Hautech 11/2017

Weniger ist mehr

Visualisierung des geplanten Neubaus 
auf dem Emmenweid-Areal. Mit dem Verzicht auf einen Grossteil der gängigen Gebäudetechnik drückt das Gebäude die graue Energie auf ein Mindestmass. (Foto: Baumschlager Eberle)
Michael Staub /

Was in Österreich seit vier Jahren funktioniert, entsteht nun auch in Emmenbrücke: Ein Gebäude fast ohne Gebäudetechnik. Der eigenwillige Neubau ist der zweite seiner Art weltweit und markiert den Wandel eines alten Industrieareals.

Auf der Emmenweid, einem Industrieareal nördlich der Stadt Luzern, wird schon bald ein Gebäude stehen, das ohne Heizung, mechanische Lüftung oder Kühlung funktioniert. Funktionales Vorbild für den Neubau ist der 2013 errichtete Bau «2226» von Baumschlager Eberle Architekten in Lustenau AT. Mit seinem konsequenten Verzicht auf fast alles, was gemeinhin unter moderner Haustechnik oder Standard-Wärmedämmung verstanden wird, drückt dieses Gebäude die graue Energie auf ein Mindestmass. Als Mischbau umfasst es Büroräume, eine Kantine, eine Galerie, eine Wohnung sowie ein Fitnessstudio.

Der Neubau in Emmenbrücke, als reines Bürogebäude konzipiert, folgt dem energetischen Konzept von «2226» und entwickelt es zugleich weiter – als erst zweites Gebäude dieser Art weltweit. Doch Bauherr Adrian Brun, Inhaber der Brun Real Estate AG, relativiert diese Rangierung sogleich: «Im Prinzip gehen wir mit dem Neubau zurück zu den Wurzeln. Gebäude mit dicken Mauern kennt man seit Jahrhunderten, etwa im Engadin. Aber natürlich bauen wir mit neuen und weiterentwickelten Materialien.»

Langsame Entwicklung

Der Neubau wird ein Bestandesgebäude der früheren Viscosuisse AG ersetzen, den sogenannten Crinolbau (siehe Infobox). Zusammen mit dem benachbarten Gebäude, das unter Denkmalschutz steht, hat es die Brun Real Estate AG vor knapp zehn Jahren erworben. «Als Immobilienentwickler haben wir verschiedene Optionen geprüft, Sanierung und Ersatzneubau waren gleichwertige Varianten», sagt Adrian Brun. Vertiefte Abklärungen ergaben jedoch grosse statische Probleme beim Bestandesbau, eine Sanierung wäre mindestens so teuer geworden wie ein Neubau. Deshalb wurde vor rund zwei Jahren ein Architekturwettbewerb durchgeführt.

«Das Areal Emmenweid ist geschichtsträchtig und nicht nur für den Denkmalschutz wichtig, sondern auch für die Gemeinde Emmen. Deshalb war klar, dass wir ein hochwertiges Projekt brauchen», sagt Brun. Erst bei der Ausarbeitung des Siegerprojekts durch Baumschlager Eberle kam die Idee auf, das Konzept von «2226» zu übertragen. Die Arbeit war knifflig, da die Baunormen und Vorgaben in Österreich und der Schweiz doch sehr unterschiedlich sind. 

Thermische Masse

Der Neubau übernimmt die Ausbildung der Wände, Fenster, Böden und Decken von «2226». Das aus Betonfertigteilen aufgebaute Dach mit Schrägfenstern musste hingegen neu entwickelt werden. Es ist in derselben Farbigkeit gehalten wie die Fassade. «Damit unterstützen wir die monolithische Erscheinung des Gebäudes und reduzieren die sommerliche Aufheizung», erläutert Thies Böke, Projektleiter bei Baumschlager Eberle Architekten.

Ein wesentliches Element des Konzepts sind die massigen Wände. Ihre thermische Masse dient zum Stabilisieren der Innentemperatur, die ungeachtet der Jahreszeit zwischen 22 und 26 Grad liegen wird. Die 
Aussenwände bestehen aus zwei Reihen Ziegel mit jeweils 38 Zentimeter Stärke. Auf den 15 Millimeter starken Kalkzement-Grundputz der inneren Ziegelreihe werden nochmals 5 Millimeter 
Kalkputz-Spachtelung aufgebracht. Zwischen der inneren und der äusseren 
Ziegelreihe befindet sich eine 2 Zentimeter starke Mörtelschicht. Auf die äussere Ziegelreihe werden ebenfalls 15 Millimeter Kalkzement-Grundputz aufgebracht, den Abschluss bildet ein 10 Millimeter starker Putz aus gelöschtem Kalkbrand. Durch die Bewitterung wird dieser im Lauf der Jahrzehnte weiter erhärtet und nimmt Steinqualität an.

Die fehlende Heizung kompensiert man durch verschiedene Wärmeeinträge. Neben der «Heizleistung», also der Körperwärme der Benutzerinnen und Benutzer, sind dies auch die thermischen Einträge von Beleuchtung und technischen Geräten. Nicht zu unterschätzen sind auch die solaren Einträge, vor allem im Winter. Die Einträge durch Geräte und Beleuchtung wurden für SIA-Standardwerte wie auch für SIA-Zielwerte durchgerechnet.

Ein Abfall der Temperaturen durch energieeffizientere Geräte, etwa Computer mit Low-Power-Netzteilen, ist nicht zu erwarten. «Die Zielwerte entsprechen sehr energieoptimierten Geräten und LED-Beleuchtung mit Tageslichtsensoren», sagt Peter Widerin, Bauphysiker bei Baumschlager Eberle Architekten. Der mittlerweile vier Jahre dauernde Praxistest mit «2226» zeige zudem eine hohe Zufriedenheit der Nutzer: «Selbst am kältesten Tag waren noch 95 Prozent zufrieden mit der Temperatur, am heissesten Tag waren immer noch 75 Prozent der Befragten zufrieden, wobei 2015 wirklich ein aussergewöhnlicher Sommer war.»

Motivierte Mieterschaft

Der Fahrplan für den Neubau ist eng getaktet. Die Baubewilligung wurde im Mai 2017 erteilt, im September beginnt der Rückbau des Bestandesgebäudes. 2018 starten die Bauarbeiten, und bereits im Januar 2019 soll der Neubau bezogen werden. «Für zwei Drittel der Flächen haben wir bereits langfristige Mietverträge abgeschlossen», berichtet Adrian Brun, «unter anderem mit einer halböffentlichen Anstalt aus dem Bildungswesen.» Die zukünftigen Mieter haben sich nach einer Besichtigung von «2226» und intensiven Gesprächen mit den Benutzern zur Zusage entschlossen. «Wir sind überzeugt, dass das Konzept ‹verhäbt›, denn jetzt haben wir Mieter, die zum Gebäude passen», sagt Brun. «Es ist ein integrales System aus Lüftung, Licht und Wärme, das muss alles zusammenspielen. Deshalb sind die Benutzungsvorschriften etwas detaillierter als üblich, aber damit müsste es klappen.»

Verglichen mit einem durchschnittlichen Neubau ist die Gebäudetechnik sehr überschaubar. Auf jedem Geschoss sind Sensoren für Temperatur, CO2 und relative Luftfeuchtigkeit montiert, dazu kommt eine Wetterstation auf dem Dach. Anhand der Sensordaten werden die Lüftungsklappen individuell für jeden Raum geregelt.

Damit wird die aktuelle Nutzung berücksichtigt – unbelegte Räume müssen gar nicht erst gelüftet werden. Der Verzicht auf den grössten Teil der Standard-Haustechnik schlägt sich nicht nur in der grauen Energie, sondern auch in den Betriebskosten nieder. Das zeigen erste Erfahrungen mit «2226». Peter Widerin sagt dazu: «Im Vergleich mit einem stark optimierten Gebäude sind die Lebenszykluskosten etwa ein Viertel geringer. Verglichen mit einem Standard-Bürogebäude sind sie gar nur halb so gross.»

Gute Aussichten

Die Kostenrechnung hat auch Adrian Brun gemacht. «Die Gebäudetechnik ist heute ein Kostentreiber», sagt der Bauherr. Da der Bau eines Gebäudes nur etwa 20 Prozent, sein Betrieb hingegen 80 Prozent der Lebenskosten ausmache, sei die etwas höhere Investition durchaus gerechtfertigt: «Die Wände sind stärker, die Materialien hochwertiger als bei einem Standardprojekt. Aber die Betriebskosten werden deutlich tiefer liegen. Es ist also nicht nur Idealismus, wenn wir uns für dieses System entscheiden, sondern auch wirtschaftliche Vernunft.» Die Rendite liege zwar leicht tiefer als bei einem Standard-Bürogebäude, doch insgesamt gehe die Rechnung auf. Nach drei bis fünf Jahren wolle man eine erste Bilanz ziehen, sagt Brun: «Dann wird sich zeigen, ob wir allenfalls weitere Gebäude nach diesem Schema bauen.»