Haustech 12/2016

Solarthermie verliert Marktanteile

Solarthermische Anlage auf dem Dach eines Mehrfamilienhauses an der Ernastrasse in Zürich. (Foto: Soltop Schuppisser)
Kombianlage mit Solarthermie für Wärmeversorgung und PV für Stromerzeugung. (Grafik: Soltop Schuppisser)
Ueli Frei, Geschäftsführer der Soltop Schuppisser AG in Elgg, ZH. (Foto: Soltop Schuppisser)
Antonio Suárez /

Obwohl Sonnenkollektoren sehr hohe Wirkungsgrade erzielen, verliert die Solarthermie immer mehr Terrain, während die Photovoltaik weiter wächst. Letztes Jahr kam es zu einem istorischen Wachstumseinbruch von 17 Prozent. Interessenverbände und Hersteller fordern deshalb mehr Engagement der Kantone.

Nach Angaben des Schweizerischen Fachverbands für Sonnenenergie (Swissolar) erwirtschaftet die schweizerische Solarwärmebranche einen Jahresumsatz von rund 150 Millionen Franken. Wie aus der  Markterhebung Sonnenenergie 2015 hervorgeht, die vom Branchenverband im Auftrag des  Bundesamts für Energie erarbeitet wurde, verzeichneten insbesondere die verglasten Flachkollektoren einen Rückgang von 23 Prozent. Demgegenüber registrierten Röhren- sowie unverglaste Kollektoren leichte Zuwächse.

Alles in allem aber reduzierte sich im Jahr 2015 in der Schweiz das Marktwachstum bei den thermischen Kollektoren im Vergleich zum Vorjahr um 17 Prozent. Wurden 2014 noch fast 9000 thermische Solaranlagen in der Schweiz erstellt, waren es 2015 nur noch 6700. Die nationale  Entwicklung korreliert mit dem allgemeinen Trend auf dem europäischen Markt. Nach einem Höhepunkt im Jahr 2008 schrumpften die Verkaufszahlen kontinuierlich.

Hauptfaktoren für den Rückgang sind die tiefen Gaspreise, der schwierige Zugang der Konsumenten  zur Finanzierung, die träge Entwicklung des Bausektors, der scharfe Wettbewerb mit alternativen  Energiequellen sowie der Rückgang der öffentlichen Förderung. So steht es im 2015 publizierten Trend- und Marktstatistikbericht des Europäischen Verbands der Solarthermischen Industrie (ESTIF).

Schwieriges Marktumfeld

Schweizer Anbieter und Hersteller bestätigen diese Entwicklung. Ueli Frei, Geschäftsführer der Soltop Schuppisser AG in Elgg, ZH, ist unzufrieden. «Zurzeit haben wir ein sehr schwieriges Marktumfeld. Insbesondere bei den Einfamilienhäusern verzeichnen wir einen deutlichen Rückgang. Hier betrug der Rückstand gegenüber dem Vorjahr zwischen 10 und 15 Prozent. Dasselbe geschah bereits im Jahr davor. Das ist durchaus signifikant», bemerkt er.

Das Besondere an der Entwicklung ist die Tendenz zu Mehrfamilienhäusern. In diesem  Gebäudesegment hat die Solarthermie ein stärkeres Wachstumspotenzial, weil sie hier kompetitiver ist. In Einfamilienhäusern dagegen dominieren die Wärmepumpen. Auch diese Tendenz wird vom  Soltop-Chef bestätigt, der einen leicht positiven Trend bei grösseren Systemen für Mehrfamilienhäuser, Hotels und Sportzentren ausmacht. Diese Entwicklung kompensiere zwar zu einem gewissen Teil den Verlust bei den Einfamilienhäusern, räumt er ein. «Doch alles in allem bleiben wir weiterhin in einer  sehr schwierigen Situation.»

Soltop ist Hersteller und Lieferant solartechnischer Komponenten. Die schweizweit tätige Firma ist  spezialisiert auf die Herstellung thermischer Flachkollektoren. Besonders gefragt sind dachintegrierte Systeme. Im Fachwerk in Elgg werden die Kollektoren gefertigt und komplett assembliert. Dazu verwendet das Unternehmen spezialisierte Fertigungsmaschinen wie zum Beispiel  Laserschweissanlagen oder Rohrbiegemaschinen. Ueli Frei hat die Geschäftsführung im Herbst 2015 übernommen. Er gehört zu den Solartechnikexperten der ersten Stunde. Bereits seit 1981 ist er in der Branche tätig und gründete das renommierte Institut für Solartechnik an der Hochschule für Technik  Rapperswil, das er 23 Jahre betrieb, bevor er in die Industrie wechselte.

Kleine Förderung – grosser Effekt

Angesprochen auf die Probleme der Branche, schwenkt Solarfachmann Frei augenblicklich auf das  Thema der öffentlichen Förderung. Seiner Meinung nach ist diese im Vergleich zur Photovoltaik relativ  bescheiden. Teilweise seien die Politiker nicht genug informiert, bemängelt er. Es brauche zwar nicht unbedingt höhere Beiträge, doch sollte die Solarthermie zumindest politisch konsequent, langfristig und schweizweit gefördert werden. Besonders verärgert zeigt sich der Solartechniker über die Entscheidung des Zürcher Regierungsrats, der die Förderung für solche Systeme ab 2017 unterbrochen hat. «Dadurch kriegen wir Probleme, weil der Kanton Zürich – notabene unser Standortkanton – einen wichtigen Markt darstellt.»

Ueli Frei ist entrüstet über Baudirektor Markus Kägi von der Schweizerischen Volkspartei. «Der  Regierungsrat beschloss, die Förderung insbesondere der solarthermischen Anlagen einzustellen. Und zwar sehr abrupt. Obwohl es sich um ein längerfristiges Programm handelt, will er ein paar wenige  Millionenbeträge einsparen. » Was er aber nicht bedenke, sei, dass mit einer sehr kleinen Förderung  sehr viel bewirkt werden könne. Trotz des kleinen Zuschusses werde ein grosses Erstellungsvolumen realisiert, das die Förderung mindestens um den Faktor vier übertreffe, so der Soltop-Geschäftsführer.

Es handelt sich um kantonale Beiträge, die im Rahmen des Förderprogramms für energetische  Gebäudemodernisierungen und Nutzung erneuerbarer Energien und Abwärme an die Bauherren ausbezahlt werden. Die Laufzeit beträgt vier Jahre und hätte ursprünglich bis Ende 2017 dauern sollen. Die Förderung basiert auf dem Harmonisierten Fördermodell der Kantone und wird über die CO2-Teilzweckbindung finanziert. Der Minimalfördersatz sieht einen Grundbeitrag von 1200 Franken  pro Anlage vor, ergänzt durch flächenabhängige Zusatzbeiträge von rund 150 Franken pro  Quadratmeter Absorberfläche.

«Wir reden hier über einen sehr bescheidenen Anreiz, eine kleine Förderung, jedoch mit einem grossen Effekt», schildert Frei. Denn es sei für den Bauherrn von entscheidender Signalwirkung, wenn der  Kanton Fördergelder ausrichte. «Wenn jedoch die Förderung gestoppt wird, dann hat dies einen negativen Effekt.» Ueli Freis Klage gegen die kantonale Förderpolitik verknüpft er mit einem Postulat: «Ich bin der Meinung, dass man mittelfristig wieder verstärkt auf Solarthermie setzen sollte. Denn sie verfügt über sehr breite Anwendungsmöglichkeiten.»

Wie im Schlussbericht zum Harmonisierten Fördermodell der Kantone des Bundesamts für Energie und der Konferenz Kantonaler Energiefachstellen vom August 2015 heisst, können keine verlässlichen  Aussagen zum kausalen Zusammenhang zwischen Förder- und Marktvolumen im Solar-Dachkollektormarkt gemacht werden. Für diesen Sektor existierten keine empirischen Grundlagen.

Der stärkste Anstieg der verkauften Kollektorflächen fiel allerdings just in jene Periode, in der die  Förderung am stärksten anstieg, nämlich in diejenige von 2005 bis 2009. 2010 wurde rund die Hälfte  der installierten Solarkollektoren gefördert. Das unabhängige Forschungsinstitut Infras geht von einem pauschalen Mitnahmeeffekt von 20 Prozent aus. Das heisst, dass nur jede fünfte geförderte  Solarkollektoranlage auch ohne Förderung installiert worden wäre. Diese Annahme spricht für eine sehr starke Förderwirkung.

Breite Anwendungsmöglichkeiten

Hauptanwendung solarthermischer Anlagen ist und bleibt die Erwärmung des Brauchwarmwassers.  Doch auch für die Heizunterstützung seien thermische Solaranlagen geeignet, erläutert Frei, besonders bei kleinen bis mittleren Deckungsgraden. Kunden seien aber immer wieder auch an sehr hohen Deckungsgraden interessiert, was dann mit grossen Speichervolumina realisiert werden müsse. In diesen Fällen müsse der Platzbedarf des Speichers und der Energiebedarf des Gebäudes vorgängig abgeklärt werden.

Bei den kleinen heizungsunterstützenden Anlagen gehe es in erster Linie um einen hohen Brauchwarmwasserkomfort, erklärt der Solartechnikexperte. «Es handelt sich um Anlagen, die von März bis Oktober praktisch die gesamte Wärme des Gebäudes liefern. Im Winter, wenn weniger Strahlung  vorhanden ist, kann man ein Zusatzsystem einsetzen, beispielsweise eine Wärmepumpe, die man dann im Sommer komplett abschalten kann.» Frei selbst betreibt seit dreissig Jahren eine  heizungsunterstützende Solaranlage, die sich in der Zwischenzeit bereits dreimal amortisiert hat.

Keine Patentlösung

Manche stellen bei der Erneuerung des Energie- und Wärmesystems die Grundsatzfrage: Photovoltaik oder Solarthermie? Hier gelte es, von Fall zu Fall zu entscheiden, befindet Frei. «Wenn ich einen  Kunden berate, mache ich mir zuerst ein Bild von seinen Bedürfnissen. Es spielt nämlich eine Rolle, ob  er beispielsweise ein Elektrofahrzeug hat. In diesem Fall würde sich Photovoltaik sehr anbieten. Dann  kommt es auf das vorhandene Heizsystem an. Hier geht es insbesondere um die Frage, ob es erneuert werden muss, ob eine Wärmepumpe oder eine Öl- oder Gasheizung im Einsatz ist. Wenn ein  Heizkessel relativ neu ist, kann man zum Beispiel mit einem einfachen thermischen System sehr viel erreichen. Es kommt immer darauf an, welche Zielsetzung der Kunde verfolgt und über welches Budget und welchen Zeithorizont er verfügt. Es gibt keine universelle Patentlösung. Man
muss immer die Randbedingungen sowie die Heizgewohnheiten der Bewohner berücksichtigen.»

Die Firma Soltop kombiniert Photovoltaik ziemlich oft mit Solarthermie. «Von allen Solardächern, die wir ausliefern, verfügen ungefähr 30 Prozent neben der Photovoltaik auch über eine thermisch integrierte Anlage», sagt Frei. Das sei ein Ansatz, der sich in der Praxis bewährt habe.

Kunden wollen Gegenwert

Welche Beweggründe haben Kunden, um eine solarthermische Anlage zu installieren? Ist die Schonung der Umwelt immer noch ein Thema? Hierauf entgegnet Frei: «Das ist sicher eines der Argumente. Doch war es vor einigen Jahren noch viel stärker.» Inzwischen spiele der finanzielle Aspekt eine mindestens ebenso gewichtige Rolle. «Es geht um die Frage, was mich die Energie im Endeffekt kostet. Dieser Faktor steht gerade bei mittleren und grösseren Objekten immer mehr im Vordergrund. Solarthermische Anlagen müssen sich gegenüber der Photovoltaik und den Wärmepumpen behaupten, vor allem in Bezug auf die Energie-Gestehungskosten.»

Hier könne man bei mittleren und grösseren Systemen durchaus mithalten, betont der Soltop-Geschäftsführer. «Bei Einfamilienhäusern ist der Endkunde zwar letztlich an einer umweltfreundlichen Lösung interessiert. Doch will er dafür auch einen Gegenwert. Er will langfristig über eine gute und günstige Energieversorgung verfügen. Er möchte auch seine Autarkie ausbauen, um weniger von den Energiepreisen und -lieferanten abhängig zu sein.»