«Man vergisst den Menschen»

Björn Schrader. (Foto: HSLU)
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Prof. Björn Schrader, Leiter der interdisziplinären Themenplattform Licht@hslu an der Hochschule Luzern, plädiert dafür, Tageslicht stärker zu nutzen, um Energie zu sparen und das Wohlbefinden der Nutzer zu erhöhen. Darüber spricht er auch am 15. IGE-Planerseminar.

Björn Schrader, Sie sprechen am Planerseminar des Instituts für Gebäudetechnik und Energie über «Tageslicht – Basis für Human Centric Lighting». Worum geht es?

Das Thema erfährt seit einigen Jahren einen regelrechten Hype. Human Centric Lighting berücksichtigt neben den visuellen auch die nicht-visuellen Wirkungen von Licht, also die emotionale und die biologische Wirkung auf Prozesse in unserem Körper. Etliche Körperfunktionen werden vom Tageslicht synchronisiert, das bekannteste Beispiel ist der Wach-Schlaf-Rhythmus.

Welche Folgen hat das für das Licht in Gebäuden?

Die Industrie hat überlegt, wie sie diesen Trigger in Räumen mit Kunstlicht nutzen könnte. Es werden riesige Erwartungen geweckt: Besserer Schlaf-Wach-Rhythmus, gesteigerte Leistungsfähigkeit, mehr Aktivität, auch die Liegezeiten in Krankenhäusern sollen reduziert werden können. Theoretisch ist das möglich, aber die Technik ist komplex, und die Forschung steht am Anfang. Und die Nutzenden sind sehr individuell.

Die Anlagen funktionieren nicht?

In einer Altersresidenz mit hervorragender Tageslichtversorgung und toller Sicht auf die Berge wurde eine solche Anlage installiert. Die Bewohner verstehen nicht, warum an einem wunderschönen Sommertag noch die künstliche Beleuchtung eingeschaltet bleibt.

Muss das sein?

Die Konzepte lassen sich nicht so einfach übertragen. Die ersten HCL-Anlagen wurden in Räumen mit sehr wenig Tageslicht eingesetzt. Ausserdem werden oft die Bedürfnisse der Menschen vernachlässigt. Man muss mit den Nutzenden reden, bevor man die Anlage in Betrieb setzt, sie müssen eine Einführung bekommen und ihre Rückmeldungen für die Feinjustierung gesammelt werden. Eine technisch einwandfreie Planung und Installation reichen hier nicht aus. Die Kommunikation wird immer wichtiger.

Wäre es besser, es käme mehr Tageslicht ins Gebäude?

So ist es. Aber Tageslicht hat keine Lobby, man kann damit kein Geld verdienen. Dabei ist es kostenlos und CO2-neutral. Bislang gab es keine Normen nach denen überprüft werden konnte, wie gut eine Tageslichtversorgung ist, und deshalb mussten sich die Planer auch nicht anstrengen. Zudem haben viele Vorgaben einen anderen Fokus, wollen zum Beispiel das Überhitzen des Gebäudes verhindern. Aber Mitte des Jahres wird die Schweizer Norm «SN/EN 17037 – Tageslicht in Gebäuden» in Kraft treten.

Was ändert sich dadurch?

Die Norm macht klare Aussagen, was unter einer guten Tageslichtversorgung zu verstehen ist und während wieviel Zeit im Jahr der Raum mit Tageslicht versorgt wird. Hier gibt es drei Stufen: hoch, mittel, gering. Ausserdem wird der Ausblick thematisiert und die Sonnenlichtexposition: Wer eine Wohnung kaufen will, die mehrheitlich nach Norden ausgerichtet ist, würde das viel einfacher erkennen. Zudem gibt es Vorgaben zum Schutz vor Blendung, vor allem an Arbeitsplätzen ist das wichtig.

Die Norm hat zur Folge, dass zum Beispiel Vermieter Auskunft geben müssen?

Das wäre das Ziel. Darauf müssen wir aber wohl noch warten und den Architekten vertrauen. Die Sache ist komplex: Eine Fassade komplett zu verglasen etwa führt nicht zwangsläufig zu einem lichtdurchfluteten Raum. Im Sommer schon gar nicht, da wird es schnell zu heiss, da müssen die Storen heruntergelassen und das Kunstlicht eingeschaltet werden. Dann kann man aber nicht mehr nach draussen schauen.

Kann man verglaste Fassaden so konstruieren, dass mehr Tageslicht hereinkommt?

Die Lage der Fenster und Balkone, die Art des Sonnenschutzes, die Tiefe der Räume, das Glas der Fenster – es gibt so viele Möglichkeiten für die Gestaltung. Das Wissen darum und die Methoden sind in Vergessenheit geraten, das ist auch in den Lehrplänen zu erkennen. Tageslicht droht bei der Architektur etwas in der Themenvielfalt unterzugehen. Meiner Ansicht nach wird hier viel Potenzial verschenkt. Bei der Gebäudetechnik, speziell bei der Innenarchitektur ist das Licht dagegen fester Bestandteil der Ausbildung  an der Hochschule Luzern: Die Studierenden lernen, wie man eine gewünschte Atmosphäre im Raum schaffen kann und beschäftigen sich mit der Wechselwirkung von Licht und Material. Sie erhalten die Kompetenzen, die für die Lichtplanung so wichtig sind.

 

15. IGE-Planerseminar

20.3.2019, 13.30 bis 17.30 Uhr,

Hochschule Luzern – Technik & Architektur, Technikumstrasse 21, Dr. Josef-Mäder-Saal (D415), Trakt IV, 6048 Horw.

Das IGE-Planerseminar richtet sich an Fachleute aus Energie, Gebäudetechnik, Architektur und Bautechnik. Die Referate decken die Bandbreite von Forschung über Planung und Realisierung bis hin zum Betrieb von energieeffizienten Gebäuden und Systemen ab. Die Veranstaltung wird vom Institut für Gebäudetechnik der Hochschule Luzern organisiert. Partner sind das Bundesamt für Energie, der Kanton Luzern, der SIA, der SWKI, der Suissetec und das Fachmagazin Haustech.