Haustech 3/2018

Mehr Freiheiten beim baulichen Brandschutz

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Othmar Humm /

Die seit 2015 gültigen Brandschutzvorschriften erlauben auch mehrgeschossige Holzhäuser. Bei Backstein- und Betonbauten lassen sich aufgrund der neuen Regelungen die Kosten senken. Doch einfach sind die Vorschriften nach wie vor nicht.

In der Nacht vom 10. auf den 11. Mai 1861 brannten zwei Drittel der Bausubstanz von Glarus ab. Der Feuerschein, so die Überlieferung, war in Basel zu sehen. Mehr als 150 Jahre lang beeinflusste das «Jahrhundert-Ereignis» den baulichen Brandschutz. Erst 2015 wurde der mehrgeschossige Holzbau wieder möglich. Doch wesentliche Vorgaben des VKF, der Vereinigung Kantonaler Feuerversicherungen, gelten bis heute: Mindestabstand zwischen Gebäuden, Materialisierung von Oberflächen sowie Konstruktionen in Abhängigkeit der Nutzung.

Statistik spricht für rigide Regeln

Die Statistik bestätigt die strengen VKF-Vorschriften – mit sehr guten Zahlen für die Schweiz. Vor allem in skandinavischen Ländern mit ihrem relativ grossen Holz-Anteil in der Bausubstanz kommen bis zu dreimal mehr Brandtote vor, jeweils bezogen auf die Bewohnerschaft. Das VKF-Vorschriftenwerk umfasst 19 Brandschutzrichtlinien, 
10 Brandschutzerläuterungen und eine Brandschutznorm. Sehr praktisch für Architekten, Gebäudetechnikplaner und interessierte Bauherrschaften sind die Brandschutzarbeitshilfen, weil die Vorgaben zusammengefasst sind. Für Praktiker eignen sich auch die Stand-der-Technik-Papiere (STP) der Verbände, zum Beispiel jenes des EPS-Verbandes (Expandiertes Polystyrol).

Brandschutz schon im Entwurf

Entscheidend für die Vorgaben zum baulichen Brandschutz sind die Gebäudegeometrie und die Nutzungen. Die VKF unterscheidet zwischen Gebäuden geringer (bis 11 Meter) und mittlerer Höhe (bis 30 Meter). Bauten über 
30 Meter gelten als Hochhäuser. Erhöhte Anforderungen sind bei Krankenhäusern, Heimen und Hotels sowie bei Räumen mit «grosser Personenbelegung» einzuhalten. Je nach Nutzung und Gebäudehöhe verlangt die VKF eine Qualitätssicherung. Bei vielen Bauten bedingt dies die Mitarbeit eines von der VKF autorisierten Brandschutzfachmanns oder sogar eines Brandschutzexperten.

Brandriegel bietet Schutz

Um eine Brandausbreitung über mehrere Stockwerke zu verhindern, sind bei Häusern mit brennbaren Fassaden Brandriegel vorgeschrieben. Die mindestens 
20 Zentimeter breiten Abschottungen sind aus nicht brennbarem Material gefüllt, in der Regel mit mineralischen Dämmstoffen. Die Brennbarkeit des Materials ist demnach ebenso entscheidend wie der Feuerwiderstand der ganzen Konstruktion respektive des Bauteils. Dieser Widerstand in Minuten wird mit der Funktion des Bauteils ergänzt. Wenn es tragend (R) ist, raumabschliessend (E) oder wärmedämmend (I), bekommt das Bauteil das Kürzel REI60 – und das während 60 Minuten.  Ein minimaler Feuerwiderstand ist vor allem für Tragwerke und für Wände sowie Decken zwischen Brandabschnitten gefordert. In Mehrfamilienhäusern bildet jede Wohnung einen Brandabschnitt, hinzu kommt der Abschnitt des Treppenhauses. Das führt bei Gesamterneuerungen zu Diskussionen, weil Wohnungstüren in Mehrfamilienhäusern den heute geltenden Anforderungen häufig nicht genügen, aber als Baudenkmal klassiert sind. Dass schön verzierte Wohnungstüren mit Einfachverglasungen keine 30 Minuten dem Feuerangriff widerstehen, ist offenkundig. Doch die lokale Feuerpolizei kann in begründeten Fällen Ausnahmen genehmigen.

Vorfabrizierter Brandschutz

Holzbauten sind en vogue – und VKF-kompatibel, sofern die Fassaden mit Abschottungen und Brandschürzen ausgerüstet sind. Da Wände von Holzhäusern überwiegend in der Vorfabrikation zusammengesetzt werden, kommen die Hausteile mitsamt den feuerhemmenden Riegeln und Schürzen auf die Baustelle. Dem baulichen Brandschutz sind auch die Fluchtwege zuzuordnen. Mehr als 50 Meter zwischen Arbeitsplatz und Treppenhaus sind nicht zulässig. Sogar die Interventionsmöglichkeiten der Feuerwehr sind ein VKF-Thema. In der Regel muss die Zufahrt für Rettungskräfte gewährleistet sein. Dass das nicht immer möglich ist, zeigt das Berghotel Schönhalden oberhalb von Flums. Der reine Holzbau brannte vor zwei Jahren völlig ab, die Feuerwehrleute mussten mit der Seilbahn zum Standort auf 1500 Höhenmeter transportiert werden. Die Gebäudeversicherungen argumentieren, dass Hauseigentümer mit geringen Risiken auch Schäden an 
Gebäuden mit schlecht erreichbarem Standort mittragen.