Haustech 4/2019

«Die Wirtschaft darf sich auf qualifizierten Nachwuchs freuen»

(Foto: Nicolas Zonvi)
Paolo D'Avino /

Die ABB Technikerschule bildet aktuell rund 600 Fach- und Führungskräfte aus. Haustech unterhielt sich mit dem Rektor Kurt Rubeli über den oft beklagten Fachkräftemangel, die Stärken der praxisorientierten Ausbildung und die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Unterrichtsformen.

Herr Rubeli, haben auch Sie hier an der ABB Technikerschule die Schulbank gedrückt?

(lacht) Nein. Ich habe Maschinenbau an der Ingenieurschule in Biel studiert. Im Anschluss war ich sechs Jahre bei der Georg Fischer AG (GF) in der Fahrzeugtechnik als Versuchsingenieur tätig. Weil die Fahrzeugtechnik damals von der GF abgestossen wurde, entschied ich mich für eine Laufbahn im Bildungswesen.

In der ABB Technikerschule bilden sich pro Jahr rund 600 Studierende weiter. Da könnte man meinen, dass eine stattliche Zahl an qualifiziertem Nachwuchs bereitsteht?

In der Tat ist es beachtlich. Die Zahl an jungen Leuten, die sich für eine technische Weiterbildung interessieren, ist in den letzten Jahre konstant geblieben. Als Präsident der Konferenz der Höheren Fachschulen Technik kenne ich die Grössenordnung. Jährlich erwerben rund 8500 Berufsleute ein Diplom auf der Stufe einer Höheren Fachschule. Rund 2500 davon in technischen Berufen.

Dennoch beklagen Berufsverbände den Mangel an qualifiziertem Nachwuchs. In welchen Branchen sehen Sie einen akuten Fachkräftemangel?

Aus meiner Sicht in der Informatik. Die Entwicklungen sind dermassen rasant, dass es in diesem Sektor bereits heute an qualifiziertem Nachwuchs fehlt. Die wirtschaftlichen Herausforderungen können nur dank effektiver IT bewältigt werden. Dieser Tatsache werden wir mit unseren zwei neuen Nachdiplomstudien gerecht. Auch bei den Polymechanikern sehe ich dunkle Wolken aufziehen. Den Arbeitgebern steht nicht mehr eine so grosse Auswahl zur Verfügung, wie das noch vor Jahren der Fall war.

Sie könnten die Zahl der Studierenden erhöhen?

Wenn es so einfach wäre, damit dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken! Wir streben ein moderates Wachstum an und möchten unsere Zahl an Studierenden mittelfristig auf etwa 700 steigern.

Dann mangelt es also nicht an jungen Menschen, die sich in den technischen Berufen engagieren und weiterentwickeln wollen?

Aus meiner Erfahrung nicht. Die Leistungsbereitschaft ist enorm hoch. Ich bin fasziniert von diesen jungen Menschen, die während drei Jahren viel auf sich nehmen. Die Weiterbildung ist berufsbegleitend. An zwei Halbtagen pro Woche ist Unterricht, dazu müssen die Studierenden mindestens noch einen Tag ins Lernen investieren. Viele übernehmen zudem bereits während der Weiterbildung eine Führungsposition oder eine Projektverantwortung. Das fordert die jungen Menschen zusätzlich, wenn man bedenkt, dass sie im Schnitt zwischen 23 und 27 Jahre jung sind. Ich ziehe den Hut. Die Wirtschaft darf sich auf guten Nachwuchs freuen.

Welche Studiengänge sind besonders gefragt?

Wir bieten neun HF-Fachrichtungen an. Die Anzahl der Studierenden in jeder Fachrichtung unterliegt zyklischen Schwankungen. Unabhängig von den absoluten Zahlen stelle ich fest, dass die zwei jüngsten Fachrichtungen, Systemtechnik sowie Energie und Umwelt, sehr beliebt sind, was mich nicht sonderlich überrascht. Die Klimadebatte hat auch einen Einfluss auf die Wahl der Fachrichtung.

Wo nimmt das Interesse eher ab?

Bei uns in der Elektrotechnik. Dafür ist der Maschinenbau konstant geblieben, seit ich hier Rektor der Schule bin. Doch im Grossen und Ganzen sind die Klassen gut belegt. Wenn ich alle 31 Klassen anschaue, bewegt sich die Auslastung zwischen 18 und  26 Studierenden pro Klasse. Ein guter Durchschnitt.

Wäre die Aussicht auf einen höheren Lohn 
nicht die Lösung des oft beklagten Fachkräftemangels?

Das glaube ich nicht. Der Lohn ist eine wichtige Komponente, doch nicht die entscheidende. Der Mitarbeitende will gefördert werden. Wir alle wollen einen guten Job machen. Das gilt für Sie als 
Journalist, der ein gutes Interview machen will, wie auch für den Fotografen, der den Interviewten ins rechte Bild rückt. Und unsere Studierenden wollen eben weiterkommen, sich weiterentwickeln.

Wo orten Sie sonst Lücken?

Bei der Rekrutierung von Lernenden bin ich nicht der richtige Ansprechpartner. Dazu kann ich keine konkreten Empfehlungen abgeben. Doch wenn man in junge Leute investiert, ist es wichtig zu wissen, dass sich diese an Vorbildern orientieren. In der Familie, in der Freizeit und eben auch in der Berufswahl. Fühlen sich diese an unserer Schule gut aufgehoben, teilen sie dies mit ihrem Umfeld.

Und wie steht es mit dem Anteil an Frauen?

Das ist ein Lösungsansatz, den wir verfolgen. Da besteht noch sehr viel Luft nach oben, denn der Anteil an weiblichen Studierenden ist mit rund zwei Prozent an unserer Schule tief. Frauen einen technischen Beruf schmackhaft zu machen, muss bewusst angegangen werden. Wir versuchen dies mit und in unseren Informationsveranstaltungen.

Wäre es mit einem besseren Berufsimage einfacher, junge Leute für einen technischen Beruf zu gewinnen?

Es muss uns gelingen, die Attraktivität und die Perspektiven der technischen Berufe bei Jugendlichen vermehrt in Erinnerung zu rufen und aufzubauen. Unsere Weiterbildung  ist eine ausgezeichnete Basis für eine erfolgreiche Fach- und Führungskarriere im Technikbereich. Für mich ist es das schönste Kompliment, wenn ich mitbekomme, dass die Studierenden schon während der Ausbildung in ihren Betrieben neue verantwortungsvollere Funktionen übernehmen. Die einen werden Teamleiter, andere wiederum sind für das Qualitätssystem der kompetente Ansprechpartner oder trauen sich ein Projekt im Ausland zu.

Was lässt sich sonst noch dafür machen?

Vorurteile halten sich bekanntlich. Mit der Konferenz der Höheren Fachschulen Technik setzen wir uns auf politischer Ebene mit einer Motion für die bessere Positionierung ein. Für mich besteht der dringende Handlungsbedarf zur institutionellen Besserstellung der Höheren Fachschulen und der Abschlüsse der Studierenden sowie für den Schutz der Bezeichnung «Höhere Fachschule» analog zu den Universitäten und Fachhochschulen. Es sind solche Schritte, die helfen, das Berufsbild zu verbessern.

Würde das die Akademisierungstendenzen nicht noch stärken?

Das Gymnasium ist aus Sicht vieler Eltern im 
Moment das Mass aller Dinge. Der Druck ist da. Das merke ich auch als Rektor, wenn Interessierte mich fragen, ob sie eine Fachhochschule oder eine Höhere Fachschule besuchen sollen. Wir sind gleichwertig, aber andersartig. Die Austrittskompetenz beider Bildungsstufen nach Beendigung des Studiums sind gleichwertig, sie unterscheiden sich aber in ihrem Tätigkeitsfeld. Die Industrie braucht auf allen Stufen kompetente Fachleute. Es braucht die Person mit der zündenden Idee (Daniel Düsentrieb) und diejenigen, die diese Idee weiterentwickeln. Die HF-Absolventen sind im Umsetzungsprozess an der Front tätig. Sie bringen den Töff zum Laufen, das zeichnet die HF-Abgänger aus.

Sie tragen als Ausbildungstätte Ihren Teil dazu bei, dass der Töff nicht noch mehr ins Stottern kommt?

Korrekt, die Höheren Fachschulen sind mit ihrem eigenständigen, praxisorientierten Berufsprofil wichtige Player im Schweizer Bildungssystem. Sie bilden die auf dem Arbeitsmarkt begehrten handlungsorientierten Fach- und Führungskräfte aus und leisten damit einen bedeutenden Beitrag zur langfristigen Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Wirtschaft. Entscheidend für mich ist, dass unsere Fachkräfte lernen, mit den Systemgrenzen richtig umgehen zu können.

Wie meinen Sie das?

Das Silodenken sehe ich als grosse Gefahr. Um heute im Arbeitsmarkt zu bestehen, muss ich Spezialist und Generalist zugleich sein. Als Bildungsinstitution muss es uns gelingen, junge Menschen dazu zu bringen, Systeme und Grenzen zu hinterfragen.

Stellen Sie das auch bei der Entwicklung Ihrer Studierenden fest?

Unser Ausbildungsprogramm ist darauf ausge
richtet. Die Studierenden lernen, über ihren Tellerrand hinauszuschauen. Das fördern wir nicht nur bei der praxisbezogenen Diplomarbeit, sondern auf dem interdisziplinären Bildungsweg, den wir während der drei Weiterbildungsjahre verfolgen. Der persönliche und fachliche Entwicklungsschub der Studierenden ist enorm.

Was wiederum die Attraktivität der Studierenden auf dem Arbeitsmarkt ausmacht?

Die Statistiken belegen es. Studienabgänger einer Höheren Fachschule sind auf dem Arbeitsmarkt sehr gefragte Leute, sie sind weniger arbeitslos und steigen oft in Kaderpositionen auf oder machen sich als Unternehmer selbstständig.

Sie sind seit 2012 Rektor der ABB Technikerschule. In welche Richtung wird sich diese unter Ihrer Führung bewegen?

Wir befinden uns in einer digitalen Transformationsphase, und ich denke, dass wir in einigen Jahren ganz anders unterrichten werden, als wir es heute tun. Die Digitalisierung wird vieles verändern. Das wiederum hat einen Einfluss auf die Rolle der Dozierenden. Dafür habe ich intern eine Person angestellt, die sich ausschliesslich mit solchen Fragen auseinandersetzt.

Was sind das für Fragen?

Zum Beispiel die Frage, welche Unterrichtsform künftig gefragt sein wird. Umfragen zeigen, dass rund die Hälfte der Studierenden heute noch eine konventionelle Form bevorzugt. Doch es ist eine Frage der Zeit, und wir befinden uns mittendrin in dieser Transformationsphase. Deshalb bauen wir solche Erkenntnisse ganz sanft in neue Unterrichtsformen ein. Beim Betriebswirtschafter HF beträgt die Präsenzzeit nur noch rund 20 Prozent. Der Rest erfolgt über digitale Hilfsmittel.

Und was hat das für Folgen für die Dozierenden?

Wir bilden auch alle 142 Dozierenden in diese Richtung weiter. Sie sind es heute noch gewohnt, auch von ihrer Praxis in den Betrieben her, ihr Fach-
wissen weiterzugeben. Der klassische Dozent von heute wird morgen zum Coach. Er muss also als 
erster das Systemdenken überwinden und die Methoden und Mittel beherrschen, welche die 
digitale Transformation mit sich bringen.

Das fordert auch den Rektor?

Richtig. Als Rektor bin ich verantwortlich, dass wir auch in Zukunft als Ausbildungsstätte attraktiv bleiben. Dafür setze ich mich ein, und dafür bilden wir die Dozierenden gezielt weiter. Sie sind das wichtigste Glied in der Ausbildungskette. Sie sind 
für unsere Studierenden Ausbildner und Vorbild zugleich.