Haustech 4/2017

Klettern im Schacht

Kein Schoggijob für die Industriekletterer: Schutzanzug, Atemmaske, Kletterausrüstung, und das alles in sehr engen und schmalen Schachten. (Foto: Schadegg AG / Toprope)
Arbeit im Funkenregen: Ohne Gegengewicht gestaltete sich das Abschleifen der Wände schwierig. (Foto: Schadegg AG / Toprope)
Lohn der Mühsal: Die Lüftungsschächte sind am Ende von jeder Asbestfaser befreit. (Foto: Schadegg AG / Toprope)
Ben Kron /

In einem Basler Geschäftshaus musste die Lüftung saniert werden. Da die Isolation der Schächte Asbest enthielt, mussten Schadstoffexperten ran. Und da die Schächte zum Teil nur einen halben Meter breit waren, kamen im Gebäude Industriekletterer zum Einsatz.

Bis in die 1980er-Jahre war Asbest das Isoliermaterial Nummer eins für die feuerhemmende Innenbeschichtung von Lüftungsanlagen. In der Schweiz muss gemäss Suva in allen Gebäuden, die vor 1990 gebaut wurden, mit Asbest gerechnet werden. Das gilt auch für das kleinere Bürogebäude in einem Basler Aussenquartier, bei dem die Lüftung zu sanieren war. Diese führte nicht mehr genügend frische Luft in die Büros.

Die Ursache war mit einem Blick in die Revisionsöffnungen der Lüftungsschächte sofort gefunden: Einige Platten der Wandverkleidung (Isolation) hatten sich gelöst und verkeilt, was den Luftfluss stark beeinträchtigte. Ein Schaden, der eigentlich rasch zu beheben gewesen wäre. Mitarbeiter einer der Firmen, die in besagtem Bürobau domiziliert sind, hatten indes schon mit Schadstoffsanierungen zu tun und schöpften daher den Verdacht, dass sich auch in diesen Lüftungskanälen der krebserregende Baustoff verbergen könnte.

Asbest in Bauplatten

Zur Abklärung wurde die auf Schadstoffsanierungen spezialisierte Schadegg AG engagiert. CEO Thomas Schadegg: «Da das Gebäude aus einer Bauzeit stammt, in der bekannterweise Schadstoffe verwendet wurden, beprobten unsere Experten umgehend die betroffenen Platten und Schichten.» Die Analyse durch ein unabhängiges Labor ergab dann rasch: Die Platten enthielten Asbest und der Kleber, mit dem sie befestigt waren, polychloierte Biphenyle (PCB). Damit wurde aus der kleinen Reparatur eine komplizierte Aufgabenstellung zur Sanierung und Entsorgung von hoch gefährlichen Schadstoffen.

«Das Ergebnis führte anfangs zu Erstaunen», so Schadegg weiter. «Schadstoffsanierungen finden meistens in grösseren Räumen von Industrie- oder Bürogebäuden statt, nicht in kaum begehbaren Arbeitsbereichen.» Als Sofortmassnahme wurde die Lüftung unterbrochen. Zudem wurden umgehend Schadstoffmessungen in den Büroräumen veranlasst, um sicherzustellen, dass für die Mieter keine Gesundheitsgefahr besteht. Es wurden keine Belastungen festgestellt. Für die Kühlung, Lüftung und Befeuchtung sorgten von da an Dutzende mobile Geräte, die überall im Gebäude aufgestellt wurden.  

Enge Platzverhältnisse

Erst danach konnte man sich der eigentlichen Sanierung widmen. Konkret waren hierfür sämtliche Isolationsplatten zu demontieren und die Wände der insgesamt fünf Luftschächte abzuschleifen, um auch den PCB-Kleber restlos zu entfernen. Doch das liess sich einfacher beschliessen als durchführen. Daniel Lamprecht, Projektleiter der Schadegg AG: «Die Schächte sind ausgesprochen eng, so dass wir nicht mit herkömmlichen Methoden arbeiten konnten.»

Die beiden engsten der fünf Luftschächte messen gerade mal einen auf einen halben Meter, nebst einer Höhe von rund 15 Metern, so dass der Einsatz eines Gerüsts nicht in Frage kam. «Wir sahen für die kleinen Schächte keine andere Möglichkeit, als Industriekletterer einzusetzen», so Lamprecht weiter. Man habe sich anfangs eine Lösung mit Zwischenpodesten überlegt, diese aber rasch wieder verworfen. Dasselbe geschah mit der Option, dem Schacht eine zusätzliche innere Hülle zu verpassen. Dies hätte gemäss Lamprecht die Schächte übermässig verkleinert und dadurch das Luftvolumen zu sehr beeinträchtigt.

Industriekletterer für Sanierung

Schliesslich machte sich der Projektleiter auf die Suche nach Industriekletterern für die klaustrophobische Aufgabe. Die eigenen Fachleute konnte man für die klettertechnisch anspruchsvolle Aufgabe in den engen Schächten nicht einsetzen. Nach kurzer Suche stiess man auf die Toprope GmbH, die deshalb geeignet schien, weil ihre Kletterer ursprünglich Handwerker sind, die eine Zusatzausbildung am Seil erhielten. «Wir von Schadegg AG hatten aber als Auftragnehmerin stets die Federführung bzw. Projektverantwortung inne und mussten die Kletterer erst für diesen Einsatz spezifisch schulen.»

Die Kletterer von Toprope hatten gemäss deren Geschäftsführer Thomas Hofmann bisher erst am Rande mit Asbest zu tun gehabt, etwa bei asbesthaltigem Fensterkitt an alten Gebäuden. Zuerst erwägte man, die Schadstoffsanierer der Schadegg ans Seil zu nehmen und sicher zum Einsatzort zu bringen. Dies ist ein möglicher Weg. Doch dann entschied man, die geschulten Kletterer einzusetzen, die sich das Arbeiten am Seil gewohnt sind, und diese dafür unter der Aufsicht von Schadstoffexperten arbeiten zu lassen.

Schulung zu Sicherheit

Bei der Ausbildung der Kletterer ging es vor allem um die Aspekte Ausrüstung und Sicherheit: Der ganze kontaminierte Bereich ist luftdicht abgeriegelt und steht Klettern im Unterdruck. Zu- und Weggang sind nur über eine Reihe von Sicherheitsschleusen möglich. «Wie man Schutzanzug und Atemmaske richtig an- und auszieht, wie man die Schleusen richtig durchläuft, wie man sich sicher von Schadstoffen reinigt, was bei welchem Problem zu tun ist, das mussten wir mit den Kletterern gründlich einüben, bevor die Arbeiten beginnen konnten», erzählt Thomas Schadegg.

Danach hatte man auch die Suva auf dem Platz, die nicht nur den ganzen Sanierungsplan genehmigen musste, sondern auch die Kletterer einzeln bezüglich Umgang und Verhalten in Schadstoffsanierungszonen befragte. Am Ende wurde dem gesamten Projektteam attestiert, dass die Kletterer für die unterstützenden Tätigkeiten in den speziell engen Schächten – unter Leitung der Schadstoffspezialisten – ausreichend ausgebildet sind.

«Das war die zentrale Schnittstelle für dieses Projekt», so Schadegg. «Die Kletterer mussten unseren Fachleuten vertrauen, dass sie trotz den Schadstoffen Asbest und PCB in unbedenklichen Bedingungen arbeiteten bzw. die Schutzmassnahmen griffen. Wir umgekehrt mussten uns darauf verlassen, dass die Kletterer stets unseren Instruktionen in den Sanierungszonen Folge leisteten. Es ging nicht ohne gegenseitiges Vertrauen.»

24-Stunden-Überwachung

Rund um den Einsatz der Industriekletterer hatten die Schadegg-Spezialisten umfangreiche Installationen vorzunehmen, um die Sanierung selbst wie den normalen Bürobetrieb zu gewährleisten. «Das Gebäude wurde ja unter Betrieb saniert», erinnert sich Thomas Schadegg. «Deshalb mussten wir die Lüftung durch Dutzende mobile Geräte ersetzen, weil der gesamte kontaminierte Bereich in den fünf Schächten luftdicht zum Rest des Gebäudes abgeschottet werden musste.»

Dazu musste der abgetrennte und unter Unterdruck gehaltene Bereich 24 Stunden überwacht werden. Das kleinste Leck im Unterdrucksystem würde die Menschen in den Büros gefährden. «Schutz nach aussen ist genauso wichtig wie Schutz nach innen», bekräftigt Schadegg. Deshalb standen alle Zonen unter computergesteuertem Telealarm, wodurch jede Leckage sofort per SMS an den Pikettleiter gemeldet worden wäre. Glücklicherweise kam es zu keinen Zwischenfällen.

Um den Zugang zum kontaminierten Bereich herzustellen, stellte man auf der Baustelle eine ganze Reihe von Vierkomponenten-Schleusen und zahlreiche weitere Geräte auf, zum Beispiel Messsysteme oder eine Filteranlage, die alles verbrauchte Wasser absaugte, von Asbestfasern reinigte und anschliessend wieder ins System speiste.

Nicht länger als zwei Stunden im Schacht

Nach den umfangreichen Vorarbeiten konnte die Sanierung schliesslich beginnen. Mit einer projektierten Dauer von zwei Monaten war sie deutlich kürzer als die nötigen Vorbereitungen. Die Schadegg-Mitarbeiter brachten die Toprope-Männer in die Zonen im obersten Teil der Schächte, von wo aus diese – am Seil gesichert – von oben nach unten die Sanierungsarbeiten ausführten. Von beiden Enden des Schachtes aus wurden sie stets überwacht, damit sie bei einem Notfall rasch hinausgebracht werden konnten.

«Unsere Leute stiegen, nachdem sie die Schleusen passiert hatten, im dritten Obergeschoss in den Schacht ein und wurden mittels Personenwinde an den Einsatzort hinuntergelassen. Im Schacht drinnen darf man maximal zwei Stunden arbeiten, danach ist eine Maskenpause vorgesehen.» Während die Kletterer im Schacht waren, waren die Schadegg-Mitarbeiter mit der fachgerechten Verpackung der schadstoffhaltigen Abfälle und dem Ausschleusen derselben beschäftigt. Diese werden übrigens mit geschlossenen Sammelbehältern in entsprechende Sondermülldeponien entsorgt.

Die Arbeiten gestalteten sich aus den vielen genannten Gründen sehr anspruchsvoll. Nicht zu vergessen ein physikalisches Problem, wie Daniel Lamprecht erzählt: «Wenn man in einem Seil hängt, kann man weniger Druck auf eine Schleifmaschine geben. Dadurch erhöht sich der Zeitaufwand für die Schleifarbeiten beträchtlich. Hier erwiesen sich immerhin die ganz engen Schächte als kleiner Vorteil: Hier konnten sich die Männer an der Rückwand abstützen.»

Erfolgreicher Projektabschluss

Trotz aller Hindernisse wurden die Arbeiten am Bürogebäude termingerecht abgeschlossen, und es  kam zu keinen Zwischenfällen. Am Ende der Arbeiten wagte sich doch noch ein Schadegg-Spezialist via Seiltechnik in die engen Schächte und nahm die Schlusskontrolle vor. Mit Spraydose markierte er die Bereiche, an denen noch kleine Reste nachzuarbeiten waren. Nach den erwähnten zwei Monaten waren auch diese Nacharbeiten abgeschlossen.

Die Schlusskontrolle erfolgte mit einem Schadstoff-Messgerät, das die Luft ansaugt und durch einen speziellen Filter führt, worin die Asbestfasern hängenbleiben. Danach lässt sich im Rasterelektronenmikroskop erkennen, ob die krebserregenden Bösewichte wirklich aus der Luft entfernt sind. In Basel ergaben die Schadstoffmessungen wie erhofft, dass die Luft in den Schächten garantiert ohne schädliche Asbestfasern und PCB-Restanzen ist. Die Beteiligten sind denn am Ende des Einsatzes auch zufrieden mit dem Verlauf der Sanierung: «Eine Asbestsanierung auf diese Weise ist sicherlich eine Neuheit», meint Thomas Schadegg. «Es kann aber noch eine ganze Reihe Gebäude aus dieser Zeit geben, bei denen ähnlich knifflige Sanierungen anstehen.»