Haustech 4/2019

Wenn der Lift 
zum Einzelfall wird

Der Liftschacht im historischen Gebäudekomplex am Münsterplatz in Basel ist eine Stahl-Glas-Konstruktion, deren Gläser mit einer feinen Textur versehen sind. (Foto: AS Aufzüge)
Pirmin Schilliger* /

Aufzüge in Neubauten sind meistens standardisierte Massenprodukte. Bei Sanierungen von älteren Gebäuden bringen allerdings oft nur massgeschneiderte Einzelanfertigungen die Lösung. Gefragt sind dabei sowohl moderne Technik wie auch sauberes Handwerk.

Im Laufe ihrer über hundertfünfzigjährigen Geschichte haben sich Aufzugsanlagen weitgehend zu einem Standardprodukt entwickelt. Im Normalfall lässt sich ein seriell gefertigter Lift, egal welchen Typs, ohne weitere Spezifikationen und Anpassungen in einen entsprechend abgestimmten Liftschacht montieren. Einen 8-Personen-Lift etwa für ein neues dreigeschossiges Mehrfamilienhaus, der selbstverständlich auch einem Rollstuhlfahrer mitsamt Begleitperson genug Platz bietet, gibt es – salopp formuliert – ab Stange.

Individuelle Anpassungen beschränken sich allenfalls auf Äusserlichkeiten wie die Gestaltung der Kabine oder des Tableaus, aber selten auf die eigentliche Technik. Sowieso ist diese längst ausgereift, auch wenn die Aufzugsindustrie laufend mit Innovationen aufwartet. Doch dabei geht es weniger um bahnbrechende Neuerungen, sondern meistens um Optimierungen: Sparsamerer Betrieb, Kapazitätssteigerung, intelligente Steuerung, Digitalisierung von Service und Unterhalt usw. sind dabei die Stichworte.

Technisches und handwerkliches Können

Ganz anders präsentiert sich die Situation, wenn bei Gebäudesanierungen der Bauherr nachträglich einen Lift in ein älteres Gebäude einbauen lässt. In vielen Fällen bringt dann nur eine Spezialanlage die richtige Lösung. «Der nachträgliche Einbau eines Lifts ist eine besondere bauliche Situation, die hohe Anforderungen an alle Beteiligten stellt», erklärt der auf Renovationen spezialisierte Architekt -Philipp Hostettler. Und er stellt klar: «Jeder Altbau ist ein Unikat. Nur wer den Einzelfall anschaut, kann deshalb eine gute Lösung liefern.»

Ob ein Liftprojekt gelingt, entscheidet sich in der Zusammenarbeit zwischen Lifthersteller, Bauherr, Architekt und den Handwerkern. «Man muss Rücksicht auf die Gebäudestrukturen nehmen, sehr sauber arbeiten und auf die Details achten», betont Urs Barth, Verkaufsleiter Modernisierung beim Lifthersteller AS Aufzüge. Dieser setzt in solchen Fällen auf das handwerkliche und technische Wissen und Können der Mitglieder der 
IG Altbau. Die der IG angeschlossenen Firmen delegieren Aufträge nicht an Subunternehmer weiter, sondern beschäftigen ausschliesslich eigene erfahrene Fachkräfte – eine Garantie letztlich für die bei einer individuellen Lösung erforderliche Qualität.

Filigranes Handwerk war zum Beispiel bei der kürzlichen Modernisierung eines Zweipersonenlifts in Zürich gefragt. Dieser war vor rund dreissig Jahren in einem 1882 erbauten Eckhaus an der Gessnerallee ins Treppenhaus eingebaut worden. «Die Sanierung war eine Gelegenheit, das Treppenhaus mitsamt dem erneuerten Lift wieder näher an den Originalzustand der Gründerzeit zurückführen», erklärt der Bauherr. Deshalb wurde der bisherige Stockwerksanzeiger, ein schnödes modernes Display, durch einen pfeilförmigen Zeiger abgelöst. Dessen Gestaltung erinnert nun an alte Hollywoodfilme. Eine Schlosserei sorgte zudem dafür, dass die handbetätigten Flügeltüren grössere Ausschnitte und eine Sicherheitsverglasung erhielten. «Liftmodernisierungen in Altbauten sind anspruchsvoll», meint dazu Urs Barth.

Das Treppenauge im Auge

Apropos Gebäudestrukturen: Manche älteren Liftschächte bieten durchaus den erforderlichen Platz für Ersatzaufzüge nach Mass. Bei anderen fehlen jedoch buchstäblich einige Zentimeter. Der Weg führt dann nur über massgeschneiderte  Einzelanfertigungen.

Beim erstmaligen nachträglichen Einbau eines Lifts stellt sich mangels Liftschacht zuerst die grundsätzliche Frage: Wohin mit dem Lift? Der Einbau im Treppenhaus ist unter Umständen eine mögliche Variante. Voraussetzung ist, dass das Treppenauge, also der freie Raum zwischen den Stufen, mindestens 1,2 × 1,2 Meter gross ist. Ein Beispiel eines solchen Minilifts findet sich in einem älteren Haus im Zürcher Seefeld. Der vierzigjährige Aufzug, also fast schon ein Oldtimer, wurde kürzlich modernisiert. Speziell Kopfzerbrechen bereitete dabei den Ingenieuren, den für die heutige Elektronik und Mechanik notwendigen Platz zu finden. Sie kamen nicht darum herum, bei der für zwei Personen und eine Nutzlast von 180 Kilogramm ausgelegten Anlage fast für sämtliche Komponenten eine besondere Lösung auszutüfteln. Unter anderem ist nun der Anschlusskasten nicht wie üblich auf dem Dach platziert, sondern unterhalb der Kabine.

Ebenfalls mit einem massgeschneiderten Lift, der genau ins Treppenauge passt, wurde erst kürzlich ein älteres Wohn- und Geschäftshaus in Baden vertikal neu erschlossen. In solchen Situationen bietet sich wegen der in Treppenhäusern meistens prekären Lichtverhältnisse ein transparenter Liftschacht an. In diesem Fall ist dies eine Konstruktion aus Aluminium und Glas, die kaum Licht schluckt, sondern dank eines LED-Lichtbands im Schachtinnern das Treppenhaus sogar zusätzlich beleuchtet.

Hightech und Denkmalschutz

Dass sich ein Aufzug mitsamt moderner Hightech dezent auch in eine denkmalgeschützte Bausubstanz einzufügen vermag, lässt sich in einem historischen Gebäudekomplex am Münsterplatz in Basel nachverfolgen. Dort, am Hauptsitz des Bau- und Verkehrsdepartements (BVD) des Kantons Basel-Stadt, musste der alte, für moderne Bedürfnisse viel zu kleine Aufzug durch eine neue Anlage ersetzt werden. Den für einen 12-Personen-Lift mit einer Nutzlast von 925 Kilogramm notwendigen Platz gab es nur im Treppenhaus, im westlichen Auge der grosszügigen Doppeltreppe.

Der neue Lift von AS Aufzüge ist in eine rundum laufende Stahl-Glas-Konstruktion verpackt, die wie ein riesiges Vertikalmöbel im Raum steht. Zur historischen Treppe hält sie sich in respektvollem Abstand. Ästhetische Überlegungen waren ausschlaggebend für die Platzierung der Türantriebe. Sie befinden sich nicht wie üblich oberhalb der Türen, sondern unten im schlecht einsehbaren Bereich der Podest-Anschlüsse. Der Antrieb steckt im Schachtkopf, sodass die Anlage keinen Maschinenraum benötigt. Speziell auf die historische Umgebung abgestimmt sind die Glaswände des Liftschachts, gleichsam ein Ornamentdruck. Die Textur trägt auf jeden Fall dazu bei, dass sich die Veränderungen behutsam und zurückhaltend von den grünlichgrauen Holztüren und Friesen abheben. «Bevor ein solches Projekt überhaupt ausgeführt werden kann, gibt es Dutzende von Sitzungen, viele Ideen, Vorschläge und Varianten», sagt Urs Barth. Ausserdem empfiehlt er, bei historischen Bauten früh die Behörden einzubeziehen, um zusammen eine bewilligungsfähige Lösung zu entwickeln.

Bleibt noch jene Bausituation, bei der sich weder im Treppenhaus noch sonstwo im Gebäudeinnern der notwendige Platz für einen Liftschacht schaffen lässt. Die einzige Alternative ist dann eine Konstruktion an der Aussenfassade mit einem Liftschacht aus Beton oder Glas-Stahl. Die technische Zusatzaufgabe bei einem Aussenlift ist der Schutz der Anlage vor Wind und Wetter. Dies bedingt in der Regel einige spezielle bauliche Massnahmen. Besonders gefordert ist dann auch der Architekt, der den Aussenlift gestalterisch mit dem bestehenden Gebäude verbinden soll.

* Pirmin Schilliger, Journalist, im Auftrag 
von AS Aufzüge