Haustech 6/2018

Nordische Wege zum Glück

Illustration aus dem Buch «Lagom» von Linnea Dunne. Das Bild beschreibt die typisch schwedische Tradition des «Fredagsmys», des gemütlichen Beisammenseins im Kreise der Familie an einem Freitagabend. (Bild: Callwey)
Antonio Suárez /

In der schnelllebigen Welt von heute sehnen sich viele Menschen nach innerer Ruhe. Diverse Lifestyle-Trends verheissen so manche magische Formel. Hervorgetan haben sich diesbezüglich die Nordländer. So sind das dänische «Hygge» und das schwedische «Lagom» in aller Munde.

Dänemarks Tourismuszentrale gab vergangenen April bekannt, bei der Unesco die Aufnahme des Begriffs «Hygge» in die Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit zu beantragen. Ein eigens dafür konstituierter Expertenrat soll die Bewerbung einreichen. Die Organisation der Vereinten Nationen schützt schon landestypische Traditionen wie die belgische Bierkultur oder das indische Yoga. Hygge bezeichnet einen allgemeinen Zustand der Behaglichkeit, Zufriedenheit und Geborgenheit und gilt als einer der Gründe, weshalb das Land an der Nordsee zu den glücklichsten Ländern der Welt zählt.

Unterstützer der Bewerbung ist der dänische Glücksforscher Meik Wiking. Der Bestsellerautor ist Geschäftsführer des Kopenhagener Happiness Research Institute und sagte zum Unesco-Antrag: «Mit dem steigenden gesellschaftlichen Druck und der immer grösseren Bedeutung des Wohlbefindens kann Hygge mit dessen Betonung der Zusammengehörigkeit und Gleichheit von echtem und spürbarem Nutzen sein.»

Faszination des Nordischen

Nordische Länder sind auf Spitzenplätze in einschlägigen Rankings abonniert. Mit bemerkenswerter Konstanz belegen sie die Hälfte der Top Ten. So auch im jüngsten UN-Glücksreport, wo Finnland, Norwegen, Dänemark und Island die ersten vier Plätze belegen und Schweden an neunter Stelle rangiert.

Bis anhin war Skandinaviens Exportschlager schlechthin das typisch nordische Design. Doch neuerdings schaut man auch in Sachen Lifestyle gen Norden. Schlagwörter wie das dänische «Hygge», das schwedische «Lagom» oder das finnische «Sisu» sind zu Inbegriffen einer neuen nordischen Trendwelle geworden. Losgetreten wurde sie durch einen «Vogue»-Artikel im Jahr 2016, das kurz darauf von der US-Kulturzeitschrift «The New Yorker» offiziell zum «Hygge-Jahr» erklärt wurde. Nur ein Jahr später kündigte das französische Modemagazin jedoch schon den nächsten Trend an: «Vergessen Sie Hygge: 2017 wird sich alles um Lagom drehen».

«Die Faszination für das Nordische ist schon seit einer Weile ziemlich ausgeprägt. Ich weiss nicht, wie lange der Trend noch anhält, doch das Interesse ist riesengross», bestätigt die Schwedin Linnea Dunne. Die Herausgeberin des Londoner «Scan Magazine» schreibt schon seit vielen Jahren über skandinavische Kultur und ist Autorin des Buches «Lagom – Glücklich leben in Balance», das bereits in über ein Dutzend Sprachen übersetzt worden ist, zuletzt sogar ins Vietnamesische.

Goldener Mittelweg

Die nordischen Zauberformeln reihen sich ein in die Debatten um Achtsamkeit und Nachhaltigkeit, die seit Jahren die Ratgeberliteratur beherrschen. Eine Heerschar von Psychologen, Anthropologen und Glücksforschern hat sich des Themas angenommen und ersinnt immer neue Antworten auf die immer gleichlautende Frage nach dem besten Weg zum Glück. Dass ausgerechnet der klimatisch eher unwirtliche Norden Europas zurzeit die besten Antworten für Glücksuchende bereithält, hat viel mit der Mentalität der Nordländer zu tun, etwa mit ihrem ausgeprägten Gemeinsinn, ihrer Gelassenheit und Ausgeglichenheit.

Letztere ist im Übrigen ein Kernelement von «Lagom», der schwedischen Antwort auf den Glückfindungstrend. Das Wort hat letztes Jahr einen regelrechten Hype ausgelöst. So ist es namensgebend geworden für ein Magazin, eine koreanische Kosmetiklinie und ein Verkaufsprojekt des schwedischen Möbelgiganten Ikea. Lagom rät zu mehr Sparsamkeit bei Geld, Wasser- und Energieverbrauch, zu einem gesunden und bewussten Lebenswandel sowie zum Konsum von fair produzierten und nachhaltigen Waren.

Es handelt sich um einen Begriff der Alltagssprache und bezeichnet eine grundlegende Charaktereigenschaft der Schweden. Im Schwedischen bedeutet Lagom so viel wie «nicht zu wenig, nicht zu viel, gerade recht». Doch die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs ist vielschichtiger. Um dessen Herkunft ranken sich Legenden. Eine besagt, dass die Wikinger einen grossen Becher Met in der Runde kreisen liessen, damit jeder gleichberechtigt einen Schluck daraus nehmen konnte, wofür der Ausdruck «laget om» (wörtlich: «in der Gruppe herum») stehe.

«Doch das ist falsch», sagt Linnea Dunne. «Er leitet sich ab von ‹lag›, dem altnordischen Wort für ‹Gesetz›.» Die Journalistin aus Schweden erklärt: «Die Herleitung des Wortes aus einer Art Alltagsgesetz deutet es viel besser, denn es geht nicht nur darum, Perfektion in einem sehr materialistischen Sinne zu erreichen. Lagom bedeutet nicht nur, dass das Badewasser genau die richtige Temperatur besitzt oder der Kaffee genau die richtige Menge Milch und Zucker enthält. Es geht auch um die Frage, ob man genug getan hat; also zum Beispiel darum, ob das Haus ausreichend wärmeisoliert ist, um es preiswert zu heizen, oder darum, nicht zu viel Energie zu verschwenden oder Abfall zu produzieren. Wo hören wir auf? Wann ist die Balance erreicht?»

Mehr Geisteshaltung als Philosophie

Beim Hygge – Dänisch für gemütlich – geht es im Wesentlichen darum, es sich daheim in Wollsocken auf der kissenbelegten Couch und umhüllt von einer Wolldecke bei Kerzenlicht bequem zu machen und die Zeit mit Freunden zu teilen. Das kennen auch die Schweden: das Pendant heisst «mys». «Das ist, was wir Schweden am Freitagabend tun», versichert die zweifache Mutter, die seit nunmehr über einem Jahrzehnt jenseits des Ärmelkanals lebt. «Wir richten es uns gemütlich zu Hause ein und verbringen Qualitätszeit miteinander. Die Dänen sind Weltmeister im Kerzen anzünden. Wir Schweden stehen jedoch nicht weit zurück, auch wir sind verrückt danach.»

Doch bei Lagom geht es über diese wohlige Befindlichkeit hinaus. Es geht vor allem darum, bewusster zu leben: «Es geht um alles, was wir tun», sagt Dunne. «Wie wir uns mit unseresgleichen verhalten. Wie wir Geschäfte tätigen. Wie wir unser Verhältnis zur Arbeit gestalten. Und wie wir all das mit dem Familien-
leben vereinbaren.» Für Dunne ist Hygge ein Gefühl, während Lagom vielmehr eine Grundlage bietet, um bewusste Entscheidungen im Alltag zu treffen.

Was ist Lagom eigentlich? Ein Lifestyle, ein Leitfaden oder gar eine Philosophie? «Nichts davon», so Dunne. «Lagom ist eine umfassende Geisteshaltung. Es ist zwar bloss ein Wort, das aber sehr viel über Schweden aussagt. Es ist wie eine Art Fackel, die Licht auf die schwedische Lebensart, Kultur und Geschichte wirft und erklärt, weshalb Schweden zu dem Land geworden ist, das es ist.»

Staatstragender Gemeinsinn

Der Sinn für Gleichheit und Gerechtigkeit sei in Schweden besonders ausgeprägt, betont Dunne. Dies zeige sich unter anderem an den flachen Hierarchien in den Unternehmen. «Mit dem Chef spricht man genauso wie mit Untergebenen. Alle sind gleichberechtigt. Und Entscheide werden gemeinsam gefällt», so die Skandinavien-Expertin. «Es geht um die grundlegende Vorstellung davon, dass wir in dieser Welt zusammenleben und irgendwie verantwortlich sind füreinander, um sicherzustellen, dass niemand durchs Raster fällt», erklärt sie diese typisch schwedische Eigenart. «Der Gemeinsinn gebietet, dass wir Verantwortung für unser aller Wohlergehen übernehmen. Das bedeutet, dass wir zueinander Sorge tragen und Steuergelder gerecht verteilen. Wer reich ist, zahlt etwas mehr, und wer arm ist, weniger.» Alles funktioniere nach diesem Prinzip, sagt Dunne. «Wir schauen zum Familienwohl. Wir wissen, dass Kinder wichtig sind und die gleichen Chancen bekommen sollen. Deshalb haben wir eine sehr gut organisierte Kinderbetreuung aufgebaut, die nahezu kostenfrei ist.»

Sozialdemokratische Werte

Hat Lagom also eine politisch-ideologische Komponente? «Ja, absolut», entgegnet Dunne. Es gebe eine eindeutige Affinität zur Sozialdemokratie: «In Schweden gibt es dieses Klischee vom normalen Durchschnittsschweden, der im Leben angekommen ist, eine ‹Villa›, einen ‹Volvo› und einen ‹vovve›, sprich: einen Hund, besitzt. Umgangssprachlich ist vom sogenannten ‹Svensson› die Rede, ein populärer schwedischer Nachname, worunter die Leute den archetypischen Sozialdemokraten verstehen.»

Weil sich die Politik in den letzten Jahrzehnten im Westen allgemein Richtung freie Marktwirtschaft und Neoliberalismus verschoben habe, werde man heute als echter Sozialdemokrat schon fast ein wenig als Radikaler eingestuft. Trotzdem hätten die ursprünglichen Ideale nicht an Geltungskraft verloren, gibt sich Dunne optimistisch. «Es geht immer noch um Umverteilung, um den Gedanken des Gemeinsinns, um die Tatsache, dass wir nur einen Planeten haben und wir entsprechend vernünftig mit den Ressourcen umgehen und nachhaltig leben sollten. Das sind meiner Meinung nach so ziemlich genau die Werte, wofür die Sozial-
demokratie traditionell steht.»

Wertschätzung der einfachen Dinge

Richtet Linnea Dunne ihr eigenes Leben eigentlich nach den Grundprinzipien von Lagom aus? «Nicht bewusst», antwortet sie. «Ich denke nicht ständig daran. Doch ich mag es, Pläne zu schmieden. Ich bin neugierig darauf, was um mich herum geschieht und geniesse es, in Gesellschaft zu sein und auszugehen. Aber was ich über alles liebe, ist es, nach Feierabend heimzukommen und zu entspannen, in einem gemütlich eingerichteten Haus, das sich wirklich nach einem Zuhause anfühlt, angenehm und behaglich ist, aber dennoch nicht zu gross.»

Dunne wuchs im Kreise einer mittelständischen Familie in behüteter Umgebung auf, mitten in der schwedischen Kleinstadt Sala in der Provinz Västmanland. Die heute 36-Jährige zog es als Teenager nach Irland. Viele junge Erwachsene in Schweden gehen nach der Grundausbildung für ein paar Monate ins Ausland. Nach ihrem Politologiestudium machte sie als Journalistin Karriere, lebte über zehn Jahre in London, bevor sie vor vier Jahren definitiv nach Irland zurückkehrte. «Mein Mann, meine Kinder und ich leben ein ziemlich typisch schwedisches Leben», meint sie. «Wir haben ein kleines Haus unweit des Stadtzentrums von Dublin. Ein Park ist in Reichweite, wo die Kinder Sport treiben. Und wir lieben es, an den Strand oder in die Wälder zu gehen. Die einfachen Dinge des Lebens halt. Doch wir engagieren uns auch in gemeinschaftlichen Aktivitäten und beteiligen uns an lokalen Politkampagnen.»

Funktional und minimalistisch

Wie richtet man ein typisches Lagom-Haus ein? Nach welchen Kriterien werden Möbel und Einrichtungen ausgewählt? Hat Linnea Dunne persönliche Vorlieben? «Mein Designgeschmack ist ziemlich minimalistisch, in gewissem Sinne typisch nordisch. Als wir unser irisches Haus renovierten, entledigten wir uns der Tapeten, stellten die ursprüngliche Holztäfelung der Schränke wieder her und bemalten alle Wände in einem hellen Grauton.»

Das nordische Design, fährt Dunne fort, habe seine Wurzeln im Funktionalismus der Fünfzigerjahre. Inzwischen habe es sich auf breiter Linie durchgesetzt und gelte fast überall als trendy und cool. «Im Grunde genommen ist es so, weil es funktioniert», ergänzt die Schwedin. «Die qualitativ hochwertigen Möbel sind funktional und solide, weil sie auf einem nachhaltigen Design aufbauen. Die bequemen Stühle sind stapelbar, um Platz zu sparen. Die Regale sind dafür da, um Bücher geordnet aufzubewahren. Es geht darum, herauszufinden, was funktioniert. Das ist entscheidend für das nordische Design. Und das ist auch entscheidend bei Lagom.»

Was hält die Schwedin von Ikea? «Ich finde Ikea toll», sagt sie. «Ich wuchs in einem Haus voller Bücher auf. Wir hatten drei Bücherregale, als ich auf die Welt kam. Und die waren immer noch dort, als ich mit 18 Jahren auszog. Wenn wir Ikea-Möbel als Wegwerfware betrachten, dann hat das mehr damit zu tun, was wir daraus machen. Wenn wir jedoch zu ihnen Sorge tragen, dann überdauern sie die Zeit. Ich bewundere die Designer sehr, die für Ikea arbeiten, denn sie haben die entzückendsten Dinge entworfen.»

Mehr Platz, weniger Staub

Welche Bedeutung haben erneuerbare Energien und nachhaltige Technologien, wenn man die Leitmaximen von Lagom befolgt? Das hänge davon ab, wo man lebe, so Dunne. Die Regierungspolitik des jeweiligen Landes habe in dieser Hinsicht ein gewichtiges Wörtchen mitzureden. «In Irland ist es beispielsweise ziemlich schwierig. Es ist uns zwar gelungen, ‹grüne› Energiequellen für die Strom- und Wärmeversorgung sicherzustellen. Doch wir zahlen mehr als das Doppelte als andere für Heizöl. Das war ein bewusster Entscheid. Für viele Leute ist es aber keine Frage der persönlichen Wahl, wenn das ganze System nicht darauf ausgerichtet ist.»

Trotzdem sei es bestimmt im Sinne von Lagom, wenn man Solarpaneele aufs Dach montiere, damit man eine Bodenheizung einrichten könne. Auf diese Weise spare man im Übrigen Platz, weil es dann keine Radiatoren mehr an den Wänden brauche. Ausserdem könne man so besser reinigen, was für eine gesündere Raumluft sorge, weil sich so weniger Staub ansammle. All diese Dinge seien miteinander verwoben.

Bewusster leben

Welche Erklärung hat die Schwedin für den Erfolg der nordischen Glücksrezepte? «In der westlichen Welt gibt es einen riesigen Bedarf nach einer bewussten Lebensweise», erklärt sich Dunne das Phänomen. «Klar ist Hygge grossartig. Einen Moment lang innehalten, eine heimelige Atmosphäre schaffen, Kerzen anzünden und in trauter Runde zu einer Tasse Tee plaudern, ist sicherlich wunderbar. Doch das ist keine skandinavische Besonderheit. Auch in Irland macht man das, vielleicht nicht unbedingt bei Tee und Kerzenlicht, sondern eher in einem Pub am offenen Feuer.» Viel wichtiger sei es, dass jeder Einzelne in der Gesellschaft, im Gemeinwesen und als Individuum sein Leben bewusst lebe, um die Dinge auch langfristig in die richtigen Bahnen zu lenken.

Eine bewusstere Lebensweise helfe auch, verrät Linnea Dunne am Schluss des Gesprächs, eine weitere Zivilisationskrankheit unserer Tage zu bekämpfen: die Einsamkeit. «Das ist auch für unsere seelische Gesundheit wichtig. Denn so viele Menschen sind einsam. So viele Menschen mühen sich mit dieser endlosen Informationsflut ab, die aus dem Netz nonstop auf uns niederprasselt. Ich denke, wir sollten uns dagegen besser schützen und bewusst darüber nachdenken, wie wir unsere Zeit verbringen. Das müssen wir gemeinsam tun, denn Einsamkeit ist ein verheerender Trend in unserer westlichen Welt.»