Haustech 4/2018

«Verbandsarbeit macht nicht dümmer»

Rolf Löhrer. (Foto: Pit Brunner)
Paolo D'Avino /

Nach turbulenten Jahren ist der Schweizerische Verein für Kältetechnik (SVK) 
zur Ruhe gekommen. Seit vier Jahren ist Rolf Löhrer Vorsitzender der Technischen Kommission. Er erzählt im Interview, was ihn zur Zeit beschäftigt und wie er die Dinge im Verband sieht.

In der Zeitschrift Bilanz erschien ein sehr schönes Porträt über Sie. Sie haben vor Jahren die Scheco wieder auf die Erfolgsstrasse zurückgeführt. Was macht den Unternehmer und Menschen Löhrer erfolgreich?

(lacht) Es ist zwar bereits über 15 Jahre her, seit dieses Porträt erschienen ist. Doch was macht einen guten Unternehmer aus? Gute Frage. Dass es so gekommen ist, verdanke ich dreierlei Umständen. Als erstes sehe ich die Rolle der Eigentümer. Sie haben mir bei meinem Einstieg als Geschäftsführer 1998 Zeit gelassen, die Dinge in die Hand zu nehmen, und sie haben mich stets in meinem Unterfangen unterstützt. Zweitens hatte ich das Glück, hier bei der Scheco auf ein hochmotiviertes Team zu treffen. Ein immens wichtiger Aspekt, den das Unternehmen heute noch auszeichnet. Drittes unverzichtbares Element ist die familiäre Umgebung. Der soziale Aspekt. Wertschätzung und Kommunikation sind wichtige Faktoren, die bei uns im Unternehmen hochgehalten werden. Wir sehen uns hier ein wenig als Familie, nicht ohne den unternehmerischen Gedanken aus den Augen zu verlieren.

Und Ihr Anteil am Erfolg?

Der Erfolg oder Misserfolg hängt immer von den Personen ab. Sie sind Teil des Unternehmens. Mein Anteil ist der, dass ich versuche, sowohl auf unsere Mitarbeiter einzugehen, sie zu unterstützen, wo es notwendig ist, und immer ein offenes Ohr für allerlei Aspekte habe. Personalentscheide sind per se immer ein Risiko, ein Vabanquespiel. Deshalb achte ich im Umgang sehr darauf, aber auch bei der Rekrutierung von neuem Personal versuche ich als Geschäftsleiter die Zügel in die Hand zu nehmen. Und dort wo es mich braucht, auch Einfluss zu nehmen und die Richtung vorzugeben.

Sie sorgen offenbar für Stabilität und Kontinuität – Eigenschaften, die es auch im Verband Schweizerischer Verein für Kältetechnik (SVK) braucht?

Offenbar. Im Verband des SVK bin ich zwar schon seit 25 Jahren tätig, doch in der Funktion als Vorsitzender der Technischen Kommission erst seit vier Jahren. Der gesamte Vorstand, mit einer Ausnahme, wurde damals vollständig neu gewählt. Der Anfang der Amtszeit war eine sehr turbulente Zeit.

Sie erwähnen die turbulente Zeit. Was war denn der Grund für diese Unruhe im Verband?

Die Diskussionen kreisten damals rund um die Frage, ob der Verband eigenständig bleiben oder sich der Suissetec anschliessen sollte. Ein Anliegen, das heftig und kontrovers diskutiert wurde. Heute bin ich froh, dass wir uns damals gegen einen Anschluss ausgesprochen haben. Nichts gegen die Suissetec. Der Dachverband vereint im besten Sinne die Bereiche der Gebäudetechnik. Doch obschon es einige Schnittstellen zwischen der Klimatechnik und der Haustechnik gibt, sind viele Bereiche der Kältetechnik weit entfernt von der Gebäudetechnik.

Wie haben ihre Mitglieder darauf reagiert?

Rundum positiv. Den knapp 300 Mitgliedern ist es beispielsweise sehr wichtig, dass sie auf gut ausgebildetes Personal zurückgreifen können. Durch die Eigenständigkeit haben wir einen direkten Einfluss auf die Aus- und Weiterbildung. Wir können rasch auf veränderte Bedürfnisse reagieren und bestimmen selbstständig die Qualität des Berufsstands. Dank der schlanken Organisation, den kurzen Wegen und dem Engagement vieler «Freiwilliger» können die Anliegen unserer Branche zügig angepackt werden. Doch die Eigenständigkeit ist kein Selbstläufer. Als eher kleiner Verband ist es für uns ein grosser Kraftakt, den Aufwand für die Normierung, die Ausbildung und auch für die Forschung und Entwicklung zu stemmen. Dies gelingt nur dank der Unterstützung der Mitgliederfirmen. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön allen, die sich für die Kältetechnikbranche engagieren.

Nach was orientiert sich der SVK denn?

Der SVK orientiert sich an den Bedürfnissen der Kältefachbetriebe und fördert diese in technischen, ökonomischen und ökologischen Belangen durch aktives Engagement. Mit anderen Worten: Wir pflegen den Kontakt zu den Mitgliedern, aber auch zur Branche im In- und Ausland, um aktuelle Entwicklungen, insbesondere im Kältemittelbereich, rechtzeitig zu erfassen und informieren unsere Mitglieder in Form von Informationen oder Schulungshilfen. Zudem bilden wir, wie bereits erwähnt, junge Leute aus und bieten ein breites Weiterbildungsangebot an.

Wo drückt denn dem Vorsitzenden der Technischen Kommission heute der Schuh?

Seit geraumer Zeit hält uns die Gesetzgebung auf Trab. Das Intervall der Neuerungen ist unglaublich, und alle paar Jahre muss sich die Branche auf tief greifende Veränderungen einstellen. Alles ist sehr unübersichtlich geworden. Diese Flut ist vor allem für kleinere und mittlere Betriebe kaum noch mit einem vernünftigen Aufwand zu bewältigen. Wir unterstützen unsere Mitglieder mit Informationen und Merkblättern nach Kräften, damit alle auf dem aktuellsten Stand bleiben.

Von welchen Neuerungen sprechen Sie?

Beispielsweise von der revidierten Niederspannungsverordnung (NIV), von der Chemikalien-Risikoreduktions-Verordnung (ChemRRV), der Druckgeräteverordnung oder von Verordnungen in den Bereichen Hygiene, Lärmschutz oder Lebensmittel. Es gibt fast keinen Bereich im Klima- und Kältebereich, bei dem neue Verordnungen nicht direkt oder indirekt einen Einfluss auf den Arbeitsalltag haben.

Die neue ChemRRV ist doch seit dem 1. Dezember 2013 in Kraft. Da könnte man meinen, dass das allen bereits klar sein sollte?

Im Gegenteil. Oftmals schaffen neue Verordnungstexte mehr Unsicherheiten, als dass sie genaue Auskunft darüber geben, wie der praktische Alltag auszusehen hat oder wie die Verordnungen umgesetzt werden müssen. Man bewegt sich bei der Einführung häufig in einer Grauzone, und es entstehen in einer ersten Phase immer viele Fragen. Unsere Aufgabe war und ist es, den Verordnungstext so zu übersetzen, dass die Vorgaben von unseren Mitgliedern tatsächlich verstanden und umgesetzt werden können.

2017 hat das Bafu die Vollzugshilfe über Kälteanlagen, Klimaanlagen und Wärmepumpen mit in der Luft stabilen Kältemitteln publiziert. Braucht es diese in dem Fall?

Die Vollzugshilfe ist sozusagen eine Spätgeburt der ChemRRV. Ich bin froh, dass sie publiziert wurde. Sie war dringend nötig. Mit der Vollzugshilfe spricht man nun eine einheitliche Sprache. Und zwar auf allen Ebenen. Unsere Mitglieder haben nun endlich ein Werkzeug in der Hand, mit dem sie arbeiten können. Und die Kantone als Vollzugsbehörden haben eine Grundlage, um den Vollzug sinnvoll und zielorientiert zu gestalten.

Stört Sie etwas in der neuen Vollzugshilfe?

Meiner Meinung nach ist die bestehende Vollzugshilfe gut gelungen. Sie ist lesbar, bei kritischen Punkten sind Beispiele beigefügt, die helfen, sich in eine mögliche Situation hineinzudenken. Sie bringt die Situation und die Thematik überzeugend und gut auf den Punkt. Dieses Dokument ist eine sehr gute Basis für alle, die damit arbeiten müssen. Zudem haben unsere Mitglieder ein Instrument zur Hand, um ihren Kunden erklären zu können, wieso ein Kältemittel nicht mehr zulässig ist.

Sie haben bei der Ausarbeitung der Vollzugshilfe mitgeholfen. Wie haben Sie die Zusammenarbeit mit Behörden und anderen Verbänden erlebt?

In solchen Arbeitsgruppen prallen in der Regel verschiedene Interessensgruppen aufeinander. Der Gesetzgeber, vertreten durch das Bundesamt für Umwelt (Bafu), hat die Umweltziele im Fokus und will die internationalen Vorgaben umsetzen. Die Fachverbände, wie beispielsweise ProKlima, machen sich für einfache und barrierefreie Handelsnormen stark, weil deren Mitglieder auf den Import von europäischen oder asiatischen Herstellern angewiesen sind. Für diese Unternehmen ist es entscheidend, dass sich die Schweizer Normen an den internationalen Vorgaben orientieren. Wir von der fachlichen Seite sagen, dass das möglichst schlank sein soll. Wir stellen uns da auf den Standpunkt: möglichst wenig Papier, kurz und prägnant. Im Gegensatz zu den Kantonen, die möglichst alles sehr spezifisch und genau haben wollen. Die Interessen gehen teilweise diametral auseinander. Insgesamt war und ist die Zusammenarbeit aber trotz dieser unterschiedlichen Interessen stets konstruktiv und die nun vorliegende Vollzugshilfe vereinfacht die Arbeit aller betroffenen Akteure.

Führte die Einführung der Vollzugshilfe zu Mehrarbeit in der Normierung?

Eigentlich nicht. Die Vollzugshilfe ist eine Publikation des Bundesamts für Umwelt und richtet sich primär an die Vollzugsbehörden. Ganz allgemein konkretisieren sie unbestimmte Rechtsbegriffe von Gesetzen und Verordnungen und sollen eine einheitliche Vollzugspraxis fördern. Die vorliegende Vollzugshilfe ist eine praktische Hilfe zur Anwendung von Anhang 2.10 der ChemRRV, insbesondere der darin enthaltenen Verbote und Ausnahmebewilligungsverfahren. Sie basiert für die verschiedenen Anwendungsbereiche auf dem Stand der Technik.

Ist denn diese Gesamtlösung wirtschaftlich für Ihre Mitglieder tragbar?

Oft sind Gesamtlösungen wirtschaftlich nicht vertretbar. Das erhöht das Risiko, dass Produktionsleistungen ins Ausland abwandern, weil man nicht mehr wettbewerbsfähig ist. Das ist bei dieser Vollzugshilfe nicht der Fall. So bleibt die Wertschöpfung in der Schweiz, was wiederum die Basis ist, um die umwelttechnischen Anforderungen erfüllen zu können. Deshalb bin ich sehr glücklich über diese Lösung.

Ganz ohne zusätzliche Kosten ist es aber nicht umsetzbar?

Nochmals, ich finde, mit der Vollzugshilfe haben wir eine wirtschaftlich gut vertretbare Lösung erarbeitet. Vielleicht mag auf den ersten Blick manche anfängliche Investition höher ausfallen, doch auf den ganzen Life-Cycle-Zyklus einer Kälteanlage gerechnet lohnt sich die höhere Investition mehrheitlich.

Haben solche Neuerungen auch Auswirkungen auf Ihr Bildungsprogramm?

In der Grundausbildung greifen die neuen Bestimmungen seit der Einführung der ChemRRV in allen drei Lernberufen unseres Verbands. In den Weiterbildungsangeboten des SVK wird immer sehr schnell auf Neuerungen reagiert und das Angebot entsprechend angepasst.

Bleiben wir beim Bildungsbereich: Wie treiben Sie die Qualität voran?

Die formale Bildung – Berufslehren und Berufsprüfung – der Kältebranche wird von der SVK-Bildungskommission gemeinsam mit Kantons- und Bundesvertretern laufend überwacht und bei Bedarf angepasst. Kantons- und Bundesvertreter stellen dabei sicher, dass die formalen Vorgaben eingehalten werden. Die Branchenvertreter setzen sich dafür ein, dass die Bildungsgänge inhaltlich aktuell sind und den Bedürfnissen der Betriebe entsprechen. Der SVK ist in der Schweiz auch der grösste Anbieter für kältespezifische Weiterbildungskurse. Auch dieser Bereich wird von der SVK-Bildungskommission laufend überwacht, die Angebote werden angepasst und ergänzt. So wurden im letzten Jahr fünf neue Kursangebote zu aktuellen Themen wie z. B. «brennbare Kältemittel», «Ausbildung NIV Art. 15» oder «HFO-Kälteanlagen» entwickelt und erfolgreich eingeführt.

Kennen Sie in Ihrem Verband eigentlich einen Fachkräftemangel?

Es bleibt immer schwierig, gute und geeignete Personen für einen Beruf oder für eine Branche zu begeistern. Die Situation hat sich insofern etwas entschärft, als wir heute markant mehr Lernende ausbilden, als dies noch in den 1990er-Jahren der Fall war. Heute nimmt man die Branche, natürlich auch über unsere Marketingtätigkeiten, besser wahr. Wir sind besser vernetzt, arbeiten in der Ausbildung zum Beispiel mit Hochschulen zusammen, die Brückenangebote für Personen anbieten, die sich weiterbilden möchten.

Kein Vergleich in dem Fall mit der Gebäudetechnikbranche?

In der Gebäudetechnikbranche ist der Fachkräftemangel sehr akut. Woran das liegt, kann ich nicht abschliessend beurteilen. In der Kältebranche bilden wir rund 100 Personen in drei Kälteberufen pro Jahr aus, was bei rund 3500 Personen, die gesamtschweizerisch in der Branche tätig sind, doch eine beachtliche Zahl ist. Das zugegebenermassen ehrgeizige Ziel des SVK ist, in den nächsten Jahren die Anzahl Lehrplätze noch um mindestens 20 Prozent zu erhöhen.

Gibt es denn neue Entwicklungen, die mittelbar im Bildungsbereich in Angriff genommen werden?

Die Grundlagen der Berufsbildung werden in den nächsten zwei Jahren im Rahmen einer Totalrevision überprüft und aktualisiert. Zudem werden wir die Prüfungsordnung für den Chefmonteur Kälte komplett überarbeiten. Die Berufsfachschule für die Deutschschweiz ist in Bern zentralisiert. Dank E-Learning können wir den Auszubildenden, die eine lange Anfahrt haben, ein elektronisch begleitetes und betreutes Lernen anbieten.

Gibt es andere Themen, die den Verband künftig beschäftigen werden?

Wir wollen uns noch mehr mit der Zukunft beschäftigten und den Fokus vermehrt auf die grossen Trends setzen. Global, europäisch und natürlich auch die Entwicklungen in der Schweiz sind zu beobachten, denn wir müssen wissen, was auf unsere Kunden und Mitglieder zukommt. Wir wollen uns auch auf internationaler Ebene noch besser vernetzen, um beispielsweise rascher zu erkennen, was in Brüssel so geht. Die EU ist ja bekannt als grosse Normdruckmaschinerie, die oft von Grosskonzernen geprägt ist. Diese Normen beeinflussen auch die Arbeit der Schweizer Kältefachleute.

Und im Klimabereich?

Themen zum Klima sind bei uns im Verband und in der Branche ein Dauerthema. Das ging los mit dem Ozonloch in den 1980er-Jahren. Die ChemRRV ist ja eine Folge davon, auch um den Treibhauseffekt einzudämmen. Wir entwickeln zusammen mit den Bundesämtern für Umwelt und Energie Strategien zur Schonung der Umwelt oder zur Energieoptimierung. Das hält uns auf Trab. Zudem achten wir in der Ausbildung darauf, die Fachleute für diese Themen zu sensibilisieren. Damit sie mit Know-how und Überzeugung effiziente und klimafreundliche Anlagen bauen. 

Dann braucht es den Verband auch in Zukunft?

Ich bin fest davon überzeugt. Die Aus- und Weiterbildung oder das Mitgestalten der Rahmenbedingungen sind übergeordnete Aufgaben, die nicht von einzelnen Firmen erledigt werden können. Für diese Arbeiten braucht es einen starken Verband. Übrigens wünsche ich mir, dass sich weiterhin Personen finden lassen, die sich im Verband für die Branche einsetzen. Es lohnt sich auf jeden Fall, denn Verbandsarbeit macht sicherlich nicht dümmer. Im Gegenteil: Man bekommt ein anderes und völlig neues Bild auf das, was die Branche bewegt.