Haustech 1/2018

Endlich auf dem 
Trockenen

Die markante Werft steht in einem Wohngebiet. Durch die sorgfältige Materialisierung der Fassade fügt sich der Neubau trotz seines grossen Volumens gut in das Quartier ein. (Bild: zVg)
Michael Staub /

Die BLS erneuert die Werft für ihre Thunerseeflotte. Der eindrückliche Neubau am Lachenkanal bringt mehr Komfort und Sicherheit. Und das neue Trockendock wird die Unterhaltsarbeiten massiv vereinfachen.

Mit leisem Surren hebt die Kranwinde ein Wandelement hoch. Langsam schwenkt das Bauteil vor den Pappeln vorbei, wird zwischen Gerüst und Fassade abgesenkt und von den Holzbauern mit lässigen Bewegungen an den richtigen Ort bugsiert. Zwischen dem Summen der Akkuschrauber hört man das Fauchen eines Gasbrenners. Ein Dachdecker bringt bereits die erste Abdeckung an. Fünfzehn Meter tiefer schwappt der Thunersee gegen die drei mächtigen Dammbalken des Trockendocks.

«Wenn sie nicht dicht wären, hätten wir hier drin sehr schnell sehr viel Wasser», scherzt Ueli Rüegsegger. Der Architekt ist bei der BLS Projektleiter für den Ersatzneubau der Werft am Lachenkanal. Das eindrückliche Gebäude ist eine Hybridkonstruktion mit Stahltragwerk und Seitenwänden im Holzelementbau. Verschiedene Annexgebäude bieten Raum für Schreinerei, Werkstätten und Ländtematerial.

Durchdachte Lösung

Die Architektur der Halle stammt von L2A Architekten, Unterseen. Wie gelang die Entwicklung einer überzeugenden Idee, zumal die Schweiz nicht gerade als Schifffahrts- und Werftbauernation bekannt ist? Paul Rosser, verantwortlicher Architekt und Projektleiter bei L2A, sagt dazu: «Wir haben uns in Zusammenarbeit mit den Bauingenieuren intensiv mit der Typologie der Werfthalle auseinandergesetzt. Dabei drehte sich die Diskussion um Themen wie die Gebäudeform, die Belichtung des Innenraums oder die Ausrichtung der Befensterung. Früh kamen auch Effizienzrechnungen der statischen Systeme ins Spiel. Wir haben genau untersucht, welche Tragkonstruktion wie viel Stahl oder Holz beansprucht.»

Bis die definitive Form gefunden war, wurde eine Reihe von ungefähr 20 Modellen hergestellt. Wie ihr Vorgängerbau, der allerdings deutlich kleiner ausfiel, steht die neue Werft mitten in einem Gebiet, das von Wohnbauten geprägt ist. Den Spagat zwischen dem typischen Werft-Erscheinungsbild und der Einpassung ins Quartier schaffte man mit der Materialisierung der Fassade. Die Wände sind als Holzrahmenkonstruktionen ausgeführt und inwendig mit OSB-Platten beplankt. Die Ständer wurden mit einer 24 Zentimeter starken Steinwolleschicht ausgedämmt. Die Aussenbeplankung besteht aus DWD-Platten. Den äusseren Abschluss bietet eine hinterlüftete Schalung aus vorvergrauten Weisstannenleisten.

Überfälliger Ersatz

Der Ersatzneubau sei «zwingend und dringend», sagt Rüegsegger, schon nur wegen der gesetzlichen Vorschriften: «Wir müssen die Schale jedes einzelnen Schiffs alle vier bis sechs Jahre kontrollieren. Während der Winterpause werden zudem an allen Schiffen die normalen Wartungs- und Reparaturarbeiten ausgeführt.» Im Vorgängerbau, einer 1905 erbauten Holzhalle, war dies zuletzt kaum noch möglich. Der mehrfach umgebaute und verstärkte Bau war zuletzt einsturzgefährdet. «An der Aussenfassade wurde sogar eine Windmessanlage installiert, damit wir bei heftigem Wind die Halle hätten evakuieren können», erinnert sich Rüegsegger.

Neben der Sicherheit liess auch die Effizienz zu wünschen übrig. Wenn die «Blüemlisalp», der Stolz der Thunerseeflotte, auf Stapel lag, konnte das Werfttor nicht mehr geschlossen werden. Zudem wurden die Schiffe im Lauf der Jahrzehnte immer grösser und schwerer. So musste etwa 1996 die Konstruktion der alten Werft angepasst werden, damit das Motorschiff «Berner Oberland» gebaut werden konnte. Nach diversen baulichen Anpassungen und Erweiterungen war das Ende der Fahnenstange erreicht.

Mit dem Neubau können verschiedenste Ansprüche unter einen Hut gebracht werden. Neben genügend Platz für eine sichere und effiziente Wartung der Schiffe sind nun auch zeitgemässe Arbeitsplätze und Hilfsmittel vorhanden. «In der alten Werft gab es keine moderne Hebemöglichkeit. Alles Material musste mit Muskelkraft oder Hebezügen auf das Schiff gebracht werden», sagt Ueli Rüegsegger. Geradezu archaisch mutete auch die mittlerweile demontierte Stapelanlage an. Ihre Schienen führten weit in den See hinaus, und um ein Schiff auf ihren «Wägeli» in die Halle zu bugsieren oder wieder vom Stapel zu lassen, brauchte es zahlreiche starke Arme und «Hauruck!»-Kommandos.

Einheizen dank Grundwasser

Nicht eben komfortabel waren auch die Temperaturen. Wegen der spärlichen Wärmedämmung im alten Gebäude wurde trotz maximalem Einsatz der alten Ölheizung kaum eine Innentemperatur über 5 Grad Celsius erreicht. «Dank der neuen Grundwasser-Wärmepumpe wird es im neuen Gebäude deutlich angenehmer», sagt Matthias Mühlemann, Abteilungsleiter Heizung bei der Jost AG Frutigen. Gemäss SIA-Richtlinien wird die Haupthalle auf 16 Grad Celsius geheizt. In Arbeitsräumen werden es 18, in den Büroräumen 21 Grad Celsius sein.

Wegen der Nähe zum Thunersee beträgt die durchschnittliche Grundwassertemperatur nur etwa 5 Grad Celsius. «Deshalb mussten wir die Wärmepumpe um zwei Nummern grösser auslegen als ursprünglich geplant. Zudem brauchte es eine Absicherung. Wenn das Grundwasser nur noch 2 Grad Celsius warm ist, schaltet die Maschine automatisch ab», berichtet Mühlemann. Das Aggregat erreicht bei W10/W35 eine Normleistung von 214 Kilowatt sowie einen COP von 6.0. Der Vorlauf erreicht 45 Grad Celsius, der Rücklauf 35 Grad Celsius. Die zwei Brunnen für die Entnahme respektive Rückgabe des Grundwassers befinden sich auf dem Werftgelände und besitzen eine Tiefe von knapp 20 Metern. Bei Vollbetrieb laufen pro Stunde rund 43 Kubikmeter Wasser durch die Wärmepumpe.

Neues Dock

Eine massive Arbeitserleichterung bringt das neue, 68 Meter lange Trockendock. «Das Schiff fährt in der Werft sozusagen in eine Art Badewanne ein. Wir schliessen das Dock mit den Dammbalken gegen den See ab, pumpen das Wasser ab, und das Schiff liegt auf dem Trockenen. Das macht die Unterhaltsarbeiten um vieles einfacher», erläutert Ueli Rüegsegger. Auf dem Boden des Docks sind Schienen einbetoniert, die an Tramgleise erinnern. Auf ihnen werden die Wagen der automatischen Stapelanlage bewegt. Die Wagen in der Mitte fassen das Schiff an den Haltepunkten am Kiel, die Wagen links und rechts stabilisieren es.

Das Prinzip erinnert an eine gigantische Hobelbank, nur werden statt Werkstücken ganze Schiffe eingespannt. In der alten Werft lagen die Schiffe wegen der Aufzugswagenbahn über dem Seespiegel, die Distanz zwischen Standfläche und Schiffsbogen betrug bis zu vier Meter. «Vor zwei Jahren mussten wir Material und Werkzeug noch mühsam über eine Treppe bugsieren. Bald können wir die Ware ebenerdig verschieben», sagt Rüegsegger.  

Weil das Trockendock bis zu 6,6 Meter tief im Grundwasser steht, war die Auftriebssicherung besonders wichtig. Die 
einen Meter starke Bodenplatte wurde deshalb zusätzlich mit 70 Verdrängungspfählen verankert. In der Betonbrüstung des Docks ist das stählerne Tragwerk 
eingespannt. Die Fachwerkbinder stehen im Raster von 5,75 Metern. Sie tragen 
auch die Kranschienen.

Um die Stapelwagen, aber auch Dieselaggregate oder Schiffsteile verschieben zu können, gibt es zwei Hallenkrane mit jeweils 12,5 Tonnen Hubkraft. Das Tageslicht fällt primär durch die markante Dachkonstruktion, die Laterne, ein. Diese Belichtung ist 
sinnvoll, denn seitliche Hallenfenster bringen bei Arbeiten im Schiffsrumpf 
relativ wenig. Damit die Luftqualität in 
der Halle nicht allzu sehr leidet, wird es 
mobile Schweissanlagen mit direkter 
Absaugung geben.

Mit der neuen Werfthalle ist die Wartung der Thunerseeflotte auf lange Zeit sichergestellt. Auch deren Star, das Dampfschiff «Blüemlisalp», kann nun unter 
optimalen Bedingungen kontrolliert 
werden. In der alten Werfthalle ragte das Heck des Dampfers noch einige Meter aus dem offenen Tor.