Gedächtnis der Wettbewerbe

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Paolo D'Avino /

Mit der neuen Internetplattform konkurado.ch sollen Architektur- und Ingenieurwettbewerbe von Anfang bis Ende erfasst werden – von der Ausschreibung bis hin zum Gebauten und Nichtgebauten. Die Stadt Zürich beispielsweise wickelt ihre Wettbewerbe nur noch über die neue Website ab.

Wie viele Architektur- und Ingenieurwettbewerbe in der Schweiz jährlich vergeben werden, lässt sich nicht genau ermitteln. Verbindliche Zahlen zu dieser Beschaffungsform werden in keiner Statistik widergegeben, so wie es auch keine Angaben darüber gibt, wie viele Wettbewerbe eingereicht und wie viele Arbeitsstunden dafür aufgewendet werden. Ohne  statistisches Grundlagenmaterial lassen sich die Dimensionen zahlenmässig nur erahnen.

«Bedauerlich», sagt Almut  Fauser, Geschäftsführerin der Stiftung Forschung Planungswettbewerbe. Dadurch gehe viel Wissen und Know-how verloren, auf das niemand mehr zugreifen könne. «Heute verschwinden die eingereichten Wettbewerbe meistens in einer Schublade und verstauben dort. Dabei bieten zweit-, dritt- oder auch viertplatzierte Wettbewerbsbeiträge Ansätze, Planungsvorschläge und Ideen, die es sich lohnt, einsehen zu können», meint Fauser.

Kein reines Datenarchiv mehr

Ingenieur- und Architekturwettbewerbe haben zu einer hochwertigen Baukultur beigetragen. Ihre Bedeutung ist heute  unbestritten und zeigt sich daran, wie viele Bauten und Freiräume, die die Landschaft und Städte prägen, aus Wettbewerben hervorgegangen sind. Sie sind ein wichtiges Merkmal der freien Marktwirtschaft. «Planungswettbewerbestellen auch eine bewährte Form angewandter Forschung dar», sagt Fauser, und als solche seien sie ein wertvolles Instrument zur Schaffung von Architektur und Ingenieurbaukünsten, die den sozialen, ökologischen, wirtschaftlichen und ästhetischen Ansprüchen gerecht werden.

In der Schweiz bilden die Ordnungen 142 und 143 des Schweizerischen  Ingenieur- und Architektenvereins (SIA) die Regelwerke dazu. Konkurado war ursprünglich als elektronisches Archiv gedacht. «Die Präservierung des Wissens stand am Anfang der Idee», betont Fauser. Doch die Internetplattform hat sich seit der Lancierung im Jahr 2013 zu einem Verfahrensraum entwickelt, in dem Bauherren und andere Unternehmen Wettbewerbe abwickeln können.

«Mit Konkurado wollen wir die Verfahrensabwicklung erleichtern, indem sie durch das oft komplizierte Wettbewerbsverfahren geführt werden», erklärt Fauser und ergänzt, dass es mit dem neuen Funktionstool und einer durchdachten Anleitung auch Wettbewerbsausschreibern und professionellen Bauherren ohne Wettbewerbsroutine leicht gemacht werden soll, Wettbewerbe durchzuführen. «Professionelle Wettbewerbsorganisatoren profitieren zudem von der administrativen und organisatorischen Erleichterung, die Konkurado bietet, was wesentliche Zeit- und damit auch Kostenersparnis bedeutet. Eine Initialschulung ist dennoch für alle Organisatoren notwendig, um das Tool zu verstehen sowie effektiv und effizient anzuwenden.» Für diese Nutzergruppe habe man das Organisationstool weiter entwickelt. «Die letzten zwei Jahre haben wir daran gearbeitet, den Verfahrensraum, bei dem Wettbewerbe online organisiert werden können, auszubauen.»

Stärkung der Wettbewerbskultur

Die Stiftung Forschung Planungswettbewerbe verfolgt als erste, insbesondere in der Schweiz, das Sammeln und  Aufarbeiten von Architektur- und Ingenieurwettbewerben. «Von der Vorbereitung bis zur Realisierung – oder auch  Nichtrealisierung des Bauvorhabens, – um die Daten und Dokumente einer breiteren Öffentlichkeit, derForschung und interessierten Fachkreisen verfügbar zu machen.» Almut Fauser ist im Mandat als Geschäftsführerin in einem 20-Prozent-Pensum für die Stiftung tätig. In der Tat seien es mehr, doch das Projekt habe sich dermassen gut  entwickelt und einen relevanten Mehrwert für die Branche generiert, dass man entschieden hat, das Mandat um zwei Jahre zu verlängern.

Die Stiftung ist für die Weiterentwicklung, für die Gönner- und Sponsorensuche, Vermarktung und für den Abonnentenverkauf zuständig. Für den täglichen Betrieb, in erster Linie die Veröffentlichungen der Ausschreibungen und die Abonnentenbetreuung, wurde der SIA mandatiert. Er unterstützt zwar die Vermarktung, doch sein Engagement richtet den Fokus auf das Vergabewesen: «Der SIA investiert in die hiesige Wettbewerbskultur und Ziel ist, Wettbewerbe und Studienaufträge als Vergabeform zu stärken.» Dies tut er in erster Linie mit dem Verfassen von Normen, Ordnungen und weiteren Hilfsmitteln für das Vergabeverfahren.

Für Sonderarchivierungen, wie beispielsweise die Pläne von Schulhausbauten, arbeitet die Stiftung eng mit diversen Partnern zusammen, wofür man dann auch zweckgebundene  Gelder sammelt. «Wir konnten rund 900 Pläne und Grundrisse, die in den letzten 14 Jahren für Schulbauwettbewerbe gezeichnet worden sind, in unserer Wettbewerbsdatenbank aufnehmen. 258 Entwürfe davon wurden in der Grundrissfibel in der Edition Hochparterre publiziert», erklärt Fauser. Solche Beispiele, wie auch bei einer Vorgängerpublikation «Grundrissfibel Alterszentren », würden einen wertvollen Beitrag leisten, damit das «Gedächtnis des Gebauten bewahrt bleibt und um das Wissen von Nichtgebautem erweitert wird.»

Nutzen der Archivierung

Mit den Wettbewerben will man so weit wie möglich zurückgehen, und noch ist das Tool noch nicht so ausgereift, dass alle Pläne und Grundrisse ohne weiteres übernommen werden können. Die Stadt Zürich zum Beispiel archivierte alle ausgeschriebenen Wettbewerbe auf der eigenen Website. Die neuen werden künftig in der Datenbank von Konkurado Eingang finden.

«Die Stadt hatte aber schon länger vor, eine eigene Wettbewerbsplattform zu kreieren, um die Abwicklung elektronisch zu vollziehen », sagt Ursula Müller, Bereichsleiterin Projektentwicklung beim Zürcherischen Amt für Hochbauten. «Als Gründungspartnerin der Stiftung Forschung Planungswettbewerbe sahen wir schnell, dass neben dem zentralen digitalen Archiv diese Plattform unser Vorhaben erfüllt, und wir konnten die Struktur mitprägen und optimieren. Nach ersten Kinderkrankheiten können wir nun gewisse administrative Vorgänge effizienter gestalten.» Ein wesentlicher Vorteil für die Stadt Zürich, denn bei rund acht- bis zehn jährlichen Verfahren, die im Wettbewerb von der Stadt Zürich vergeben werden, liegt der Nutzen für Ursula Müller vor allem in der Datenpflege. «Ich sehe den Hauptzweck von Konkurado in der digitalen Archivierung der Leistungen der Planenden, also dem kollektiven Gedächtnis der Wettbewerbsresultate. Dadurch werden die Resultate für alle Interessierten auf einfache Weise und unterschiedliche Zwecke zugänglich gemacht.»

Unterschiedliche Zielgruppen

Andere Städte anzugehen, um sie für Konkurado zu begeistern, sei ein möglicher Weg, räumt Fauser ein. Doch das sei im heutigen Zeitpunkt nicht der Fokus. «Ziel ist es, unsere Prozessentwicklungen zu verbessern und wie wir unsere  Abonnenten mit besseren Informationen ausstatten können.» Die Archivierung von alten Wettbewerben bleibe zwar ein Thema, doch ihr Hauptaugenmerk richte sich an die, die bereits über Konkurado abgewickelt werden. Bis heute sind 217 Studienaufträge, 1023 Wettbewerbe, 813 Juryberichte, 5500 Firmen oder Institutionen (davon 2000 aktive Nutzer) oder 6200 Benutzer (davon 5600 aktive Nutzer) registriert.

Heute lassen sich drei unterschiedliche Zielgruppen unterscheiden: das Planer- und Architekturbüro, das sich über Wettbewerbe informieren will, Wettbewerbsorganisatoren und  -ausschreiben. Weiter steht die Datenbank auch Forschern zur Verfügung, die sich im Rahmen ihrer Arbeit über archivierte Wettbewerbe informieren möchten.

Erst am Anfang

Auch der SIA befasste sich seit längerem mit der digitalen Erfassung von Wettbewerben und Studienaufträgen. Der offene Wettbewerb stehe für die gestalterische Qualität und für eine ökonomische und ökologische Nachhaltigkeit, meint Denis  Raschpichler vom SIA. Der Verantwortliche für das Vergabewesen setzt sich nachdrücklich für lösungsorientierte Vergabemöglichkeiten ein. Darum habe man das Projekt von Anfang an substanziell unterstützt. Raschpichler ist überzeugt, mit der neuen Internetplattform in die Wettbewerbskultur zu investieren. «Der Quantensprung des Systems liegt darin, dass das Wissen gesammelt wird.» Der Diplomarchitekt ETH sieht vor allem im IT-unterstützten  Vergabeprozess den grössten Nutzen, und in seinen Ausführungen schwingt die Hoffnung mit, dass mit der Digitalisierung das Datenmaterial auch von den rund 16 000 Mitgliedern des SIA genutzt wird.

Heute seien es gemäss Fauser rund 7600 aktive Nutzer, davon 2000 Firmen, und 5600 Personen, die im System Konkurado ein Benutzerkonto angelegt haben. Wie viele SIA-Mitglieder sind, dazu fehlen die Angaben. «Konkurado steht erst am Anfang», sagt Raschpichler. Die  Standardisierung und zentrale Datenhaltung verhelfe den Organisatoren von Wettbewerbsverfahren zu schlanken und  übersichtlicheren Abläufen, und wenn sich diese Prozesse einmal konsolidiert haben, würde sich die Zahl der Beteiligten  noch weiter erhöhen.