Neue Lösungen für den Eigenverbrauch

(Photo: BE Netz AG)
Christine Arnold /

Weg von der Förderung, hin zu mehr Eigenverantwortung: Mit der Eigenverbrauchsregelung und der Einmalvergütung sollen Photovoltaikanlagen auch wirtschaftlich interessant sein. Damit diese Rechnung aufgeht, sind neue Lösungen gefragt. Dabei ist auch die Flexibilität der Energieversorgungsunternehmen gefordert.

Mit der Installation einer Photovoltaikanlage auf seinem Haus in Hindelbank, BE, wollte Ruedi Friedli vom Strommarkt unabhängiger werden und einen Beitrag zur Lösung der Klimaproblematik leisten. Damit handelte er im Sinne des  Schweizer Parlamentes, das im Jahr 2014 ein Zeichen für Eigenverantwortung setzte, statt die Förderung durch die kostendeckende Einspeisevergütung (KEV) weiter auszubauen. Die Erlaubnis zum Eigenverbrauch und die Einführung der Einmalvergütung sollten die Wirtschaftlichkeit von Photovoltaikanlagen verbessern und so den Solarstrom fördern.

Friedli nutzt den Solarstrom vom eigenen Dach gemeinsam mit seinem Mieter, mit dem er partnerschaftlich am Haus  arbeitet und die PV-Anlage mit knapp 16,5 kW Leistung betreibt. Bei guten Bedingungen kann die  Eigenverbrauchsgemeinschaft (EVG) den eigenen Bedarf zu 100 Prozent decken und überschüssigen Solarstrom ins Netz zurückspeisen. Während kurzer Wintertage und bei schlechtem Wetter muss sie Strom vom lokalen  Energieversorgungsunternehmen (EVU), der Genossenschaft Elektra, Jegenstorf, zukaufen. Für Friedli und seinen Mieter war eine individuelle Abrechnung wichtig. Dafür installierte die Elektra neben dem vorgeschriebenen Lastgangzähler für die PV-Anlage für beide Wohnungen je einen Zähler.

Schwierige Abrechnung

Mit der Abrechnung des Energieversorgers war Friedli jedoch nicht glücklich. Denn die individuellen Rechnungen für die  beiden Wohnungen waren nicht aufgeschlüsselt nach Anteil Strom vom eigenen Dach, zugekauftem Strom und  Rückspeisung. Diese Daten werden nur für die Gesamtanlage erhoben. «Die interne Kostenverrechnung war gemäss unseren Abmachungen mit Herrn Friedli Sache der Eigenverbrauchsgemeinschaft », erklärt Konrad Bossart, Leiter  Verkauf bei der Elektra. Eine detaillierte Abrechnung für jede Wohnung bedeutet für das EVU einen grossen Aufwand –  vor allem, wenn noch mehr Parteien beteiligt sind. Nun rechnet Friedli allein mit dem EVU ab und erhält die Details zum Stromverbrauch für die ganze Liegenschaft. «Den individuellen Verbrauch eruiere ich mit meinem Mieter anhand der Zählerdaten in den Wohnungen», erklärt er.

David Stickelberger von Swissolar weiss von den Problemen. «Die Elektra engagiert sich für erneuerbare Energien. In  Ihrem Versorgungsgebiet liegt der Anteil von regional produziertem Sonnenstrom bei 9,1 Prozent, viermal mehr als im schweizerischen Durchschnitt. Doch die Abrechnung mit Eigenverbrauchsgemeinschaften ist für alle Beteiligten Neuland.  Das führte wohl auch im Fall Friedli zu Missverständnissen.» Die Elektra und Ruedi Friedli werden sich nun nochmals zusammensetzen und das Mess- und Abrechnungskonzept  diskutieren.

Gebremster Eigenverbrauch

Noch in der ersten Betriebsphase tauchten weitere Hürden für den Eigenverbrauch auf. «Mit der Inbetriebnahme unserer  PV-Anlage wollten wir den Betrieb unseres Elektroboilers auf die Produktionsspitze der Anlage verschieben», erzählt  Friedli. Diese ist meist mittags, doch der Boiler ist auf Nachtstrombetrieb programmiert. «Einst war es sinnvoll, dafür nachts Strom aus nicht erneuerbaren Quellen zu nutzen.» Mit dem Eigenverbrauch ändert sich aber das Nutzerprofil, und  Friedli möchte einen möglichst hohen Teil seines Bedarfs mit Strom vom eigenen Dach decken. Was wirtschaftlich und  auch ökologisch Sinn macht, ist leider momentan noch nicht möglich, erzählt Friedli: «Ich kann die Programmierung des Boilers nicht ändern.»

Auch für David Stickelberger ist das unverständlich: «Heizsysteme wie Elektroboiler oder auch Wärmepumpen können  massgeblich zur Erhöhung des Eigenverbrauches beitragen. Im Sinne einer Förderung von Solarstrom müssen diese auch tagsüber betrieben werden können.» So heizt Friedli sein Wasser mit zugekauftem Strom vom EVU auf.

Auch die Elektra ist unzufrieden mit dieser Situation. «Wir möchten den Eigenverbrauch keinesfalls verhindern. Doch ebenso wenig wollen wir unsere anderen Kunden benachteiligen», sagt Bossart. Würde die Steuerung den Kunden überlassen, könne es zu hohen Leistungsspitzen im Stromnetz kommen. Dies kann sich negativ auf die Netzkosten der  anderen Kunden auswirken. Vielleicht kann Friedli bald seinen Strom vom Dach auch für den Boiler nutzen: «Wir  arbeiten daran, den Eigenverbrauchern möglichst bald Lösungen anbieten zu können.»

«Für das relativ neue Konzept des Eigenverbrauchs müssen neue Lösungen gefunden werden», sagt auch David  Stickelberger. «Dafür sind wir auch auf die Flexibilität der EVUs angewiesen. Doch gerade kleinen Betrieben fehlen oft  die Ressourcen für eine pragmatische Zusammenarbeit mit Eigenverbrauchern.»

Neue Lösungen

Nimmt der Anteil an Eigenverbrauchern weiter zu, braucht es Tarifmodelle, die auch kleine EVUs einfach umsetzen können. «Eigenverbraucher und EVUs verfolgen eigentlich die gleichen Ziele», sagt Adrian Kottmann, Inhaber der BE Netz AG. «Sie wollen einfache Messungen, faire Kosten, unkomplizierte Verträge und wenig zusätzlichen Aufwand.» Im Sinne des Gesetzgebers sollen zudem Solarstrom gefördert und Anreize zur Optimierung des Verbrauchs geboten werden. Kottmann ist Mitglied einer Arbeitsgruppe, in der die Stadt Luzern, das lokale EVU und Solarexperten vertreten sind. Anhand des Beispiels einer Eigenverbrauchsgemeinschaft in der Stadt Luzern erarbeitet die Gruppe ein einfaches und faires Tarifsystem. Die Idee dabei ist, den Eigenverbrauchsanteil im Voraus mit einem Berechnungstool abzuschätzen,  anstatt ihn zu messen. Kottmann ist begeistert: «Damit könnten alle Beteiligten ihre Ziele erreichen.»

Und so funktioniert das Tarifsystem der Arbeitsgruppe: Die einzelnen Mieter beziehen sowohl den Strom vom eigenen Dach als auch den Netzstrom vom EVU. Sie bezahlen dafür den üblichen Haushaltstarif, im Beispiel sind dies 22 Rappen pro kWh. Die gesamte Abrechnung erfolgt über das EVU. Zwischen dem Produzenten, also dem Besitzer der PV-Anlage,  und dem EVU wird der Strom vom eigenen Dach und die Rückspeisung von überschüssigem Solarstrom abgerechnet. Für den Strom vom eigenen Dach bezahlt das EVU dem Produzenten 20 Rappen, den zurückgespeisten Überschuss vergütet es dem Produzenten mit 14 Rappen pro kWh. Doch anstelle von diesen zwei Tarifen wird ein Einheitstarif verrechnet, der anhand des geschätzten Eigenverbrauchsanteils berechnet wird: Wird wie im Beispiel 50 Prozent des produzierten Stroms von den Mietern direkt verbraucht, liegt der Einheitstarif bei 17 Rappen pro kWh.

Vorteile für alle Beteiligten

Dadurch, dass der Eigenverbrauchsanteil abgeschätzt und nicht gemessen wird, fallen die teuren Zähler und aufwendigen Messungen für die einzelnen Wohnungen weg. «Die Erfahrungen zeigen, dass der Anteil an Eigenverbrauch recht genau  errechnet werden kann», so Adrian Kottmann. «Mit den 2 Rappen pro kWh, die das EVU am Strom vom eigenen Dach  verdient, kann es das Risiko des Schätzwertes abfangen.» Mit den gemessenen Werten für den effektiven Verbrauch und die effektive Produktion soll der Eigenverbrauchsanteil jährlich korrigiert werden. Kottmann hofft, dass die Idee bald zur  Umsetzung kommt: «Sie bringt allen Beteiligten Vorteile: Die Bewohner können Solarstrom vom eigenen Dach zum  Haushaltstarif beziehen, der Zusatzaufwand für die EVUs ist gering und der Produzent erhält einen kostendeckenden Preis für den Solarstrom.»