Haustech 3/2018

«Es kommt keine Routine auf»

Klaus Schneider. (Foto: Keramik Laufen)
Simon Eberhard /

Den 125. Geburtstag durfte Keramik Laufen vergangenes Jahr feiern – zu einer Zeit, in der sich vieles ändert. Haustech unterhielt sich mit dem Geschäftsführer des Traditionsunternehmens über die Herausforderungen des digitalen Wandels.

Durch die Digitalisierung ergeben sich neue Möglichkeiten zu Produktinnovationen. Aber mal Hand aufs Herz: Braucht wirklich jedes 
Bad eine eigene App?

Bei der Entwicklung unserer elektronischen Steuerungen und der zugehörigen App haben wir bewusst mit den öffentlichen und halböffentlichen Bädern begonnen. Deshalb nennen wir unser Konzept auch 
«Digital Public Bathroom». Denn Bäder in Hotels, Sportstätten, Flughäfen et cetera weisen eine viel höhere Nutzerfrequenz aus als das private Bad und müssen jederzeit einwandfrei funktionieren. Ausserdem sollten sich die Armaturen, Duschensteuerungen, Urinale und Dusch-WCs in solchen Bädern rasch an die jeweilige Nutzerfrequenz anpassen lassen. Dies ist mit Produkten, die über eine digitale Schnittstelle verfügen und via App überwacht und eingestellt werden, problemlos möglich.

Ist eine App das einzige Mass für den Grad der Digitalisierung im Produktebereich? Oder was zeichnet das digitale Bad sonst noch aus?

Eine App ist nur eine von mehreren möglichen Schnittstellen zwischen den digitalen Produkten und dem Benutzer. Wir sind es heutzutage gewohnt, für viele alltägliche Verrichtungen eine App zu nutzen. Daher bietet sich das Smartphone als Bediengerät für digitale Armaturen an. Aber viel wichtiger als die eigentliche App ist die Frage des Nutzens, denn die Digitalisierung des Bades muss dem Nutzer ja einen spürbaren Mehrwert bringen. Und dieser liegt in erster Linie bei der einfachen Bedienbarkeit sowie bei der Möglichkeit zur Individualisierung.

Wie wirkt sich die Digitalisierung auf die Produkteinnovationen von Keramik Laufen und Similor aus?

Digitalisierung bezieht sich bei Keramik Laufen und Similor nicht allein auf die fertigen Produkte, sondern auch auf den gesamten Entwicklungs- und Produktionsprozess. Im Prinzip beginnt das digitale Leben eines Produkts mit den ersten Skizzen, die ein Designer für uns macht. Dies geschieht heutzutage alles mit 3-D-Gestaltungssoftware. Bei Similor erfolgt die eigentliche Konstruktion einer neuen Armatur vollständig digital.

Wie läuft das konkret ab?

Wir können zum Beispiel anhand einer 3-D-Simulation testen, wie das Wasser durch die Armatur fliesst und wie das Geräuschverhalten ist. Zudem erstellen wir mit unserem eigenen 3-D-Drucker von jeder neuen Armatur funktionstüchtige Modelle, anhand derer wir die Funktionalität überprüfen. Bevor wir eine neue Armatur zum ersten Mal in Messing giessen, haben wir ausserdem den gesamten Giessprozess bereits digital simuliert. Ein genereller Trend – nicht nur in unserem Bereich – sind «smarte» Produkte, die sich den Bedürfnissen ihrer Nutzer anpassen. Eine digitale Duscharmatur zum Beispiel «erkennt» ihren Benutzer und stellt die Wassermenge und Temperatur automatisch auf dessen Bedürfnisse ein.

Wie schaffen Sie in Ihren Unternehmen Raum für Innovationen?

Wir haben für die Bereiche Keramik und Armaturen eigene Research-and-Development-Abteilungen, die ein neues Produkt oder eine neue Serie von Grund auf entwickeln und die Industrialisierung begleiten. Wir investieren jedes Jahr einen signifikanten Teil unseres Umsatzes in die Entwicklung neuer Produkte und arbeiten kontinuierlich an der Verbesserung unserer Produktionsverfahren. Da an unserem Standort sämtliche Stufen der Fertigung von Keramik und Armaturen vorhanden sind, ergeben sich grosse Vorteile hinsichtlich der Umsetzung innovativer Produkte. Das sind ideale Voraussetzungen. Schlussendlich machen aber unsere Mitarbeitenden den Unterschied. Sie sind es, die unsere Ideen Wirklichkeit werden lassen.

Dieses Gespräch findet im Anschluss an die Swissbau 2018 statt. Wie haben die Kunden 
auf Ihre Produktinnovationen reagiert? Spürten Sie eine verstärkte Nachfrage nach 
diesen digitalen Lösungen?

In diesem Jahr haben wir auf dem Messestand einen kompletten Bereich unserer Marke Sanimatic und ihren digitalen Produkten gewidmet. Das Interesse der Besucher war sehr gross und wir erhielten viele positive Feedbacks. Im Bereich der öffentlichen und halböffentlichen Bäder haben die Messebesucher die Vorteile der Digitalisierung und Vernetzung der Produkte sofort erkannt. Auch bei den Dusch-WCs ist die Idee der Bedienbarkeit über eine App sehr gut angekommen. Auf der Messe ergaben sich sogar konkrete Projekte. Selbst unsere Mitbewerber zeigten grosses Interesse an unseren Innovationen.

Im Zeitalter der Digitalisierung verliert eine Messe wie die Swissbau ihre frühere Relevanz. Sind Sie einverstanden mit dieser Aussage?

Nein, mit dieser Aussage bin ich nicht einverstanden. Die Swissbau bietet eine einzigartige Plattform, um uns persönlich mit unseren sehr unterschiedlichen Marktpartnern und mit den Endkunden auszutauschen. Sei es über Produkte und Innovationen oder über unsere Vision bezüglich Digitalisierung. Und natürlich bietet die Swissbau eine ausgezeichnete Gelegenheit, unsere Neuheiten einem breiten Publikum zu präsentieren. Ein wichtiger Aspekt von Messen ist zudem, dass man die Produkte anfassen kann – was trotz digitaler Welt auch in Zukunft ein wichtiger Erlebnisfaktor bleibt.

Die Digitalisierung wirkt sich auch auf den Vertrieb aus: Der Kunde wählt die Produkte immer mehr online aus. Stellt die Digitalisierung das klassische dreistufige Vertriebsmodell infrage?

Wir sehen – insbesondere im nahen Ausland – seit einigen Jahren, wie Onlinehändler mit aggressivem Marketing und sehr tiefen Preisen in den Markt drängen. Zudem gibt es grosse Online-Versandhäuser, wo man schon heute quasi jedes Produkt nach Hause bestellen kann. Jedoch muss man im Badbereich bedenken, dass die Armatur oder das WC nur ein Bestandteil der gesamten Installation ist. Ein komplettes Bad mit allen sichtbaren und verborgenen Elementen stellt ein komplexes System dar, das ein Laie normalerweise nicht selber planen kann.

Wie kann denn der Laie die digitale 
Produktauswahl nutzen?

Wir sehen die digitale Produktauswahl als gute Möglichkeit für den Endkunden, sich vorab daheim zu informieren und dann gezielt in der Ausstellung eines Grossisten die favorisierten Produkte anzuschauen. Unseres Erachtens sind nur die Branchenspezialisten in der Lage, das ganze Bad so zu planen, dass der Kunde mit dem Endergebnis maximal zufrieden ist.

Sie haben das nahe Ausland angesprochen. Gerade in Deutschland prallen bei der Frage nach dem Vertrieb zwei Welten aufeinander.

Ja, in Deutschland beobachten wir die Tendenz, jegliche Produkte möglichst günstig zu ergattern. Darum sind dort auch Onlinehändler so erfolgreich. Man darf aber nicht übersehen, dass solche Händler sich gezielt die margenstarken Sanitärprodukte heraussuchen. Der lokale Sanitär, der die Installation vornimmt, muss dann jeweils die Kleinteile und Verbrauchsmaterialien zusteuern, deren Bestellung und Bewirtschaftung viel Arbeit, aber wenig Ertrag bringen. Dabei kommt es häufig vor, dass der Endkunde aufgrund fehlender Fachkenntnisse im Onlinehandel falsche oder nicht zu seiner Installation passende Produkte kauft. Dies kann für den Endkunden sehr frustrierend sein, denn der vermeintlich günstige Onlinekauf entpuppt sich nachträglich aufgrund der notwendigen Anpassungen oft als kostspielige Angelegenheit.

Inwiefern ist die Situation in Deutschland vergleichbar mit derjenigen in der Schweiz?

In der Schweiz wird eine qualitativ einwandfrei erbrachte Leistung in der Regel mehr geschätzt. Der Grosshandel und auch der Sanitärinstallateur übernehmen dabei wichtige Rollen. Ich denke aber, dass der Onlinehandel auch in der Schweiz als Vertriebskanal zunehmend wichtiger wird. Auch für den Grosshandel, der mit eigenen Lösungen auftritt.

Bringt die Zusammenarbeit mit grossen Playern im Schweizer Grosshandel auch Möglichkeiten zu neuen Vertriebsvarianten?

Der dreistufige Absatzweg hat sich bewährt. Beim Datenverkehr und im Handling der Produkte nutzen wir natürlich die Vorteile der Digitalisierung, was schlussendlich die Lieferfrist vom Hersteller über den Händler zum Endkunden verkürzt. Auch unterstützen wir unsere Marktpartner bei deren digitalen Projekten mit den dafür notwendigen Daten.

Würden Sie als Hersteller auch mit 
branchenfremden Online-Anbietern 
wie zum Beispiel Amazon zusammenarbeiten?

Als Hersteller sehen wir keinen Vorteil darin, unsere hochwertigen Produkte über solch branchenfremde Online-Plattformen anzubieten. Professionelle Beratung und Installation, wie dies das dreistufige Vertriebssystem bietet, sind uns sehr wichtig.

Seit einigen Jahren herrscht ein Fachkräftemangel in handwerklichen Berufen, auch im Sanitärbereich. Wie beeinflusst die Digitalisierung Ihrer Ansicht nach dieses Problem?

Einerseits erhöht die Digitalisierung die Attraktivität der Berufe im Sanitärbereich. Andererseits nehmen durch die Digitalisierung die Komplexität und die Anforderungen an die Ausbildung der Fachkräfte weiter zu. Als Hersteller haben wir deshalb reagiert und unterstützen die Branche mit praxisorientierten Kursen.

Und wie machen Sie Ihr eigenes Personal 
fit für die Digitalisierung?

Wir erheben gemeinsam mit unseren Mitarbeitenden regelmässig und systematisch den individuell notwendigen Weiterbildungsbedarf. Auch unser eigenes Schulungsteam befindet sich in stetiger Weiterbildung und sorgt wiederum dafür, dass das Wissen möglichst zielgerichtet innerhalb unserer Organisation verbreitet und verankert wird. Und schliesslich werden auch die Ausbildungsinhalte unserer Lernenden entsprechend den verschiedenen Berufsgruppen ständig den neuen Bedürfnissen angepasst.

Sie sind nun seit 2007, also seit über zehn Jahren, Geschäftsführer der beiden Unternehmen. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Die über zehn Jahre als Geschäftsführer von Keramik Laufen AG und dann auch Similor AG sind wie im Flug vergangen. Die vielen spannenden und zukunftsgerichteten Projekte lassen keinerlei Routine aufkommen. Eine der ersten grossen Aufgaben war der Umzug der kompletten Armaturenproduktionen von 
Carouge und Wallisellen an den neuen Standort in Laufen im Jahr 2009. Durch den Neubau der Produktion quasi auf der grünen Wiese hat sich uns die Chance ergeben, ein modernes Layout und eine «Lean Production» zu errichten sowie in fortschrittliche Produktionsanlagen zu investieren. So ist zum Beispiel unsere Galvanikanlage bereits komplett digital gesteuert. Zudem konnten wir durch das Zusammenlegen der beiden Unternehmen an einen Standort Synergien nutzen und die IT-Plattformen standardisieren.

Inwiefern hat die Digitalisierung während dieser zehn Jahre sonst noch eine Rolle gespielt?

Im Bereich der Keramik-Entwicklung arbeiten wir bei den Konstruktionsdaten bereits auf der weltweit installierten Plattform unserer Muttergesellschaft Roca, sodass wir auf sämtliche Daten bereits vorhandener Produkte zurückgreifen können. Eng in diesem Zusammenhang steht auch die Nutzung eines Konstruktionskatalogs, um Doppelspurigkeiten bei der Entwicklung zu vermeiden. Die Einführung der neuesten Generation von Druckguss-Anlagen für die von uns entwickelte SaphirKeramik steht ebenfalls im Zeichen der Digitalisierung. Für 2018 steht uns die Integration unseres SAP in das internationale System unseres Mutterhauses bevor. Zudem arbeiten wir seit 2012 gezielt an der Entwicklung digitaler technischer Plattformen für unsere Produkte. So gesehen ist auch mein tägliches Tun und Denken schon seit Längerem von der Digitalisierung durchdrungen.

Wie beurteilen Sie die wirtschaftlichen 
Perspektiven für die Sanitärbranche in den kommenden Jahren? Sehen Sie die Digitalisierung eher als Chance oder Risiko?

Laut aktuellen Zahlen und Prognosen rechnen wir für die Schweiz kurz- bis mittelfristig noch mit einer stabilen Baukonjunktur und sehen auch in anderen für uns wichtigen Märkten eher positive Zeichen. Teilweise verschiebt sich der Mix, in der Schweiz zum Beispiel von der Neuerrichtung von Wohngebäuden mehr hin zur Sanierung im Bestand. Weltweit ist ein Ende der guten Baukonjunktur derzeit nicht abzusehen. Die Digitalisierung sehen wir ganz klar als Chance, eben weil wir uns mit dem Thema und mit seinen Auswirkungen auf unsere Produkte und unser Geschäft schon frühzeitig befasst haben. Für uns ist jedoch wichtig, dass die Digitalisierung nicht zum Selbstzweck betrieben wird. Sie muss uns und unseren Kunden einen echten Vorteil bringen. Denn für uns steht der Mensch jederzeit im Vordergrund, sei es als Nutzer unserer Produkte oder als Mitarbeitender.