Haustech 2/2019

Gebäude vor dem Klimawandel schützen

(Foto: iStock)
Erik Brühlmann /

Der Klimawandel und die damit verbundenen Naturgefahren wirken sich auch auf den Gebäudepark aus. Um den Risiken vorzubeugen, empfehlen sich Massnahmen zum Monitoring von Gebäuden. Doch in welchen Fällen sind diese sinnvoll?

Die Wetteraussichten sind trüb – zumindest langfristig betrachtet. Dies zeigt eine aktuelle Untersuchung des Bundesamts für Meteorologie und Klimatologie MeteoSchweiz, der ETH Zürich und des Center for Climate Systems Modeling (C2SM) zum Klimawandel. Bei ungebremster Entwicklung wird sich bis Mitte des Jahrhunderts die Sommertemperatur in der Schweiz um 2,5 bis 4,5 Grad gegenüber heute erhöhen, während gleichzeitig bis zu einem Viertel weniger Regen fällt. Der heisseste Tag im Jahr wird um bis zu 5,5 Grad wärmer sein, die Anzahl sehr heisser Tage steigt um bis zu 17 Tage. Gleichzeitig fallen, so die Forscher, die Eintagesniederschläge um bis zu 10 Prozent heftiger aus. Die Nullgradgrenze steigt um 400 bis 650 Meter, was weniger Schnee, dafür mehr Nässe zur Folge hat. Kurz gesagt: Das Klima wird extremer. Nicht nur die Menschen, sondern auch die Gebäude sind künftig höheren Belastungen ausgesetzt.

Kostspielige Naturereignisse

Bereits heute richten Elementarereignisse – Stürme, Hagel, Überschwemmungen, Erdrutsche, Schnee und Lawinen – Gebäudeschäden in Millionenhöhe an. 2017 verzeichnete die Vereinigung Kantonaler Gebäudeversicherungen (VKG) Schäden an Gebäuden in Höhe von 182 Millionen Franken, 2013 waren es gar 231,1 Millionen Franken. Da eine Gebäudeversicherung nicht in allen Kantonen obligatorisch ist, machen diese Beträge jedoch nur etwa 70 Prozent der tatsächlichen Schadensumme aus. Über 95 Prozent der Schäden gehen dabei auf das Konto von Stürmen, Überschwemmungen und Hagel. Wie die Tendenz der Schadenentwicklung verläuft, ist schwierig abzuschätzen, da die Schadensummen je nach Wetterlage stark schwanken. Dies zeigt ein Blick auf die Statistik der Gebäudeversicherung Luzern: «In den letzten 15 Jahren schwankten die Elementarschäden zwischen 4,9 und 37,9 Millionen Franken», sagt Markus Clerc, Leiter Direktionsstab der Gebäudeversicherung Luzern. «Die Elementarschäden für das Geschäftsjahr 2018 werden etwa 23 Millionen Franken betragen.» Die schweren Überschwemmungen in Luzern 2005 sorgten jedoch für eine eklatante Spitze von knapp 235 Millionen Franken.

Normen für die Zukunft

«Was Naturgefahren anbelangt, wurde bisher noch viel zu wenig dafür getan, den Gebäudepark zu schützen», sagt Luca Pirovino, Verantwortlicher Energie und Berufsgruppe Technik des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins SIA. Das zeige sich auch, wenn es um Baunormen geht. Pirovino: «Normen waren bisher immer rückwärtsgewandt: Man betrachtete, was sich bewährt hat und was nicht, und entwickelte daraus die Baunormen.» Dies soll sich in Zukunft ändern, zumindest zum Teil. Der SIA steht am Anfang eines Projekts in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Umwelt (Bafu), das abklären soll, wie klimatologische Prognosen in die Baunormen einfliessen können. «Das wäre ein echter Paradigmenwechsel», sagt der Ingenieur, «bei dem man die Klimaveränderungen als gegeben akzeptiert und versucht, sich vorausschauend damit zu arrangieren.» Anpassen, statt auf das Beste zu hoffen.

Mehr kühlen als heizen

Problematisch ist hierbei, dass die Schweiz grösstenteils bereits gebaut ist. Neue, zukunftsgerichtete Normen würden deshalb nur bei Neubauten und Sanierungen greifen. «Dieser Herausforderung ist man sich heute bereits aus energetischer Sicht bewusst», sagt Pirovino, und er verweist auf eine Studie der Hochschule Luzern. Diese zeigt auf, dass sich der Bedarf an Heizwär-
me in Zukunft um 20 bis 30 Prozent reduzieren wird. Hingegen wird sich die Anzahl Überhitzungsstunden in Gebäuden – das sind jene Stunden im Sommerhalbjahr, in denen im Innenraum eines Gebäudes Temperaturen von über 26,5 Grad herrschen – bis in 50 Jahren verdreissigfachen. «Heute erhält man keine Baubewilligung für unbeheizte Wohn- oder Bürogebäude», sagt Pirovino. «Nach einer Kühlung fragt hingegen niemand. Das könnte sich in Zukunft ändern.» Wie diese Entwicklung aufgefangen werden kann, ohne Unmengen an Energie für die Gebäudekühlung aufzuwenden, wird eine Herausforderung für die Zukunft sein.

Zwei Augen statt Sensoren

Massnahmen zum Monitoring von Gebäuden werden bereits heute ergriffen, im grossen Massstab jedoch vor allem, wenn es um die Energieeffizienz geht. Das könnte sich nach Einschätzung des SIA-Ingenieurs künftig durchaus auf Naturgefahren ausweiten. «Vielleicht treten sub-
stanzielle Elementarschäden heute noch in zu grossen Abständen auf, als dass man in diesem Bereich die Notwendigkeit für ein umfangreiches Monitoring sehen würde», vermutet Pirovino. Technische Systeme, die akute Gefahrenquellen anzeigen, gibt es bereits. Doch werden Sensoren, die eindringendes Wasser melden, oder Schneewaagen, welche die Schneelast auf Dächern messen, nicht flächendeckend eingesetzt. «Das Gros der Eigentümer von Liegenschaften arbeitet heute mit Wartungsfirmen zusammen, die das Gebäude regelmässig auf Schäden hin untersuchen», weiss Thomas Ammann, Ressortleiter Energie- und Haustechnik beim Hauseigentümerverband (HEV) Schweiz. «Etwa alle zehn Jahre ist eine Standortbestimmung zum Erneuerungsbedarf angezeigt. In der Regel reicht das auch völlig, denn ein geübtes Auge erkennt auftretende Probleme früh genug.»

Schwachpunkte überwachen

Dass bei den vorhergesagten extremeren Wetterlagen ein Gebäude an sich stärker beansprucht wird und deshalb ein intensiveres Monitoring benötigt, glaubt Thomas Ammann nicht: «Ein Gebäude ist so ausgelegt, dass es auch einem Starkereignis standhalten kann. Nur weil es in Zukunft mehr Starkregenereignisse geben wird, dringt nicht automatisch Wasser durch das Dach ein.» Anders sei es jedoch mit gewissen Bauteilen am Gebäude, schränkt der Experte ein. Ein klassischer Fall seien zum Beispiel Storen, die zwar grundsätzlich über die Gebäudeversicherung versichert sind – jedoch in der Regel nur, wenn der Schaden nicht voraussehbar war und nicht durch «zumutbare Massnahmen» hätte verhindert werden können. Mit anderen Worten: Wer bei einer Sturmwarnung vergisst, die Sonnenstoren einzufahren, muss für den Schaden normalerweise selbst aufkommen. Hier lohnten sich an Wetterüberwachungen gekoppelte Systeme, die bei Bedarf die Storen automatisch einfahren können – jetzt schon, und in Zukunft erst recht. «Monitoringpotenzial besteht grundsätzlich dort, wo es um Schadenminderung geht», so Ammann, «zum Beispiel auch beim Hochwasserschutz.» Das Objekt der Monitoring-Begierde ist dann jedoch das Wetter; das Gebäude mit seinen Systemen reagiert lediglich auf die gelieferten Resultate.

Starkregen kostet Geld

Mit Wasser beschäftigt sich auch Andreas Zischg, Principal Investigator am Mobiliar Lab des Geographischen Instituts der Universität Bern. Das Mobiliar Lab wurde vor fünf Jahren gegründet, um gesellschaftsrelevante Forschung im Bereich Naturrisiken zu betreiben. «Schon jetzt zeigen unsere Daten, dass die Anzahl Schadenfälle bei Starkregenereignissen in jüngerer Vergangenheit enorm zugenommen hat – auch wenn die einzelnen Schadensummen in der Regel nur einige Tausend Franken betragen», sagt Zischg. Die eigentlichen Wiederherstellungskosten von vollgelaufenen Kellern halten sich also in Grenzen; schlimmer ist für die Betroffenen meist der immaterielle Verlust, wenn zum Beispiel alte Fotoalben oder ähnliches vom Wasser zerstört werden. Schon jetzt geben deshalb Gebäudeversicherungen unter www.schutz-vor-naturgefahren.ch und teilweise auch Gemeinden auf ihren eigenen Kanälen Liegenschaftsbesitzern Tipps für Schutzmassnahmen, zumeist in Form permanenter baulicher Massnahmen.

Genaue Voraussagen gefragt

Einige neuralgische Punkte bei Überbauungen, zum Beispiel Tiefgaragen, können jedoch aus technischen und baulichen Gründen nicht permanent gesichert werden. «Hier könnten in Zukunft mobile Schutzelemente eine Lösung für zunehmende Starkregenereignisse sein», vermutet Zischg. «Ein Sensor in der Nähe der fraglichen Liegenschaft könnte dann in Echtzeit den Wasserstand messen und im Bedarfsfall das Schutzelement automatisch aktivieren.» Möglichst exakte Hochwasservorhersagen zu erarbeiten, ist denn auch eines der Ziele der Forscher des Mobiliar Lab.
Diese können dereinst Gemeinden, Feuerwehren aber auch Versicherungen dienlich sein – und je nachdem auch bei der Aktivierung von Schutzmassnahmen eine Rolle spielen. Sicher ist für Zischg jedenfalls, dass die Entwicklung hin zu extremeren Wetterlagen die Sensibilisierung für die Gefahren von Naturereignissen intensivieren wird. «Heute weiss man, dass die Sensibilisierung unmittelbar nach einem einschneidenden Naturereignis extrem hoch ist und dann jedes Jahr weiter abnimmt.» Treten in Zukunft solche Naturereignisse häufiger ein, wird sich die Sensibilisierung in der Bevölkerung etablieren – und damit der Bedarf an Schutz- und Monitoringangeboten ansteigen.