Haustech 2/2018

Knappheit macht erfinderisch

(Foto: iStock)
Paolo D'Avino /

Der Boden in der Schweiz wird zunehmend knapper. Das zwingt zu neuen Denkansätzen, will man das Bauwerk Schweiz und 
den Lebensraum nicht verschandeln. Unter anderem wird vermehrt in die Höhe gebaut und in zentralen Quartieren sind hochverdichtete Bebauungen vorgesehen. Was sind die Treiber solch neuer Planungs- und Entwicklungsmodelle?

Verdichtetes Bauen und Zersiedelung prägen die Diskussionen um die Raumnutzung in der Schweiz. Vorbei sind die Zeiten, in denen noch grosszügig auf der grünen Wiese oder leerstehenden Industriebrachen gebaut wurde. Die Flächen werden zunehmend knapper, und mit dem Raumplanungsgesetz hat der Bund 2014 den Kantonen und Gemeinden den Auftrag gegeben, die unbebauten Flächen in der Schweiz zu schonen.

Der Zersiedelung soll Einhalt geboten werden. Die Innenentwicklung hat höchste Priorität. Eine mögliche Antwort auf die steigende Raumknappheit bietet der Bau in die Höhe. Pläne gibt es genug. Zum Beispiel in Basel, wo in der Nordspitze des Dreispitzareals drei Hochhäuser – zwei mit einer Höhe von 135 Metern sowie ein weiteres von 160 Metern – Teil eines neuen Stadtquartiers sein sollen. Auf dem Areal stehen heute ein Migros-Supermarkt, ein Obi-Baumarkt und eine grosse Parkplatzfläche.

Ein Quartier im Wandel

Schon lange denkt die Christoph Merian Stiftung (CMS) als Eigentümerin über die städtebauliche Weiterentwicklung, nicht nur in der Nordspitze, sondern auf dem gesamten Dreispitz-Areal nach. «Vor 170 Jahren betrieb Christoph Merian auf dem Dreispitz Landwirtschaft, vor 100 Jahren war der Dreispitz Materiallagerplatz, noch vor 15 Jahren ein abgeschlossenes Waren- und Zollfreilager», schreibt die Stiftung in ihrem Informationsbulletin zur Entwicklungsperspektive auf dem Areal. Der Dreispitz – ein Areal von fast 50 Hektaren – verändert seinen Charakter.

Nach Gesprächen mit Baurechtsnehmenden, mit Verbänden, Verwaltung und Politik sowie unter Berücksichtigung der Eigentümerinteressen hat die CMS Entwicklungsziele definiert, die eine Transformation des ehemaligen Waren- und Zollfreilagers ankündigt. Was Ende 2015 noch utopisch schien, wird nun Stück für Stück umgesetzt. In der Zwischenzeit hat sich einiges getan. Es kommt Bewegung in die Entwicklung des neuen Stadtquartiers. Neben den drei Hochhäusern soll im Herbst 2020, so der Plan, der Neubau für die Hochschule für Wirtschaft der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) stehen. Dies, nachdem bereits 2014 die Hochschule für Gestaltung und Kunst (HGK) mit rund 1000 Studierenden auf dem neuen Campus auf dem ehemaligen Freilager-Gelände eingezogen ist – ein Initialprojekt damals für das gesamte Dreispitz-Areal.

Keine allgemeingültige Formel

Experten sehen die grossen Treiber der Verdichtung und Zersiedelung der letzten Jahre vor allem in einer Welt, die sich rasant verändert. Einerseits wird das bestehende Gefüge ordentlich durcheinandergerüttelt. Die geopolitischen Unsicherheiten mit der grossen Zuwanderung und Migrationswelle nehmen zu, zudem leben wir je länger je mehr in einem urbanen, städtischen Umfeld, wo nicht erst seit heute die Menschen zusammenrücken müssen. Andererseits wird es aufgrund der demografischen Entwicklung wohl in absehbarer Zeit für jeden Einzelnen weniger Platz geben, im öffentlichen wie im privaten Raum. So auch in der Schweiz, wo verdichtetes Bauen bereits heute zur künftigen Zauberformel hochstilisiert worden ist. Auch wenn Wohnhochhäuser, wie beim Beispiel des Dreispitz-Areals, die markantesten Zeichen eines Verdichtungsprozesses sind, gibt es keine allgemein gültige Formel für eine hochwertige Verdichtung.

«Die spezifische Ortsanpassung, der Umgang mit öffentlichem Raum, Freiräume sowie der Nutzungs- und Bevölkerungsmix spielen immer eine Rolle», schreibt der nationale Verband für Raumentwicklung in der Schweiz (VLP-ASPAN) in einer Medienmitteilung zum Kongress «Siedlungen hochwertig verdichten». Diese Aspekte der Siedlungsqualität, aber auch Planungs-, Partizipations- und Rechtsfragen seien zentral und für jede Entwicklungsplanung anders zu definieren.

Raumrelevante Megatrends

Über die raumplanerische Zukunft der Schweiz denkt auch das Bundesamt für Raumentwicklung (ARE) nach. In ihrem Referat an der Swissbau 2018 zum Thema «Zukunft Schweiz» schält dessen Direktorin Maria Lezzi fünf raumrelevante Treiber heraus, wobei sie sich auf die Werkstattergebnisse des Rates für Raumordnung (ROR) stützt.

Diese ausserparlamentarische Kommission untersucht derzeit für den Bundesrat, das Seco sowie für das ARE die Auswirkungen von Megatrends auf die Raumentwicklung in der Schweiz. «Eine sehr anspruchsvolle Aufgabe», denn aus der Fülle der technologischen und gesellschaftlichen Veränderungsprozesse könne man nicht immer diejenigen eindeutig herausfiltern, die raumrelevant seien, sagt Lezzi. Und eines betont die Direktorin des ARE gleich zu Beginn: 
«Megatrends sind immer Chancen und Risiken.» Neben der Globalisierung, der Migration und der Individualisierung, die als Megatrends wahrgenommen werden, geht Lezzi auf zwei weitere näher ein. Die Digitalisierung nennt sie als ersten Punkt. So vielfältig die Vorstellungen sind, so zahlreich sind auch die daran geknüpften Hoffnungen.

Mit der Digitalisierung lassen sich Prozesse automatisieren. Neue Gestaltungsmöglichkeiten eröffnen sich, sei es im Arbeits- oder Wohnbereich, und dies auch in peripheren oder alpinen Regionen. «Die Kommission setzt sich nicht nur mit den Chancen, sondern auch mit den möglichen negativen Folgen auseinander», meint Lezzi und stellt dies am Beispiel der Mobilität dar: «Mit den neuen Technologien können wir künftig entweder weniger pendeln, wenn von zu Hause gearbeitet wird, wir können aber auch mehr arbeiten, wenn wir unterwegs sind.»

Das automatisierte Auto mache beides möglich. Deshalb könne der Rat für Raumordnung nicht ausschliessen, dass mit der Digitalisierung künftig noch grössere Distanzen in Kauf genommen werden. Auch würden autonome Autos nich a priori «geshart», wie oft behauptet werde. Streckenweise könnten in solchen Fahrzeugen, wenn sie zum Beispiel auf dem Weg zum nächsten Parkplatz oder Startpunkt seien, womöglich niemand drinsitzen. Dadurch könnte es zu einem Mehrverkehr kommen. All dies gelte es frühzeitig und breit zu diskutieren.

Immer ein Abwägen

Ein weiterer Megatrend, der als raumrelevant für die Schweiz betrachtet wird, ist der demografische Wandel. «Bewahrheiten sich die Szenarien des Bundesamtes für Statistik», so Lezzi, «werden bis 2045 rund 10 Millionen Menschen in der Schweiz leben.» In der gleichen Zeitspanne verdopple sich auch der Anteil der über 65-Jährigen. «Und was das für Auswirkungen auf unser künftiges Wohnen, Arbeiten und den Konsum haben wird, können wir nur erahnen.» Die Arbeit der ausserparlamentarischen Kommission sei noch im Gange, sagt Lezzi. Auch wenn die Empfehlungen an den Bundesrat noch nicht vollständig und endgültig formuliert sind, zeichnen sich Ansätze ab.  «Trends sind alles andere als linear. Im Gegenteil, sie sind diffus und unscharf. Oft lösen sie einen Gegentrend aus. Welche Trends sich durchsetzen werden, ist offen.»

Für die Direktorin des ARE bleibt die Frage matchentscheidend, wie sich die Akteure in diesem Veränderungsprozess verhalten werden. Niemand kenne die Zukunft, und wir würden wohl für eine längere Zeit in einer ungewissen Phase leben. Lezzi will Ungewissheit nicht als Unsicherheit verstanden wissen. «Auch wenn nicht alle die gleiche Freude an Veränderungsprozessen haben, steht die Welt nicht still.» Doch für die oberste Raumplanerin der Schweiz ist klar: «Wir können nicht warten, bis wir alles wissen. Gewisse Entscheide müssen wir heute fällen. Andere können wir bewusst offen lassen oder wir müssen damit rechnen, dass sie dereinst revidiert werden. Nur so können wir uns für einen attraktiven Lebens- und Wirtschftsraum Schweiz einsetzen, auch zugunsten unserer Kinder und 
Enkelkinder.»

Industrie will hoch hinaus

Im Schweizer Wohnungs- und Bürobau ist die Verdichtung schon lange ein Thema, doch nun denkt auch die Industrie laut darüber nach, in die Höhe zu bauen. Sie hat keine andere Wahl, will man weiterhin auf Schweizer Boden expandieren. Das Stammareal der V-Zug beispielsweise wird seit über 100 Jahren industriell genutzt. Weil der Konzern dem Standort Schweiz treu bleiben will, überlegen sich die Verantwortlichen des Zentralschweizer Unternehmens, wie am Werkareal die wettbewerbsfähige Produktion am Standort Zug sicherzustellen ist.

Dank neuartiger Produktionskonzepte wie zum Beispiel der «vertikalen  Fabrik» wird die Produktionskapazität verdoppelt, bei gleichzeitiger Reduktion des Grundflächenbedarfs auf ein Drittel. Zusammen mit Prozessverbesserungen erfolgt eine deutliche Steigerung der Flächenproduktivität, und der damit frei werdende Raum ermöglicht die Entwicklung des Technologieclusters. Dieses Ökosystem von innovativ produzierenden Betrieben und Partnern aus Handel, Gewerbe und Wissenschaft stellt einen wichtigen Baustein für eine erfolgreiche Zukunft von V-Zug und des Industrieplatzes Zug dar.

Die auf lange Sicht angelegte Transformation des Areals setzt gemäss dem Planungs-und Baugesetz des Kantons Zug einen Bebauungsplan voraus. In mehreren Bereinigungsrunden zwischen der Stadt, der V-Zug AG und der V-Zug Immobilien AG, aber auch zwischen Stadt und Kanton wurde die Vorlage so weit bereinigt, dass sie zuhanden des Grossen Gemeinderats der Stadt Zug verabschiedet werden kann. Die Genehmigung des Bebauungsplans wird bis Mitte 2018 erwartet. V-Zug beabsichtigt, in dieser neuen Produktionshalle mit dort zu installierenden neuen Anlagen die nächste Generation von grundlegend neu konzipierten Haushaltapparaten herzustellen.

Bauen mit Einfamilienhausqualität

Einen Ansatz, wie gegen die Zersiedelung angegangen werden kann, zeigt das Forschungsprojekt «Transfer von Einfamilienhausqualitäten auf Mehrfamilienhäuser», das zwischen 2010 und 2012 in enger Zusammenarbeit mit verschiedenen Partnern erarbeitet wurde. Die Departemente Technik & Architektur und soziale Arbeit der Hochschule Luzern untersuchten mit der öffentlichen Hand und privaten Partnern, wie in Mehrfamilienhäusern ein Wohnraumangebot geschaffen werden kann, das die Zersiedlung reduziert und den Nutzenden gleichzeitig Vorteile bietet, die mit denen des Einfamilienhauses vergleichbar sind.

Was sich wie die Quadratur des Kreises anhört, begann mit der Beobachtung, dass sich die Siedlungsgebiete immer stärker ausdehnen und dass der Pro-Kopf-Flächenverbrauch nicht nur in den städtischen Gebieten, sondern auch in den Randzonen von agglomerationsnahen Gemeinden zunimmt. «Die Gemeinden und Städte wachsen zu grossflächigen und gesichtslosen Agglomerationen zusammen und der Platzbedarf pro Person steigt ständig an», sagt Amelie-
Theres Mayer vom Kompetenzzentrum Typologie & Planung. «Reichten 1980 noch 34 Quadratmeter Wohnfläche aus, waren es im Jahre 2012 in der Schweiz durchschnittlich 45», erklärt die Projektleiterin.

Einen wesentlichen Anteil an der Zersiedelung würden dabei die Einfamilienhäuser tragen. «1970 waren es 40 Prozent, heute macht der Bestand an Einfamilienhäusern 58 Prozent aus.» Von den seit dem Jahr 2000 gebauten Wohngebäuden waren 2012 fast drei Viertel Einfamilienhäuser, doppelt Mayer nach. Das besonders Problematische an dieser Situation ist: «Auf viel Boden wohnen relativ wenige Menschen.»

Innenentwicklung hat Priorität

Gegen die Zersiedelung kämpft auch der Kanton Luzern. «Der Landverbrauch hat in den letzten Jahren zugenommen und die Ressource Boden ist nun mal endlich», sagt André Duss, Raumplaner bei der Dienststelle für Raumentwicklung, Wirtschaftsförderung und Geoinformation (Rawi). «Die Ortsplanungen der Gemeinden haben sich an die darin formulierten Grundsätze zu halten», erklärt Duss, und so seien Neueinzonungen nur bei ausgewiesenem Bedarf zulässig.

Künftig soll die Siedlungsentwicklung verstärkt nach innen erfolgen. Duss meint damit, dass «ein Mehrfamilienhaus für ein verdichtendes Bauen steht». Die Vorteile liegen für ihn auf der Hand. «Mit einer Verdichtung wird die vorhandene Infrastruktur wie die Versorgung besser genutzt, die kurzen Wege führen zu weniger Verkehr und ein Mehrfamilienhaus generiert letztlich höhere Steuereinnahmen.» Man erliege immer noch dem Irrglauben, dass eine neue Einfamilienhaussiedlung am Rand der Gemeinde neue und gut verdienende Steuerzahler generiere, sagt der Raumplanexperte. Das genaue Gegenteil ist der Fall. «Das Einfamilienhaus am falschen Ort leistet einen wesentlichen Beitrag zur Zersiedelung.» Verdichtetes Bauen und Zersiedelung werden auch künftig die Diskussionen um die Raumnutzung in der Schweiz sein. Nachteile einer schlechten und unbedachten Raumplanung darf und kann sich die Schweiz nicht leisten. Der bebaubare Boden ist und bleibt begrenzt.