Haustech 2/2018

Lebensraum statt Obstplantagen

Das sogenannte «Stadtauge» gleich neben den Bahngleisen sorgt für einen Dialog mit der Lenzburger Altstadt. (Foto: ATP, Jantscher)
Die Südfassade des neuen Wohnbaus in Baufeld B nimmt die ehemalige Traufkante auf und betont sie mit einem Rücksprung des Holz-Attikas. (Foto: ATP, Jantscher)
Im Baufeld C führt ein neuer Bürobau die Horizontalität des benachbarten Wohnbaus weiter. (Foto: ATP, Jantscher)
Corinne Coppa * /

Auf dem ehemaligen Hero-Grundstück in Lenzburg entsteht ein neuer Stadtteil mit 500 Wohnungen und 20 000 Quadratmetern Büro- und Gewerbefläche. Das schweizweit dritte zertifizierte 2000-Watt-Areal führt die historische Fassade weiter und ergänzt diese durch neue Bauteile.

Da der Lebensmittelkonzern Hero AG 2011 seinen Hauptsitz vom traditionellen Standort nördlich des Lenzburger Bahnhofs an eine neue Produktionsstätte am Stadtrand verlagert hatte, wurde das stadtnahe 
Areal für eine neue Nutzung frei. Insgesamt werden rund 500 Wohnungen 
gebaut, ergänzt durch 20 000 Quadratmeter Büro-, Gewerbe- und Verkaufsflächen, die Kapazitäten für rund 800 Arbeitsplätze bieten.

Das Entwicklungsleitbild des Quartiers «Im Lenz» setzt auf Ziele der nachhaltigen Stadtentwicklung: «Es soll ein Gleichgewicht zwischen gesellschaftlicher Solidarität, wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit und ökologischer Verantwortung erreicht werden», heisst es im Entwicklungsleitbild. «Das neue Stadtquartier muss in sich funktionieren, belebt sein und den Nutzenden eine hohe Lebensqualität bieten. Die verschiedenen Immobilienprodukte müssen der Nachfrage entsprechen, kosteneffizient sein und im Unterhalt sowie im Betrieb der Gebäude optimiert werden. Die Architektur setzt diese Anforderungen optimal um und setzt Ressourcen und Energien effizient ein.»

Identitätsstiftende Architektur

Entwickelt wird das ehemalige Hero-Areal seit 2008 von der Losinger Marazzi AG in enger Partnerschaft mit der Grundeigentümerin, der Genossenschaft Elektra Birseck Münchenstein EBM, und der Stadt Lenzburg. «Im Lenz» wurde schweizweit als drittes «2000-Watt-Areal» zertifiziert und strebt den Minergie-Standard an, der sich durch einen sehr geringen Energiebedarf und einen möglichst hohen Anteil an erneuerbaren Energien auszeichnet. Als neue Begegnungszonen im Stadtteil dienen der Aabach-Park mit Zugang zum Aabach und der Markus-Roth-Platz.

Neben Nachhaltigkeitsaspekten prüfte die Jury bei den Wettbewerben für die einzelnen Baufelder städtebauliche Aspekte, architektonische Qualitäten, Wirtschaftlichkeit und Raumprogramm. Das ein Hektar grosse Areal, das von ATP Zürich bearbeitet wurde, schliesst direkt an die Bahngleise und den Bahnhof an, deshalb waren für das «Eingangstor zur Stadt» identitätsstiftende architektonische Elemente für Lenzburg besonders wichtig. In diesem Punkt konnte das Planungsteam die Jury besonders überzeugen.

Lärmgeschützte Büros

Auf den Baufeldern B und C realisierte ATP die Gebäude «Im Fokus», «Im Fluss» und «Im Grün». Beim Entwurf knüpfen die Planer an die bestehenden Bauten an. Die südlichen Baukörper stehen an der Bahnlinie und übernehmen deswegen auch Lärmschutzfunktion. In diesen Lärmschutzriegeln werden Büros untergebracht. In den nördlichen Gebäuden finden sich Wohnungen. In den Erdgeschosszonen ist hauptsächlich Kleingewerbe vorgesehen.

Die Planer fügten das ehemalige, teilweise abgebrochene Fabrikationsgebäude der Hero AG und seine Zubauten optimal in den städtebaulichen Rahmenplan von Burkard Meyer Architekten ein. Das Hofgebäude wird in zwei Riegel aufgelöst und der Hof in seinen Proportionen verbessert, um mehr Licht ins Innere des Gebäudes zu bringen. Der südliche Bauteil bleibt mit der Süd- und Westfassade sowie der Brücke zur ehemaligen Spenglerei erhalten. Die neue Nordfassade orientiert sich an der Südfassade und erhält geschosshohe Fenster.

Historische Fassade bleibt

Der Neubau ist klar ablesbar, führt aber die historische Fassade mit seiner vertikalen Gliederung weiter. Das Dach wird in seiner Form im Bestand im Süden und Westen beibehalten, im Norden in Anlehnung an das Süddach weitergeführt. Der Ostflügel, der seit 1954 aufgrund einer Aufstockung ein markantes Erscheinungsbild besitzt, dient weiterhin als Blickfang. In der Dachform des Anbaus manifestiert sich die Änderung der Ausrichtung des Gebäudes, und ein sogenanntes «Stadtauge» sorgt für einen Dialog mit der Lenzburger Altstadt. Rhythmus und Farbigkeit der Fassade des Bestands finden sich im Neubau wieder, werden aber neu interpretiert und an aktuelle technische Möglichkeiten angepasst. Das neue Ensemble erinnert mit seinen historischen Elementen an die alten Fabrikgebäude, verweist mit seinen neuen Bauteilen aber klar auf die Nutzungsänderung.

Die neuen geschosshohen Fenster sorgen für lichtdurchflutete Räume. Um die Nutzung bis unters Dach zu ermöglichen, musste die Dachhaut vollständig ersetzt und an aktuelle Anforderungen der Wärmedämmung angepasst werden. Offene Grossraumbüros sind genauso möglich wie die Unterteilung in Zellenbüros. In der Erdgeschosszone können rundum an der Fassade Arbeitsplätze, Sitzungszimmer oder Aufenthaltsbereiche untergebracht werden.Ein schwellenloser Zugang in das um rund einen Meter erhöhte Erdgeschoss des Bestandsgebäudes wird an der nordwestlichen Ecke ermöglicht. Der grosszügige Raum hinter dem Stadtauge könnte als After-Work-Bar dienen.

Die Südfassade des Wohnbaus am Baufeld B, der nördliche Riegel am alten Fabrikgebäude, nimmt die ehemalige Traufkante auf und betont sie mit einem Rücksprung des Attikas, der in Holz ausgeführt ist. Dort sind 13 Maisonettewohnungen untergebracht, in den Geschossen darunter je 10 Geschosswohnungen, die durch drei Treppenhäuser erschlossen sind.

Nutzung in drei Zonen

Eine vertikale Fassadengliederung zeichnet auch den neuen Bürobau an der Bahn auf Baufeld C aus. Die Gliederung der Fassade korrespondiert mit dem Bürobau westlich und führt gleichzeitig die Horizontalität des nördlichen Wohnbaus auf dem Baufeld C weiter. Auch in diesem Bürobau sind Grossraumbüros und Zellenbüros möglich. Die Gebäudetiefe ist optimiert für eine Anordnung der Nutzung in drei Zonen. In der Mittelzone konzentrieren sich Nebennutzungen wie Archive, Sanitär- und Druckerräume sowie Erschliessungskerne. Arbeitsplätzen, Sitzungsräumen und Aufenthaltsbereichen bleibt die Zone an der Fassade vorbehalten. Ein überhöhtes Erdgeschoss an der Bahn stellt den Bezug zu den Gleisen her. Ein Zwischengeschoss bildet im hinteren Bereich eine Galerie.  

Auf Baufeld C bricht nicht nur die Gliederung der Fassade des Wohnbaus, die der Nutzung entspricht, mit den Vorgaben des Fabrikgebäudes. Der Bau orientiert sich auch als erstes Gebäude nicht an den historischen Fluchten und deutet an der Ringstrasse, die das Quartier erschliesst, eine Richtungsänderung an. Der strukturierte Putz der Fassade hebt sich auch farblich und optisch ab. Die verspielte Anordnung der Fassadenöffnung bricht die strenge Gliederung, die von den Geschossen vorgegeben ist, und lässt das Gebäude so optisch dezenter erscheinen.

Die kompakte, aussen isolierte Fassade sorgt nicht nur für ein angenehmes Raumklima, sie entspricht auch den Minergie-Anforderungen. Drei Treppenhäuser erschliessen die Singlewohnungen. Pro Geschoss finden sich sieben Zweieinhalb- und vier Dreieinhalb-Zimmer-Wohnungen. Wie schon bei den Maisonettewohnungen im Wohnbau auf Baufeld B gelangt man in den Wohnungen jeweils über ein grosszügiges Entree in einen offenen, nach Süden orientierten Wohn- und Essbereich. Dort gewährleistet jeweils eine zentrale Anordnung der Sanitäranlagen eine optimale Haustechnikerschliessung mit kurzen Leitungswegen. Gemeinschafts- und Waschraum befinden sich im Erd- bzw. Untergeschoss.

Optimaler Freiraumbezug

Zu den beiden Wohnbauten gelangt man jeweils vom zentralen Platz beziehungsweise von der Ringstrasse, der Haupterschliessungsachse des Quartiers «Im Lenz», an die mehrere Durchgangsstrassen anknüpfen. Der Zugang zu den Bürogebäuden befindet sich jeweils an der Bahn. Zwei Strassen, jeweils westlich des Baufelds B und C, nehmen ehemalige Gleise auf und verbinden das Areal an der Bahn mit dem Zentrum des Quartiers. Der Weg zwischen Baufeld B und C verjüngt sich von der Ringstrasse Richtung Bahn. Im Erdgeschoss dieses schmalen, hohen Durchgangs beleben Ateliers den Strassenraum.

Sämtliche Gebäude auf den Baufeldern B und C verfügen über einen optimalen Freiraumbezug. Die Freiräume gliedern sich in drei Zonen: den Raum an der Bahn, den «Zwischenraum» zwischen den Gebäuden und den Platz an der Ringstrasse. Auf dem Areal an der Bahn finden sich Parkplätze. Die Strasse an der Bahn geht in einen Fuss- und Radweg über, der eine Verbindung zwischen dem Bahnhof und der Altstadt herstellt. Auch dort beleben, neben den Zugängen zu den Büros, Ateliers den Strassenraum. Der Grünraum zwischen den Gebäuden ist die Verlängerung des Parks am Aabach. Obstbaumpflanzungen und Naturwiese mit Wildbeeren sollen an die Obstplantagen der Hero AG erinnern. Der öffentliche Platz an den Wohnbauten, eine Aufweitung der Ringstrasse, ist die neue Mitte des Quartiers.

Passive Gebäudeoptimierung

Um der ökologischen Verantwortung und der Vision der 2000-Watt-Gesellschaft gerecht zu werden, legten die Architekten und Planer nicht nur auf eine energieeffiziente Haustechnik besonderen Wert, sondern auch auf eine passive Optimierung der Gebäude. Kompakte Gebäudeformen helfen, Primärenergie einzusparen. Räume mit hohem Lichtbedarf finden sich an den Fassaden. Eine optimierte Anordnung der Kerne ermöglicht nicht nur kurze Leitungswege für die Energieerschliessung, sondern auch eine hohe Flexibilität in der Nutzungsanordnung. Helle und glatte Decken erhöhen die Wirkung der Tageslichtnutzung. Eine hohe thermische Behaglichkeit wird durch eine gut gedämmte und dichte Gebäudehülle erreicht. Bei der Wahl der Baustoffe für den Innenausbau steht die Vermeidung einer Schadstoffbelastung der Raumluft durch Emissionen an erster Stelle.

* Corinne Coppa, Gesamtprojektleiterin, ATP Architekten Ingenieure (Zürich) AG