Fachkräfte dringend gesucht

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Paolo D'Avino /

Schweizer Berufsverbände klagen über eine Knappheit qualifizierter Erwerbstätiger. Unterschiedlich sind die Strategien, um die drohende Lücke zu schliessen. Die einen fördern den Nachwuchs, andere investieren in Imagekampagnen.

Gefahr in Verzug für die Schweizerische Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie. Die Bedrohung ist nicht finanzieller Natur, sondern in der Branche werden Fachkräfte immer knapper. Hans Hess, Präsident von Swissmem, dem grössten Schweizer Industrieverband, bringt das Dilemma auf den Punkt. «Es besteht ein grosser Erneuerungsbedarf. In der Schweiz müssen in den elf wichtigsten Berufsfeldern, welche für die MEM-Indus­trie relevant sind, branchenübergreifend jährlich zwischen 17 000 und 21 000 Arbeitnehmende ersetzt werden. Davon sind 6000 Mitarbeitende in der MEM-Industrie tätig», sagt er ohne Umschweife an der Medienkonferenz, zu der Siemens anlässlich der Präsentation des neuen Lehrlingsausbildungszentrums in Albisrieden eingeladen hat. Der Fachkräftemangel sei bereits Realität, doppelt der Swissmem-Präsident nach. Obwohl die Swissmem-Firmen 2014 die Anzahl Lernende um über neun Prozent erhöht haben, können seit Jahren nicht alle Lehrstellen besetzt werden. Die Schweizer Bevölkerung altert. Die geburtenstarken Jahrgänge der späten 1940er- bis frühen 1960er-Jahre erreichen in den kommenden Jahren das Pensionsalter. In der MEM-Industrie liege der Anteil der über 60-Jährigen mit 10 Prozent sogar leicht über jenem in der Gesamtwirtschaft. Die jüngeren, geburtenschwächeren Jahrgänge können diese Arbeitskräfte nicht vollständig ersetzen. «Aus dem Nachwuchs nehmen jährlich nur rund 4000 bis 5000 Personen ihre Erwerbstätigkeit in der MEM-Industrie auf. Das sind maximal drei Viertel der Anzahl Fachkräfte, die in Pension gehen», warnt Hess.

Ingenieure fehlen

Nicht ganz von der gleichen Grössenordnung spricht Daniel Löhr, Vizepräsident des Swiss Engineering STV, wenn er auf den Fachkräftemangel des grössten Berufsverbandes von Ingenieuren und Architekten angesprochen wird. «In der Schweiz fehlen in den nächsten Jahren rund 14 000 bis 15 000 Ingenieure. Der direkte Wertschöpfungsverlust pro Jahr beläuft sich auf zwei bis drei Milliarden Franken», sagt Löhr. Die Zahlen, auf die er sich beruft, stammen aus einer Studie, die der Verband zusammen mit Economiesuisse im 2011 erarbeitet hat. Heute sei er sich nicht mehr so sicher, ob man dies heute einfach so stehen lassen dürfe, denn gemäss Löhr gibt es verschiedene Anzeichen, die eine andere Aussage als einen Mangel an Ingenieuren zulässt. «Wenn es wirklich an Ingenieuren fehlt, müssten eigentlich die Löhne wegen dem Unterangebot steigen», sagt Löhr.

Doch die halten sich konstant tief, wie auch die letzte Salärumfrage 2015 wieder ergeben hat. Klagen möchte Löhr trotzdem nicht. Für ihn sei die Diskussion um den Fachkräftemangel eine Chance zu hinterfragen, wie man als Branche wachsam bleiben müsse und was man besser machen könne. Am Bildungssystem kann es nicht liegen. «Die Ausbildung ist hervorragend», doch auch ein Hochschulabschluss sei keine Garantie für den späteren beruflichen Erfolg. Fehlende interdisziplinäre Kenntnisse in Betriebswirtschaft und Projektmanagement könne man sich nachträglich noch aneignen. Auch wenn der Ingenieurberuf für die Volkswirtschaft in verschiedener Hinsicht von besonderer Bedeutung ist, stellt er fest, gibt es heute Menschen, die bereits in jungen Jahren monetär getrieben sind. Solche Nachwuchskräfte würden vielleicht eher auf Studienrichtungen setzen, die ihnen im späteren Berufsleben mehr Lohn und Prestige versprechen. Die Umfrage von Swiss Engineering als Grund für einen möglichen Mangel an Ingenieuren hat bei den Teilnehmenden vor allem auch das Fehlen von Vorbildern als Begründung zu Tage gebracht. Wirklich Sorgen bereiten dem Vizepräsidenten, dass dem Nachwuchs in den Unternehmen keine Karrierechancen gegeben werden. Die jungen Ingenieure seien heute anspruchsvoller, wollen rasch aufsteigen und mehr verdienen. Wenn diese Perspektiven fehlen, ist der Beruf mittel- und langfristig nicht attraktiv genug. «Spätestens mit 35 wandern die Nachwuchskräfte in andere Branchen ab.»

Halbe Million in die Nachwuchswerbung

Ganz andere Gründe für den Mangel an Fachkräften führt Hans-Peter Kaufmann, Direktor des Schweizerisch-Liechtensteinischen Gebäudetechnikverbandes (Suissetec) ins Feld. Berufsimage und Akademisierungstendenzen in der Gesellschaft machen ihm zu schaffen. «Obwohl die Aussicht auf Arbeit nach der Ausbildung in der Gebäudetechnikbranche weiterhin sehr gut ist und es ausgezeichnete Perspektiven bis hin zur Selbstständigkeit oder Unternehmensführung gibt, sehen viele Eltern und Jugendliche mehr Prestige in einem akademischen Weg», sagt der Direktor. Das Bewusstsein, dass die Gebäudetechnikberufe einen zentralen Beitrag zum Wohlbefinden der Menschen leisten, sei noch zu wenig verankert. Die rückläufigen Zahlen der Lernenden sind unter anderem ein Beleg dafür. «Darum investiert der Verband jedes Jahr eine halbe Million Franken in die Nachwuchswerbung.» Dabei werden gezielt Jugendliche, Eltern und Lehrpersonen angesprochen. «Wir zeigen einerseits Berufsperspektiven auf, andererseits veranstalten wir jährlich die Schweizermeisterschaften der Gebäudetechnik an wechselnden Publikumsmessen, wobei sich der Berufsnachwuchs live misst und das Publikum einen Eindruck von den Berufen gewinnt.» Die Branche ist unter Zugzwang, die Herausforderung gross, denn in den kommenden fünf Jahren scheiden 10 Prozent der Beschäftigten in der Gebäudetechnikbranche aufgrund ihres Alters aus dem Arbeitsprozess aus. Wolle man die in der Energiestrategie 2050 angestrebte Verdoppelung der Gebäudesanierungsrate umsetzen, brauche es über die Nachwuchsförderung hinaus zusätzliche Fachkräfte. «Wir rechnen über die kommenden fünf Jahre mit einem zusätzlichen Bedarf von rund 10 200 Gebäudetechnikern.» Trotz der Herkulesaufgabe bleibt der Direktor von Suissetec optimistisch. «Ein motivierter und fähiger Gebäudetechniker hat heute weit bessere Aussichten auf eine Führungsposition in einem Unternehmen und ein entsprechend gutes Gehalt als ein Akademiker mit einer Fachrichtung, die im Arbeitsmarkt wenig gefragt ist.» Vom Sozialprestige, das man sich vom akademischen Weg verspreche, könne man sich nichts kaufen, fügt er hinzu. «Ein akademischer Titel wird immer weniger wert sein, wenn immer mehr Menschen einen besitzen.»

Als Arbeitgeber attraktiv bleiben

Weniger dramatisch sieht die Situation bei der Rekrutierung von Fachkräften bei V-Zug aus, die Schweizer Marktleaderin im Bereich von Haushaltgeräten. «Wir stellen keinen so klaren Trend fest. In vereinzelten Bereichen ist es schwierig, in der nötigen Zeit die richtigen Fachkräfte zu finden. In anderen Bereichen schwankt die Verfügbarkeit von Kandidaten», sagt Andrea Schneeberger, Leiterin Personalmanagement. Was V-Zug hingegen sehr wohl merkt, ist, dass die handwerklich-technischen Lehrabgänger heute vermehrt den Wunsch haben zu studieren. «Diese Jugendlichen bleiben nicht in ihrem Job, kommen dafür aber nach oder während des Studiums wieder zu uns zurück», ergänzt Schneeberger, und fügt hinzu, dass V-Zug bei der Rekrutierung von geeignetem Fachpersonal immer auch in Konkurrenz zu anderen Branchen stehe, in denen Ingenieure wie auch erfahrene Verkaufsberater, Servicetechniker oder Betriebs­elektriker gesucht werden. Nicht alle seien von der Haushaltgerätebranche angetan. Daher sei es eine zentrale Aufgabe, als Arbeitgeber attraktiv zu bleiben und die Bedürfnisse der Generationen zu berücksichtigen. Was für Fachkräfte zählt, gilt auch beim Nachwuchs. «Wir versuchen, die Lernenden vermehrt für einen Einsatz nach der Lehre zu begeistern, sie in Teilzeitengagements im Unternehmen während den Weiterbildungen zu halten und Kontakte zu Studienabgängern zu knüpfen und zu pflegen.

Der vollständige Artikel ist in der Haustech-Ausgabe 1-2/2016 erschienen.