Haustech 7-8/2017

Fachwissen alleine reicht nicht mehr

(Foto: iStockphoto)
Simon Eberhard /

In der Schweiz mangelt es noch immer an Ingenieuren, viele Betriebe haben Mühe, genügend Fachkräfte zu finden. Eine Umfrage von Economiesuisse und Swiss Engineering bestätigt dies – und bringt gleichzeitig einige überraschende Erkenntnisse.

Dem Ingeniör ist nichts zu schwör». Das Motto von Daniel Düsentrieb – erfunden von der legendären Übersetzerin Erika Fischer – ist längst ein geflügeltes Wort. Gleichzeitig hat die umtriebige Nebenfigur im Donald-Duck-Universum über Jahre das Berufsbild des Ingenieurs geprägt: dasjenige des brillanten Erfindergeistes, jedoch auch etwas zerstreut und weltfremd. «Ein Nerd» würde man dem heutzutage sagen. Doch dieses eigenbrötlerische Berufsbild entspricht längst nicht mehr der Realität. Zumindest wenn man der Umfrage von Economiesuisse und Swiss Engineering glauben darf: Denn darin zeigt sich, dass «Soft Skills» wie Sozialkompetenz, ein sicheres Auftreten oder eine positive Ausstrahlung auch im Ingenieursbereich gefordert sind.

Schwierige Rekrutierung

Ob es auch am Nerd-Image liegt, dass sich immer noch zu wenig Jugendliche für ein technisches Studium entscheiden? Auf  jeden Fall ist der Ingenieurmangel ge- mäss Economiesuisse-Chefökonom Rudolf Minsch nach wie vor eklatant: «Bis 2050 ist im Ingenieursbereich mit einem Fachkräftemangel von 50'000 Personen zu rechnen», warnt er mit Berufung auf eine aktuelle Umfrage des Staatssekretariats für Wirtschaft Seco. Treiber für die anhaltend hohe Nachfrage nach Ingenieuren sind einerseits die wirtschaftliche Entwicklung und andererseits der technologische Wandel. Obwohl die Schweizer Hochschulen mittlerweile mehr Ingenieure ausbilden, fehlen immer noch Fachkräfte. Besonders augenfällig ist der tiefe Anteil an weiblichen Ingenieurinnen, der landesweit nur ungefähr 16 Prozent beträgt.

Vor diesem Hintergrund haben Economiesuisse und Swiss Engineering im Frühjahr 2017 ihre Umfrage unter rund 3300 Ingenieuren durchgeführt. Rund ein Drittel davon sind Führungskräfte, die aktiv rekrutieren. Viele davon bekunden denn auch Mühe, eine offene Ingenieurstelle zu besetzen. Ungefähr 87 Prozent der Teilnehmer beurteilen diese Aufgabe als schwierig, in der Baubranche sind es sogar 94 Prozent. Der am meisten genannte Grund: Das Angebot an Schweizer Ingenieuren bzw. an Ingenieuren, die an einer Schweizer Universität ausgebildet wurden, ist zu klein.

Mismatch-Problem

Ebenfalls häufig aufgeführt wird die Tatsache, dass die vorhandenen Kandidaten nicht ins Profil passen. Viele Unternehmen sind demnach nicht in der Lage, Inge nieure mit nicht ganz passender Qualifikation in ihr Aufgabengebiet einzuarbeiten.  Daniel Löhr, Vizedirektor von Swiss Enginering, bedauert dies: «Es macht oft den Anschein, dass ein Ingenieur, der etwas nicht kann, dies auch nie lernen werde», sagt er. «Dabei ist doch gerade das die Stärke des Ingenieurs: eine Analyse vorzunehmen, das Ziel zu sehen, die entsprechenden Informationen zu sammeln. Ingenieuren sind Menschen, die in der Lage sind, sich mit neuen Themen auseinanderzusetzen.»

Doch dies reicht den Betrieben anscheinend oft nicht aus. So ortet die Umfrage in einigen Bereichen ein sogenanntes Mismatch-Problem: Die Erwartungen der Arbeitgeber stimmen nicht mit den Qualifikationen der potenziellen Mitarbeitenden überein. So nennen beispielsweise 82 Prozent der rekrutierenden Vorgesetzten eine Weiterbildung im aktuellen Umfeld als wichtige Voraussetzung für eine Stelle, während nur 41 Prozent der Kandidaten eine solche mitbringen. Ähnlich sieht es in den Bereichen Berufserfahrung und berufliches Netzwerk aus.

Handlungsbedarf auf allen Ebenen

Was kann getan werden, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken? Nach Ansicht von Economiesuisse und Swiss Engineering besteht auf verschiedenen Ebenen Handlungsbedarf: Gefordert sind Arbeitgeber, Arbeitnehmer und die Politik. «Es müssen alle am gleichen Strick ziehen», sagt Rudolf Minsch von Economiesuisse. Aufseiten der Arbeitgeber ist nach Ansicht der beiden Verbände eine höhere Flexibilität gefordert und die Bereitschaft, nicht vollständig auf das Profil passende Kandidaten in ihr neues Aufgabengebiet einzuarbeiten.

Aufseiten der Arbeitnehmer gilt es, das eigene Profil zu schärfen und insbesondere die Soft Skills wie Sozialkompetenz und positives Auftreten zu verbessern. Daniel Löhr von Swiss Engineering verweist dabei auch auf die Schulungsangebote seines Verbandes. «Als Ingenieure wissen wir, was den Ingenieuren fehlt  und was sie brauchen. Wichtig ist einfach, dass der Ingenieur das auch selber sieht.» Schliesslich sind auch politische Massnahmen gefordert.

Der neue Lehrplan 21 bringt gemäss Rudolf Minsch sehr gute Voraussetzungen mit, um vermehrt Jugendliche für technische Fragestellungen zu begeistern. «Hier gilt es nun, diese Ideen auch umzusetzen, und das gelingt nur mit motivierten Lehrkräften, die das eben nicht nur unterrichten müssen, sondern unterrichten wollen.»

Sinnhaftigkeit betonen

Muss nun also mit der Holzhammermethode eine neue Generation von Daniel Düsentriebs herangezüchtet werden? Rudolf Minsch verneint. «Es geht hier nicht darum, jemanden umzupolen», erklärt er. «Aber diejenigen, die die Voraussetzungen und Kompetenzen mitbringen, in diesen Beruf einzusteigen, sollen dafür motiviert werden.»

Besonders sollte dabei auch die Sinnhaftigkeit des Ingenieurberufes hervorgehoben werden. «Viele Probleme dieser Welt lassen sich nur mit Ingenieurwissen lösen», sagt Minsch, der überzeugt ist, dass gerade mit einer Betonung dieses Aspekts  auch mehr Frauen für den Beruf begeistert werden können. Sodass dereinst nicht nur dem Ingeniör, sondern auch der Ingeniörin nichts mehr zu schwör ist. Auch wenn dann der schöne Reim nicht mehr funktioniert.