie Planer, Architekten, Bauherren und Unternehmer diese einfach einsetzen können bei Planung und Bau und auch für den späteren Betrieb. Für den kommenden Sommer ist das Ziel eine erweiterte Zahl von Herstellern, Produktgruppen und Produkten. Wir wollen eine halbe Million Produkte und die doppelte Anzahl Hersteller auf der Plattform haben. Und vor allem wollen wir eine stärkere Anbindung der Softwareindustrie im Bereich CAD und Ausschreibung, um damit den  Zusatznutzen für die Enduser zu erhöhen. Einen nächsten Quantensprung wollen wir bis zur Swissbau 2018 vollziehen.

Und wie sieht es mit längerfristigen Zielen aus, also beispielsweise in fünf oder zehn Jahren?

Mit solch langfristigen Szenarien bin ich vorsichtig. Ich würde aber sagen, dass unsere Plattform in fünf Jahren die etablierte Bauprodukteplattform sein wird und jedes Produkt, das im Bau eingesetzt werden kann, auf unserer Plattform gefunden werden kann. Da stehen wir heute noch nicht, doch wir setzen hier mit unseren Partnern klare Ziele, damit wir dieser Vision näherkommen.