Haustech 3/2019

Vom Konsumenten zum Produzenten

(Foto: iStock)
Paolo D'Avino /

Wer Strom auf dem eigenen Dach erzeugt, schont die Umwelt und macht sich unabhängig. Die dezentrale Energieproduktion hat gute Chancen auf Resonanz, wie zwei Solarprojekte in Chur und Bern zeigen. Sie funktioniert einzeln, dank der Digitalisierung vermehrt auch in einem grösseren Verbund.

Der genossenschaftliche Gedanke ist stark verankert, insbesondere in der Schweiz, wo die Menschen sich immer wieder zusammenschliessen, wenn es darum geht, ein gemeinsames Ziel zu erreichen. In der Debatte um die Energiestrategie 2050 und um den nachhaltigen und sinnvollen Umgang mit Energie schafft die Gesetzgebung neue Rahmenbedingungen. Im revidierten Energiegesetz (EnG) können sich seit dem 1. Januar 2018 mehrere Endverbraucher zu einem «Zusammenschluss zum Eigenverbrauch» (ZEV) zusammentun, um den produzierten Strom selbst zu verbrauchen.

Pilotprojekt in Chur

In der Bündner Kantonshauptstadt wird diese neue Realität umgesetzt. «Der Plessurpark in Chur bietet einen Vorgeschmack auf die zunehmend digitale und dezentrale Energiewelt, wie sie dereinst in der Schweiz aussehen könnte», meint Roger Burkhart, Energieentwickler und Projektleiter bei Alpiq. Mehr als 100 Wohnungen in vier Mehrfamilienhäusern der Nocasa Baumanagement AG schliessen sich zusammen, um nicht nur Strom auf den eigenen Dächern zu produzieren, sondern diesen selbst zu nutzen.

«Die Photovoltaik-Anlage ist das zentrale Element dieser ZEV», sagt Burkhart und ergänzt, dass die Einrichtung und der Betrieb der Anlagen in der Verantwortung des Eigentümers liegen. Doch für «Einrichtung, Organisation und Betrieb», wie Burkhart betont, brauche es Spezialisten, welche die nötige Infrastruktur und das Know-how zur Verfügung stellen.

Intelligente Steuerung

Das ist auch im Plessurpark nicht anders. Möglich machen ein solches Projekt nicht nur die rechtlichen Bestimmungen über den ZEV, sondern auch die Rollenverteilung zwischen Eigentümer, Mieter und Contractor. Doch möglich macht der Verbund auch das «ZEVplus» von Alpiq. «Diese digitale Energielösung verknüpft und optimiert Eigenverbrauch, Energiebeschaffung und Nutzung wie auch die Lade-infrastruktur für Elektromobilität und Stromspeicherung», erklärt Roger Burkhart das System. Zudem könne die Eigenverbrauchsgemeinschaft den Strom am freien Markt einkaufen, was für Burkhart ein grosser Vorteil ist. «Der Strom wird dort bezogen, wo die Preise am günstigsten angeboten werden.»

Dies sei für das Unternehmen ein Meilenstein, um für Kunden Ökosysteme mit einer digitalen Steuerung anzubieten. «Beim Energiemanagement leisten wir aktiv einen Beitrag zur Nachhaltigkeit, indem wir mit einer intelligenten Steuerung das Stromangebot und die Stromnachfrage in einem ZEV koordinieren», betont der Business Developer. Genau dies sei eines der Hauptrisiken in einer dezentralen Stromversorgung, da in Zukunft mehr Strom aus witterungsabhängigen Quellen wie die Sonne komme, seien Vorhersagen, Messungen und Steuerungen umso entscheidender in der Verteilung, meint Burkhart.

Volle Transparenz

«Wir müssen künftig die Balance zwischen Angebot und Nachfrage vermehrt steuern, vor allem dann, wenn alle zur gleichen Zeit stromintensive Elemente im Verbund wie das Elektromobil laden wollen», sagt Burkhart. Mit der Erfassung von Echtzeitdaten beim Verbraucher, welche die Energienachfrage in den Haushalten verfolgt, wertet das ZEVplus ebenso den Zustand der Speicherbatterien sowie die Ladestation des Elektrofahrzeugs aus, wie dies in Chur der Fall ist.

Ab dem 1. Quartal 2019 optimieren die Bewohnerinnen und Bewohner in Chur den Stromverbrauch von jährlich rund 270 MWh und somit auch ihre Energiekosten. Solche Projekte basieren auf starken Partnerschaften. «In Chur baut und betreibt Goldstrøm die Solaranlage und verkauft den Strom an die Nutzer», erklärt Burkhart. Die Nutzer haben die volle Transparenz über den Energieverbrauch. «Die Abrechnung erfolgt individuell, verbrauchsabhängig und völlig unkompliziert.»

Für den Plessurpark geht die Optimierung über die eigentliche Energielösung des ZEV hinaus. Die Eigenverbrauchsgemeinschaft in Chur profitiert von Zusatzerlösen durch die Vermarktung von nicht benötigtem Strom, den der Plessurmarkt ins Netz für den Handel einspeisen kann. «Möglich macht dies die AI-Plattform, die mit intelligenten Algorithmen den Stromverbrauch, den Einkauf und die Vermarktung der Flexibilität in der Alpiq-Gruppe optimiert.»

Solarstrom vom Dach

Auch bei Sunraising ist der Gemeinschaftsgedanke Antrieb, auch wenn der Berner Verein keine Eigenverbrauchsgemeinschaft ist. Die Vision des Start-up: Die Macher wollen möglichst vielen Menschen in der Stadt Bern den Bezug von Berner Solarstrom zur Verfügung stellen. Sonnige Aussichten für Mieterinnen und Mieter, die bisher keinen Zugriff auf erneuerbaren Solarstrom hatten. Seit 2016 können sie Photovoltaik-Anlagen mitfinanzieren.

«Die erste Anlage konnten wir auf dem Dach eines Gebäudes im Berner Lorrainequartier realisieren. Auf einer Fläche von 80 Quadratmetern erzeugt die Anlage rund 10 000 Kilowattstunden Strom pro Jahr», erzählt Brigitte Marti, Co-Geschäftsführerin des Vereins. Das Prinzip: «Wir finanzieren eine Anlage über Crowdfunding. Für einen einmaligen Betrag von 350 Franken können sich Interessenten einen Quadratmeter Solarfläche sichern und erhalten für 20 Jahre 110 Kilowattstunden Strom pro Jahr direkt auf die Stromrechnung gutgeschrieben.»

Gemäss Brigitte Marti sind in den drei Jahren seit dem Start mittlerweile 13 Anlagen mit einem Total von 1500 Quadratmetern in Betrieb. «Die Jahresproduktion beläuft sich im Moment auf fast 200 000 Kilowattstunden.» Bestehen denn Zusammenschlüsse im Sinne der neuen ZEV-Regelung? «Nein, im Moment nicht. Doch es gibt Ideen, dass sich Sunraising zu Eigenverbrauchsgemeinschaften weiterentwickeln könnte», räumt die Co-Geschäftsführerin ein.

Ausbau von Solarstrom

Bei Sunraising arbeitet man mit der Stadtverwaltung Immobilien Stadt Bern und der Energie Wasser Bern (EWB) zusammen. «Die Stadt stellt sicher, dass das Dach in einwandfreiem Zustand ist und während der nächsten 20 Jahre keine Sanierung braucht», sagt Marti und ergänzt, dass die EWB für den Netzanschluss zuständig sei. «Zudem macht die EWB die Abrechnung und schreibt die Stromgutschriften den Sunraiserinnen und Sunraisern gut.»

Für den Bau der Anlagen hat der Verein mit der Energiegenossenschaft einen Leistungsvertrag. Dieser beinhalte auch die Wartung der Anlagen. Die EWB und die Stadt erhoffen sich mit dem Engagement, dass viele weitere PV-Anlagen realisiert werden. Auch um den Anteil an CO2-freiem Strom zu erhöhen. Gemäss der Website von Sunraising stammt rund ein Drittel des Stroms im Berner Netz aus Atomkraftwerken. «Ein Quadratmeter Solaranlage liefert zirka zehn Prozent eines durchschnittlichen Strombedarfs pro Person. Wenn ein Drittel des Berner Strommix Atomstrom ist, reichen drei bis vier Quadratmeter, um den Anteil Atomstrom mit 100 Prozent Berner Solarstrom zu ersetzen», rechnet Sunraising auf der Website vor.

Nerv der Zeit

Die Vorteile des genossenschaftlichen Gedankens liegen auf der Hand: Gebäudeeigentümer, Immobilienverwalter oder Vertreter einer Stockwerkseigentümergemeinschaft nehmen ihre Geschicke selbst in die Hand, und mit der dezentralen Stromproduktion werden sie so zu Akteuren der Energiewende. Während Sunraisinig seit 2016 den Anteil an grünem Strom in Bern ausbaut, betritt Alpiq mit ihrem digitalen Energiemanagement und Pilotprojekt Neuland. Die Digitalisierung sei eine grosse Herausforderung und Chance in der jüngeren Stromgeschichte.

Als Unternehmensentwickler ist Roger Burkhart überzeugt, dass die Digitalisierung bisher noch unbekannte Möglichkeiten schaffe. «Mit der Datenanalyse kann man neue Kausalitäten und Korrelationen nachweisen, und das schnelle Erkennen von Mustern ist die Voraussetzung, damit im Verbund die Stromversorgung sichergestellt werden kann.» Gleichzeitig werde beim Endkunden das Bewusstsein geschärft, wenn die Nutzer über den Status der einzelnen Systeme und über den Eigenverbrauch informiert werden. Heute, so Burkhart, machen sich wohl die meisten Menschen kaum Gedanken, woher und wie viel Energie sie beziehen.

Projekte wie Sunraising oder der Plessurpark in Chur entsprechen nicht nur dem Bedürfnis vieler, sich aktiv einzubringen. Sie treffen auch den Nerv der Zeit. «Der Weg in die Energiezukunft ist eine Kombination aus bestehender Infrastruktur und neuen, dezentralen Strukturen», erläutert Burkhart.