Haustech 4/2018

Zu Gast im Smart Hotel

Möglichst einfache Zugänge: Das gilt beim Hotel Bürgenstock für die Anreise mit der Bürgenstockbahn ebenso wie für die Gebäudetechnik, die zu 
einem grossen Teil über Taster gesteuert wird. (Foto: Bürgenstock Hotels AG)
Michael Staub /

Wie viel Technik braucht 
der Mensch auf Reisen? Diese Frage wird gerade neu verhandelt. Denn der Boom des Smart Home und die preisgünstige Technik haben die Ansprüche vieler Gäste weiter gesteigert.

Was macht den Besuch in einem Hotel zum Erlebnis? «Das, was man daheim nicht hat», sagt Michael 
Böhler, Direktor des Hotel Opera in 
Zürich. Vor hundert Jahren seien dies etwa fliessendes Warmwasser oder Personenaufzüge gewesen. «Heute braucht es schon ein bisschen mehr», sagt Böhler, «und gerade beim Thema Smart Home wird es für Hotels schwierig, mit dem mitzuhalten, was die Gäste von ihrem Zuhause kennen.» Tatsächlich ist die Gebäudeautomation in den letzten Jahren demokratisiert und radikal verbilligt worden. Zwar haben hochwertige Bus-Systeme nach wie vor ihren Preis. Doch heute kann man schon für wenige Hundert Franken einige Komponenten wie Kameras, Tür- und Fenstersensoren oder Wetterstationen kaufen und sie nach dem Plug’n’Play-Prinzip in kurzer Zeit drahtlos vernetzen.

Zu dieser günstigen und gut zugänglichen Automation kommt eine früher undenkbare Medienvielfalt. Das Streaming von Musik und Video bietet heute die Möglichkeit, für relativ wenig Geld jederzeit das Gewünschte hören oder sehen zu können. Selbst Hotels, deren Medienangebot 30 Radio- und 150 Fernsehstationen umfasst, können nicht mit dieser Fülle mithalten. Die hohen Kosten für Hardware und Steuerungen werden zudem potenziert, weil idealerweise jedes Gästezimmer damit ausgestattet wird. Das geht schon bei Hotels mit 30 oder 50 Zimmern ins Geld, erst recht aber bei Kolossen wie dem «MGM Grand» in Las Vegas (über 6000 Zimmer in vier Häusern). Doch nun gibt die Branche Gegensteuer: Auf der ITB Berlin, einer der wichtigsten Fachmessen, ging es dieses Jahr unter anderem um die «Zukunftsthemen Blockchain, Social 
Media und Spracherkennung.»

Alles aus einer Hand

Wie die Annäherung der Branche an die moderne Gebäudeautomation funktioniert, zeigt zum Beispiel das Hotel Opera in Zürich. Vor Kurzem wurden acht seiner 58 Zimmer in «Smart Rooms» verwandelt. Eine Digitalstrom-Steuerung verknüpft Musik, Beleuchtung, TV und Jalousien. Um sich nach einem langen Reisetag zu erholen, können die Gäste zum Beispiel das Szenario «Renew» wählen. Die Leuchten, die mit Hue-Leuchtmitteln ausgestattet sind, liefern sodann entspannende und belebende Lichtstimmungen, dazu erklingt passende Musik aus der Sonos-Box. Wer sich hingegen auf den Ausgang einstimmen will, findet mit dem «Power»-Szenario mehr Energie.

Die Steuerung erfolgt über ein fest montiertes Tablet oder eine App, die Gäste auf ihr Smartphone laden können. «Schon bald möchten wir ohne dezidierte App auskommen und die Steuerung über den Browser ermöglichen. Denn das eigene Smartphone als Interface wird von den Gästen am besten akzeptiert und am meisten genutzt», sagt Direktor 
Michael Böhler. Deshalb arbeite man mit Hochdruck an der Integration der bislang noch getrennten Systeme: Wenn auch die Zimmerschlösser via Web-App gesteuert werden können, steht dem problemlosen Einchecken und Steuern im Opera nichts mehr im Weg.

Die bisherigen Erfahrungen mit den «Smart Rooms» seien positiv, sagt Böhler: «Es gab allerdings eine gewisse Durststrecke, bis wir das richtige Publikum gefunden hatten.» Frühere Stammgäste, die wegen Alexander Pereira und seinen internationalen Produktionen in die Zürcher Oper kamen, könnten mit dem neuen Angebot nicht viel anfangen: «Diesen Gästen sind ganz andere Dinge wichtig. Bei den Technikaffinen sind die neuen Zimmer hingegen sehr beliebt.» Die Technik sei jedoch nur Mittel zum Zweck, stellt der 
Direktor klar: «Es geht uns um die sogenannte ‹guest journey›, also das Erlebnis für den Gast. Heute sind fast alle Hotels austauschbar geworden, gerade deshalb muss man sich positiv abheben.» Geschehen soll dies nicht über technische 
Features, sondern durch vermehrte Interaktionen mit dem Personal. Wenn dieses von starren Abläufen und Papierkrieg 
befreit werde, sagt Böhler, könne es viel besser auf den Gast eingehen. Und was letztlich im Gedächtnis bleibe, seien eben nicht die Apps, sondern die Menschen.

Das Komplexe vereinfachen

Nicht mit Digitalstrom, sondern mit KNX wurde der 2011 nach mehrjährigen Umbau wieder eröffnete «Schweizerhof Bern» ausgerüstet. Das Fünfsternehotel direkt beim Bahnhof Bern umfasst 99 Zimmer und Suiten, deren Gebäudetechnik bedarfsgerecht hochgefahren wird. «Beim Check-in an der Réception starten wir verschiedene Prozesse», sagt Dirk Schiemann, technischer Leiter. So werden etwa die Raumklimasteuerung und der Handtuchradiator im Bad eingeschaltet, das Beleuchtungs-Szenario «Begrüssung» gestartet und der Startbildschirm auf dem TV-Gerät aufgerufen. Dort kann der Gast seine Sprache wählen, worauf sich Senderliste und Menüsprache entsprechend anpassen.

Für die Steuerung kommen verschiedene Interfaces zum Einsatz. Die Beleuchtung wird über Raum- und Gerätetaster gesteuert, die Raumtemperatur wird vom Gebäudeleitsystem bestimmt, kann allerdings von den Gästen um plus/minus 2,5 Grad Celsius beeinflusst werden. Eigene Geräte können entweder via Apple TV oder Media Hub mit HDMI- und VGA-Schnittstellen angeschlossen werden. Das bestehende System ist laut Schiemann «mehr oder weniger unterhaltsarm», für Fehlersuche oder Anpassungen sei man allerdings auf externe Techniker angewiesen.

Wie der Schweizerhof Bern gehört auch das Bürgenstock Hotel zur «Bürgenstock Selection» der Katara Hospitality Switzerland AG. Dem im 2017 eröffneten Hotel hoch über dem Vierwaldstättersee ist laut Sprecherin Martina Kessler «die Orientierung an den Bedürfnissen der Gäste wichtiger als totale Innovation». Aufgrund der Erfahrungen im Schweizerhof, dessen Steuerung mit vielen Tastern manche Gäste überforderte, hat man deshalb im neuen Fünfsternehaus auf bewusste Vereinfachung und Verschlankung gesetzt. Gewisse Funktionen, etwa «Bitte nicht stören», werden über klassische Taster gesteuert, die Cheminées sind mit Sensoren und Zeitschaltuhren ausgerüstet. Das Zutrittssystem wiederum basiert auf VingCard mit BLE-Funktion. Die Vernetzung der Komponenten übernimmt ein Lutron-System.

Steuerung auf Zuruf

Wie in der «normalen» Gebäudeautomation zeichnet sich auch bei den Hotels die Sprachsteuerung als nächster Schritt ab. Einzelne Hotels im Ausland haben diesen Schritt bereits gemacht. So weihte das «Park Inn by Radisson IP Extension» in New Delhi im Januar 2018 sechs neue Hotelzimmer mit Alexa-Sprachsteuerung ein. Als Interface dient der «Amazon Echo Dot». Die Gäste können damit Beleuchtung, Musik und TV-Programm mit Sprachbefehlen steuern. Auch der Zimmerservice, der Wäschedienst oder Weckanrufe können so bestellt werden.

Als weiteres Steuergerät dient das persönliche Smartphone, das Installieren einer speziellen App soll laut Radisson nicht notwendig sein. Hotelmanager Saurav Dutta glaubt, dass die Verknüpfung des Internet of Things (IoT) mit der Sprachsteuerung nicht nur seine Gäste begeistern, sondern auch merkbare wirtschaftliche Vorteile bringen wird: «Wir erwarten von der neuen Technik eine 50-prozentige Effizienzverbesserung beim Housekeeping und eine schnellere Erledigung von Gästewünschen.»

Die US-Hotelkette Hilton experimentiert ebenfalls mit neuen Konzepten. Der «Connected Room» soll sich den Bedürfnissen der Gäste anpassen: Wer früh ins Bett geht, wird abends mit gedämpfter Beleuchtung und leiser Musik empfangen. Als Steuerung der verschiedenen Systeme soll ebenfalls das persönliche Smartphone dienen. Diese Personalisierung von Hotelzimmern, bisher nur rudimentär umgesetzt, soll 2018 in verschiedenen Häusern der Kette vorangetrieben werden. Denn die Konkurrenz schläft nicht: Im «IoT Guestroom Lab» von Marriott werden die Möglichkeiten für neue wie auch bestehende Hotels ausgelotet. Jedoch stehen alle Ketten vor einem vergleichbaren Dilemma: Obwohl die Preise gesunken sind, ist der Retrofit bestehender Zimmer immer noch sehr teuer. Und während die Sprachsteuerung vermutlich das Interface der Wahl ist, gibt es mindestens drei konkurrierende Konzepte, die alle einem eigenen Ökosystem entstammen, nämlich Apple (Siri), Google (Google Home) oder 
Amazon (Alexa).

Wohin geht die Reise?

Neben der sogenannten «Guest Experience», also dem möglichst angenehmen Aufenthalt für den Gast, nutzen die meisten Hotels auch das Potenzial der 
Gebäudeautomation für raschere interne Abläufe. Profitieren können in vielen 
Fällen die Housekeeping-Equipen. Während der Zimmerreinigung wird zum 
Beispiel die Beleuchtung auf das Maximum hochgefahren, um eine problemlose Reinigung zu ermöglichen. Zudem 
können die Zimmer nach der Reinigung und Kontrolle elektronisch für die neuen Gäste freigegeben werden. Aus Sicht 
der Gebäudetechnikbranche dürften 
Hotels zudem ein ideales Experimentierfeld für die Betriebsoptimierung sein: 
Nirgendwo sonst weiss man schliesslich so genau, welcher Raum gerade belegt ist oder nicht. Gut möglich also, dass das smarte Hotel der Zukunft nicht nur 
besonders viel Komfort bietet, sondern auch neue Wege zeigt, um die Ressourcen sinnvoll einzusetzen.