Neue Bühne als sportlicher Anreiz

(Photo: Mark Baumgartner)
Paolo D'Avino /

Die Stadt Biel hat ein neues sportliches Wahrzeichen. Die Tissot Arena vereint Fussball, Eishockey und Curling in einem Komplex. Sie ist in ihrer Form einzigartig in der Schweiz. Nicht nur aus sportlicher Sicht, sondern auch energetisch ist es ein Vorzeigeobjekt.

Es herrscht Ruhe an diesem schönen Frühlingsmorgen in der Tissot Arena. Die Ladengeschäfte haben offen, doch der  Andrang wird wohl an den Wochenenden grösser sein als an diesem Wochentag. Auch sportlich läuft in den Stadien der Arena an diesem Morgen nicht viel. Die nationalen Eishockey- und Fussball-Meisterschaften ruhen und einzig negative Schlagzeilen des lokalen Fussballvereins sorgten im ersten Halbjahr 2016 für Unruhe. Dem FC Biel wurde vor der Swiss Football League (SFL) die Lizenz entzogen. Zu einem ungünstigen Zeitpunkt, denn vorerst finden keine Challenge-League-Spiele statt. Zumindest im Fussball wird der Stadionkomplex sein Publikum suchen müssen, wenn der FC Biel in einer unteren Liga seinen Neuanfang macht.

Multifunktionaler Komplex

Anders die Lage noch im Jahre 2006. Das neue Stadionprojekt wurde erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Der damalige Stadtpräsident präsentierte einen multifunktionalen Komplex, im Dezember 2007 sprach sich die Gemeinde für die Stades  de Bienne, wie das Projekt vor dem Branding hiess, aus. 2008 wurde das Baugesuch eingereicht, im Dezember 2012  erfolgte der Spatenstich, im August 2015 fand das erste Fussballspiel des FC Biel statt und Anfang September folgte der  erste Match des EHC Biel in der neuen Umgebung. Kostenpunkt: Die Stadt zahlte 77 Millionen Franken, 120 Millionen übernahm der private Investor, der die Mantelnutzung mit Fachmarkt, Kino und Parking betreibt.

Die Grösse des Bauwerks lässt sich auch an den imposanten Massen erkennen: Es ist 380 Meter lang, 120 Meter breit, 28 Meter hoch. Die ganze Anlage umfasst 88 600 Quadratmeter, was der Grösse von etwa zwölf Fussballfeldern entspricht. Das Eisstadion fasst 6800, das Fussballstadion 5200 Zuschauerplätze. Dazu kommen noch vier Aussenfussballfelder, eine Curling-Halle mit sechs Rinks und die gedeckte Place Publique. Die Tissot Arena ist nicht nur ein Sportstadion. Es sind auch  Restaurants, Bars und eine Skylounge integriert. Das Einkaufszentrum «Galerie-Arena» verfügt über 31 000 m² Dienstleistungs- und Ladenfläche. Auf der gesamten Ebene zwischen Parkhaus im Untergeschoss und Stadien im Obergeschoss befinden sich Geschäfte, ein Fitnessstudio, ein Kino mit fünf Sälen, dazu kommen 750  Tiefgaragenparkplätze, 400 Aussenparkplätze und 700 Zweiradabstellplätze.

Schaltstelle: Gebäudeautomation

Der Neubau drängte sich auf und für die Stadt war klar, dass ein Ersatz für die in die Jahre gekommenen Stadien her musste. Im alten Eishockeystadion, wenige hundert Meter vom Neubau entfernt, fiel im Sommer 2005 eine Deckenplatte auf das Spielfeld. Auch das Fussballstadion «Gurzelen», mehr als 100 Jahre alt, hätte nur durch teure Investitionen saniert werden können. Bei der Gemeindeabstimmung im Dezember 2007 stimmte das Bieler Stimmvolk dem Plan zu, die zwei alten  Stadien durch ein neues Doppelstadion zu ersetzen. Mit 75 Prozent wurde es gutgeheissen, und mit der Tissot Arena steht nun die erste multifunktionale Sportarena der Schweiz, die Eissportarten und Fussball unter einem Dach vereint. Der zukunftsweisende Bau ist auch energetisch ein Vorzeigeobjekt.

Die gesamte Arena erfülle die Minergie-Standards, und heute achte man sehr auf den effizienten Einsatz von Energie, sagt Johannes Lay von der Hälg Building Services Group und verantwortlich für die Implementierung der Gebäudeautomation bei der Tissot Arena. «Durch die Abwärme der Eisproduktion kann beispielsweise der gesamte Bau geheizt oder mittels Wärmepumpen das Trinkwasser im gesamten Stadion aufbereitet werden. Für den Notfall sind zwei Gasheizkessel vorhanden, die zusätzlich Wärme erzeugen können, wenn irgendetwas schiefgehen sollte», ergänzt Lay.

Auf dem Dach der Eishockeyhalle sind 8100 Solarmodule installiert, womit die Tissot Arena das grösste in ein Stadion integrierte Solarkraftwerk der Welt trägt. Pro Jahr produziert dieses 2 Mio. kWh. Das Solarkraftwerk bedeckt eine Dachfläche von 16 500 Quadratmetern. Durch die Grösse der Anlage werde klar, dass eine enorme Menge an Datenpunkten für die Gebäudeautomation und deren Regelung und Steuerung anfallen. Eine grosse Herausforderung für den Projektleiter und das Team von Hälg, denn in nur einem Jahr Ausführungszeit seien in den 24 Schaltgeräten rund 95 Lüftungs- und Heizungsanlagen mit insgesamt 5500 Datenpunkten miteinander kombiniert worden. «Nebst den Informationen über den aktuellen Zustand jedes einzelnen Datenpunkts liefert und visualisiert das Leitsystem zusätzlich 900 externe Alarme und Meldungen, die von fast jedem Gerät in der Tissot Arena erfasst werden.» Beispielsweise wird eine Störung der Notlichtanlage umgehend über das Leitsystem an das Facility Management weitergeleitet. Auch werden jeden Monat über 250 Elektro-, Energie- und Gaszähler automatisch ausgelesen und dem Betreiber für die Optimierung und Verrechnung zur Verfügung gestellt. Die Betreiber sind immer über den aktuellen Zustand ihres Gebäudes informiert und können jederzeit über das Leitsystem wichtige Parameter wie beispielsweise Raumtemperatur oder Raumluftqualität einstellen.

In Einklang mit der Stadtentwicklung

Sportliche Erfolge seien nicht planbar, doch Biel baue ebenso für die energetische Zukunft, die sie in ihrem  überkommunalen Richtplan definiert habe, wie Silvia Hanssen, Umweltdelegierte erklärt. «Seit dem Jahr 2008 trägt Biel  das Label ‹Energiestadt›, 2016 wurde es rezertifiziert», und Schritt für Schritt, Massnahme für Massnahme nähere man  sich den Zielen, die man sich gesetzt habe. «69 Prozent Zielerreichung sind bis heute realisiert worden», betont die  Umweltdelegierte, und so passe der Stadionkomplex gut in den energetisch eingeschlagenen Weg. Bis ins Jahr 2025 soll der Anteil erneuerbarer Energie am Wärmebedarf von Gebäuden auf Bieler Boden von heute 3 Prozent auf neu 35 Prozent  gesteigert werden, sagt Hanssen. «Für die gemeindeeigenen Bauten wird sogar ein Anteil von 50 Prozent  angestrebt.» Dies würde den Zielen, die der Kanton Bern mit seiner Energiestrategie im Jahre 2006 formuliert hat, entsprechen. Ebenso wichtig sei die Steigerung der Energieeffizienz. «Der gesamte Wärmebedarf von 2010 soll bis 2025 um 15 und bis 2035 um 20 Prozent gesenkt werden. Der Wärmebedarf der gemeindeeigenen Liegenschaften ist gegenüber 2010 bis 2025 um 25 Prozent und bis 2035 um rund 45 Prozent zu reduzieren.

Eine rationelle Energienutzung und die Förderung erneuerbarer einheimischer Energien sind wichtige Ziele der Stadt, auch in der Stromversorgung. «Bis 2035 ist die gesamte Stromerzeugung zu 80 Prozent mit erneuerbaren Energien bereitzustellen », führt Hanssen weiter aus. Ein  Ziel, das die Stadt schon heute erreicht hat. «In energetischen Belangen kann die Tissot Arena eine gesamtschweizerische  Vorreiterrolle übernehmen, indem die Kälte- und Wärmeerzeugung ohne CO2-Emissionen erfolgt», sagt Hanssen. Durch die Grundwassernutzung im Rahmen eines Wärmetauscher-Systems könne sowohl die für die Eiserzeugung nötige Kälte als auch die Wärme produziert werden. «Auf dem Dach des Gebäudekomplexes hat der ESB eine Sonnenenergieanlage  von zirka 16 500 m2 eingerichtet und die Stromproduktion entspricht dem Bedarf von knapp 500 Haushalten. Dank der hohen Anforderungen hinsichtlich Energieerzeugung und Isolation sowie das gesamte Wärmekonzept, das in all seinen Bestandteilen optimiert sei, so Hanssen, trage der Stadionkomplex das Minergie-Label.

Verdichtung mit hoher Qualität

Es sei eine Verdichtung mit hoher Qualität, fügt Thierry Burkhard, stv. Projektleiter Tissot Arena von der Stadtplanung Biel, hinzu. Eine rationellere Verwendung des verfügbaren Bodens durch die Kombination und Integration verschiedener  Nutzungen in ein- und demselben Raum entspreche dem Grundsatz der Nachhaltigkeit, der verdichteten Bauweise, und die landschaftliche Gestaltung der Bauten sorge für eine Integration der Sportanlagen in die landschaftlichen Gegebenheiten. «Durch die gewünschte Nähe der beiden Stadien entstehen Synergien bezüglich der Energieversorgung, der Organisation von Veranstaltungen sowie im Bereich Logistik und Parkplatzraum », meint Burkhard.

Durch dieses Projekt wird auch im Gurzelen-Quartier, wo sich heute das alte Fussballstadion befindet, eine Fläche frei. Dieser Standort ist für künftige Wohnbauprojekte vorgesehen. Mit einer guten Planung kann so an bester städtischer Lage ein attraktiver Wohnraum geschaffen werden. Abstriche müssen bis jetzt keine gemacht werden und für eine energetische  Gesamtbetrachtung sei es noch ein wenig zu früh, sagt Oliver Senn, Geschäftsführer der Betreibergesellschaft CTS. «Die Tissot Arena wurde am 24. Juli 2015 in Betrieb genommen. Das installierte Wasser-Luft-Wärmepumpen-System  funktioniert seit Beginn einwandfrei.» Das Messsystem wird sukzessive aufgebaut zurzeit finden die Feinabstimmungen statt. «Wir gehen davon aus, dass per Ende 2016, und damit wesentlich früher als bei ähnlichen Projekten, erstmals  zuverlässige energetische Auswertungen vorgenommen werden können. Unabhängig davon gilt es jedoch bereits heute festzustellen, dass mit der Tissot Arena das Gas des alten Eisstadions von jährlich 800 000 bis 1 000 000 kWh durch umweltfreundliche Energien ersetzt werden konnte. Energetisch, so die Verantwortlichen der Stadt, sei man auf dem Weg.

Ob es sportlich ebenso wieder bergauf geht, wird die Zukunft zeigen. Vielleicht werden dereinst in der Tissot Arena wieder nationale Meisterschaften gefeiert, wie sie zu guten alten sportlichen Zeiten in Biel auch schon gefeiert wurden.  Die Infrastruktur zumindest steht schon.