Mehr Stadt für alle

Hohe Baudichte in der Überbauung «Feldhof» in Zug. (Photo: Andreas Busslinger)
Antonio Suárez /

Die heutige Siedlungsentwicklung steht mitten in einer historischen Umbruchphase. Die Leitidee der Zukunft lautet: «Stadtwerdung der Agglomeration». Dies verdeutlichen Ergebnisse eines nationalen Forschungsprogramms.

Die Bevölkerung in der Schweiz hat sich in hundert Jahren mehr als verdoppelt. Zuletzt verbuchten insbesondere das Mittelland sowie der sogenannte «Arc Lémanique» und das Süd­tessin grosse Zuwachsraten. Demgegenüber verzeichnen entlegene Alpentäler, aber auch einige Regionen im Alpenvorland und im Jura rückläufige Bevölkerungszahlen. Gemäss Informationen des Bundesamts für Raumentwicklung (ARE) war der städtische Raum in den letzten zehn Jahren stark geprägt von der Reurbanisierung. Vor allem die fünf grössten Ballungszentren werden von einem gut ausgebildeten und international ausgerichteten Publikum als attraktiver Wohnraum wahrgenommen. Bedingt durch den weiteren Platzbedarf und Verdrängungseffekte dehnten sich auch die Agglomerationen weiter aus. Für den Zeitraum bis 2020 geht das Bundesamt für Statistik, je nach Szenario, von einer jährlichen Wachstumsrate von 1,1 Prozent aus. Dabei werden für die Metropolitanräume sowie einzelne Regionen zwischen Zürich, Basel, Lausanne und Genf überproportionale Entwicklungen vorausgesagt, die sich zum Grossteil aus der Zuwanderung ergeben. Von der Binnenwanderung profitieren demgegenüber Kantone wie der Aargau, Freiburg und die Waadt. Von Abwanderung sind weiterhin die peripheren Regionen betroffen.

Ungebremstes Siedlungswachstum

Auch bei den Siedlungsflächen war das Wachstum in den letzten Jahrzehnten ungebremst. Seit der ersten Hälfte der Achtzigerjahre bis 2009 wuchsen sie um 24 Prozent oder 584 km2 an, was in etwa der Fläche des Genfersees entspricht. Damit lässt sich erahnen, wie sehr die wiederholt von Raumplanern geäusserte Warnung zutrifft, dass mit jeder Sekunde ein Quadratmeter Landwirtschaftsfläche zugebaut wird. Nicht nur Neubauten, auch der Strassen- und Schienenbau haben dazu beigetragen. Dieses Wachstum ist nach Aussagen der Raumentwickler des ARE auch darauf zurückzuführen, dass die Siedlungsfläche rascher wuchs als die Bevölkerung. Beanspruchte eine Person Anfang der Achtzigerjahre im Schnitt 387 m2, so liegt der heutige Wert bei 407 m2 und damit über dem angepeilten Maximum von 400 m2 pro Person.

Das hier beschriebene Szenario hat zu einem radikalen Umbruch in der Raumplanung geführt. Die in der breiten Öffentlichkeit wahrgenommene Problematik der Zersiedelung und die Notwendigkeit der Verdichtung konnten inzwischen in Gestalt der Teilrevision des Raumplanungsgesetzes (RPG) in geltendes Gesetz überführt werden. Der breite Rückhalt der Bevölkerung für diese neue Politik zeigt allein das Resultat von 62,9 Prozent Ja-Stimmen bei der Volksabstimmung vom 3. März 2012 zur Gesetzesänderung. Nur das Wallis verwarf die Vorlage damals klar. Das am 1. Mai 2014 in Kraft getretene revidierte RPG sieht in Artikel 3, Absatz 3a bis, vor, dass die Siedlungsausdehnung begrenzt werden muss. Als Massnahme vorgesehen ist die bessere Nutzung von brachliegenden oder ungenügend genutzten Flächen in Bauzonen, die sogenannte Verdichtung (siehe Kasten Seite 40). Damit gemeint ist die Siedlungsentwicklung nach innen durch bodensparende und effiziente Bebauung in bestehenden oder neu geschaffenen Bauzonen, wie dies in der Raumplanungsverordnung in Artikel 5a, Absatz 3b, zum Ausdruck kommt. Dichtes Bauen verhindert bzw. begrenzt auch die Zersiedelung. Zurzeit revidieren die Kantone ihre Richtpläne, die bis spätestens 2019 angepasst sein müssen. Anschliessend müssen sich Kantone und Gemeinden an die Umsetzung dieser Pläne machen und die Nutzplanung realisieren. Eine zweite Etappe der RPG-Revision wurde auf Geheiss der Stände bis Ende 2015 vertagt. Bis dann sind die kantonalen Behörden allerdings verpflichtet, die inhaltlichen Schwerpunkte des Revisionsentwurfs vorzulegen.

Transformation statt Expansion

Wie die Tripartite Agglomerationskonferenz TAK in einem Strategiepapier von Oktober 2014 festhält, sind die Gesetzesänderungen einer von drei Hauptfaktoren für eine nachhaltige Siedlungsentwicklung. Weitere Faktoren sind die Knappheit öffentlicher Finanzressourcen sowie die Frage nach den Grenzen der Mobilität, die im Zusammenhang zunehmender Infrastruktur- und Betriebskosten an Bedeutung gewinnen. Wie die Autoren des Leitfadens «Das 3 x 3 der nachhaltigen Siedlungsentwicklung» betonen, befinden wir uns am Anfang einer neuen Phase, in der nicht mehr die Expansion, sondern die Transformation des Siedlungsraums im Vordergrund stehe: Trotzdem warnt die TAK, dass es noch Gesetze gebe, die zu den Zielen einer nachhaltigen Siedlungsentwicklung im Widerspruch stehen. So würden nicht nur die Bau- und Planungsgesetze, sondern auch das Nachbarschafts-, das Prozess-, das Umweltrecht und die Eigentumsrechte durch ihre Anforderungen und Rahmenbedingungen die Siedlungsentwicklung nach innen erschweren.

Der vollständige Artikel ist in der Haustech-Ausgabe 10/2015 erschienen.