Haustech 5/2019

Technische Berufe: zurück zur Coolness

Die Lehrlingsausbildug ist der Start ins Berufsleben und hat bei der Hälg Group eine lange Tradition. (Foto: Hälg Group)
Paolo D'Avino /

Die Ausbildung von Jugendlichen hat in der Schweiz eine lange Tradition. Das duale Bildungssystem ist eine ihrer Stärken. 
Doch der Aufwand, um an die richtigen jungen Menschen zu kommen, ist gross, wie die Beispiele der Hälg Group und Pestalozzi-Gruppe zeigen.

Sie heissen Jalina, Levin und Halilcan, und eines verbindet die drei jungen Menschen: eine Lehre bei der Hälg Group. 2018 war Jalina Rublis Jahr. Zuerst hat sie die Lehrabschlussprüfung (LAP) als Gebäudetechnikplanerin Lüftung mit Bravour bestanden, kurz darauf ist sie an den Schweizer Meisterschaften SwissSkills 2018 zur drittbesten Gebäudetechnikplanerin mit Fachrichtung Lüftung schweizweit gekürt worden.

Oder Levin Schneider, der nach dem ersten Lehrabschluss eine Zusatzlehre absolviert. «Ich bin Gebäudetechnikplaner, Fachrichtung Lüftung, in der Zusatzlehre habe ich die Fachrichtung Sanitär gewählt», mit dem er sich ein breiteres Wissen und mehr Chancen auf dem Arbeitsmarkt erhofft, wie es im Blog der Hälg Group heisst. Und auch Halilcan Cetin gehört zum Kreis der Lernenden beim St. Galler Familienunternehmen, der im Unterschied zu Jalina und Levin im dritten Lehrjahr noch mitten in der Ausbildung als Gebäudetechnikplaner EFZ Lüftung steht.

Auf Fachkräfte angewiesen

Jalina, Levin und Halilcan stehen stellvertretend für das Credo der Hälg Group, in den Nachwuchs zu investieren. Die Gruppe bietet pro Jahr zwischen 30 und 40 Lehrstellen an 23 Standorten in der Schweiz in verschiedenen Bereichen der Gebäudetechnik an. «Eine immense Arbeit und Systematik, die hinter diesem Einsatz steckt und keine Selbstverständlichkeit», sagt Sandro Toma, Leiter Human Resources bei der Hälg Group. Die Ausbildung habe eine lange Tradition. 2017 wurde Roger Baumer, Mitinhaber und Group CEO, von der Hans Huber Stiftung  für seine Verdienste zur Förderung der Berufsbildung in der Gebäudetechnik-Branche für den Anerkennungspreis nominiert. Wolle man als Unternehmen 
und Gruppe vorankommen, sei man auf Fachpersonal angewiesen. «Wir bilden heute unsere Fachleute von morgen aus», betont Sandro Toma.

Wie ernst es dem Familienunternehmen mit der Ausbildung von jungen Fachkräften ist, zeigt zum einen, dass eine 80-Prozent-Stelle 
für die Berufsbildung geschaffen wurde. «Diese Funktion war bisher eine Teilaufgabe. Diese zentrale Stelle am Hauptsitz in St. Gallen koordiniert sämtliche Aufgaben in der Berufsbildung», sagt Toma und erwähnt, dass die grosse Aufgabe draussen in den Regionen und Niederlassungen, bei den vielen Berufsbildnern vor Ort ebenso oder noch entscheidender seien,da die Berufsbildner näher bei den Lernenden sind.

Nichts dem Zufall überlassen

Zum anderen richtet sich der Betrieb strategisch in der Berufsbildung neu aus. Man will nichts dem Zufall überlassen. «Vor einem Jahr haben wir mit Lego, so der Name der internen Arbeitsgruppe, in verschiedenen Workshops ein neues Berufsbildungskonzept erarbeitet.» Zehn Prozent des Personalbestands sollen Lernende sein, so das Ziel der Gruppe. Um dieses Ziel zu erreichen, sind klare Vorgaben unerlässlich. «Ein Konzept von den Lernenden für die Lernenden», beschreibt Toma den Plan, bei dem gemeinsam mit Berufs- und Praxisbildnern, den Lernenden, der Geschäftsleitung und dem Personalverantwortlichen eine Strategie und Massnahmen definiert wurden, die nun nach und nach umgesetzt werden.

Phänomen Zeitdruck

Gemäss Sandro Toma war es ein fruchtbarer Prozess, und die neu geschaffene Stelle nur eine von vielen Massnahmen. «Wir haben auf unseren Stärken aufgebaut, analysiert, was in der Ausbildung zu verbessern ist, und schonungslos unsere Schwächen erörtert.» Gemäss Toma braucht die Hälg Group kreative 
und motivierte Mitarbeitende, die etwas leisten wollen. «Entsprechend ist es uns wichtig, uns als  Arbeitgeberin bei den Jungen Fachkräften von morgen zu positionieren.»  Die Workshops hätten deutlich aufgezeigt, an welchen Stellen anzusetzen sei. Sowohl organisatorisch als auch inhaltlich, um den Erwartungen neuer Lernenden gerecht zu werden.

Diese Erwartungen und Bedürfnisse ändern sich laufend. «Somit ist dies ein iterativer Prozess, welcher ein laufender Dialog mit den jungen Menschen und Berufsbildner voraussetzt.» Konkrete Massnahmen habe man bereits umgesetzt, doch in den vielen Gesprächen habe man gemerkt, dass der Schuh auch an anderen Stellen drückt. Beim Zeitdruck beispielsweise. Diesen bekommen die Lernenden in voller Wucht zu spüren. «Das Phänomen triggert stark», was sich unter anderem auf die Betreuung der jungen Leute auswirken kann. «Die Berufsbildung ist mit grossem Engagement verbunden und es ist entscheidend, dass hierfür die notwendige Zeit genommen werden kann. Es muss daher darauf geachtet werden, dass die Qualität der Berufsbildung unter dem Druck aufrecht gehalten wird», versichert Toma.

Strategische Neuausrichtung

Die Erkenntnisse der Arbeitsgruppe Lego mündeten in drei strategische Ansätze, die nun etappenweise umgesetzt werden. So will man bei der Rekrutierung noch genauer hinhören, ob die Jugendlichen die Ausbildung wirklich machen wollen, erklärt Toma. Die Zahl an Lehrabbrüchen war Hinweis genug. Erst die Analyse deckte die wahren Beweggründe dieser Abbrüche auf. Man müsse bei der Rekrutierung noch besser darauf schauen, dass es für den Lernenden die richtige Berufswahl ist. «Wir möchten sicherstellen, dass sich die Lernenden ausreichend mit 
der Berufswahl auseinandersetzen. Dies müssen wir bei der Rekrutierung stärker prüfen.» Lehrabbrüche könne man nicht ausschliessen, denn diese haben immer auch mit der individuellen Entwicklung der Lernenden zu tun. Zweitens seien 
die Eltern besser und früher in den Entscheidungsprozess einzubeziehen. Hier gehe es darum , uns bei jungen Menschen besser zu positionieren.  Eltern würden in einer Phase der Orientierung eine entscheidende Rolle spielen. «Wir versuchen nun, dieser Zielgruppe besser gerecht zu werden, indem wir auf unserer Website separate Beiträge für Eltern hinterlegt haben, auf denen sie sich über die Ausbildung informieren können.»

Lohn alleine machts nicht aus

Die Hälg Group will und muss sich als Arbeitgeberin und Ausbildungsstätte positionieren, das heisst für den Personalverantwortlichen nicht das aufnehmen, was wir als Unternehmen toll finden, sondern die Perspektive einnehmen, die für die Lernenden gut ist. «Verstehen, was sich die Lernenden wünschen und was 
sie von uns als Ausbildungsbetrieb erwarten», heisst die Devise in der Hälg Group. Die Workshops brachten viele Punkte zum Vorschein, welche direkt oder indirekt die Attraktivität des Lernberufs oder des Arbeitgebers tangieren. «Lohnanpassungen und verbesserte Anstellungsbedingungen alleine», so Toma, «machen den Arbeitgeber nicht 
per se attraktiver.» Auch andere Faktoren, oft weiche und soziale, seien heutzutage für die Lernenden ebenso wichtig.

So lässt sich der dritte strategische Ansatz der Neuausrichtung in der Berufsbildung zusammenfassen. Es gehe dabei um Fragen, wie Lernende den Umgang mit Vorgesetzten und Mitarbeitenden oder das Arbeitsklima im Betrieb wahrnehmen. Das sind heute für Jugendliche wichtige Fragen, von denen sie sich 
in ihrem Entscheidungsprozess leiten lassen. «Diese müssen stimmen», und «jede Erkenntnis aus den Workshops half uns, uns in der Kommunikation oder Organisation zu positionieren.» So zum Beispiel im dreitägigen Lehrlingscamp. «In diesem legen wir Wert darauf, Lernende aus der ganzen Schweiz während mehrerer Tage im Unternehmen ankommen zu lassen.» Das fördere den sprachlichen und kulturellen Austausch, sagt Toma, und ergänzt, dass die Lernenden neben Informationen direkt vom CEO zum Unternehmen auch zu Themen wie die Arbeitssicherheit instruiert werden. «Ausserdem haben wir eine Person von der betrieblichen Sozialberatung bei uns, welche die Lernenden in Themen wie Suchtprävention, Finanzberatung und Arbeitsgestaltung sensibilisiert.»

Förderung der Berufslehre

Auch die Pestalozzi-Gruppe setzt sich für die Lernberufe ein. Vor über 30 Jahren hat sie den «Pestalozzi Stiftepriis» lanciert. Der Preis wird in den vier Sparten Gebäudehülle, Metallverarbeitung, Metallbau 
und Haustechnik vergeben. «Pestalozzi möchte mit dem Preis einen aktiven Beitrag zur Förderung der Berufslehre und zur Sicherung eines attraktiven Bildungs- und Karriereangebots leisten», erklärt Patrizia Manduca, Ausbildungsverantwortliche beim Unternehmen aus Dietikon, das pro Jahr rund 20 Lernende in den Bereichen Logistik, Informatik, Kauffrau und Strassentransportfachfrau ausbildet. Um das Image der Berufslehre zu stärken und auch in Zukunft Arbeitskräfte auszubilden, brauche es motivierte und leistungsstarke Jugendliche. An der Ausgabe 2018 des «Pestalozzi Stiftepriis» nahmen rund 150 Lernende teil, und der Event sei eine Gelegenheit für die Lehrabgänger und Lehrabgängerinnen, sich auszutauschen und erste Kontakte für 
die Karriere zu knüpfen. «Der Preis ist ein Bonus im Bewerbungsprozess», ergänzt Patrizia Manduca.

Mund-zu-Mund-Werbung

Den idealen Lernenden gibt es auch bei Pestalozzi nicht. Die Rekrutierung ist gemäss der Ausbildungsverantwortlichen schwieriger geworden, und jedes Jahr genügend junge Menschen zu finden, sei für das 250-jährige Familienunternehmen eine grosse Herausforderung. «Die junge Generation muss die Sinnhaftigkeit in ihrer Arbeit erkennen, damit sie motiviert ist. Vielleicht etwas anstrengend für 
die ältere Generation, doch die jungen Menschen bringen frischen Wind und Innovationskraft in die Unternehmen», meint Patrizia Manduca. Dabei sei eine gute Arbeitsatmosphäre im Betrieb enorm wichtig. Das mache bei Jugendlichen die Runde.

Ein wichtiger Faktor, denn oft gelangen Bewerber durch Mund-zu-Mund-Werbung zu uns. «Wir beschäftigen heute viele ehemals Lernende.» Dies beeindrucke die Bewerber und Bewerberinnen. «Doch wir müssen am Ball bleiben, der Wettbewerb um starke junge Leute ist gross», sagt die Ausbildungsverantwortliche. Beim Rekrutieren helfe zudem eine grosse Portion Kreativität. «Wir gehen in Schulhäuser oder an Stellenbörsen, um den Schülerinnen und Schüler die Berufe näherzubringen, ihnen Mut zu machen und ihnen Tipps und Tricks mitzugeben, denn Lehrverträge werden immer früher angeboten.» Das heisst, die Jugendlichen sind zum Zeitpunkt des Vertragsangebots noch sehr jung und wissen je nach dem noch nicht, welchen Beruf sie ausüben wollen.

Auf den Leib geschnitten

Jalina Rubli blickt auf vier Lehrjahre zurück. Die Lehre als Gebäudetechnikplanerin Lüftung war ihr auf den Leib geschnitten. «Mir liegen das Technische und die mathematischen Fächer. Ausserdem hat mir schon beim Schnuppern gefallen, dass man in wechselnden Teams zusammenarbeitet und mit verschiedenen Partnern das gleiche Ziel verfolgt. Auch fand ich spannend, dass es kein reiner Bürojob war und man auf die Baustelle durfte.» Levin Schneider schafft sich mit der Zusatzlehre entscheidende Vorteile. «In der Zusatzlehre ist der Fokus auf der Praxis und es gibt weniger Theorie. Ich kann mir zudem breiteres Wissen aneignen und meine Möglichkeiten sind grösser. Das hilft mir, da ich 
später gerne als Projektleiter arbeiten möchte.» Und Halilcan Cetin sagt, dass ihm die Berufswahl nicht schwer fiel. «Mein Bruder hat Elektroplaner gelernt und ich wollte nicht das Gleiche lernen. Ich zeichne gerne in 3-D, deshalb habe ich mich für den Zeichner Fachrichtung Architektur interessiert. Gebäudetechnikplaner war mir damals unbekannt. Über eine Plattform konnte ich mehr über diesen Beruf erfahren.»

Gut investiertes Geld

Vor ein paar Jahren drückten alle noch die Schulbank. Heute stecken die ehemals Lernenden mitten im Berufsleben. Im besten Falle im Lehrbetrieb. Doch die Rekrutierung von jungen und motivierten Arbeitskräften sei schwierig geworden, auch aus Imagegründen, wie Manduca und Toma betonen. Wieso das Handwerk oder Montageberufe so 
schlecht bei den Jugendlichen ankommen, können beide sich nur mit der mangelnden Attraktivität des Handwerks und mit der gesellschaftlichen Tendenz der Akademisierung erklären. Es sind Vermutungen, wie beide präzisieren. «Einen Beruf in der Gebäudetechnik zu erlernen, muss wieder cool werden», ergänzt Toma. Er versucht Brücken zu schlagen, in dem er unter anderem den Dialog mit den Eltern forcieren will. «Bei der Berufswahl spielt das familiäre Umfeld eine entscheidende Rolle.» Die Branche ist gefordert, will man den Zug nicht verpassen. Sowohl für Sandro Toma wie auch für Patrizia Manduca ist klar, dass sich jeder Franken lohnt, der in die Ausbildung von jungen Fachkräften gesteckt wird. «Die Lernenden stärken unser Unternehmen», zeigt sich Manduca überzeugt.