Haustech 10/2017

Ist die Luft rein?

(Foto: iStock.com)
Simon Eberhard /

In der Raumluft können sich vielerlei Schadstoffe tummeln. Damit das Wohnen oder Arbeiten in einem Gebäude nicht der Gesundheit schadet, ist es unerlässlich, das Thema bereits auf Bau- und Planungsstufe anzugehen.

Ist die Luft rein? Liegt etwas in der Luft? Herrscht vielleicht sogar richtig dicke Luft? Es ist wohl kein Zufall, dass sich Redewendungen wie diese im alltäglichen Sprachgebrauch etabliert haben. Denn die Luft ist das wichtigste Lebensmittel der Menschen. 
20 Kilogramm atmet jeder einzelne von ihnen täglich ein. Die Qualität der Luft wirkt sich daher unweigerlich auf die Gesundheit des Menschen aus – oder umgekehrt formuliert: Ist die Reinheit der 
Luft beeinträchtigt, kann dies vielerlei negative Folgen haben für die Physis des Menschen.

CO2-Gehalt als Richtwert

Doch was macht eigentlich «reine Luft» aus? Der wohl wichtigste und älteste Zielwert ist der CO2-Gehalt. Seit 1858 gilt diesbezüglich die «Pettenkofer-Zahl» von 1000 ppm als Faustregel für den kritischen Zielwert. Heisst also: Eine qualitativ ausreichende Raumluft darf maximal 1000 Kohlendioxid-Moleküle auf  eine Million Luftteilchen enthalten. Die SIA-Richtlinie 382/1 definiert die Werte etwas präziser: Die Raumluftqualität gilt dort als gut, wenn sie einen CO2-Anteil von maximal 800 ppm ausweist. Im Bereich von 800 bis 1000 ppm wird die Raumluftqualität als mittel klassifiziert, im Bereich von 1000 ppm bis 1400 ppm als mässig und im Bereich von 1400 bis 2000 als niedrig. Werte über 2000 ppm sind aus raumlufthygienischer Sicht zu vermeiden.  

Da der Mensch durch seine Atmung und die Stoffabgabe über die Haut selbst CO2 produziert, steigt der Kohlendioxid-Gehalt an, wenn er sich über längere Zeit in einem ungelüfteten Raum aufhält. Besonders stark akzentuiert sich dieses Problem in Räumen, in denen sich viele Menschen auf kleinem Raum aufhalten – beispielsweise Schulzimmern. So zeigt auch eine aktuelle Messkampagne, dass der CO2-Gehalt in Schulzimmern oft die Grenzwerte überschreitet. Um die CO2-Konzentration zu senken, ist ein regelmässiger Luftaustausch daher notwendig. Da in öffentlichen Schulbauten aus Kostengründen oft auf ein kontrolliertes Lüftungssystem verzichtet wird, bleibt da nur eine Lösung: in den Pausen kräftig durchlüften, was in der Regel allerdings nicht ausreicht.

Schadstoffe von innen und aussen

Der CO2-Gehalt ist aber nur die Spitze des Eisbergs. Denn die Raumluft in Gebäuden ist zahlreichen weiteren potenziellen Schadstoffen ausgesetzt. Dabei kann unterschieden werden zwischen Schadstoffen, die ausserhalb des Gebäudes entstehen und solchen, die innerhalb des Gebäudes generiert werden.

Die Liste der Schadstoffe, die in der Luft nachgewiesen werden können, ist lang. Doch welches sind nun die gefährlichsten? Für den Raumluftexperten Reto Coutalides ist es das Radon. Dieses gelangt über das Erdreich im Bauuntergrund in die Gebäude und ist nach dem Rauchen die zweithäufigste Ursache für Lungenkrebs. Rund 200 bis 300 Todesfälle sind in der Schweiz jährlich auf das gefährliche Gas zurückzuführen, das gerade in der Schweiz aufgrund der geologischen Beschaffenheit sehr häufig aus dem Untergrund entweicht. Dem trägt die kürzlich revidierte Strahlenschutzverordnung (StSV) Rechnung, die ab Januar 2018 in Kraft treten wird. Diese definiert den Grenzwert für Radon-Konzentration in Wohn- und Aufenthaltsräumen auf 1000 Becquerel pro Quadratmeter (Bq/m3). Neu wird ab 2018 zudem ein Referenzwert von 300 Bq/m3 in Innenräumen gelten. Falls die Konzentration 300 Bq/m3 überschreitet, rät das Bundesamt für Gesundheit (BAG), ein möglichst tiefes Niveau anzustreben. Über 1000 Bq/m3 ist man von Gesetzes wegen verpflichtet, Massnahmen zur Senkung des Werts zu ergreifen.

Neben dem Radon sorgen sich die Experten aber auch über weitere Schadstoffe in der Raumluft: «Aus der gleichen Familie wie Formaldehyd stammen die Stoffe Acetaldehyd, Hexhaldehyd oder Furfural», sagt Coutalides, der 2015 das Standardwerk «Innenraumklima – Wege zu gesunden Bauten» zusammen mit dem Architekten Walter Sträuli in der dritten, neu überarbeiteten Auflage herausgegeben hat. «Für diese Stoffe sind heute teilweise schon Richtwerte für die Raumluft definiert – dennoch werden sie in der öffentlichen Diskussion bis jetzt kaum berücksichtigt, und dies, obwohl sie in relevanten Konzentrationen angetroffen werden.»

Gesund wohnen – und bauen

Tatsächlich scheint das Thema Raumluft in der öffentlichen Wahrnehmung eher wenig präsent zu sein. Offensichtlich ist die Qualität der Raumluft, im Unterschied zu den physisch greifbaren Nahrungsmitteln wie Essen und Trinken, als Thema für viele Menschen zu abstrakt. Dabei kann durchaus etwas unternommen werden gegen eine schlechte Raumluft. Gebäudenutzer können beispielsweise dazu beitragen, indem sie regelmässig lüften, raumluftschonende Haushaltprodukte verwenden oder innerhalb der Wohnung auf das Rauchen verzichten.

Doch die Verantwortung beginnt schon früher. Denn bereits beim Bau bzw. der Sanierung werden die Grundlagen für eine gute Raumluftqualität geschaffen. «Es sind Bauten zu erstellen, die das Wohlbefinden der Menschen fördern, dazu gehört eine einwandfreie und möglichst schad-  stofffreie Raumluft», fordert Reto Coutalides. Das Thema Raumluft sollte also bereits in der Planungs- und Bauphase berücksichtigt werden, sei es in der Auswahl der Baumaterialien, sei es in der Planung der Lüftungsanlagen.

Coutalides sieht dies nicht nur als Pflicht, sondern auch als Chance für am Bau beteiligte Unternehmen: «Wer Kompetenzen zum Thema ‹Gesundes Bauen› vorweisen kann, hat einen Marktvorteil, seien dies Hersteller von Baumaterialien, Baufirmen, die Gebäude erstellen oder Planer», sagt der Raumluftexperte.

Zertifizierte Parkett-Produkte

Ein Unternehmen, das die Grundsätze 
des gesunden Bauens konsequent umzusetzen versucht, ist die Bauwerk Parkett AG. Das Traditionsunternehmen aus 
St. Margrethen ist seit 1935 in der Parkettherstellung tätig – einem Bereich, der ebenfalls Quelle von Schadstoffemissionen sein kann. Denn bei der Parkettfertigung werden Klebstoffe, Lacke und 
Öle eingesetzt – alles Produkte, die 
schädliche Substanzen in die Raumluft abgeben können.

Auf Initiative von Bauwerk-CEO Klaus Brammertz hat das Werk seine Produkte mit dem Cradle-to-Cradle-Label zertifizieren lassen. Das Label, auf deutsch «von der Wiege zur Wiege», nimmt die Natur zum Vorbild und konzipiert die Produkte nach dem Prinzip einer potenziell unendlichen Kreislaufwirtschaft. Das heisst konkret: Unternehmen verkaufen ihre Produkte nicht im eigentlichen Sinne, sondern stellen diese lediglich zur Verfügung. Nach dem Gebrauch landen die Materialien wieder beim Produzenten, werden zurückgewonnen und bleiben so dem Kreislaufsystem erhalten.

«Wir bekennen uns klar zur Wohngesundheit und haben damit einhergehend eine dezidierte Strategie», sagt Klaus Brammertz. «Cradle-to-Cradle hat die strengsten Anforderungen und einen ganzheitlichen Ansatz, um unseren Parketten ein gleichwertiges zweites oder gar drittes Leben zu geben.» Um den strengen Anforderungen zu genügen, musste das Unternehmen ein aufwendiges Zertifizierungsverfahren durchlaufen:  «Cradle-to-Cradle geht dem Thema Gesundheit der Produkte auf den Grund», so Brammertz. So mussten nicht nur alle Details zu den Leimen, Ölen und Lacken sowie die Prozessschritte und Umweltbedingungen in der Produktion offengelegt werden. Die Leime, Öle und Lacke wurden in all ihren Bestandteilen auch auf Umweltverträglichkeit überprüft, wobei einige der Ingredienzen durch bessere, weniger schädliche ersetzt wurden. Zusätzlich arbeitet das Unternehmen noch stärker an der Verbesserung der Ökobilanz des Werks, beispielsweise beim Wasserverbrauch, der Nutzung von nachhaltig produziertem Strom und der Effizienz in der Logistik.

Seit 2016 erfüllen alle in St. Margrethen hergestellten Parkette die Anforderungen des Labels, mindestens im Bronze-Standard, einige auch im Gold-Standard. Das Werk selbst ist als momentan einziges Parkettwerk weltweit Cradle-to-Cradle-zertifiziert. Anderen Firmen, die sich für das gesunde Wohnen engagieren möchten, rät Brammertz zu einem ganzheitlichen Ansatz: «Vom Produktdesign über die Beschaffungs- und Produktionskette bis zum Ergebnis im Wohnraum sind alle Schritte miteinzubeziehen», so der Bauwerk-CEO.

Bedürfnis nach Sicherheit

Warum liegt dem Firmenchef gesundes Wohnen dermassen am Herzen? «Ich möchte von Materialien umgeben sein, die uns die Natur bietet, die frei sind von Weichmachern und keine Schadstoffe ausdünsten», erklärt Klaus Brammertz seine Motivation. «Gesundes Wohnen soll mein Wohlbefinden steigern, ohne meine Gesundheit zu beeinträchtigen.»

Auch Reto Coutalides setzt sich aus Überzeugung für eine saubere Raumluft ein, denn die menschliche Gesundheit sei eines der ganz grossen Themen. Coutalides betrachtet das Thema nicht nur aus Sicht des Umweltchemikers, sondern auch aus menschlicher Sicht. Für ihn ist das Zuhause das Refugium, das für die Menschen für Sicherheit und Geborgenheit steht: «In einer zusehends verunsicherten Welt will man sich zuhause sicher fühlen – auch bezüglich einer schadstofffreien Baute und Raumluft.»