Haustech 1/2019

Bauen ist nur der Anfang

(Foto: iStock)
Simon Eberhard /

BIM macht das Planen und Bauen effizienter – doch dies ist nur die Spitze des Eisbergs. Die wirklich grossen Potenziale offenbaren sich 
erst in der Betriebsphase. Um diese Potenziale nutzen zu können, muss die gesamte Branche zusammenarbeiten. Das klingt einfacher, als es ist.

Die drei Buchstaben sind omnipräsent – so denkt man zumindest in der Baubranche. Schliesslich wird BIM derzeit in zahlreichen Fachbeiträgen, Kongressen und Seminaren erschöpfend diskutiert. Ein wesentlich ernüchternderes Bild offenbart der Blick über die Filterblase der Branche hinaus, den eine Umfrage im Auftrag des Bundes 1500 Digitalisierungsexperten geworfen hat: Gerade mal eine befragte Person hat darin BIM als relevantes Thema erwähnt.

«Die Chancen und Herausforderungen, die mit digitalem Bauen verbunden sind, sind in den Köpfen der Bevölkerung noch nicht angekommen», folgert Sabine Brenner aus diesen Resultaten. Sie ist Leiterin der Geschäftsstelle Digitale Schweiz im Bundesamt für Kommunikation. Die von dieser Stelle durchgeführte Umfrage bildet die Grundlage für die neue Digitalstrategie des Bundes. Und BIM bleibt darin aussen vor.

Mensch im Mittelpunkt

Die «Strategie Digitale Schweiz», die im September 2018 vom Bundesrat verabschiedet wurde, versteht sich als Dachstrategie über neun Teilsektoren und hat das Ziel, ein gemeinsames Verständnis zu schaffen und die Interessen der verschiedenen Stakeholder mit einzubringen. Im Mittelpunkt stehen soll nicht die Technologie, sondern der Mensch. «Wir wollen nicht gleich mit der Regulierungskeule kommen, sondern den Akteuren zuerst Raum zur Entfaltung geben», so Sabine Brenner.

Die neun Teilsektoren der Strategie umfassen Bildung, Forschung und Innovation, Infrastruktur, Sicherheit, Natürliche Ressourcen und Energie, Politische Partizipation und E-Government, Daten, digitale Inhalte und künstliche Intelligenz, Soziales, Gesundheit und Kultur sowie internationales Engagement.

Aufbauend auf den in der Strategie definierten Grundsätzen formuliert zudem ein Aktionsplan konkrete Massnahmen in den unterschiedlichen Sektoren bei Bund und bei bundesnahen Betrieben. Wenigstens dort findet sich der Begriff BIM dann doch noch. Im Kapitel zu digitalen Gebäudemodellstandards ist vorgesehen, dass Gebäude und Infrastrukturanlagen bei Bund und bundesnahen Betrieben ab 2021 die BIM-Methode anwenden müssen.

Wohin mit den Informationen?

Ein bundesnaher Betrieb, der sich bereits intensiv mit dem digitalen Bauen auseinandersetzt, ist die SBB. Bereits vor einigen Jahren hat der Konzern eine Auslegeordnung vorgenommen und eine Roadmap erstellt, die die unterschiedlichen Trends im Bereich der Digitalisierung abbildet. «Das Thema war nicht von Anfang an BIM, sondern die Frage, welche Trends in welchem Zeitrahmen entstehen», erklärt Alexander Muhm, Leiter SBB Immobilien und Mitglied der SBB-Konzernleitung. Dabei hat sich BIM als einer derjenigen Trends herauskristallisiert, die in den nächsten fünf Jahren stattfinden.

BIM bietet für Muhm interessante Möglichkeiten – allerdings gar nicht so sehr im Bereich des Planens und Bauens. «Als stark anlagenlastiges Unternehmen interessiert uns vor allem die Bewirtschaftung beziehungsweise das kaufmännische, technische und infrastrukturelle Facility Management unserer Anlagen», so Muhm. Und in dieser Hinsicht sieht er die Voraussetzungen für eine erfolgreiche BIM-Anwendung derzeit als noch nicht gegeben: «Gewiss, einige Planer im Land können digitale Modelle bauen, doch spätestens wenn Informationen hinterlegt werden müssen, wird es schwierig, da wir nicht wissen, wie wir diese Informationen erfassen können.» Und selbst wenn dies gelingt, scheitere das Vorhaben spätestens dann, wenn die Informationen zum Bauherrn gelangen. «Denn dieser hat die Systeme nicht, um die Informationen einzulesen – und dann wars das mit der Digitalisierung.»

Um dem entgegenzuwirken, hat SBB Immobilien in seinem BIM-Pilotprojekt im Letziturm Zürich in einer frühen Phase definiert, welche Informationen am Ende für die Bewirtschaftung vorhanden sein sollen. Die Ausschreibung des Projekts wird im April dieses Jahres erfolgen. «Es wird sich zeigen, wie das aufgenommen wird, ob wir überhaupt Angebote kriegen und welche davon wir dann in den Bauprozess überführen können», so Muhm. Darüber hinaus hat sein Unternehmen ein BIM-Handbuch erstellt, das definiert, in welcher Form die SBB zukünftig ihre Gebäudemodelle bestellen wird. So wird die SBB BIM im Immobilienbereich ab 2021 in allen Ausschreibungen verbindlich vorschreiben, bei der Infrastruktur ab 2025.

BIM, BAM oder BOOM?

Das Beispiel der SBB zeigt: BIM ist nicht nur für das Planen und Bauen entscheidend, sondern für den gesamten Lebenszyklus. Dies bestätigt auch Wolfgang Hass. Er ist BIM-Experte bei Siemens Building Technology und hat den Neubau des Hauptsitzes in Zug begleitet, bei dem BIM ebenfalls zum Einsatz kam. «Wenn wir heute über BIM sprechen, sprechen wir meistens über das Design und die Bauphase, aber nicht über die Betriebsphase», sagt er. «Dabei wird jeder Euro, der in einer frühen Phase nicht investiert wird, in einer späteren Phase das Vielfache kosten».

Hass zitiert in diesem Zusammenhang das Bonmot «BIM, BAM, BOOM» von Patrick MacLeamy, Vorstand einer grossen US-Planungs- und Ingenieurgesellschaft, der in der Fachwelt als eine Art «BIM-Guru» gilt. Während BIM für das dreidimensionale Datenmodell steht, steht BAM (Building Assembling Modeling) für die Simulation der Bauphase sowie BOOM (Building Operational and Organisational Modeling) für die Betriebsphase. MacLeamys Schätzungen zufolge entspricht ein Dollar, der in der BIM-Phase ausgegeben wird, 20 Dollar in der BAM-Phase und sogar 60 Dollar in der BOOM-Phase.

Es lohnt sich demnach, frühzeitig zu investieren. Wobei der Lebenszyklus des Gebäudes in Widerspruch mit der Kurzlebigkeit der IT-Branche steht: «Ein Gebäude besteht 50 bis 100 Jahre – die Herausforderung nun besteht darin, wie wir diese Daten für die Zukunft sichern», erklärt Wolfgang Hass. Und hierfür seien anerkannte Standards von unabhängigen Stellen notwendig.

Nicht Geschwindigkeit entscheidet

Es braucht also Organisationen, die Ordnung ins Chaos bringen. Diese Aufgabe hat sich Bauen digital Schweiz auf die Fahne geschrieben. Der Verband präsentiert mit seinem BIM-Stufenplan (s. Grafik) einen Ansatz in diese Richtung. «Der Stufenplan ist ein Instrument der Verständigung, um sich strukturiert und geordnet mit den Antworten auseinanderzusetzen, neue Methoden zu erlernen und den Wandel aktiv mitzugestalten», sagt Alar Jost, Head of BIM bei Implenia und Vorstandsmitglied von Bauen digital Schweiz. Die vier Stufen sollen eine Orientierung bieten bei der Etablierung der richtigen Methoden und Technologien, um den Weg der digitalen Transformation erfolgreich zu beschreiten.

Dabei geht es nicht in erster Linie darum, möglichst schnell zu sein: «Der Erfolgsfaktor für die Bau- und Immobilienwirtschaft ist nicht die Geschwindigkeit, mit der einzelne Beteiligte über die Stufen vorangehen», so Jost, «sondern vielmehr die Handlungsfähigkeit, die aus der Durchgängigkeit zwischen den Beteiligten auf der jeweiligen Stufe geschaffen wird.» Im Moment steht die Schweiz gemäss Jost noch zwischen Stufe 1 und Stufe  2.

Branche ist sich nicht eins

Damit wird auch klar: Es ist noch ein weiter Weg zur vollzogenen und gelebten Digitalisierung im Bauwesen. Die eingangs erwähnte Umfrage deutet ebenfalls darauf hin. Dabei ist auch die Baubranche selbst gefordert. Zwar stiess Sabine Brenners Aussage, die Baubranche brauche ein stärkeres politisches Lobbying, am BIM-Kongress 2018 auf engagierten Widerspruch. Dennoch bleibt die Frage im Raum, warum sich die Branche mit der Digitalisierung derzeit noch so schwer tut. Alexander Muhm von den SBB bringt einen wichtigen Faktor pointiert auf den Punkt: «Die Grundidee von BIM besteht darin, dass man als Branche gemeinsam agiert», sagt er. «Doch die Branche ist sich nicht eins, und das seit Jahrtausenden.» Er bezieht sich dabei auf die traditionellen Rivalitäten und Abneigungen zwischen Planern, Errichtern und Bauherrren. «Wenn wir über Gebäude und Durchlässigkeiten sprechen, dann sprechen wir über tiefgreifende Veränderungen an unserer 2000 Jahre alten Vorgehensweise.»

In eine ähnliche Richtung geht auch die Aussage von Wolfang Hass: «Heute starten wir mit dem Bau, bevor die Pläne fertig und die Partner bekannt sind», so der Siemens-Experte. Er sieht in BIM die Chance, den Bauprozess effizienter und koordinierter zu gestalten. Aber auch hierzu sind neue Prozesse vonnöten: «BIM wird die Art und Weise, wie unsere Gebäude gebaut werden, grundlegend verändern – in einem positiven Sinn», ist er überzeugt. Doch dafür brauche es kleine Schritte. Mit der Digitalstrategie des Bundes und dem Stufenplan von Bauen digital Schweiz sind erste Schritte getan. Es werden kaum die letzten gewesen sein.