Haustech 12/2017

Zu viel Lärm um Wärme?

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Simon Eberhard /

Den Wärmepumpen gehört die Zukunft. Dennoch stagniert der Verkauf in der Schweiz – administrative Hürden, aber auch die zunehmende Verdichtung machen interessierten Hausbesitzern das Leben schwer. Produktinnovationen können Abhilfe schaffen.

Wenn man von Kopenhagen die eindrückliche Öresund-Brücke überquert und danach auf dem schwedischen Festland in Richtung Norden weiterfährt, scheint die grossstädtische Hektik bald weit entfernt. Man bewegt sich durch Landschaften, die als typisch schwedisch bezeichnet werden können: Wälder, Seen, Wiesen. Häuser hingegen sind nur vereinzelt auszumachen. Inmitten dieser ruhigen Bilderbuchidylle, in Markaryd rund 130 Kilometer nördlich von Malmö, ist einer der grössten europäischen Wärmepumpenhersteller zu Hause. Die NIBE Industrier AB hat hier nicht nur ihren Hauptsitz, sondern auch mehrere Produktionshallen.

Die schwedische Unaufgeregtheit ist dort allgegenwärtig: Es herrscht wohl emsige Betriebsamkeit, aber keine nervöse Hektik. Dazu trägt auch der hohe Automatisierungsgrad bei: Ein Grossteil der komplexen Montagearbeiten wird von Robotern verrichtet. So schafft es der Hersteller, der wachsenden Nachfrage nach seinen Produkten gerecht zu werden. Über 15 Milliarden schwedische Kronen – rund 1,8 Milliarden Schweizer Franken – betrug der Konzernumsatz 2016, wovon rund 62 Prozent auf den Geschäftsbereich Climate Solutions entfallen, dem die Produktion von Wärmepumpen angehört.

Mit einer auf Nachhaltigkeit und Wachstum konzentrierten Strategie hat sich die 1949 gegründete Firma aus der schwedischen Provinz zu einem international tätigen Konzern entwickelt, der weltweit über 11 000 Mitarbeitende beschäftigt – auch in der Schweiz. Neben der Eigenmarke gehören beispielsweise Marken wie Alpha Innotec oder Schulthess zu der Gruppe. Dabei wird die Eigenständigkeit nach wie vor gross geschrieben. Die in den jeweiligen Ländern bekannten und traditionsbehafteten Marken als solche weiterleben lassen – so lautet die Marketingstrategie aus Südschweden.

40 Prozent Marktanteil

Die Wachstumszahlen des NIBE-Konzerns sind beeindruckend und repräsentieren den weltweiten Trend zu klimafreundlichen Wärmeerzeugern. Auch in der Schweiz sind die Wärmepumpen in den letzten 40 Jahren auf dem Vormarsch, insbesondere zwischen 1998 und 2008: In dieser Zeitspanne hat sich die Anzahl jährlich verkaufter Wärmepumpen mehr als verdreifacht (vgl. Grafik). In den letzten zehn Jahren stagnieren allerdings die Verkäufe – wenn auch auf beachtlichem Niveau: Mit 18 472 verkauften Produkten im Jahr 2016 kamen die Wärmepumpen auf einen Marktanteil von 40 Prozent im Verhältnis zu allen verkauften Wärmeerzeugern für Heizsysteme; bei Neubauten sind es sogar 85 Prozent. Schweizweit sind derzeit rund 250 000 Wärmepumpen installiert. 400 000 sollen es bis 2020 sein, so die im Rahmen der Energiestrategie 2050 vom Bund definierte Zielsetzung.

Angesichts der verbleibenden zwei Jahre bis 2020 scheint dieser Zielwert sehr ambitioniert. «Vergleicht man die Verkaufszahlen mit den Zahlen, die für die Erreichung der Klimaziele erforderlich sind, besteht ein Rückstand von mehreren tausend Stück pro Jahr», schreibt so die Fachvereinigung Wärmepumpen Schweiz (FWS) in ihrem Jahresbericht 2016. Der Verein sieht die Gründe dafür bei den ungünstigen Rahmenbedingungen sowie den derzeit tiefen Energiepreisen, die sich hemmend auswirken. Um den Kauf einer Wärmepumpe finanziell attraktiver zu machen, haben derzeit 19 Schweizer Kantone Förderprogramme etabliert, die Hausbesitzer beim Ersatz von Öl- und Gasheizungen durch Wärmepumpen unterstützen.

Behörden setzen hohe Messlatte

 

Eine Knacknuss bleiben die ungünstigen Rahmenbedingungen, die die FWS vor allem in der steigenden Bürokratie ortet: Verbote für Erdwärmesonden, aufwendige, kantonal unterschiedliche Bewilligungsverfahren oder Lärmschutznachweise erschweren potenziell interessierten Hausbesitzern das Leben. Hinzu kommt der Fachkräftemangel, der sich auch auf die Gebäudetechnik-Branche auswirkt (vgl. auch Interview mit Beat Vonlanthen auf den Folgeseiten).

Ein weiterer Faktor ist die zunehmende Verdichtung. Gerade in Städten ist es so immer schwieriger, Wärmepumpen zu installieren (vgl. Box). Während die Bohrung von Erdwärmesonden für Sole/Wasser-Wärmepumpen dadurch immer schwieriger wird, sind bei den Luft/Wasser-Wärmepumpen die Geräuschemissionen ein sensibles Thema. Die Behörden setzen die Messlatte dabei hoch. Die Stadt Zürich beispielsweise fordert in einer Richtlinie von 2014 den maximalen Lärmpegel von 50 dB(A) und gleichzeitig einen COP-Wert von 3.6 bei 2 Grad Lufttemperatur und 35 Grad Wassertemperatur – Anforderungen, die derzeit nur wenige Geräte auf dem Markt erfüllen.

Ikea-tauglich

Und wie sieht es im ländlichen Markyaryd aus? Angesichts der spärlich besiedelten Umgebung in Südschweden scheinen Fragen wie diejenige nach den Lärmemissionen weniger relevant: Wenn der nächste Nachbar einige hundert Meter entfernt wohnt, kann man getrost eine nicht ganz so leise Anlage in den Garten stellen, eine Lärmklage droht kaum. 
Da aber NIBE auch auf den internationalen Markt abzielt – rund 70 Prozent 
des Umsatzes werden ausserhalb Skandinaviens erzielt –, kann man sich solchen Herausforderungen natürlich auch nicht entziehen.

Die aktuelle State-of-the-Art-Lösung des Anbieters beispielsweise trägt dem Thema Geräuschemission Rechnung und kommt ebenfalls sehr leise daher. Das unverkennbare «Swedish Made» tragen die Produkte aus Smaland dennoch weiterhin, wie man auch beim Besuch des Showrooms am Hauptsitz mit einem Schmunzeln feststellen kann. Alle Innengeräte der Wärmepumpen sind nämlich perfekt auf die Normmasse der Ikea-Küche abgestimmt.