Haustech 6/2017

Sonnige Aussichten für Mieter

Der bekannte Berner Rapper Greis sicherte sich die allerersten Quadratmeter Solarstrom. (Foto: Sunraising)
Wollen hoch hinaus: Die Gründer von Sunraising, Matthias Egli und Melanie Mettler. (Foto: Sunraising)
Paolo D'Avino /

Crowdfunding wird heute vor allem für Kulturprojekte, Start-ups oder Hilfswerke eingesetzt. Doch das digitale Sammeln von Geld kann auch für die Finanzierung von Photovoltaik-Anlagen eingesetzt werden, wie ein Projekt aus Bern zeigt.

Melanie Mettler und Matthias Egli wollen hoch hinaus. Und beide haben Visionen; eine ökologische und eine soziale. Sie träumen davon, den Bezug von Solarstrom zu ermöglichen und diesen in der Bundeshauptstadt zu etablieren. «In den nächsten drei Jahren sollen in Bern 10 000 Quadratmeter neue Dachflächen mit Photovoltaik-Anlagen entstehen», konkretisiert Melanie Mettler, CoInitiantin von Sunraising, im Gespräch die Idee. Zielgruppe sind vor allem Mieterinnen und Mieter, die bisher keinen Zugriff auf bebaubare Dachflächen und bisher keine Möglichkeit hatten, in Solaranlagen zu investieren. Das Projekt «Sunraising» will diese Lücke schliessen. Ein sehr ambitioniertes Ziel für den Umweltingenieur und die promovierte Anglistin und Philosophin. «Handeln statt nur darüber reden» war ihre Motivation. Gesagt, getan. Sie gründeten den Verein Sunraising und entwickelten ihre Idee. Seit zwei Jahren arbeiten sie nunmehr an der Realisierung ihrer Visionen.

350 Franken für 20 Jahre

Neu ist die Idee nicht, doch was bisher nur im privaten Bereich bei Eigenheimbesitzern funktionierte, soll möglichst vielen Menschen in der Stadt Bern im grossen Stil zur Verfügung stehen. «Sobald die komplette Fläche eines Daches verkauft ist, realisieren wir die Anlage und produzieren Strom», erklärt Mettler. Pro Quadratmeter und Jahr bekommen die Anteilseigner 110 Kilowattstunden Solarstrom gutgeschrieben. «Für eine Person reichen damit bereits vier Quadratmeter, um ihre persönliche Energiewende umzusetzen», betont Mettler. «2016, am 21. Juni genau, haben wir unsere erste Anlage eingeweiht.» Die Anlage steht auf dem Dach eines Gebäudes im Lorrainequartier, und auf einer Fläche von 80 Quadratmetern erzeugt die Anlage rund 11 000 Kilowattstunden Strom pro Jahr.

Die Quadratmeter der Anlage in der Lorraine seien im Nu vergeben gewesen. «Als Botschafter diente der bekannte Berner Rapper Greis, der sich die allerersten paar Quadratmeter gesichert hat», sagt Mettler, um im gleichen Atemzug zu erklären, wie das System Sunraising funktioniert. «Für einen einmaligen Betrag von 350 Franken können sich Interessierte einen Quadratmeter Solarfläche sichern und erhalten für 20 Jahre 110 Kilowattstunden Strom pro Jahr direkt auf die Stromrechnung gutgeschrieben.» Die Menge Strom entspreche rund zehn Prozent des Jahresverbrauchs einer Person, ergänzt Mettler. Unterdessen sind es rund 150 Personen, die am Gemeinschaftsprojekt teilnehmen. «Die Spanne der Personen reicht von solchen, die nur einen Quadratmeter kaufen, bis zu Personen, die sich 20 Quadratmeter leisten», erklärt Mettler.

Teil des Ganzen

Crowdfunding, das Spendensammeln im Internet, kennt man in der Schweiz vor allem, um Kulturprojekte, Start-ups oder Hilfswerke zu finanzieren. Nun haben Melanie Mettler und Matthias Egli das Crowdfunding auch für den Bezug von Solarstrom eingerichtet. «Bewusst», betont Mettler, denn diese Finanzierungsform habe Integrationskraft. Geld im Internet zu sammeln habe viele Optionen, meint Mettler, doch eine liege den Initianten besonders am Herzen: «Die Bezüger sollen erfahren, wo und wie viel Strom sie beziehen.»

Sunraising verfolge mit seinem Projekt weniger materielle und quantitative, sondern in erster Linie qualitative Ziele. Im Social Web entwickeln sich Netzwerke, in denen Gemeinsamkeiten die Zusammengehörigkeit stärken. Geldgeber und Geldgeberinnen werden an das Projekt gebunden – nicht über einen materiellen Gewinn, sondern auch über ideelle Werte. «Wir arbeiten alle ehrenamtlich, und gleichzeitig möchten wir mit dem Produkt bei den Menschen ein Bewusstsein für Energie schaffen», so Mettler. Sie ist überzeugt, dass sich die meisten Menschen kaum darüber Gedanken machen, woher und wie viel Energie sie beziehen. «Geschweige denn, wie viel sie für Energie bezahlen.»

Inspiriert wurden Mettler und Egli, als sie von einem ähnlichen Beteiligungsmodell der Elektrizitätswerke Zürich (EWZ) erfuhren. «Innert Stunden waren die ersten Flächen auf dem Schulhaus Buchlern in Zürich verkauft», sagt Mettler. «Das machte uns stutzig, zeigte gleichzeitig, dass es einen Bedarf gibt und eine Nachfrage vorhanden ist.» Inzwischen konnten die EWZ in der Stadt Zürich über 1000 Kundinnen und Kunden an Photovoltaik-Anlagen beteiligen.

Auf Partner angewiesen

So weit ist Sunraising noch nicht. Bis jetzt sind rund 600 Quadratmeter Fläche verbaut. Doch ohne Partner wäre das Projekt nicht zu Stande gekommen, räumt Mettler ein. «Dank der Zusammenarbeit mit Immobilien Stadt Bern und Energie Wasser Bern (EWB) und deren Unterstützung ist das Projekt in dieser Form erst ermöglicht worden», sagt Mettler. Immobilien Stadt Bern stellt die Dächer ihrer Liegenschaften fast kostenlos zur Verfügung, und EWB hilft mit der technischen Abwicklung der Stromverrechnung. Für den Energieversorger der Stadt war klar, dass man sich am Projekt beteiligen werde, meint Fabian Baerlocher, Leiter Gesamtenergie-Dienstleistungen von EWB.

«Die Strategie von Energie Wasser Bern sieht vor, erneuerbare Energien zu fördern, speziell auch Sonnenenergie in der Stadt Bern. Aus diesem Grund war das Interesse gross, diese Initiative zu unterstützen, als sie uns vorgestellt wurde. Zudem begrüssen wir es, wenn unsere Kunden eigenverantwortlich handeln.»

Energie Wasser Bern erhofft sich mit dem Engagement, dass neben den eigenen Aktivitäten viele weitere PV-Anlagen in der Stadt Bern realisiert werden können, damit möglichst viele Kunden von Strom von den Dächern Berns profitieren. So oder so sei der Markt im Wandel, und das Projekt Sunraising beweise, dass die Idee den Nerv der Zeit treffe. «Mit dezentralen Produktionstechnologien wird in Zukunft vermehrt auch von Privaten entsprechend Strom erzeugt», meint Baerlocher. Das städtische Querverbundunternehmen unterstütze dieses Vorhaben, und als Gesamtenergiespezialist biete man gerne kompetente Gesamtlösungen an.

Auf den Dächern Berns

Sunraising spielt auch der Stadt in die Hände. Aus zwei Gründen, wie Elsi Hischier, Teamleiterin Nachhaltiges Immobilienmanagement bei Immobilien Stadt Bern, bestätigt. Erstens decken sich die Ziele des nachhaltigen Immobilienmanagements mehrheitlich mit den Zielen des Vereins Sunraising. «Immobilien Stadt Bern erstellt bei jeder Gesamtsanierung und jedem Neubau seit Jahren verbindliche Machbarkeitsabklärungen zum Einsatz von erneuerbaren Energien», sagt Hischier. Zweitens kann die Stadt Bern mit der Kooperation mit Sunraising den Ausbau von erneuerbaren Energien antreiben. «Der Vorteil der Idee des Vereins Sunraising ist der, dass auch Menschen ohne Wohneigentum mit einer einmaligen Zahlung 20 Jahre lang den Solarstromertrag direkt auf ihrer Stromrechnung gutgeschrieben erhalten.»

Aufmerksam geworden sei man auf das Projekt über eine Bürgerinitiative, und gemäss Hischier kristallisierte sich bereits in den ersten Gesprächen eine Zusammenarbeit heraus. Das Flächenpotenzial schätzt die Immobilienfachfrau bei etwa 70 000 Quadratmetern. «Ein Drittel der Dachflächen gehören zu Wohn-, Geschäftsliegenschaften und Landwirtschaft, die der Stadt Bern gehören.» Zwei Drittel des Potenzials umfassen Liegenschaften des Verwaltungsvermögens wie beispielsweise Verwaltungsgebäude oder Schul- und Sportanlagen. Allerdings würden sich nicht alle Dächer für die Installation einer Photovoltaik-Anlage eignen, räumt Hischier ein. «Viele unserer Liegenschaften haben eine schwierige Dachlandschaft mit Lukarnen oder Liftaufbauten.»

Kampagne 2017 geplant

Aus wirtschaftlichen Gründen rechnen sich für EWB nur Dachflächen über 300 Quadratmetern. «Unser Modell bewirtschaftet genau die Grösse zwischen 100 und 300 Quadratmetern», sagt Mettler. Eine Win-win-Situation für alle Beteiligten. Für die Immobilienbewirtschaftung der städtischen Liegenschaften, die zwar die Fläche zu minimalen Baurechtskosten  zur Verfügung stellt, doch mit Sunraising ihren Umweltauftrag erfüllen, wie auch für die EWB, die ihren Kundenstamm erweitern kann. «Die Community finanziert die Installations- und Betriebskosten der Photovoltaik-Anlage, und EWB schreibt den Sunraiserinnen und Sunraisern den bezogenen Strom von den Dächern Berns gut», erklärt Baerlocher von EWB.

Die Projekte, die Sunraising realisiert, werden vom Verein selber geplant, gebaut, finanziert und betrieben. «Unser Beitrag liegt darin, dass wir die Stromflüsse und die Weiterverrechnung an die Kunden übernehmen. Dies hatte einige Anpassungen am Verrechnungssystem zur Folge. Ob diese Form Schule machen könnte, kann Mettler nicht beurteilen. Ihr Blick schweift auf das Dach des Hotels Schweizerhof beim Bahnhof. «Die durchschnittliche Nutzung pro Dach beträgt rund 100 Quadratmeter», sagt Mettler, und auf die Frage, ob dies ein neues Dach für ihr Projekt sein könnte, antwortet sie: «Nicht jedes Dach eignet sich für eine Photovoltaik-Anlage. Vor allem Dächer von Häusern nicht, die unter Denkmalschutz stehen. Zudem reduzieren die vielen Dachlukarnen die Nutzungsfläche einer PV-Anlage.»

Noch ist Sunraising viele Quadratmeter von ihrem Traum entfernt. Und doch: Sie meinen es ernst. Für 2017 ist eine Kampagne geplant, für die der Verein erstmals eine Person in einem Pensum von 20 Prozent anstellt, um mit zahlreichen Aktivitäten in den Quartieren das Projekt zu bewerben. Die städtischen Dächer weisen ein enormes Potenzial aus. Der Traum der Solaranlage auf dem Dach ist für die Initianten Mettler und Egli noch lange nicht ausgeträumt. Im Gegenteil. Es gehe erst richtig los, meint Mettler.