Haustech 8/2018

Für mehr grüne Gebäude

(Bild: iStock)
Übersicht über die wichtigsten Labels und Standards und deren Themenspektrum. (Quelle: NNBS, Minergie)
Simon Eberhard /

Labels oder Standards sind nicht nur Marketinginstrumente, sondern können eine Vorreiterrolle für künftige Gesetze übernehmen. Dies zeigt das Beispiel des bekanntesten Schweizer Labels Minergie. Daneben sind in den vergangenen Jahren weitere freiwillige Instrumente für nachhaltiges Bauen entstanden.

Auch das Bundeshaus ist bereits «grün»: Der Sitz der Schweizer Regierung und des Parlaments ist das wohl prominenteste von über 46'000 Gebäuden, die im Verlauf der letzten 20 Jahre nach dem Minergie-Baustandard zertifiziert worden sind. Über eine Million Menschen wohnen oder arbeiten heute in einem Minergie-Gebäude – eine Erfolgsgeschichte. Die Marke ist heute nicht nur in Fachkreisen, sondern auch in der breiten Bevölkerung verankert und anerkannt. Und sie hat es geschafft, das allgemeine Bewusstsein für Nachhaltigkeit im Bau zu schärfen.

Verein erfindet sich neu

Doch ist sie vor einigen Jahren beinahe zum Opfer ihres eigenen Erfolgs geworden. Mit den MuKEn 2014 sind von den Kantonen gesetzliche Vorgaben entwickelt worden, die weitergingen als die  damaligen Minergie-Standards. Minergie lief damit Gefahr, seine Vorreiterrolle zu verlieren – der Verein stand vor der Herausforderung, sich neu zu erfinden.

Im Zuge einer strategischen Neupositionierung wurde unter der Leitung von Andreas Meyer Primavesi eine neue Geschäftsstelle aufgebaut. Diese hat die Standards Minergie, Minergie-P und Minergie-A umfassend überarbeitet. Neu bildet die Minergie-Kennzahl den gewichteten Gesamtenergiebedarf eines Gebäudes ab. Die Eigenstromerzeugung wurde Pflichtund ein Minergie-A-Gebäude erzielt eine positive Energiebilanz (Jahresbilanz).

Mit «MQS Bau» und «MQS Betrieb» wurden neue Produkte eingeführt, die eine Qualitätssicherung während der Bau- und Betriebsphase garantieren. Der bewährte Zusatz «ECO» – für eine nachhaltige und gesunde Bauweise – kann mit allen Baustandards Minergie kombiniert werden. Mit der Minergie-Systemerneuerung wurden zudem fünf Systemlösungen entwickelt, die eine einfache energetische Erneuerung in Minergie-Qualität ermöglichen und entsprechend zum Minergie-Zertifikat führen. Damit deckt Minergie alle Phasen von der Planung über den Bau bis zum Betrieb ab. Dieses Jahr konnte der rundum erneuerte Verein sein 20-Jahr-Jubiläum feiern.

Energieetikette für Gebäude

Auch der offizielle Gebäudeausweis der Kantone (GEAK) nimmt die Energieeffizienz von Gebäuden unter die Lupe. Es handelt sich hierbei nicht um ein Label, sondern vielmehr um eine Klassifizierung, verbunden mit einem optionalen Beratungsangebot, und deckt die Gebäudekategorien 1 bis 6 (Mehr- und Einfamilienhäuser, Hotel, Verkauf, Restaurant und Verwaltung) ab. Analog der Energieetikette für Haushaltsgeräte teilt der GEAK die Gebäude in Klassen von A (sehr energieeffizient) bis G (wenig energieeffizient) ein.

«Der Gebäudeausweis eignet sich für alle Hausbesitzer, um sich einen Überblick zu verschaffen über den energetischen Zustand eines Hauses», sagt GEAK-Geschäftsleiter Eric Brandt. «Mieter können einen GEAK verlangen, um die Nebenkosten abzuschätzen, Hauskäufer, um zu wissen, in welchem Zustand sich das zu kaufende Haus befindet, Verkäufer, um den energetischen Zustand des Hauses nachzuweisen.» Seit der Einführung vor neun Jahren haben sich rund 65 000 Gebäude einen GEAK ausstellen lassen.

Übergeordneter Standard

Nicht nur die Energieeffizienz, sondern alle drei Säulen der Nachhaltigkeit – Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt – berücksichtigt der vor fünf Jahren ins Leben gerufene Standard Nachhaltiges Bauen (SNBS). «Er ist hinsichtlich Struktur, Inhalt und Zertifizierungsprozess ähnlich den international etablierten Systemen wie dem US-amerikanischen LEED, dem aus Grossbritannien stammenden BREEAM oder dem deutschen DGNB», erklärt Andreas Baumgartner, technischer Sekretär beim Netzwerk für Nachhaltiges Bauen Schweiz (NNBS), das den Standard entwickelt hat. Der Unterschied zu den anderen nationalen und internationalen Systemen besteht laut Baumgartner vor allem in der Bewertung von übergeordneten und individuellen Zielen. «Der SNBS verlangt eine hohe städtebauliche und architektonische Qualität, was der Nachhaltigkeit als Ganzes sehr entgegenkommt.» Ausserdem kann der SNBS von allen Bauherren kostenlos genutzt werden, die in «Eigenregie» nachhaltig bauen wollen; kostenpflichtig ist nur die Zertifizierung.

Die Zertifizierung nach SNBS ist momentan möglich für Büro- und Wohngebäude, sowohl für Neubauten als auch für bestehende Gebäude. Im Sommer 2019 werden Bildungsbauten dazukommen. Aufgrund des umfassenden Ansatzes ist die Zertifizierung eher für mittlere und grosse Bauvorhaben sinnvoll, also eher für ein Mehrfamilienhaus als für ein Einfamilienhaus. «Grundsätzlich ist die Zertifizierung
immer dann sinnvoll, wenn sich die Bauherrschaft die Nachhaltigkeit ihrer Liegenschaft von unabhängiger Seite her bestätigen lassen will», führt Andreas Baumgartner aus. «Das hat Vorteile auf dem Markt und ist gut fürs das Image.» Ausserdem könne die Zertifizierung auch als Qualitätssicherung betrachtet werden. Derzeit sind zwei Gebäude nach SNBS zertifiziert worden, beides neu gebaute Bürogebäude. Gemäss Zertifizierungsstelle befinden sich derzeit 25 weitere Gebäude im Zertifizierungsprozess, und zwar sowohl Neubauten als auch Sanierungen.

Sanierung vorantreiben

Gerade die Sanierungen sind die grosse Herausforderung, wenn es darum geht, den Schweizer Gebäudepark energieeffi-kampf. Er sieht seine künftige Rolle in einer Art Anlaufstelle, die künftige Zertifizierungen koordiniert. «Meine Vision ist, dass Minergie als Kompetenzstelle wahrgenommen wird, die verschiedenen Ansprüchen den Weg weisen kann», sagt der in diesem Jahr neu gewählte Präsident Marc Mächler im Interview mit Haustech.

Die Frage, ob eine Konkurrenzsituation bestehe, wird auch seitens GEAK und NNBS verneint. «Als Beratungsinstrument bieten wir eine energetische Bestandsaufnahme, auf der die Standards aufbauen können», sagt Eric Brandt, Geschäftsleiter GEAK. Also eher eine Ergänzung anstatt eine Konkurrenz. Andreas Baumgartner wiederum verweist auf den breiteren Fokus, der den SNBS von anderen Labels wie beispielsweise Minergie unterscheidet. «Eine Konkurrenzsituation zu Minergie und GEAK besteht nicht, da sie sich vor allem auf die Energieeffizienz konzentrieren », sagt er. «Der SNBS ist sogar so weit kompatibel zu Minergie, dass Doppelzertifizierungen möglich sind.» Auch zu internationalen Labels wie LEED und BREEAM kann sich der SNBS laut Baumgartner gut abgrenzen, da diese Systeme in einem internationalen Kontext stehen und dementsprechend hauptsächlich von grossen internationalen Investoren gewählt werden.

Einzig zum DNGB räumt Baumgartner aufgrund der hohen Themenüberschneidungen eine gewisse Konkurrenzsituation ein. Dieses von der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen entwickelte Zertifizierungssystem verfolgt einen ähnlich umfassenden Ansatz wie dasjenige des SNBS und ist von der Schweizer Gesellschaft für Nachhaltige Immobilienwirtschaft (SGNI) für die Schweiz adaptiert worden. Neben der ökologischen, ökonomischen und soziokulturellen Qualität betrachtet DNGB auch die technische, prozess- und standortbezogene Qualität von Immobilien.

Labels als Vorreiter

Die Landschaft der Gebäudelabels ist also vielseitig. Und gleichzeitig schläft auch die Politik nicht. Mit den MuKEn 2014 verschärfen sich die obligatorischen Massnahmen für Neubauten. Beim Verein Minergie hat das zu einer Krise und der darauffolgenden Neupositionierung geführt – es ist aber gleichzeitig auch eine Anerkennung von dessen Vorreiterrolle. «Die Labels und Zertifikate zeigen dem Gesetzgeber, was technisch und wirtschaftlich machbar ist», sagt Andreas Baumgartner. «Damit dienen sie quasi als Entwicklungsplattform für die Nachführung rechtlicher Rahmenbedingungen.» Das  sehe man etwa daran, dass die Anforderungen von Minergie zeitverzögert in die MuKEn eingeflossen seien.

Dementsprechend versteht sich der SNBS als Speerspitze des nachhaltigen Bauens in der Schweiz, der künftige Anforderungen vorwegnimmt. «Die langfristigen Ziele von Energiestrategie 2050 und CO2-Gesetz sind im SNBS bereits hinterlegt, können bei Bedarf aber auch sehr rasch angepasst werden», sagt Baumgartner. Demgegenüber verlaufen die Anpassungen auf Gesetzesebene naturgemäss viel langsamer, was sich etwa daran zeige, dass die MuKEn 2014 in vielen Kantonen – wenn überhaupt – erst nach 2020 in Kraft treten.

Politik zieht nach

Dass die Umsetzung der MuKEn 2014 eine langwierige Sache ist, zeigt auch die Auswertung der ENDK über den Stand in den einzelnen Kantonen. So haben zwar mittlerweile in allen Kantonen die Arbeiten begonnen, allerdings wenden derzeit erst sechs Kantone die MuKEn 2014 an. 17 Kantone arbeiten momentan an der Umsetzung und drei benötigen einen weiteren Anlauf, nachdem die Vorlage abgelehnt beziehungsweise zurückgewiesen worden ist.

Geduld ist also gefordert auf politischer Ebene. Doch die zahlreichen Instrumente für ein nachhaltiges Bauen zeigen, dass es nicht nötig ist, auf die Gesetze zu warten. Sie bieten bereits heute die Chance, nachhaltig zu bauen und mögliche künftige gesetzliche Anforderungen vorweg zu erfüllen. Damit die mit der Abstimmung zur Energiestrategie 2050 eingeleitete «Energiewende» nicht nur ein leeres Versprechen bleibt.