HT 12/2017

Frühfranzösisch löst den Fachkräftemangel nicht

(Foto: iStock.com)
Magnus Willers * /

Die «MINT»-Fächer sind auf dem Vormarsch. In fast allen Branchen gewinnen sie an 
Wichtigkeit – doch es fehlt der Nachwuchs. Obwohl die Schere seit Jahren aufgeht, halten 
sich Gegenmassnahmen erstaunlicherweise in sehr engen Grenzen. Es besteht dringender Handlungsbedarf seitens Arbeitgeber und Politik. Ein Plädoyer.

Unsere Bildungspolitik beschäftigt sich mit den falschen Themen: Regelmässig, zuletzt im Kanton Luzern, stimmen wir über Initiativen zum Fremdsprachenunterricht in der Primarschule ab. Doch Frühfranzösisch ist keine wirkliche Problematik unseres Mittelstands. Kopfzerbrechen bereitet vielmehr der «MINT»-Nachwuchs, der insbesondere die Existenz vieler KMU in den nächsten Jahren sichern soll. Wir sollten die Fächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik in der Primarschule fördern, statt praktisch pausenlos darüber zu debattieren, ab welchem Alter welche Fremdsprachen Sinn machen.

Das Nachwuchsproblem provoziert grosse Herausforderungen. Der Fachkräftemangel in technischen Fachbereichen ist existent, hält auch die NZZ im Mai dieses Jahres fest und bezieht sich auf Erhebungen des Staatssekretariats für Wirtschaft. Demnach besteht in der Schweiz in keinem anderen Berufszweig ein so hoher Bedarf wie bei den Ingenieuren. Ich sehe folgende vier Gründe, wieso mehr MINT matchentscheidend ist für die Schweiz.

Die Zukunft wartet nicht

Mit der rasant fortschreitenden Digitalisierung und neuen Technologien wie zum Beispiel Blockchain und Artificial Intelligence sind ingenieuse Köpfe heute wichtiger denn je. Der digitale Megatrend wird darüber entscheiden, wie wettbewerbsfähig die Schweiz in 20 Jahren sein wird. Gerade auch für den Umbau unseres Energiesystems sind Ingenieure die Basis. Die Studienabgängerinnen und -abgänger technischer Fachrichtungen machen einen grossen Teil unserer Zukunft aus.
Übrigens ist das kein «Branchendenken»: Rund 70 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer glauben, dass die Digitalisierung eine Chance für Wirtschaft und Gesellschaft darstellt.

Tech-Start-ups geben Rückenwind

Flächenmässig kann die Schweiz nicht viel ausrichten, wir punkten mit Brain-Power: Unsere renommierte ETH in Zürich und die EPFL in Lausanne begünstigen die Schweiz als Geburtsort für Tech-Start-ups. Doch sie sind nicht die einzigen: Auch unsere zahlreichen Fachhochschulen sind entscheidend dafür, dass die Schweiz so viele junge Unternehmen hervorbringt – und das, obwohl andere Standorte wie beispielsweise Berlin viel «günstiger» wären. Diese Dynamik ist für die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz von unglaublich hohem Wert.

Ein neues Ökosystem

Dass der Wohlstand der Schweiz nicht nur von unserer Finanzindustrie abhängt, ist bekannt. Ziel der nächsten Jahre soll es sein, den durch die Digitalisierung längst fälligen Umbau unserer Wertschöpfungsprozesse nicht zu hemmen, sondern aktiv zu prägen. Inländische MINT-Studienabgängerinnen und -abgänger und die einmaligen Rahmenbedingungen in der Schweiz bewirken, dass die besten MINT-Talente aus der ganzen Welt zu uns streben. Durch diesen Sog-Effekt entsteht sozusagen ein neues Ökosystem zur Stärkung des Wohlstands der ganzen Schweiz.

Export-Revolution

Wir brauchen neue Zugpferde für unseren Export. Die Schweizer Forschungshubs globaler Giganten wie Google oder IBM zeigen, auf welchen Stärken wir aufbauen müssen. Letztendlich wird der MINT-Nachwuchs entscheidend sein, diese Chancen zu packen.

Für mich ist klar: Anstatt einer seit Jahren andauernden, von Emotionen geprägten Diskussion rund um Frühfranzösisch sind Arbeitgeber und die Politik gefordert, den MINT-Nachwuchs viel stärker zu fördern, als dies heute geschieht. Nur so werden wir auf der Megawelle der Digitalisierung obenauf reiten.
Als Unternehmer und auch persönlich stehe ich dafür ein, hier mehr zu tun und ich freue mich, in den nächsten Jahren neue Wege zu gehen. Starke Partner sind dabei unerlässlich. Ich freue mich auf Ihre Unterstützung.

 * Magnus Willers, Stv. Geschäftsführer, Jobst Willers Engineering AG