Haustech 8/2018

«Sensibilisierung ist entscheidend»

Marc Mächler (48) ist seit Juni 2016 als Vertreter der Freisinnig-Demokratischen Partei (FDP) Mitglied des Regierungsrats des Kantons St. Gallen. Dort ist er Vorsteher des Baudepartements. Zuvor war er während 16 Jahren Mitglied des Kantonsrats. Am 28. Juni 2018 wurde Marc Mächler von den Mitgliedern des Vereins Minergie als Nachfolger von Heinz Tännler zum neuen Präsidenten gewählt. (Foto: Peter Frommenwiler)
Simon Eberhard /

Seit 20 Jahren ist Minergie das führende Label für nachhaltiges Bauen in der Schweiz. Marc Mächler hat dieses Jahr die Präsidentschaft des Vereins Minergie übernommen. Haustech unterhielt sich mit ihm über seine Ziele und Prioritäten – und darüber, was sein Verband mit Pfadfindern gemeinsam hat.

Herr Mächler, der Verein Minergie hat dieses Jahr sein 20-Jahr-Jubiläum feiern können. Wann sind Sie selbst das erste Mal mit dem Minergie-Standard in Berührung gekommen?

Das war vermutlich 2007, als ich mein Haus renovierte. Es stellte sich die Frage, ob der Umbau nach Minergie-Standard erfolgen solle. Damals habe ich leider davon abgesehen, hauptsächlich aus Kostenüberlegungen und weil es technisch zu anspruchsvoll gewesen wäre.

Nun, elf Jahre später, haben Sie das Amt des Präsidenten des Vereins Minergie Schweiz übernommen. Was hat Sie dazu bewogen?

Mich fasziniert, dass das private Label Minergie einen dermassen hohen Bekanntheitsgrad aufweist und es in den vergangenen 20 Jahren eine Million Nutzende hat gewinnen können. Dies ist weltweit wohl einzigartig. Es freut mich deshalb, auf diesem Erfolg aufzubauen. Es ist zudem ein freiwilliges Label und keines, das man staatlich aufgezwungen erhält, was mir als Liberalem natürlich zusagt.

Doch reichen freiwillige Massnahmen, um die ambitionierten Vorgaben der Energiestrategie 2050 umzusetzen?

Natürlich braucht es auch entsprechende Gesetze. Minergie ist ein Mittel, mit der diese Gesetze umgesetzt werden können. Auf Seite der Kantone sind wir uns unserer Verantwortung bewusst, es geht nun darum, die Mustervorschriften der Kantone im Energiebereich (MuKEn) umzusetzen.

Das ist jetzt gerade in Ihrem Kanton St. Gallen ein aktuelles Thema.

Richtig, wir haben im Juni 2018 die Umsetzung der MuKEn 2014 ins kantonale Gesetz in die Vernehmlassung gegeben. Mein Ziel ist, es 2019 im Kantonsrat in die Diskussion zu bringen, damit es auf den 1. Januar 2020 in Kraft treten kann. Gleichzeitig wollen wir unser Energiekonzept anpassen, das noch bis 2020 Gültigkeit hat. Der erste Eckstein davon wird in dem neuen VI. Nachtrag unseres Energiegesetzes verankert, nämlich der Anteil der erneuerbaren Energien, den wir erzielen wollen.

Die Energieartikel waren in anderen Kantonen umstritten. Was erwarten Sie von der bevorstehenden Debatte?

Die Erfahrungen aus anderen Kantonen haben gezeigt, dass auch im Kanton St. Gallen eine emotionale Diskussion zu erwarten ist. Eine Diskussion, bei der bewusst auch Falschmeldungen gestreut werden wie beispielsweise diejenige, die MuKEn beinhalte ein Technologieverbot, was schlichtweg nicht stimmt. Dies aufzuzeigen, wird eine meiner Aufgaben sein in dieser Debatte. Ich habe im Vorfeld schon Gespräche mit diversen Anspruchsgruppen geführt und schaue dieser Diskussion deshalb recht zuversichtlich entgegen. Aber natürlich: Sie wird hart, emotional und strittig werden.

Zurück zum Verein Minergie: Dieser hat eine schwierige Phase hinter sich. Welche Ziele und Prioritäten haben Sie sich als Präsident gesetzt?

Die schwierigste Phase dürfte überwunden sein, mein Vorgänger Heinz Tännler hat die Neupositionierung des Vereins aus meiner Sicht sehr erfolgreich aufgegleist. Darauf können wir nun aufbauen und an der Umsetzung arbeiten. Zentral in dieser Phase wird nun sein, zu konsolidieren und weiter zu wachsen, damit wir auch den Zielen der Energiestrategie 2050 gerecht werden. Ich bin überzeugt, dass wir mit Minergie über ein hervorragendes Instrument verfügen, um diesen Ansprüchen gerecht zu werden. Als eines von vielen Puzzleteilen natürlich.

Daneben gibt es ja noch weitere Labels für nachhaltiges Bauen wie beispielsweise GEAK oder SNBS. Sehen Sie das denn nun als Konkurrenz für Minergie?

Wir setzen eher auf die Zusammenarbeit. Ich behaupte, dass wir mit Abstand das bekannteste Label sind. Es wird eine Herausforderung sein, dies auch zu bleiben. Wir sind derzeit daran, aus einer strategischen Perspektive verschiedene Kooperationen zu prüfen. Mit einigen Labels arbeiten wir zudem bereits heute zusammen, beispielsweise mit eco-bau oder mit GEAK. Ebenfalls ist zu erwägen, ob es allenfalls sinnvoll ist, weitere Labels zu lancieren, beispielsweise im Bereich der Betriebsoptimierung. An solchen strategischen Fragen arbeiten wir derzeit.

Wenn Sie nun in die Zukunft schauen: Wird es in zehn oder 20 Jahren nur noch ein Label für nachhaltiges Bauen geben?

Ich gehe davon aus, dass es auch künftig mehrere Labels geben wird, wobei je nach Ansprüchen das eine oder eben das andere das geeignete ist. Als Verein Minergie ist es unsere Kernkompetenz, Effizienz mit Komfort und Werthaltigkeit zu verbinden. In diesen Bereichen das führende Label zu bleiben, muss unser Anspruch sein. Wenn es uns aber gelingt, andere Labels als Kooperationspartner einzubinden, dann kann ich mir durchaus vorstellen, dass Minergie auch so etwas wie eine «Pfadfinder-Funktion» übernehmen könnte. Also dass wir aufzeigen, welche Labels für die entsprechenden Bedürfnisse zur Anwendung kommen könnten. Das ist meine Vision: dass wir als Kompetenzstelle wahrgenommen werden, die verschiedenen Ansprüchen den Weg weisen kann.

Im Neubaubereich steht Minergie ja schon ziemlich gut da, hingegen harzt es im Sanierungsbereich. Wie wollen Sie diesen Zustand verbessern?

Soeben haben wir ein neues Produkt «Systemerneuerung» entwickelt. Es soll dem Gebäudebesitzer in fünf einfachen Varianten aufzeigen, wie er sein Haus energetisch modernisieren kann und damit auch einfach zu einem Energie-Zertifikat kommt. Dieses neue Produkt ist unsere Antwort auf die Herausforderung, den Minergie-Anteil im Modernisierungsbereich zu erhöhen. So wollen wir den Anteil Sanierungen nach Minergie-Standard von einem auf zwei Prozent erhöhen.

In diesem Zusammenhang sorgt das Thema Komfortlüftung immer wieder für Diskussionen. Wie stehen Sie dazu?

Ich komme ja sozusagen von aussen und vernehme die entsprechenden Diskussionen. Es ist sicherlich ein heikles Thema, insbesondere bei der Sanierung, und wir müssen schrittweise schauen, wie wir damit umgehen. Festzuhalten gilt, dass die Lüftung ein wesentlicher Bestandteil des Komforts ist. Minergie will Effizienz und Komfort miteinander verbinden, und da wird die Lüftung immer eine Rolle spielen.

Als Politiker werden Sie sicherlich häufig mit Wünschen und Forderungen konfrontiert. Wenn wir den Spiess nun umdrehen: Welche Wünsche hätten Sie an die Baubranche?

Auf der einen Seite wünsche ich mir, dass wir die Renovationstätigkeit und die Sanierungsquote steigern könnten. Wir haben einen teilweise recht alten Gebäudepark, da sind Sanierungen notwendig, auch damit diese Häuser energetischer werden. Die Investitionsrate muss deutlich erhöht werden. Zweitens sollten der Ökologie und der Effizienz auch beim Bauen mehr Beachtung geschenkt werden. Wir bauen teilweise heute noch Häuser, die diesem Aspekt nicht gerecht werden. Wenn die Gesellschaft und insbesondere die Bauindustrie hier sensibilisiert werden kann, bin ich überzeugt, dass wir auf dem richtigen Weg sind hinsichtlich der Energiestrategie, aber insbesondere auch hinsichtlich unserer Klimaziele.

Und wo muss da der Hebel angesetzt werden? Hebel von oben oder freiwillige Instrumente?

Ein Mix von beidem. In gewissen Bereichen müssen wir unsere Gesetze oder Verordnungen so anpassen, dass sie dem Stand der Technik entsprechen. Das ist die Zielsetzung der MuKEn 2014. Zweitens glaube ich auch, dass insbesondere wir als Kantone einen Auftrag haben, die Bevölkerung zu sensibilisieren. Und drittens müssen wir Projekte mittels Anschubfinanzierung realisierbar machen. Allerdings muss man sich auch bewusst sein, dass diese Unterstützung irgendwann zu Ende ist, nach aktuellen Vorstellungen des Bundes wird das 2025 der Fall sein.

Was dann?

Beim Kanton St. Gallen haben wir uns bereits Gedanken gemacht, wie es dann weitergehen wird. Dabei haben wir uns gefragt, mit welchen Massnahmen wir sicherstellen können, dass sich die Bevölkerung nachhaltig verhält und bereit ist, entsprechend zu investieren. Hier spielt eben die Sensibilisierung eine wichtige Rolle, denn oft gibt es auch falsche Vorstellungen. So haben viele das Gefühl, dass energetisch Sanieren sehr teuer sei. Dabei sind die Kosten nach wenigen Jahren meist schon wieder eingespielt durch die tieferen Betriebskosten. Solche Fakten müssen wir vermehrt aufzeigen.

Womit wir wieder bei Ihrem privaten Sanierungsprojekt von anno 2007 wären, das Sie eingangs erwähnt haben. Würden Sie also heute anders entscheiden?

Ja. Wenn ich damals gewusst hätte, was alles machbar ist, hätte ich mich für eine energetische Sanierung gemäss Minergie-Vorgaben entschieden. Genau hier lag auch das Problem der fehlenden Information: Vor zehn Jahren war ich zu wenig sensibilisiert, mit meinem heutigen Wissen hingegen bin ich überzeugt, dass ich damals eine Lösung gefunden hätte – und nächstes Mal eine finden werde, wenn dieses Thema wieder aktuell wird.