Haustech 7-8/2017

«Viele Unternehmen scheuen das Risiko»

Christof A. Willi. (Foto: zVg)
Simon Eberhard /

Christof A. Willi (53) von der Knellwolf + Partner AG ist Experte für die Suche und Vermittlung von hochqualifizierten Spezialisten in der Planungs-, Bau- und Immobilienbranche. Im Interview mit Haustech sagt er unter anderem, was ein Unternehmen tun kann, wenn es eine Ingenieurstelle nicht besetzen kann.

Die Umfrage von Economiesuisse und Swiss Engineering ortet nach wie vor einen eklatanten Fachkräftemangel im technischen Bereich. Teilen Sie als Recruiter diese Ansicht?

Ja, grundsätzlich ist dies eine Tatsache. Und dieser Mangel wird sich langfristig noch stark verschärfen. Unabhängig von kurzfristigen konjunkturellen Schwankungen und dem aktuell positiven Ausbildungstrend werden in Zukunft weniger Ingenieure und Techniker in den Schweizer Arbeitsmarkt ein- als austreten.

Wie hat sich Ihre Aufgabe in den letzten Jahren gewandelt?

Für uns hat das Vermittlungsgeschäft in den letzten Jahren stark angezogen und die Prognosen zeigen ein überproportionales Wachstum. Denn gerade weil der hohe Fachkräftemangel nicht abreisst, entscheiden sich Firmen immer öfter, auf Spezialisten wie uns zurückzugreifen. Dies, da sie selber auch mittels «normaler» Personalvermittler keine oder nur noch ungenügende Rekrutierungserfolge erzielen können.

Wie gross ist der Anteil an ausländischen Fachkräften, die Sie für Schweizer Unternehmen vermitteln, weil Sie keine geeigneten Schweizer finden?

Als erstes muss man unterscheiden zwischen Fachkräften, die man direkt aus dem Ausland rekrutiert, und Fachkräften, die zwar eine andere Nationalität haben, aber hier gelernt und Arbeitserfahrungen gesammelt haben. Der Anteil von Fachkräften direkt aus dem Ausland ist doch eher gering.

Weshalb?

Viele Unternehmen scheuen das Risiko. Weniger aus kulturellen Gründen, sondern hauptsächlich wegen unterschiedlicher Ausbildung und technischer Normen. Manchmal auch aus Vorbehalten an die Arbeitsqualität. Wir haben grenznahe Mandanten, welchen wir deutsche und österreichische Fachkräfte aus dem Nachbarland vermittelt haben und die diese dann selber aus- und weiterbilden. Einige Unternehmen können hier schöne Erfolgsgeschichten vorweisen, andere kehren zurück zur Suche nach hier ausgebildeten Fachkräften mit einigen Jahren Arbeitserfahrung in der Schweiz, egal welcher Nationalität.

Gemäss der Umfrage von Economiesuisse und Swiss Engineering werden «Soft Skills» wie Sozialkompetenz immer wichtiger. Teilen Sie diese Ansicht?

Natürlich. Allerdings sehen wir immer öfter Unternehmen, die bei der Anstellung von neuen Mitarbeitern umso weniger auf die Soft Skills achten, je höher der eigene Fachkräftemangel und der Druck zur Stellenbesetzung ist. Dies kann nicht nur für das Unternehmen selbst schädlich sein, sondern ebenfalls für den Neueingestellten wie auch die bestehenden Mitarbeiter. Ohne ausgeprägte Sozialkompetenz seitens der Arbeitnehmer wie auch der Arbeitgeber dreht sich das Jobkarussell immer schneller und hinterlässt nur enttäuschte Protagonisten.

Wie gehen Sie diese Thematik in Ihren Auswahlverfahren an?

Proaktiv – und zwar auf der Mandanten- wie auch der Kandidatenseite. Wir erstellen von den besten Anwärtern auf eine Position ein ausführliches Talentprofil, um nicht nur die fachlichen, sondern vor allem auch die sozialen Ich-Kompetenzen abzuholen. Diese Soft Skills gleichen wir mit den vorgegebenen Verhältnissen und Personen im neuen Arbeitsumfeld ab, auch um ein reibungsloses «Onboarding» in der neuen Firma zu gewährleisten.

In Ihrem Artikel von Haustech 3/2017 betonen Sie die Wichtigkeit einer professionellen Rekrutierung seitens des Arbeitgebers. Was empfehlen Sie Unternehmen, die eine Stelle nicht besetzen können?

Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass man in den letzten drei Jahren 85 Prozent der anspruchsvollsten Stellen immer besetzen konnte – dies sind auf jeden Fall unsere eigenen Zahlen. Dies gelingt allerdings nur, wenn man branchenspezifische Fachprofis in der Direktansprache damit beauftragt. Sollte eine Stelle wegen des ausgetrockneten Marktes mal nicht besetzt werden können, kann es sich lohnen, ein halbes Jahr zu warten und den engen Markt erneut professionell anzugehen. Einige unserer Mandanten unterstützen wir auch bei Übernahmen oder Beteiligungen an Firmen. Dies nicht nur, um Absatzmärkte zu vergrössern, sondern auch, um den eigenen Fachkräftemangel zu beheben.