«Innenverdichtung erfordert langfristiges Planen»

(Photo: Antonio Suárez)
Antonio Suárez /

Mit der vom Stadtberner Stimmvolk im vergangenen Juni beschlossenen Überbauung auf dem Viererfeld-Areal werden auf einen Schlag rund 1000 Wohnungen für 3000 Menschen und zirka 750 Arbeitsplätze geschaffen. Das Projekt ermöglicht es Bern, auf Wachstumskurs zu bleiben und die Wohnungsnot zu lindern.

Am 5. Juni 2016 genehmigten die Stadtberner Stimmberechtigten den Bau eines neuen Stadtteils im Norden, sozusagen an der oberen Zugangspforte zur gänzlich von der Aare umschlossenen Engehalbinsel, deren Teilquartiere an die Länggasse angebunden und so zu einem zusammenhängenden Stadtkörper vereint werden. Informationen des Stadtplanungsamtes zufolge wird mit der Zustimmung zum neuen Stadtteil auf dem Viererfeld eine Lücke innerhalb des Stadtgebietes  geschlossen.

An genau solchen Lagen will das revidierte Raumplanungsgesetz die Siedlungsentwicklung nach innen vorantreiben, denn zentrumsnahe Gebiete, wo gewohnt und gearbeitet wird, helfen, der Zersiedelung Einhalt zu gebieten und den Pendlerverkehr aus der Region zu reduzieren. Die Viererfeld-Vorlage wurde mit 53 Prozent Jastimmen angenommen, die Mittelfeld-Vorlage mit 57 Prozent. Die Abstimmung war praktisch eine Neuauflage des vor zwölf Jahren an der Urne knapp gescheiterten Vorgängerprojekts «Viererfeld zum Wohnen». Damals überwiegten mit 51,7 Prozent die Neinstimmen. Auch diesmal erregte das Vorhaben die Gemüter.

Streit um eine Wiese

«Der Bund»-Redaktor Bernhard Ott hat selten eine Vorlage erlebt, bei der die Emotionen derart hochkochten. Teils sei mit unlauteren Argumenten gerungen worden. Peter Camenzind vom Gegnerkomitee «Viererfeld Nature 2.0» sei mit einer Holzkuh in den Abstimmungskampf auf Berns Strassen unterwegs gewesen, um das letzte unverbaute Landstück der Stadt  zu retten. Dabei grasten auf der Wiese praktisch keine Kühe, sondern nur manchmal ein paar Büffel.

Irrational fand Ott auch die Behauptung, dass der Zugang zu diesem Stück Land der Bevölkerung weggenommen würde, sei doch der Acker gar nicht begehbar, und wenn er gerade nicht brachliege, meist mit Weizen oder Mais bepflanzt. Und die grüne Wiese könne man gar nicht nutzen. Die Leute, die hierher kämen, spazierten gewissermassen nur im Kreuzgang drum herum. Wie vor zwölf Jahren sei es diesmal wieder zu einer «unheiligen Allianz» zwischen linksgrünen Splittergruppen und Rechtsbürgerlichen gekommen. Während sich die Befürworter viel zu viel Zeit liessen, bis sie endlich ihre Kampagne starteten. Und im Stadtrat sei es kaum um die Sache selbst als vielmehr um ideologische Debatten gegangen, erinnert sich der Journalist aus Bern. Zahlreiche Leserbriefe erreichten die «Bund»-Redaktion. Die lokale Berichterstattung erforderte einen ausserordentlichen Ressourceneinsatz. Über einen Zeitraum von mehr als zwei Monaten wurden vier Redaktoren   eingesetzt und ein umfangreiches Dossier erstellt.

Auf Anfrage bestätigt Bernhard Ott, dass die ganze Palette journalistischer Ansätze zur Anwendung gelangte. Von Reportagen vor Ort über Interviews mit Anwohnern, Porträts von Befürwortern und Gegnern bis hin zu Hintergrundberichten zur rechtlichen Sachlage der Umzonungsproblematik und Beiträgen über die politischen Querelen und ideologischen Debatten. Alle Medienregister wurden gezogen. Ob sich die Berner für städtebauliche Vorlagen besonders interessieren? «Nein», erwidert Ott. «Die Berner interessieren sich in der Regel wenig für solche Anliegen, vor allem wenn sie abstrakt sind.» Doch in diesem Fall ging es sehr konkret um eine Wiese. Und dann werde gelegentlich schon heftig gestritten.

Viererfeld war schon einmal bebaut

Auch Stadtplaner Mark Werren befremdete die Argumentation der Überbauungsgegner. «Es mutet seltsam an, dass die Bauern, die das Feld bewirtschaften, mit ihren Traktoren von Riedbach am äussersten Westrand Berns durch die gesamte Stadt fahren müssen, um überhaupt auf diese Landwirtschaftsinsel zu gelangen. Seltsam fand ich auch die Behauptung der  Gegner, dass es eine grüne Lunge und ein Erholungsraum sei. Denn die Stadtbevölkerung kann ja aus diesem Land  zurzeit gar keinen unmittelbaren Nutzen ziehen. Die Hälfte des Feldes wollen wir ja gerade als Park zur Verfügung stellen. Wir wollen ja gerade, dass ältere Leute und Kinder Zugang erhalten. Ich finde es daher sehr eigenartig, dass diese Tatsache in der Debatte ganz ausgeblendet wurde.»

Architekt Werren, der seit den frühen Achtzigerjahren für mehrere Büros im Inund Ausland arbeitete, ehe er 1989 mit Partnern die GWJ Architekten AG gründete und schliesslich 2010 vom Berner Gemeinderat in das Amt des Stadtplaners gewählt wurde, ruft darüber hinaus auch einige Sachverhalte in Erinnerung, die in der öffentlichen Debatte kaum einmal zur Sprache kamen. So sei das Viererfeld nämlich schon einmal bebaut gewesen, und zwar während der dritten Schweizerischen Landesausstellung im Jahre 1914, kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. «Damals standen diverse Häuser und ein Musterbauernhof auf dem Viererfeld.» Ausserdem gelte es zu bedenken, dass das Land leicht kontaminiert sei. «Dort fand man aus früheren Zeiten relativ dichte Aschereste und andere Ablagerungen. Eigentlich dürfte man auf diesem Boden nicht einmal Kinder spielen lassen.»

Bern will wachsen

Wie aus Zahlen hervorgeht, die «Der Bund» recherchierte, standen von rund 77 000 Wohneinheiten auf Gemeindegebiet  im Juli 2015 bloss 314 Wohnungen leer, womit die Leerwohnungsziffer der Stadt 0,4 Prozent beträgt. Obwohl Bern somit  leicht besser dasteht als etwa Basel oder Zürich mit 0,3 bzw. 0,2 Prozent, herrscht gemäss Definition des Berner  Gemeinderats dennoch Wohnungsnot. Deshalb will Bern wachsen und den vom Bund genehmigten kantonalen Richtplan in die Tat umsetzen.

Der Wille zu zügigem Wachstum ist vorhanden. Verfügte die Bundeshauptstadt noch in den  Sechzigerjahren über 160 000 Einwohner, so fiel die Bevölkerungszahl in den 1980er- und 1990er-Jahren auf einen Tiefstand von unter 130 000. Zwar stieg die Bevölkerung in den letzten Jahren allmählich wieder auf knapp über 140 000 an, doch nahm im selben Zeitraum auch die Belegungsdichte ab.

Lag die Einwohnerzahl pro Wohnung in den Fünfzigerjahren noch bei rund 3 Personen, beträgt diese heute nur noch zwischen 1,5 und 1,7. Um die  Wohnungsnot zu entschärfen, müsste theoretisch jeder Stadtbewohner von seiner Wohnung 10 Quadratmeter abtreten, sagt Werren. Doch Bern verfügt nur noch über ganz wenige Langzeitreserven. «Wenn wir die Ziele der Wohnraumerweiterung weiterverfolgen wollen, werden wir unweigerlich um das Jahr 2020 mit den bestehenden Bauzonenreserven an unsere  Grenzen stossen. Von diesem Zeitpunkt an kann kein zusätzliches Wohnangebot mehr geschaffen werden, jedenfalls nicht  in relevantem Umfang», warnt der Stadtplaner. Bern habe in den letzten zwanzig Jahren seine Hausaufgaben gemacht und sich innerhalb des vorgegebenen Korsetts entwickelt, lobt Werren die städtische Siedlungspolitik. Mit dem  Stadtentwicklungskonzept von 1995 (STEK 95) habe die Regierung das Richtige getan.

Mit der Strategie der Innenentwicklung habe man vor allem bei der Infrastruktur grosse Rochaden vorgenommen, wie beispielsweise die alte Kehrichtverwertungsanlage im Steigerhubel oder die Feuerwehr im Spitalacker, die aus gut  erschlossenen Siedlungskörpern an die Peripherie transferiert wurden. Ausserdem sei das Tramdepot Burgernziel als zentrumsnahe Siedlungsfläche für die Verdichtung erschlossen worden.

Werren zeigt sich von der damals initiierten Strategie überzeugt, habe doch die Erfolgskontrolle gezeigt, dass 95 Prozent der Handlungsmassnahmen realisiert worden seien. «Dass Bern bereits damals die Zeichen der Zeit erkannte und sich für eine nachhaltige Stadtentwicklung aussprach, war richtungsweisend.» Trotzdem wurden bei der Siedlungserschliessung Projekte umgesetzt, die man heute wohl anders ausführen würde. So räumt Raumplaner Werren ein, dass man aus der Brünnen-Überbauung in Bern West Lehren ziehen müsse, um künftig auf eine bessere Durchmischung zwischen Arbeit und Wohnen zu achten. «Heute könnte man Brünnen dichter bauen. Denn heute verfügen wir über die Bereitschaft und die nötige Bautechnik und das  Konstruktionswissen »,  gibt sich Werren kritisch.

Mitwirkung als zentrales Element

Im Viererfeld wird erstmals in einem neuen Stadtteil die bereits dicht bebaute Länggasse mit einer Ausnützungs- bzw. Geschossflächenziffer von mindestens 1,8 bis maximal 2,4 noch einmal deutlich übertroffen, wobei die Ziffer Ausdruck ist für das Verhältnis zwischen der Grundstücks- und der Bruttogeschossfläche einer Bauparzelle. Beim Überbauungsprojekt handelt es sich um ein komplexes Vorhaben, das einen langen Atem erfordert.

Beim zweiten Anlauf wurden 2013 eine Auslegeordnung gemacht, erste Skizzen erstellt, Varianten entworfen und Testplanungen ausgeführt. An den drei Runden Tischen diskutierten neun Parteien sowie über dreissig Interessengruppen und Quartierorganisationen die planerischen Eckpunkte und städtebaulichen Varianten. Ausserdem flossen Anregungen aus der öffentlichen Mitwirkung und Vorstösse des Stadtrats mit ein. Mark Werren dazu: «Wir haben die Quartierkommission aufgefordert, dem  Stadtplanungsamt Gruppierungen zu melden, die sich am Prozess beteiligen wollten. Danach wurden Entwürfe und Vorstellungen diskutiert.» Heutzutage müssten solche Prozesse im Dialog und mithilfe der Partizipation durchgeführt werden. «Die Mitwirkung ist ein zentrales Element in der Stadtentwicklung.»

Doch Werren betont, dass die Beteiligung nicht nur als löbliches Zugeständnis an die Wohnbevölkerung missverstanden werden dürfe, sondern vielmehr vom Raumplanungsgesetz in angemessener Form vorgeschrieben werde. In diesem Sinne erfülle Bern bloss eine Pflicht des Gesetzgebers. «Weil wir im öffentlichen Raum viele Projekte vorantreiben, haben wir viel Erfahrung mit Partizipationsformen. Wir sind es gewohnt, diskursive Verfahren durchzuführen. Wir wissen also ziemlich gut, wie diese funktionieren. In jedem Stadtteil gibt es eine Quartierkommission, die alle Interessengruppen zusammenbringt. Bevor der breiten Öffentlichkeit die Projekte vorgestellt werden, führen wir bereits in diesen Quartierkommissionen den Dialog. So finden wir heraus, wie die Befindlichkeiten unter den Quartierbewohnern sind. Wir erfahren, wo Konflikte herrschen und welche Anliegen die Bevölkerung hat. Zu wissen, worauf man achten muss und wen wir fragen müssen, ist ein grosser Vorteil», schildert Mark Werren den Sachverhalt.

Potenziale der Innenverdichtung

Auf dem Gebiet der Stadt Bern gibt es sowohl dynamische Gebiete, wo grössere Massnahmen umgesetzt werden könnten, als auch solche mit  höherer Belegungsdichte, wo nur ganz sorgfältig interveniert werden kann. «Innenverdichtung erfordert langfristiges Planen», unterstreicht Werren. «Die Stadtplanung hat Gebiete identifiziert, in denen Areale nicht nur punktuell entwickelt werden können, sondern in denen langfristige, quartier- und nachbarschaftsübergreifende Planungen angestellt werden müssen, um einen Wandel in der Entwicklung herbeizuführen. Hier braucht es eine übergreifende Planung, um dem einzelnen Bauherrn eine Zukunftsperspektive zu bieten.»

In der Länggasse, einem der dichtesten Stadtviertel Berns, könnten beispielsweise nur kleine Verbesserungsmassnahmen umgesetzt werden. Anders sei es aber an den Rändern. Hier sei es richtig, Überlegungen anzustellen, wie man diesen  Raum besser gestaltet und neue schlüssige Siedlungsgrenzen schaffte. Entwicklungsmöglichkeiten sieht Stadtplaner Werren auch entlang der Bahnachsen. Dort gebe es Gewerbe- und Industrieareale. «Die sind bei uns auf dem Radar.»  Doch seien die Potenziale der Industriebrachen sehr begrenzt. «Bern war nie eine eigentliche Industriestadt », hält Werren unumstösslich fest. «Es existieren nur wenige Industriebrachen. Einige wenige interessante werden bereits genutzt, wie  zum Beispiel die ehemaligen Tobler- und von-Roll-Werkbauten in der Länggasse, wo sich die Universität einquartiert hat. Die wenigen Areale, die im Verlauf von zwei oder drei Generationen frei geworden sind, sind heute bereits erschöpft. Ein paar wenige Brachen sind noch vorhanden, doch diese machen den Braten nicht fett.»

Noch bevor er zum Stadtplaner gewählt wurde, war Mark Werren bereits an einem der sogenannten  Entwicklungsschwerpunkte (ESP) im Wankdorf beteiligt. Dort wird seit Jahren intensiv ge- und ausgebaut, und zwar neu  auch Hochhäuser, denn es soll eine relativ hohe Dichte entstehen. Auch der andere ESP in Ausserholligen wurde   städtebaulich gründlich umgekrempelt. Hier werden die letzten Baufelder der Nutzung zugeführt. Ein weiteres Gebiet mit erheblichem Entwicklungspotenzial ist das Gaswerkareal im ehemaligen Schwemmbereich der Aare unterhalb der Monbijoubrücke. «Ein zentral gelegenes und sehr interessantes Gebiet», bemerkt Werren.

Die Planung wurde in diesem Fall durch die Grundeigentümerschaft angestossen. Frühere Projekte landeten immer wieder in der Schublade. Doch  diesmal hofft der Stadtplaner, dass demnächst der städtebauliche Wettbewerb und eine Planung gestartet werden können. Schon durchgeführt sind Workshops, Testplanungen und eine Werkstatt, in der verschiedene Lösungsansätze ausgelotet  wurden. Geplant sind Wohnüberbauung und daneben grosse Freiräume. Weitere Baufelder, in denen projektiert oder zum Teil bereits gebaut wird, sind der Stöckacker Süd und das Warmbächli, wo Genossenschaftswohnungen gebaut werden. Ferner wird ein bedeutendes Verdichtungsprojekt im ehemaligen Tramdepot im Burgernziel innerhalb der geltenden Grundordnung realisiert, und am Schönberg Ost ist eine hochwertige Quartiersiedlung entstanden.

Schliesslich bietet auch das Inselareal mit seiner komplexen räumlichen Situation Potenzial für Verdichtung. Dort sollen die derzeit 270 000 m2 Bruttogeschossfläche mittels eines betrieblichen Masterplans auf 550 000 bis 600 000 m2 erhöht werden. Darüber hinaus wurden im Stadtentwicklungskonzept 2015 (STEK 2015) elf sogenannte «Chantiers» als Verdichtungsschwerpunkte auf dem Gemeindegebiet identifiziert, die über ein sehr hohes Aufwertungs- und Verdichtungspotenzial verfügen. Meist sind sie an S-Bahn-Stationen oder entlang von Einfallsachsen gelegen.

Keine Fixierung auf Ideallösung

Werden bei Überbauungsprojekten gewisse Bautypologien bevorzugt? Darauf entgegnet Werren, dass keine Fixierung auf eine bestimmte Ideallösung vorherrsche. Bei Überbauungen seien in der Regel sehr viele Partner beteiligt. Ausserdem  werde oft ein Wettbewerb ausgeschrieben, an dem sich viele Architekten- und Planungsbüros beteiligten. Beim Städtebau könne man hinsichtlich der Wohnqualität auf wichtige Erfahrungswerte bauen, etwa in Bezug auf Wohnhygiene,  Sicherheit und soziale Kontrolle. Es gebe unterschiedliche, bewährte städtebauliche Grundtypen. So habe etwa der  Blockrand den Vorzug, dass er eine hochdichte Überbauung zuliesse, der trotzdem Raum für einen intensiv genutzten Strassenraum biete. «Und auf der anderen Seite bietet er durch den Innenhof einen geschützten Raum, der ebenfalls eine hohe Bedeutung hat für die Lebensqualität.»

Demgegenüber zeichneten sich offene Strukturen vielmehr durch fliessende Freiräume aus, was wiederum dazu führe, dass der Lärm viel tiefer in den Raum eindringen könne. Ausserdem sei die Raumzuordnung nicht so eindeutig wie beim Blockrand. Letzterer habe sich deshalb weit über Europa hinaus als sehr bewährte Wohnform ausgezeichnet, schliesst Werren.