Haustech 01-02/2017

«Weiss wie frisch gefallener Schnee»

Farben sollen wie Landschaften sein, über die das Auge gerne wandert. (Foto: Raiser Lopes Designer)
Schönheit und Funktionalität sind das Ziel eines gelungenen Farbkonzepts. (Foto: Sabine Hartl)
Katrin Trautwein, KT Colors. (Foto: zVg)
Sandra Aeberhard /

In der Farbmanufaktur KT Colors in Uster werden für die Herstellung von Farben auserwählte Pigmente verwendet. Sie sind die wichtigsten Ingredienzien und zeigen sich in der Tiefe der Farben. Beigemischt wird aber auch viel Leidenschaft, Wissen und Erfahrung.

Sie funkeln wie frisch gefallener Schnee, donnern aus der Tiefe, füllen Räume mit dem Klang der Stille, leuchten wie Mondschein.» Was sich wie Poesie liest, ist tatsächlich die Beschreibung von Farben. Farben, die Namen tragen wie Pariserblau, Rouge vif, Bianco limone, Champagnerweiss oder Bleu outremer.

1998 hat Katrin Trautwein KT Colors in Uster gegründet. Davor war sie Laborleiterin bei einer Firma, die Künstlerfarben herstellte, allerdings nicht mit Naturpigmenten. «Die Arbeit hat mich begeistert, ich wollte aber Farben mit natürlichen Pigmenten herstellen. Darum habe ich meine eigene Firma aufgebaut.» Heute beschäftigt sie sechzehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Schweiz und vier in Deutschland.

Fast wie Kochen

Die Herstellung von Farbe vergleicht Katrin Trautwein gerne mit dem Kochen: «Man nimmt die allerbesten Zutaten und verbindet sie behutsam miteinander. Das wichtigste sind die Pigmente, denn sie sind es, die unsere Farben von anderen unterscheiden.» Die Pigmente werden klumpenfrei ins Wasser eingemischt und mit hoher Geschwindigkeit auf eine bestimmte Temperatur gebracht. Das sorgt für die Feinverteilung des Pigments im wässrigen Medium. Anschliessend kommt das Bindemittel hinzu, je nach Farbsorte Wasserglas, Weissleim, Pflanzenleim oder eine Acryldispersion.

Durch Beigabe von Verdickungshilfen wird die gewünschte Konsistenz erreicht. «Am Schluss kontrollieren wir jeden Farbton und bessern gegebenenfalls nach. Nach etwa zweieinhalb Stunden Kochzeit ist unser Festmahl für die Augen fertig», beschreibt Trautwein. Ihre Farben erfüllen hohe Anforderungen an die Ökologie: Beim Herstellungsprozess kommt Wasserkraft zum Einsatz, und zudem setzt die Unternehmerin wenn immer möglich auf natürliche Rohstoffe und lokale Produktion.

Ständige Suche nach Pigmenten

Mehr als 120 verschiedene Pigmente lagern in den Regalen des alten Fabrikgebäudes. Die meisten stammen aus Europa, wenige aus den USA, das Lapislazuli aus Afghanistan. In ihnen liegt das Geheimnis der unvergleichlichen Tiefe der Farbnuancen. Einige dieser Pigmente, etwa Pariserblau, Ultramaringrün und Elfenbeinschwarz, werden eigens für das Ustermer Unternehmen produziert. «Wir sind ständig auf Pigmentsuche », erzählt die promovierte Chemikerin. «Für das Ultramarinblau suchten wir drei Jahre lang, bis wir es in der gewünschten Tiefe fanden. Wir haben dann gleich die ganze Produktionscharge dieses faszinierenden Blaus gekauft.»

Etwa ein Drittel der Pigmente entsteht aus Erden und Steinen, die gemahlen und manchmal geschlemmt werden. Andere aus unbunten Mineralien, die chemisch zu farbigen Pigmenten umgewandelt werden. So wird beispielsweise Porzellanerde durch die Zugabe von Schwefel zu Ultramarin. Noch brillantere Farben erzielt man mit organischer Chemie. Dabei werden Anilin oder andere Erdölderivate zu Pigmenten wie Cyan, Magenta oder Yellow umgewandelt. Jede Farbe, die in der Farbmanufaktur von Hand gemischt wird, hat ihre eigene Herkunft und kann ihre eigene Geschichte erzählen.

Anfang mit Le Corbusier

Für Aufsehen sorgte Katrin Trautwein in den Anfangsjahren durch die Erforschung der Rezepte der 63 Farbtöne, die Le Corbusier über fast 30 Jahre entwickelt hatte. Als Ausgangsmaterial dienten Farbproben. Heute hat sich die Farbpalette von KT gut vervierfacht: 225 Nuancen stellt die Manufaktur für praktisch alle Anwendungen im Innen- und Aussenbereich her. Der Arbeit liegt aber nicht nur das Wissen um die chemischen Prozesse zugrunde: «Alt und Jung, Frauen und Männer, Künstler und Wissenschaftler, Langsame und Schnelle – jeder weiss etwas, was die anderen nicht wissen können.» Die interdisziplinäre Zusammenarbeit, so die Firmeninhaberin, sei essenziell, damit ein gutes Produkt entstehen könne.

Unterschätztes Handwerk

Das über die Jahre angesammelte Wissen geben die Mitarbeitenden der Farbenmanufaktur in Fachseminaren auch an Handwerker, Architekten, Studenten und alle, die sich für das Thema interessieren, weiter. Auch die Farbberatung ist eine Dienstleistung für die Kunden. Ziel sei es dabei, schöne und zugleich funktionelle Räume zu gestalten, wobei die Schönheit auch immer mit Natürlichkeit zu tun habe. «Ein gutes Farbkonzept bildet eine Landschaft, die man mit den Augen gerne durchwandert,» sagt Trautwein. Die Maler sollen auch stolz darauf sein, dass sie die letzte, sichtbare Gebäudehaut gestalten dürfen. Und sie sollen Preise offerieren, die es ihnen ermöglichen, dieser Bedeutung gerecht zu werden, denn nur allzu oft werde das Handwerk unterschätzt.

Schönheit und Funktionalität sind das Ziel eines gelungenen Farbkonzepts. Farben sollen wie Landschaften sein, über die das Auge gerne wandert. Die Auseinandersetzung mit Farben zieht Katrin Trautwein auch nach vielen Berufsjahren immer wieder in den Bann: «Farben sind für unser Wohlbefinden immens wichtig, das macht sie für mich lebendig, herausfordernd und interessant. Sie überbrücken die Grenzen zwischen Licht und Materie, Wahrnehmung und Realität, Messwert und Fantasie, aber auch zwischen Wissenschaft und Poesie.»