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«Nur eine Frage der Zeit»

Ladeinfrastruktur im bündnerischen Laax-Flims - Ladestation für Elektroautos im Parkhaus "Rocksresort". (Foto: Alpiq E-Mobility)
Eine Frage der Zeit: Ein Netz mit Schnelladestationen muss her, deren Ladezeit annähernd in die Nähe von den Tankzeiten bei Verbrennungsmotoren rückt. (Foto: E'Mobile)
Diego Dudli am Stromtanken zu Hause in seiner Tiefgarage. (Foto: zVg)
Kurze Ladestopps: Heute in ganz Europa verteilt - die Supercharger sind Stromtankstellen, die für das Schnelladen von Fahrzeugen der Marke Tesla gebaut wurden. (Foto: Diego Dudli)
Paolo D'Avino /

Die Zahl der Neuzulassungen von Elektrofahrzeugen ist 2015 gestiegen. Der Marktanteil auf Schweizer Strassen liegt jedoch bei erst rund einem Prozent. Bis sich die Elektromobilität durchsetzen wird, braucht es Infrastruktur, Investitionen und Zeit.

Elon Musk und sein Tesla sind die Lieblinge der Medien. Die Resonanz ist gross und wann immer über E-Fahrzeuge berichtet wird, taucht sein und der Name der Tesla-Modelle auf. So auch im Porträt in der NZZ vom 26. August 2016, in dem unter anderem beschrieben wird, wie ihn die Begeisterung für die Wissenschaft seit Kindesbeinen begleitet hat. Seit 2003 investiert er in das Unternehmen Tesla Motors, das sich von Beginn an auf die Produktion von Elektroautos  spezialisiert hat. Auf den teuren und leistungsstarken Roadster im Jahre 2008 folgten 2012 die Limousine Model S, 2015 das SUVFahrzeug X. 2016 enthüllte Tesla ihr Mittelklassemodell 3, das für rund 35 000 US-Dollar zu haben ist und  voraussichtlich 2018 auf den europäischen Markt kommt.

Mit der Lancierung des Tesla 3 wagt der Automobilhersteller den Schritt in den Massenmarkt. Elon Musk ist zweifelsohne so etwas wie das Aushängeschild und einer der Pioniere der Elektro-Mobilität, der immer wieder mal nachgesagt wird, dass sie demnächst durchstarten werde. «Es ist nur eine Frage der Zeit», meint Philipp Walser, Leiter der Fachgesellschaft E’mobile, und ein Blick auf die Statistik zeigt, dass Bewegung auf Schweizer Strassen kommt. Gemäss der Verkehrsinfrastruktur- und Fahrzeugstatistik des Bundesamts für Statistik (BFS) sind 2015 etwa 4000 Elektroautos in  Verkehr gesetzt worden.

Lust auf E-Autos ist gross

Das 6. Kundenbarometer erneuerbare Energien vom Mai 2016 der Universität St. Gallen sagt der Elektromobilität eine  rosige Zukunft voraus. Die Lust auf Elektromobilität ist gemäss der Studie gross. Zwar geben erst zwei Prozent der  Befragten an, regelmässig ein Elektroauto zu fahren, doch mehr als die Hälfte würde gerne ein solches Fahrzeug testen.  Rund ein Viertel davon war schon einmal in einem elektrisch betriebenen Personenwagen unterwegs, und die gleiche Anzahl könnte sich vorstellen, in den nächsten Jahren auf ein solches Fahrzeug umzusteigen.

Doch sind die Resultate der  Studie und das Interesse verlässliche Indikatoren für einen Trend hin zur Elektromobilität?  Auch wenn sich die Zahl der Neuimmatrikulationen in den letzten zehn Jahren beträchtlich entwickelt habe, meint Walser, dass zwischen der Lust auf eine Probefahrt und der Unterschrift unter einen Kaufvertrag meistens eine grosse Zeitspanne  liege. «Die Mehrheit der Bevölkerung kennt die Elektroautos erst aus den Medien oder vom Hörensagen.» Dass die E-Mobilität noch nicht den Durchbruch geschafft hat, ortet er weniger bei der Entwicklung der Batterien und des Preises für ein E-Fahrzeug, sondern vor allem in der fehlenden Stomlade-Infrastruktur. «Viele haben in der Schweiz privat keine Möglichkeit, ein Elektroauto zu laden. » Damit schrumpfe das Käuferpotenzial beträchtlich. Wichtig sei, dass immer mehr Personen einen persönlichen Eindruck von Elektrofahrzeugen erhalten. Und je öfters ein E-Auto zu sehen sei, destoschneller würde sich der Markt entwickeln, meint Walser.

Umwelt und ökonomische Aspekte

Diego Dudli beispielsweise bereut den Schritt keine Sekunde, und für den Hünenberger steht eines jetzt schon fest:«Noch nie war ich so sicher und schnell unterwegs.» Seit einem Jahr ist er mit seinem Tesla vollelektrisch mobil, und  diesen Sommer kamen die Ferien mit der Familie in Skandinavien dazu. Nach drei Wochen und etwa 6200 Kilometer  durch Dänemark, Norwegen, Schweden und Finnland und retour war er restlos überzeugt, dass weite Reisen mit dem  Elektroauto nicht nur genauso gut, sondern erst noch komfortabler und entspannter als mit dem Benziner möglich sind. Etappen von täglich 400 bis 600 Kilometern seien dank des «Supercharger»-Netzes kein Problem gewesen, jenes Schnellladesystems, das von Tesla vor vier Jahren entwickelt wurde und inzwischen fast ganz Europa abdeckt.

Dudli ist vom Sinn der E-Mobilität mehr als überzeugt. «Zurzeit verbrennen wir täglich die Unmenge von 45 Öltankern mit je zwei Millionen Fässern à 159 Liter Erdöl. Zusätzlich zur dabei entstehenden Abwärme belasten wir die Atmosphäre mit 2,5 kg CO2 pro Liter Erdöl. Das ergibt die unglaubliche Menge von 36 Millionen Tonnen CO2. Und das Tag für Tag. Rund ein Drittel des CO2 verursacht der Verkehr, davon ein Drittel der Strassenverkehr», rechnet Dudli vor. Nebst der Umweltentlastung sprach auch die Wirtschaftlichkeit für das Model S. «Dieses Elektroauto ist in der Anschaffung, im Betrieb und im Unterhalt günstiger als vergleichbare Autos mit Verbrennungsmotor, selbst bei den derzeit viel zu tiefen Preisen für Benzin und Diesel und den vergleichsweise viel zu hohen Preisen für Strom.»

Vorbereitung ist alles

Die Batterie mit Strom «zu füllen» habe auf der Ferienreise nur zwischen einer halben und einer Stunde gedauert, sagt  Dudli. Nach einer zwei- bis dreistündigen Fahrt und der Tagesfahrdistanz von bis 600 Kilometern war das für ihn und  seine Familieeine willkommene Pause. «Zeit für einen Kaffee oder ein Mittagessen, Toiletten- und Spielplatzbesuch.»  Dann meldete sein Tesla-App auf dem Smartphone, dass der Akku voll sei und es war Dudli, der die Familie zum  Aufbruch drängte. «Wir hatten nie das Gefühl, wir müssten auf das Auto warten.» Die Familie wollte es mit der Reichweite wissen und ihr Fazit: «Wir sind nie stehen geblieben und konnten überall ‹superchargen›. Die  Reichweitenangst haben wir endgültig aus dem Vokabular gestrichen.»

Doch wie sieht es im restlichen Europa aus? Es stimme, dass es westlich von Murcia, östlich von Wien oder südlich von Rom keine Supercharger hat. Müsste Dudli in diese Richtung losfahren, würde er das blaue, sieben Meter lange Typ-2-Ladekabel mitnehmen, das der gängigste Stecker-Standard für Wechselstrom-Ladesäulen beliebiger Stromproduzenten sei.  «Zusätzlich würde ich noch den Juice-Booster 2, das zurzeit beste mobile Ladekabel, kaufen. Dieses universelle,  wetterfeste Ladekabel mit automatischer Adapter- und Stromerkennung sowie einem Set von einem guten Dutzend  Steckern und Adaptern würde mir die Sicherheit geben, überall an jeder Steckdose, ob Haushalt, Gewerbe oder Industrie, die Batterie aufladen zu können.»

Investitionen in Lade-Infrastruktur

Doch in aller Regel zapft Diego Dudli Strom vor allem zu Hause in der Tiefgarage an der eigens installierten Privat-Tankstelle – und zwar 100 Prozent Ökostrom der Elektro Genossenschaft Hünenberg. Eine eigene Stromtankstelle sei  cool, meint Dudli, und erspare ihm zeitraubende Tankstellenbesuche. «Fürs Tanken brauche ich gerade mal zehn  Sekunden. Am Abend fünf fürs Einstecken, am anderen Morgen fünf fürs Rausziehen und aufhängen des Ladekabels am Tesla Wall Connector.»

Was fehlt noch, damit die Kunden auf ein Elektromobil umsteigen? «Seit 2011 Mitsubishi als erster grosser Autobauer ein Elektroauto auf den Markt brachte, stiegen die Absatzzahlen in der Schweiz jährlich um 50 bis 100 Prozent», sagt Philipp Walser von E’mobile. Der heute noch hohe Preis sei nicht das Haupthindernis für den Erwerb eines E-PW’s. Es wird vielmehr die Verfügbarkeit von Ladestationen bemängelt. Der Ausbau des öffentlichen Ladestationsnetzes ist ein weiterer  Erfolgsfaktor, und gemäss Walser braucht es weitere Investitionen in die Ladeinfrastruktur, damit der E-Mobilität ein nächster Wachstumsschub beschert wird. «Beispielsweise sollten bei Wohnungs-Neubauten und Gesamtsanierungen, mindestens bei ausgewählten Parkplätzen, immer eine Lademöglichkeit für Elektroautos vorbereitet werden, und sei es nur die Installationen eines CEE16-Anschlusses oder eines Leerrohrs.» Am besten wäre es, dies in die Bauvorschriftenaufzunehmen, meint Walser. Entsprechende Gespräche zwischen E’mobile, BFE und SIA sind im Gange, doch auch  Lademöglichkeiten am Arbeitsplatz würden helfen, die Attraktivität zu erhöhen.

Alpiq forciert die Elektromobilität

Ein Unternehmen, das in die Schweizer Ladeinfrastruktur investiert, ist die Alpiq E-Mobility. «Die Elektromobilität wird  sich etablieren», sagt Peter Arnet, Geschäftsführer der Alpiq E-Mobility. Das Unternehmen forciert die Elektromobilität,  und mit der im August 2016 angekündigten «Grand Tour of Switzerland» weitet Alpiq gemeinsam mit ausgewählten  Betreibern die Anzahl der Ladestationen aus. Die erste markierte Station wurde beim Hotel Suvretta House in St. Moritz in Betrieb genommen, und auf die Sommersaison 2017 hin wird die über 1600 Kilometer lange Strecke durchgehend mit Ladestationen ausgerüstet sein. «Die Vorgabe ist, dass es mindestens alle 150 Kilometer eine Ladestation gibt. An Orten,  wo man sich länger aufhält, werden dies AC-Ladestationen mit mindestens 11 KW sein, an Orten, wo man nur kurze Zeit verweilt, werden dies DCLadestationen sein», erklärt Arnet.

Nach der Ladestation beim Suvretta House wird Alpiq zahlreiche Hotels, Restaurants und touristische Leistungsträger mit Ladestationen ausrüsten. «Wir müssen potenzielle Investoren davon überzeugen, dass Ladestationen gute Finanzanlagen sind, auch wenn diese im Moment infolge zu weniger Beladungen noch nicht rentieren.» Alpiq sucht entlang der «Grand Tour of Switzerland» weitere interessierte Unternehmen und Partner für Ladestationen, um die Route mit möglichst vielen Stationen auszurüsten.

Die Elektromobilität ist ein Wachstumsfeld innerhalb des breiten Angebots von Energiedienstleitungen von Alpiq und bietet Potenzial für weiteres Wachstum. «Die Wahl der optimalen Ladeinfrastruktur ist der entscheidende Faktor für die Effizienz und Wirtschaftlichkeit in der Elektromobilität», betont Peter Arnet. Gemeinsam mit Produktpartnern decke Alpiq alle Ladebereiche ab – von der Heimladestation über Schnelllade-Systeme bis zum Ladekabel.

Beitrag zur Energiestrategie

Doch die Elektrofahrzeuge spielen auch eine wichtige Rolle in der Energiestrategie 2050, und für Philipp Walser tragen diese dazu bei, den Anteil fossiler Energieträger wesentlich zu reduzieren. «Ihr Antrieb ist besonders energieeffizient, und sie lassen sich zu 100 Prozent mit erneuerbarer Energie betreiben.» Der Stromverbrauch steige zwar, doch aufgrund des  hohen Wirkungsgrads des Elektromotors sinke dafür der Verbrauch fossiler Treibstoffe um ein Mehrfaches. Damit würden sie zur Erreichung zweier Hauptziele der Energiestrategie beitragen. «Der Verbesserung der Energieeffizienz und der Erhöhung des Anteils erneuerbarer Energieträger am gesamten Energieverbrauch.»

Obwohl der Bund keine direkten Beiträge an den Kauf von Elektrofahrzeugen zahlt, gibt es doch eine Reihe von Fördermassnahmen. «Der Bund setzt auf ein breit gefächertes und sorgfältig aufeinander abgestimmtes Massnahmenpaket für energieeffiziente Fahrzeuge der Energieeffizienz-Kategorie A und max. 95 g CO2 pro Kilometer. Diese Massnahmen reichen von Forschung und  Entwicklung über Steuervorteile und unabhängige Informationsvermittlung bis zur Vorbildfunktion bei der eigenen  Flotte», meint Walser. Mehr Anreize, Koordination und Planung auf nationaler Ebene würde er sich vom Bund bei gewissen Themen wie bei der Handhabung von öffentlichen Daten, der Stecker-Standardisierung und in der  Interoperabilität von Ladeinfrastruktur wünschen.

Enormes Wachstumspotenzial

In der Schweiz sind gemäss Bundesamt für Raumentwicklung (ARE) heute fast sechs Millionen motorisierte Fahrzeuge,  ohne Motorräder, unterwegs. In ihren Prognosen gehen die Spezialisten des ARE davon aus, dass der Personenverkehr auf der Strasse und auf der Schiene bis 2040 um ein Viertel zulegen wird. «Mit fast 70 Prozent hätte der motorisierte  Individualverkehr auch im fernen 2040 den grössten Anteil», prognostiziert das ARE.

Der Leiter der Fachgesellschaft E’mobile Philipp Walser kann es nicht oft genug wiederholen. Für die Massentauglichkeit brauche es einfach seine Zeit. «Wenn die Entwicklung im selben Mass fortschreitet, werden 2020 zehn Prozent der neu  verkauften Autos eine Steckdose haben.» Auch der Genfer Autosalon 2016 liess keine Zweifel aufkommen, wohin die  Richtung geht. Viele renommierte Autohersteller zeigten E-Modelle, und die Öko-Autos gehörten zu den Publikumsmagneten. Die Anzahl der Modelle, die gezeigt wurden, lassen darauf schliessen, dass in einigen Jahrzehnten der heutige Verbrennungsmotor Geschichte sein wird. «Wenn Kunden sich für ein ‹grünes Auto› entscheiden, schwingt dabei immer auch der Wunsch mit, durch einen tieferen Verbrauch Portemonnaie und Umwelt zu schonen», sagt Walser. Für die Hersteller hingegen sind die genügsamen Modelle vor allem ein Weg, um ihre Ökobilanz zu verbessern und ihre  technischen Fortschritte zu präsentieren. Aktuell sind die Brötchen noch klein, die im Bereich der E-Mobilität gebacken werden. Die Elektrofahrzeuge erreichten 2015 in der Schweiz einen Marktanteil von knapp einem Prozent.

Der Liebling war das Tesla Model S. Es war im gleichen Zeitraum mit seinen 1556 immatrikulierten Autos das meistverkaufte E-Modell. Eine beeindruckende Bilanz, wenn man bedenkt, dass das Tesla Model S erst ein Jahr zuvor in  der Schweiz auf den Markt gekommen ist.