Haustech 01-02/2017

Welche Farbe soll es sein?

Weiterbildungszentrum Lenzburg: Mit dem Farbkonzept sollte der zentrale Lichthof, der vier Geschosse durchdringt, mit Grün in Szene gesetzt werden. Mit jeder Etage dunkelt die Grünpalette nach oben leicht ab. (Foto: Haus der Farbe)
Weiterbildungszentrum Lenzburg: Von der frischen grünen Welt der Erschliessungszonen kommt man in die ruhige rot-silbrige Welt der Schulungs- und Arbeitsräume. (Foto: Haus der Farbe)
Mit den Farben des Trends «Urban Pride» wird das städtische Leben als kreativer Prozess verstanden. Die Farben unterstützen dieses Lebensgefühl. (Foto: NCS)
Ohne Farben keine Gestaltung. Auch in einer Garderobe – Farben bieten zur Differenzierung von Innenräumen raumgestalterische Möglichkeiten. (Foto: Haus der Farbe)
Paolo D'Avino /

Farben prägen unsere Umwelt, sie beeinflussen die Architektur und sie unterliegen Trends. Welche Farben gerade in Mode kommen, ist eine Folge von politischen und gesellschaftlichen Veränderungen. Und diese beeinflussen die Wahl der Farben.

Trends unterliegen einer allgemeingültigen Regel: Sie kommen und gehen. Auch Farbtrends verlaufen in ähnlichen Zyklen. Mal sind sie in, mal sind sie out. Und wie es bei einem Trend so ist, lässt sich nicht immer genau nachvollziehen, wieso nun genau diese Farbe oder diese Farbtöne Anklang finden. Fragt man Trendforscher, wie das Trend-Group-Team des schwedischen Unternehmens von Natural Colour System (NCS) rund um Karl Johan Bertilsson, sind es immer verschiedene Faktoren, die eine mögliche Richtung vorgeben.

Die Experten von NCS sehen die grossen Treiber der letzten Jahre vor allem in einer Welt, die sich rasant verändert. Einerseits wird das bestehende Weltgefüge ordentlich durcheinandergerüttelt. Die geopolitischen Unsicherheiten nehmen zu, andererseits leben wir je länger je mehr in einem urbanen, städtischen Umfeld, wo nicht erst seit heute die Menschen zusammenrücken müssen. Für jeden Einzelnen wird es weniger Platz geben, im öffentlichen wie im privaten Raum. So auch in der Schweiz, wo verdichtetes Bauen bereits heute zur künftigen Zauberformel hochstilisiert worden ist.

Warme Farbtöne kommen

Sicherheiten wanken und diese Tatsache beeinflusst unser Verhalten. Nach Jahren des Wachstums stellt sich die nächste Generation auf weniger ein. Unsere Farbvorlieben folgen solchen Trendtreibern, und je unsicherer die Welt wird, desto mehr betten wir unsere direkte Umwelt mit Farben ein, die eine warme und vertraute Atmosphäre vermitteln. So erstaunt es nicht, dass die Trendforscher und Farbexperten vom Global Aesthetic Center von Akzo Nobel für 2017 vier Schlüsseltrends definiert haben: «Sehnsucht nach Natürlichkeit», «Wohnen und Arbeiten verschmelzen», «Vom Ich zum Wir» und «Weniger ist mehr».

Auch die Experten von NCS sehen es ähnlich. Sie heben vier Treiber hervor, die sie zwar nicht gleich bezeichnen wie die Spezialisten von Akzo Nobel, doch aber einen ähnlichen Faden aufnehmen. NCS nennt die Trends «Urban Pride», in dem das städtische Leben als kreativer Prozess verstanden wird, oder «High-tech flower power», bei der die Technik und Digitalisierung helfen, eine neue ökologische und grüne Gemeinschaft zu leben. Die Stimmungen und Gefühlslagen beeinflussen die Wahl der Farben. In optimistischeren Zeiten neigen Menschen tendenziell zu eher bedeckten und vorsichtigen Farben, während sie in schwierigeren Zeiten genau das Gegenteil suchen.

«Die Farbtrends der kommenden Saison sind ein kühner Mix zwischen aufmüpfigem, raffiniertem Luxus und Einheitlichkeit», schreibt NCS auf ihrer Website. Farbpaletten mit gewagten Akzenten, erdigen Nuancen und gedämpften Accessoires in Silber- und Goldtönen werden die Farben der kommenden Saison sein.

Farbtrends nicht verschliessen

Farbtrends beeinflussen auch die Arbeit von Architekten und Planern. «Es gibt stets Farbtrends, die sich zuerst vereinzelt zeigen und dann mehr und mehr zur Mode werden. Die Zyklen sind allerdings in der Architektur längerfristiger als in der Mode oder bei der Farbe von Autos», sagt Stefanie Wettstein vom Haus der Farbe, einer Fachschule für praxisnahe Weiterbildungen in den Bereichen Farbgestaltung am Bau und Gestaltung im Handwerk. Ein gekonnter Einsatz von Farben bringt laut Wettstein einen gestalterischen und technischen Mehrwert für unsere Siedlungen und Städte.

In der Geschichte der Architektur gibt es mit jeder gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderung klar zu beschreibende Farbepochen. Dies ist gemäss Wettstein an und für sich ein schönes Phänomen. «Man sollte sich diesen Tendenzen nicht verschliessen, sondern Farbtrends bewusst einsetzen.» Werde Farbe differenziert und zielgerichtet eingesetzt, könne man unterschiedliche Raumatmosphären kreieren, diese subtil variieren und Räume so lebendiger und individueller gestalten, meint Wettstein.

Im öffentlichen Raum trage die Farbe stark zur Identität eines Ortes bei. So kann auch hier ein bewusster Umgang mit Farbe ein Ortsbild sichtbar aufwerten. «Farbe ist beim Bauen immer im Spiel. Selbst mit der Wahl von Weiss trifft man einen Farbentscheid.» Für die Co-Leiterin des Instituts ist Farbe ein integraler Bestandteil der Architektur und des Entwurfs. «Ein bewusster und professioneller Umgang mit Farbe ist für das Schaffen von qualitätsvollen, menschenfreundlichen Lebensräumen wichtig.»

Analyse als Grundlage

Ein Bauprojekt ohne Farbgestaltung ist für den Architekten und Dozenten am Haus der Farbe, Leo Frei, undenkbar. Doch in welcher Phase des Baus die Farbe als Element dazu kommt, ist unterschiedlich. Es sei durchaus möglich, dass eines der ersten tragenden Gestaltungselemente ein Material oder eine Farbe sei. Dies vor allem dann, wenn sich aus der Analyse des Ortes, der Nutzung oder der Aufgabe ein bestimmtes Material, der eine bestimmte Farbe vorgibt, herauskristallisiere, sagt Frei. «Denkbar ist aber auch, dass über eine sehr lange Entwurfszeit das Raumgefüge oder das Licht bestimmend ist, und erst sehr spät eine Materialisierung, Oberflächen und Farben dazukommen.»

So spielen für Frei Farben immer eine Rolle. Aus dem einfachen Grund, weil immer mit Materialien gebaut wird. Und diese haben eine Eigenfarbe, und manchmal, je nach der Wahl des Materials, nicht nur eine Farbe, sondern gleich eine ganze Palette. «Allein Holz oder Natursteine besitzen eine riesige Bandbreite von Farben, meist sogar innerhalb eines einzigen Holzes oder eines einzigen Steins eine Vielzahl davon.»

In der Farbgestaltung gibt es für Frei immer Potenzial, doch die Wahl von Material, Oberfläche und Farbe würde sich im Idealfall aus einer Analyse ergeben. «Meist findet man aus der genauen Beobachtung von Ort, Nutzung und Aufgabe die Antworten zu Material, Oberfläche und Farben.» Dies seien zunächst grobe Hinweise, ob etwas dunkel oder hell, hart oder weich, massiv oder leicht, bunt oder unbunt werden soll oder muss. In der Regel ist es das Zusammenspiel dieser Faktoren, das dann auch die Material- und Farbwahl einkreist.

«Die richtige Farbe ergibt sich aus dem Ort und der Aufgabe», und in diesem Sinne sollte für Frei die Farbwahl unabhängig von einem Trend erfolgen. Doch Frei räumt ein, dass auch Architekten oder Gestalter sich diesen nicht verschliessen sollten. «Da Farbtrends schnell wechseln, eignen sie sich schlecht für gebaute Architektur, da diese die Trends in der Regel überdauern.»

Farbtrends: eine Folge von Veränderung

Manchmal fehlt es Stefanie Wettstein vom Haus der Farbe in der Architektur an farblicher Subtilität. Sie wünscht sich nicht unbedingt mehr Farben, sondern einen gezielteren Einsatz. «Es wird wohl zu sehr auf Standards vertraut und zu wenig auf die örtliche Farbkultur und den unmittelbaren Kontext geachtet.» Das habe weniger mit mangelndem Mut zu tun, als mehr mit mangelnder Sensibilität und etlichen Planungs- und Zeitzwängen, die oft von den Bauherren vorgegeben werden. Gute Farbgestaltung brauche Zeit, die man im Bauprozess einplanen muss. Das sei der entscheidende Punkt, sagt Wettstein. Die Farbtrends von morgen zusammenzustellen, mag wie Rätselraten erscheinen, doch lassen sie sich gemäss den schwedischen Experten von NCS im Voraus ermitteln.

Trotzdem treten immer wieder nicht vorhersagbare Ereignisse ein. Daher sind die Aussagen auch nicht auf lange Sicht zu verstehen, sondern für einen Zeitraum von zwei bis drei Jahren bestimmt. «Um einen Trend voraussagen zu können, muss man verstehen, dass die überwiegende Anzahl der Treiber eine Folge der politischen und gesellschaftlichen Veränderungen ist, die unser Denken und Handeln beeinflussen», schreiben die Experten von NCS. In den vergangenen Jahren überschlugen sich die Ereignisse, Unabhängigkeits- und Rückzugsbewegungen gewinnen Oberhand und dies führe zu einer entsprechenden Reaktion.

«Wo wir früher geneigt waren, uns zu entziehen, uns zu verstecken und in einer distanzierten Fantasiewelt abzusondern, müssen wir uns heute den Tatsachen stellen und versuchen unser Bestes zu geben, um das Leben angenehm zu gestalten», schreibt NCS in ihren Ausführungen zu den Farbtrends 2018. Wie in anderen Zeitspannen auch spielen verwegene Farben in einem solchen Szenario eine bedeutende Rolle, wo kräftige gelbe, rote und blaue Nuancen in Verbindung mit Schwarz vermehrt auftreten werden.

Gleichzeitig beeinflusst der Wunsch nach Zusammengehörigkeit das kollektive Denken, und als eine Reaktion auf die klimatischen Veränderungen werden wir in den kommenden Jahren ebenso vermehrt erdigen, grünen, purpurroten und braunen Nuancen begegnen. Auf die Frage, welches die Trendfarben der nächsten Jahre sein müssten, antwortet Stefanie Wettstein ganz pragmatisch: «Es werden wohl Farben sein, die noch vor zwei bis fünf Jahren unbeliebt waren.» Farben folgten Zyklen, und auf einen Trend folge immer auch ein Gegentrend.