Haustech 3/2019

Mehr Abfall in der Photovoltaik

Zurückgenommene Photovoltaikmodule, angeliefert beim Recyclingunternehmen. (Foto: zVg)
Antonio Suárez /

Seit über vier Jahren werden in der Schweiz Altmodule gesammelt und fachgerecht entsorgt. Zwar bewegt sich der Mengenanteil ausrangierter Solarpanels verglichen mit dem gesamten Elektroschrott nur im Tausendstelbereich. Doch jetzt kommen immer mehr PV-Anlagen der ersten Generation ans Ende ihres Lebenszyklus.

Insgesamt 129 218 Tonnen Elektroschrott fielen im Jahr 2017 schweizweit an – ungefähr 15 Kilogramm pro Einwohner. 62 Prozent davon entfielen auf Haushaltgeräte und Leuchtmittel und die restlichen 38 Prozent auf Altgeräte aus Informatik, Telekommunikation und Unterhaltungselektronik. Seit Anfang 2015 werden Altmodule und Komponenten von ausrangierten Photovoltaikanlagen offiziell an den Sammelstellen zurückgenommen. Weil immer mehr Anlagen der ersten Generation kontinuierlich abgebaut und durch modernere und effizientere ersetzt werden, steigen die Abfallmengen beim PV-Recycling  überproportional an.

Steigende Abfallmengen

Für Roman Eppenberger, Bereichsleiter Operations bei Sens eRecycling, ist klar, dass es sich nur um «homöopathische Mengen» und einen «marginalen Anteil» handelt. Als einer von drei nationalen Entsorgern von elektrischen und elektronischen Geräten betreibt die Stiftung Sens ein gesamtschweizerisches Rücknahmesystem. Sie sammelt kleine und grosse Haushaltgeräte, Kühl-, Gefrier- und Klimageräte, Bau-, Garten- und Hobbygeräte sowie Spielwaren, während der Schweizerische Wirtschaftsverband der Informations-, Kommunikations- und Organisationstechnik (Swico) sich um Büroinformations- und Unterhaltungselektronik kümmert und die Stiftung Licht Recycling Schweiz (SLRS) um Lampen und Leuchten.

Doch die Volumen steigen kontinuierlich an, wenn auch auf tiefem Niveau. Wurden 2015 – im ersten Jahr nach der Einführung des PV-Recyclings – noch 71 Tonnen Altmodule gesammelt, waren es zwei Jahre später bereits 337 Tonnen. «Langsam, aber stetig nimmt die Menge zu», ist sich Eppenberger sicher. «Wir rechnen mit einem Steigerungsfaktor zwischen zehn und hundert. Denn derzeit wird ziemlich viel Photovoltaik auf die Dächer montiert. Ausserdem kommen die Anlagen langsam ins Alter.» Der Elektroingenieur schätzt, dass das Jahrestotal am Ende des nächsten Jahrzehnts bei etwa 15 000 Tonnen liegen dürfte, also dem Fünfzigfachen dessen, was heute anfällt. «Aus diesem Grund haben wir bereits damit begonnen, die Prozesse zu perfektionieren und dafür zu sorgen, dass sie auch bei ansteigenden Mengen funktionieren.»

Recycling in Deutschland

Sens eRecycling betreibt in Zürich ein Büro mit zehn Mitarbeitenden und liefert das Sammelgut an rund zwanzig Recyclingbetriebe in der Schweiz. 2017 wurden insgesamt 80 000 Tonnen Elektro- und Elektronikgeräte zurückgenommen und verarbeitet. Anders sieht es jedoch bei Altmodulen aus. Diese werden ausschliesslich im Ausland weiterverwertet. «Photovoltaikmodule enthalten viel Glas», erläutert Eppenberger. «Da Glas äusserst abrasiv ist, muss es mit speziellen Anlagen behandelt werden.»

In der Schweiz werde kein Flachglasrecycling mehr betrieben. Die letzte Glasschmelze der Schweiz verarbeite nur noch grünes Flaschenglas, erklärt Eppenberger. Flachaltglas aus der Photovoltaik, aber auch alte Auto- und Gebäudefensterscheiben würden deshalb vornehmlich nach Deutschland oder Frankreich exportiert. «Auch wenn wir beim Recycling eine generell gute Rücknahmequote haben, sind die Mengen in der kleinen Schweiz eher bescheiden und entsprechend teuer – etwa im Vergleich zu Deutschland, wo rund das Zehnfache anfällt», so Eppenberger. «In der Schweiz beschränkt sich unsere Aufgabe darauf, die PV-Module zu sammeln und zu konsolidieren, um das Material anschliessend in grossen Lastwagen zu den Recyclingfirmen zu transportieren.» Auf diese Weise sei gewährleistet, dass die Transportwege nicht zu lang und die Fahrten bei voller Ladung gering gehalten würden.

Anders als bei gewöhnlichen Elektroaltgeräten können Module nicht einfach vom Dach heruntergeholt und zu einer öffentlichen Sammelstelle gebracht werden, sondern werden in aller Regel von der Installationsfirma abmontiert. «Wir verfolgen einen Business-to-Business-Ansatz», schildert Eppenberger. «Das heisst, unseren Partnerfirmen stellen wir beim Abbau eine Mulde kostenlos zur Verfügung, in der die Altmodule gesammelt werden. Anschliessend transportieren wir die volle Mulde ab. Das ist unsere Dienstleistung. Auf diese Weise stellen wir sicher, dass die Altmodule direkt ab Standort in unseren Entsorgungskanal gelangen.»

Nicht kostendeckend

Der Rohstoffkreislauf ist beim PV-Recycling praktisch nur hinsichtlich des 
Metalls geschlossen. Denn das geht in die Schmelze, woraus unter gewissen Abstrichen und Verlusten wieder Metall gewonnen wird. Beim Glas ist der Kreislauf nur teilweise geschlossen und bei den Kunststoffen gar nicht, weil diese verbrannt werden. Der Rohstoff sei billig, da Sand der Basisrohstoff sei, sagt Roman Eppenberger. Und Sand gebe es bekanntlich wie «Sand am Meer», scherzt der Recyclingexperte. «Das Rohmaterial Glas ist heutzutage so günstig, dass sich die Abnahme von rezykliertem Glas wegen der hohen Qualitäts- und Reinheitsansprüche kaum lohnt», so Eppenberger weiter, und fügt an: «In der Beziehung müssen wir noch aufholen.»

Weil nur die Metalle einen gewissen Wert haben und es sich beim Rest um Billigrohstoffe handelt, ist PV-Recycling ein Verlustgeschäft. «Ein PV-Modul ist nicht kostentragend, weil Glas nicht viel wert ist. Metall ist nur im Rahmen verbaut. Und von der Kunststofffolie ist nur wenig vorhanden. Das Rezyklieren eines Photovoltaikmoduls hat seine entsprechenden Kosten und bringt kein Geld», so Eppenberger. Weil das so ist, muss das Recycling über Gebühren finanziert werden. Dies geschieht bei der Verwertung von Solarmodulen gleich wie bei Elektro- und Elektronikgeräten über die sogenannte vorgezogene Recyclinggebühr (vRG).

Das System wurde 1998 eingeführt und hat sich seither bewährt. Konzipiert wurde es schon Anfang der Neunzigerjahre von der Stiftung Sens und besteht darin, dass der Konsument bereits beim Erwerb des Produkts einen Betrag für dessen spätere separate Sammlung und fachgerechte Entsorgung bezahlt. Die Höhe der Gebühr variiert je nach Tarif- und Gewichtskategorie der jeweiligen Gerätegruppe. Für Photovoltaikmodule und deren Komponenten gilt bei Sens eRecycling ein Tarif von 4 Rappen pro Kilogramm (exklusive Mehrwertsteuer von 7,7 Prozent).

Revision der Verordnung

Das Rücknahmesystem baut auf einer privatwirtschaftlichen Branchenvereinbarung auf und wird in der Verordnung über die Rückgabe, die Rücknahme und die Entsorgung elektrischer und elektronischer Geräte (VREG) geregelt. Diese regelt die Rückgabepflicht der Konsumenten sowie die Rücknahme- und Entsorgungspflicht von Händlern, Herstellern und Importeuren. Dabei müssen Rücknahmepflichtige die Entsorgung auf eigene Rechnung organisieren und dafür sorgen, dass sie umweltfreundlich und nach dem Stand der Technik erfolgt. Allerdings sind darin Photovoltaikmodule noch nicht als eigene Gerätegruppe erfasst.

Die Verordnung, die zuletzt 2005 angepasst wurde, wird derzeit vom Bundesamt für Umwelt revidiert. Die Revision wurde bereits im Sommer 2013 eröffnet und kommt wegen mangelnder Einigkeit der Beteiligten über das künftige Finanzierungsmodell nicht recht vom Fleck. Konsens herrscht hingegen darüber, dass PV-Module künftig als neue Gerätekategorie aufgenommen werden sollen, so wie dies in der Europäischen Union (EU) bereits seit 2012 in der WEEE-Richtlinie festgehalten wird. Die Umsetzungsfrist endete Mitte Februar 2014. Seither 
haben dreizehn von 28 EU-Staaten ihre nationalen Normen angepasst, darunter auch die grössten Solarmärkte Deutschland, Frankreich, Grossbritannien, Italien und Spanien.

Trittbrettfahrerproblem

Wie in der EU ist auch in der Schweiz die Beteiligung am Recyclingsystem freiwillig. Dies hat in den letzten Jahren dazu geführt, dass sich sowohl die Öffentlichkeit als auch die Politik mit dem sogenannten Problem der «Trittbrettfahrer» beschäftigt, also mit den Herstellern und Händlern, die vom funktionierenden Recyclingsystem profitieren, ohne sich an dessen Finanzierung zu beteiligen. Sens geht davon aus, dass insbesondere wegen Online- und Auslandeinkäufen von elektrischen und elektronischen Geräten dem System drei bis vier Millionen Franken an Gebührengeldern abhandenkommen. Deshalb lädt sie auf ihrer Internetseite Konsumenten dazu ein, für die online oder im Ausland erworbenen Geräte freiwillig eine Recyclinggebühr von 5  Franken per SMS zu bezahlen.

Um diese Nicht-Systemteilnehmer, die sich bewusst gegen den Anschluss an das freiwillige Rücknahmesystem entschieden haben, namhaft zu machen, führt Sens seit einigen Jahren eine «schwarze» Liste auf ihrer Website. Darin sind 75 Firmen aufgelistet, darunter Detailgrosshändler wie Amazon. Aber auch diverse inländische Anbieter von Photovoltaikanlagen und -komponenten werden aufgeführt.

Freiwillig oder obligatorisch?

«Die Mitglieder von Swissolar sind nicht automatisch dazu verpflichtet, PV-Module zu rezyklieren», sagt Roman Eppenberger von Sens eRecycling. «Sie schliessen mit uns einen Vertrag ab, machen das aber freiwillig.» Weil die Photovoltaik der Verordnung nicht unterstehe, bestehe in der Schweiz noch keine Verpflichtung zur Rücknahme von Altmodulen.

Gemäss David Stickelberger von Swissolar sind zurzeit sieben von 67 PV-Herstellern und Importeuren der insgesamt über 700 Mitgliederfirmen am Recyclingsystem nicht angeschlossen. Für den Geschäftsleiter des Solarbranchenverbands gebe es für das Abseitsstehen keine «stichhaltigen Kostenargumente», falle doch pro Modul weniger als ein Franken für die Entsorgung an. «Hersteller und Importeure zieren sich eher, weil die Teilnahme am System freiwillig ist», sagt er. «Aber die Situation hat sich in den letzten drei Jahren verbessert. Weitere Firmen haben sich der freiwilligen Regelung angeschlossen.» Stickelberger schätzt, dass zurzeit für rund zehn Prozent der im Inland verbauten Module keine Entsorgungsgebühren erhoben werden.

Die Chancen für ein staatliches Obligatorium, wie es etwa beim Recycling von Altglas oder Batterien bereits besteht, sind offen. Um die Finanzierungslücke der Recyclingunternehmen zu füllen, hat sich der Ständerat letztes Jahr für ein Grundsatzobligatorium ausgesprochen. Der Nationalrat dagegen will offenlassen, wie das System verbessert werden soll. Bei einer solchen Grundsatzverpflichtung müssten alle Marktteilnehmer die vorgezogene Recyclinggebühr entrichten. Der Bund hat sich jedoch inzwischen von dieser Idee wieder zurückgezogen und spricht sich entweder für die Beibehaltung des heutigen Systems aus oder aber für ein Vollobligatorium, bei dem sich eine zentrale, vom Bund beauftragte Stelle um das Recycling kümmern würde. Gegen eine solche «Verstaatlichung» sind jedoch die privatwirtschaftlich organisierten Systembetreiber Swico, Sens und SLRS. Nach Presseberichten könnte es so noch Jahre dauern, bis die Politik zu einer Lösung kommt.