Haustech 5/2018

Mobilität 
elektrifizieren

Der E-Tron von Audi mit einer Reichweite von 400 Kilometern soll noch in diesem Jahr auf dem Markt erscheinen. (Foto: Audi)
Morris Breunig /

Elektromobilität wird zunehmend beliebter. Mehrere Länder unterstützen diese Entwicklung mit Verboten für Neuwagen mit Verbrennungsmotoren oder innovativen Projekten.

Die Nachfrage nach elektrisch betriebenen Fahrzeugen nimmt zu. Laut dem deutschen Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg (ZSW) gab es 2017 weltweit 3,2 Millionen Elektromobile. Im Vergleich dazu waren es 2013 lediglich 431 000.

Produktpalette erweitern

Hersteller arbeiten deshalb mit Hochdruck an entsprechenden Produktangeboten. Kürzlich nannte unter anderem Audi technische Details zum E-Tron, der noch in der zweiten Hälfte des laufenden Jahres auf dem Markt erscheinen soll. Die Lithium-Ionen-Batterie speichert demnach 95 kWh Energie und ermöglicht eine Reichweite von rund 400 Kilometern. Das serienmässige mobile Ladesystem lässt sich an einer 230-Volt-Haushaltssteckdose mit einer Ladeleistung von bis zu 2,3 kW und an einer 400-Volt-Drehstromsteckdose mit bis zu 11 kW Leistung betreiben.

Mit Ambitionen für Elektromobilität gab auch der schwäbische Sportwagenhersteller Porsche bekannt, dass das erste Elektrofahrzeug 2019 erhältlich sein soll. Der Sportwagen Mission E mit rein elektrischem Antrieb und einer Systemleistung von 600 PS soll eine Reichweite von 500 Kilometern haben.

Darüber hinaus möchte Volvo ab 2019 alle neuen Modelle entweder als reines Elektroauto, einen reinen Plug-in- oder Mild-Hybrid anbieten. Ab 2025 soll zudem ein Umsatzanteil von 50 Prozent mit reinen Elektroautos erreicht werden.

Staatliche Bestrebungen

Auch die Regierungen sind bei der Entwicklung technischer und infrastruktureller Lösungen gefordert. Die weltweite Spitzenposition elektrisch betriebener Fahrzeuge belegt weiterhin China. So zählte das ZSW 2017 rund 1,2 Millionen Elektroautos in China. Darunter waren rund 580 000 Neuzulassungen. An zweiter Stelle folgt die USA mit 751 000 elektrisch betriebenen Fahrzeugen – davon 195 000 Neuzulassungen. Norwegen ist wiederum in Europa führend. Von den 187 000 Elektromobilen wurden 2017 rund 62 000 neu zugelassen.

Verschiedene Staaten planen zudem eine Deadline für Verbrennungsmotoren. Ab 2025 sollen unter anderen in Norwegen alle Neuwagen emissionsfrei sein. Gänzlich unterbinden möchte Frankreich den Verkauf von Verbrennungsmotoren ab 2040. In Indien mit einem potenziell grossen Markt für Elektromobile sollen ab 2030 nur noch Elektroautos neu zugelassen werden.

In der Schweiz konnte man derartige Bekenntnisse bisher nicht vernehmen, obwohl die Akzeptanz in der Bevölkerung steigt. Laut Bundesamt für Statistik waren 2017 über 14 500 reine Elektroautos in der Schweiz zugelassen, 2016 wurden 11 000 gezählt. Claudio Pfister, Leiter Fachgesellschaft e’mobile, nimmt Stellung: «Für Normalverbraucher ist effiziente Mobilität heute noch mit höheren Investitionen verbunden. Für den, der rechnet, ist hingegen klar, dass über den Lebens-zyklus eines konventionellen Autos, 100 000 bis 200 000 Kilometer, Treibstoffkosten von 10 000 bis 40 000 Franken anfallen. Hinzu kommen noch regelmässige Wartungskosten bei Verbrennungsmotoren wie für Öl- und Ölfilterwechsel. Daher ist es erstaunlich, dass die Schweizer Bevölkerung im Eigenheim zielstrebig von Ölheizung auf Wärmepumpe wechselt, aber beim Auto noch zögert. Die Schweiz wird dank des globalen Trends, der mass-
geblich von China geprägt ist, über kurz oder lang auch den Weg in die deutlich effizientere Elektromobilität finden.»

Zielvorgabe von 10 Prozent

Auto-Schweiz verweist ebenfalls auf bisher ungenutztes Potenzial. Trotz zunehmender Anzahl von Elektromobilen betrug der E-Fahrzeug-Anteil 2017 nur 2,7 Prozent. Um den ab 2020 geltenden CO2-Wert von 95 Gramm pro Kilometer im Neuwagenmarkt zu erreichen, wären laut Auto-Schweiz und EBP zu diesem Zeitpunkt ein Marktanteil an teilweise oder gänzlich elektrifizierten Fahrzeugen von rund 10 Prozent notwendig. Das entspricht einer Vervierfachung innerhalb von vier Jahren.

«Mit den richtigen Rahmenbedingungen sind Elektroautos und Plug-in-Hybride auch ohne Kaufprämien hochattraktive Fahrzeuge. Wir wollen, dass das Wachstum bei den alternativen Antrieben nachhaltig und von Dauer ist. Deshalb verlangt Auto-Schweiz keine direkte Unterstützung, sondern lediglich gute Rahmenbedingungen für diese Fahrzeuge», sagt François 
Launaz, Präsident von Auto-Schweiz.  

Infrastruktur sicherstellen

«Damit die Marktentwicklung der Elektromobilität stattfinden kann, ist ein flächendeckendes, qualitativ hochwertiges, nicht diskriminierendes und bestmöglich verfügbares Ladenetz unabdingbar. Ein wichtiger Schritt in diese Richtung ist die Koordination und Harmonisierung des bestehenden sowie des geplanten Ladeangebotes», spezifiziert der Verband Swiss eMobility und arbeitet deshalb zusammen mit EnergieSchweiz an der Plattform 
Ladenetz Schweiz. In einer unter anderem aus Kantonen, Gemeinden, Unternehmen der Elektrizitätsbranche und Fachverbänden bestehenden Expertengruppe werden derzeit die dringendsten Problemstellungen analysiert, um daraus Lösungsansätze zu realisieren. Daraus können Folgeprojekte entstehen, die aber ausserhalb der Plattform stattfinden. Insbesondere zu erwähnen sind hierbei die Schaffung der Normkommission bei der SIA (SIA 2060 Infrastruktur für Elektrofahrzeuge in Gebäuden), ein Handlungsleitfaden für Gemeinden oder das Pilotprojekt «DIEMO» (Dateninfrastruktur Elektromobilität). «Derzeit ist eine Verlängerung der Plattform Ladenetz Schweiz bis 2020 beim BFE ausgeschrieben», erklärt Krispin Romang, stellvertretender Geschäftsführer Swiss eMobility.

Handlungsleitfaden unterstützt

Ein von EnergieSchweiz veröffentlichter «Handlungsleitfaden mit Praxisbeispielen» bietet konkrete Massnahmenvorschläge und Praxisbeispiele, um Städte sowie Gemeinden zur Förderung von Elektromobilität zu animieren. Der Leitfaden deckt unter anderem die Bereiche Planung, Beratung und Infrastruktur ab.

Darüber hinaus hat der Schweizerische Architektur- und Ingenieurverein kürzlich die Arbeiten am SIA-Merkblatt 2060 gestartet, in dem unter anderem energetische Anforderungen, Systemaufbauten und Ausstattungen von Ladestationen aufgezeigt werden sollen. Mit einer Veröffentlichung ist voraussichtlich 2019 zu rechnen.

Wünsche der Verbraucher

Eine Umfrage der Universität St. Gallen und Raiffeisen (s. Box) zeigt, dass vor 
allem fehlende Infrastrukturen in der Schweiz und die geringe Reichweite der Fahrzeuge derzeit gegen den Kauf eines Elektromobils sprechen. Für die meisten Befragten war zudem der Klimaschutz Hauptargument für den Kauf eines elektrisch betriebenen Fahrzeuges. Auch das bequeme Laden von daheim und geringe Betriebskosten (Reparaturkosten) galten als Argumente.

Weil in der Schweiz 38 Prozent der CO2-Emissionen aus dem Mobilitätsverkehr stammen, wünschen sich deshalb einzelne Politiker Massnahmen wie die Vernetzung bestehender Ladestrukturen, um Ladevorgänge zu vereinfachen. Auch kantonsübergreifende einheitliche Motorfahrzeugsteuern gehören dazu.

Kombipakete im Pilotprojekt

Die Schweizerischen Bundesbahnen SBB prüfen derweil eine Überarbeitung des Produktsegmentes unter Beteiligung der Nutzenden. Denn ein Forschungsbericht von der SBB und ETH Zürich zeigt, dass Kundenbedürfnisse massgeblich über die Wahl des Fortbewegungsmittels entscheiden. Zukünftig bietet die SBB daher ein Mobilitätskombi aus Schienenverkehr und Elektrofahrzeugen an. Grundlage dafür war ein im Februar abgeschlossenes Pilotprojekt mit positiven Rückmeldungen der Kunden. Forschungsergebnisse einer Untersuchung des Mobilitätsverhaltens der 139 Pilotkunden durch die ETH Zürich trugen ebenfalls dazu bei. Bei den Kunden sank der Gebrauch von Benzin- oder Dieselautos demnach um 39 Prozent. Stattdessen nutzten sie Zug (11 Prozent) und Elektroautos. Laut den Ergebnissen spart der Pilotkunde im Schnitt mit SBB Green Class 1,5 Tonnen CO2 pro Jahr ein, was rund 20 Prozent seiner Gesamtemissionen durch Mobilität entspricht.

In einem zweiten Pilotprojekt können die Teilnehmenden noch bis Ende September den Schienenverkehr mit E-Bikes kombinieren. Als langfristiges Ziel wird die Etablierung eines Mobilitätskombis angestrebt.