Haustech 6-7/2019

«Digital alleine reicht nicht»

(Foto: Nicolas Zonvi)
Paolo D'Avino /

In der letzten Dekade hat die digitale Transformation viele Bereiche erfasst. 
Auch beim Pumpenhersteller Grundfos hat sich das Innenleben verändert. 
Wie das weltweit tätige Unternehmen sich fit macht in der digitalen Welt, 
erklärt Martin Palsa, Geschäftsführer und Area Managing Director D-A-CH.

Herr Palsa, gratuliere zur Auszeichnung «Innovator des Jahres 2019». Warum fiel die Wahl auf Grundfos?

Der Preis ehrt und freut uns sehr. Doch warum wir diese Auszeichnung erhalten haben, wissen wir nicht. Ehrlich gesagt, überraschte mich diese Ehrung deshalb, weil hier 80 000 Führungskräfte aus der deutschen Wirtschaft quer durch alle Branchen abstimmen durften, von denen wahrscheinlich der allergrösste Teil noch nie mit einer Pumpe konfrontiert worden ist. Genauso wie unsere Auszeichnung für höchste Innovationskraft, bei der der Fernsehsender Welt rund 13 000 Führungskräfte deutscher Unternehmen befragen liess.

Das Aussenbild von Grundfos ist also positiv besetzt?

Dass wir als innovatives Unternehmen wahrgenommen werden, ist für uns nicht selbstverständlich. Dass das Image von Firmen wie Apple, Audi oder BMW von den Endkonsumenten wahrgenommen wird, davon darf man ausgehen. Doch ein Pumpenhersteller. Ehrlich: Wer kommt in der Praxis wirklich mit Pumpen in Berührung? Eigentlich nur wenige Personen. Dass die Umfrageteilnehmer Grundfos mit dem Thema Innovation gleichsetzen, freut mich persönlich ungemein. Offenbar ist es uns gelungen, den Namen auch über unsere Branche und über die eigentlichen Pumpenhersteller hinaus bekannt zu machen und bestens zu positionieren. Deshalb werten wir diese Auszeichnungen sehr hoch, weil sie zum grössten Teil von branchenfremden Führungskräften ausgesprochen wurde.

Eine Pumpe ist eine Pumpe, könnte man meinen. Was zeichnet die Pumpe aus dem Hause Grundfos aus?

Seit Jahren bereits sind wir einer der Weltmarktführer bei Pumpen und setzen vielfach technologische Benchmarks. Die Magna3 beispielsweise ist technologisch bestens ausgestattet: Der Energie-Effizienz-Index liegt deutlich unter den Vorgaben eines vergleichbaren Standardproduktes. Zudem überwacht sie die Anlagenverhältnisse und optimiert permanent den Betrieb, in dem ein Maximalwert den Förderstrom vorgibt. Das spart Energie und macht je nach Anlage Überströmventile überflüssig. Zudem ist unser Multitalent auch für Kälteanlagen und Wärmepumpen-Systeme geeignet, denn es kann mit Medientemperaturen von +110 bis zu –10 Grad umgehen.

Und offenbar ist das Unternehmen auch in der Digitalisierung ein Vorreiter?

Auch in Sachen Digitalisierung beansprucht Grundfos eine Rolle als Frontrunner. Insofern sind die Auszeichnungen Überraschung und Bestätigung zugleich. Diese Preise sind auch eine Bestätigung dessen, dass es richtig war, die Digitalisierung vor rund sieben Jahren weltweit zu initiieren. Diesen digitalen Weg gehen wir konsequent weiter. Will man als Unternehmen vorankommen und auch in Zukunft ein Wörtchen auf dem Markt mitreden, muss man über den eigenen Tellerrand hinausschauen.

Was dürfen denn die Betreiber von Ihrem Digitalisierungsprozess erwarten?

Digitalisierte Pumpensysteme vereinfachen den Arbeitsalltag des Betreibers. Beispielsweise durch das selbstständige Anpassen des Förderbedarfs und die Möglichkeit zur Fehlerfrüherkennung. Zudem eröffnet der Digitalisierungsprozess neue Chancen, indem neue Services in der Zusammenarbeit zwischen uns und unseren Kunden möglich sind. Ich denke da an cloudbasierte Lösungen zur Optimierung der Produktion beim Betreiber.

Was heisst das, wenn Sie von cloudbasierten Lösungen sprechen?

Grundfos hat mit «iSolutions» ein Konzept entwickelt, in der Pumpenhydraulik, Sensoren, Antriebs-, Mess-, Steuerungs- und Regelungstechnik sowie spezifische Software aufeinander abgestimmt sind. Diese Lösungen machen Pumpensysteme fit für die Industrie 4.0. Auf diese Weise können unsere Pumpen spezifische Funktionen übernehmen, zudem bieten smarte Applikationen und Cloud-Lösungen attraktive Zusatzfunktionen. Zum Beispiel meldet die Pumpe, wenn im Betrieb, beispielsweise einer Autowaschanlage, ein Gebinde leer ist. Dazu berechnen Logik-Algorithmen den Bedarf der nächsten Tage unter Berücksichtigung der Liefertermine voraus, um so die Bestellung automatisch auszulösen.

Was ist der oberste Leitsatz von «iSolutions»?

Der Leitsatz ist für uns «User Experience». Wenn wir es nicht schaffen, aus der Idee einen Mehrwert für 
die Zielgruppe zu erreichen, lassen wir diese wieder fallen. Zudem muss sich die Idee auch für uns auszahlen. Wenn sich daraus kein Geschäftsmodell entwickeln lässt, verfolgen wir das Projekt nicht weiter.

Sie greifen mit «iSolutions» in die Prozesse der Betreiber Ihrer Pumpen ein?

In der industriellen Produktion sind Pumpen omnipräsent, und genau hier setzen wir an. Die «iSolutions» richten sich an Betreiber von Industriepumpen. Im Beispiel der genannten Autowaschanlage liegt der Vorteil darin, dass der Betreiber eine vertiefte Transparenz über seinen eigenen Beitrieb bekommt. Damit erhöht er nicht nur die Verfügbarkeit der Anlage, sondern die digitalisierten Pumpensysteme machen ihm den Betrieb sicherer und schützen ihn vor unnötigen Betriebsausfällen. Solch integrierte Lösungen werden künftig eine für die industrielle Produktion immens wichtige Rolle übernehmen, denn die Pumpen analysieren kontinuierlich die Anforderungen der Anlage.

Neben der Industrietechnik, und der Wasser-/Abwassertechnik kommen Pumpen von Grundfos auch in der Gebäudetechnik zum Einsatz. Wie sieht es in diesem Bereich mit der Digitalisierung aus?

Im privaten Wohnbereich zielen wir mit unseren digitalen Lösungen weniger auf die Optimierung und Sicherung von Prozessen ab, sondern in der Gebäudetechnik sollen zeitaufwendige und manuelle Arbeiten durch digitale Prozesse abgelöst werden. Es geht um Fragen, wie man den Durchfluss und die Wassermenge richtig einstellt, oder wie ich die Inbetriebnahme von Pumpen für den Installateur so einfach wie nur möglich machen kann. Der Installateur ist heute mit unseren digitalen Lösungen in der Lage, den hydraulischen Abgleich, die Einstellungen oder die Inbetriebnahme einer Pumpe von Grundfos über das Smartphone vorzunehmen. Wir sind im Moment der einzige Hersteller, mit dem sich über das Smartphone all diese Aufgaben lösen lassen.

User Experience für den Installateur?

Genau. Die Aufgabe muss klar und einfach sein. Deshalb darf es nicht sein, dass der Installateur Stunden aufwenden muss, um eine Pumpe in Betrieb zu nehmen. Die Zeitersparnis ist sein Mehrwert. So kann sich der Techniker schneller anderen Aufgaben widmen.

Verändert die digitale Transformation auch die Welt der Pumpen?

Die Digitalisierung hatte technisch wie organisatorisch erhebliche Auswirkungen auf unser Unternehmen. Wir mussten dabei hergebrachte Management- und Entscheidungsstrukturen überdenken. Das Geschäft ist schnelllebiger geworden, und was heute noch gültig ist, kann in ein paar Monaten schon wieder veraltet sein. Das heisst für uns, dass Flexibilität und der Mut zu 80-Prozent-Lösungen zwingend sind bei der Umsetzung der Pumpe-4.0-Philosophie.

Und wo sehen Sie Ihre Chancen?

Es geht um Geschäftsmodelle rund um Service-Dienstleistungen. Diese spielen, wie bereits erwähnt, im industriellen Bereich eine immer wichtigere 
Rolle. Wir bieten dazu Lösungen, die je nach Zielgruppe unterschiedliche Schwerpunkte haben. Die erforderliche Hardware wird bereits ab Werk in das gewählte «iSolutions»-Produkt eingebaut, und der Betreiber wählt dann seine Servicemodule aus, die von der reinen Überwachung bis hin zur Optimierung und Fehlerfrüherkennung gehen. Unsere digitalen und modularen Lösungen zielen aber auch auf die Anlagen von Erstausrüstern ab. Mit dem Pumpen-Know-how einerseits und dem Wissen über den Anlagenbau lassen sich gemeinsam neue Geschäftsmodelle entwickeln.

Wie hält man einen solchen Innovations-Spirit aufrecht?

Es ist uns gelungen, den digitalen Transformationsprozess, der vor rund sieben Jahren gestartet wurde, den Mitarbeitenden mit den zwei zentralen Fragen zu vermitteln. Doch wir ernten auch die Früchte einer langjährigen Entwicklungs-Offensive in Sachen Produkte, Systeme und Digitalisierung rund um die Pumpentechnik. Die Gruppe investiert jährlich bis zu 5 Prozent des Umsatzes in die Forschung und Entwicklung. 2018 lag der Umsatz bei etwa 3,6 Milliarden Euro – da kommt eine beeindruckende Summe zusammen. Doch Geld allein macht es nicht aus. Wir setzen in unserer Unternehmenskultur und Personalpolitik auf Kontinuität. Den Mitarbeitenden gewähren wir viele Freiheiten, gleichzeitig setzen wir auf Eigenverantwortung, in der es auch erlaubt ist, Fehler zu machen. Die eingangs erwähnten Preise sind auch eine Anerkennung an die ganze Mannschaft, die diese Innovationsbereitschaft mitträgt.

Sie sind ja als Area Manager neben den Märkten Deutschland und Österreich auch für die Schweiz verantwortlich. Wie nehmen sie die Schweiz wahr?

Was mich in der Schweiz immer wieder beeindruckt, ist, wie lösungsorientiert die Menschen sind. Da gibt es kein langes Herumreden. Man packt an. Fertig. Diese pragmatische Art gefällt mir persönlich sehr. Mein Schlüsselerlebnis dabei ist, wie die Schweiz die Eurokrise gemeistert hat. Unsere Abnehmer sind in der Schweiz zu 80 Prozent exportorientierte Unternehmen, und trotz der Krise hielt sich damals die Nachfrage nach Pumpen erstaunlich hoch.

Und heute?

Da können wir uns nicht beklagen. Die Nachfrage liegt weiterhin auf einem sehr hohen Niveau. Hier zeigt sich die Robustheit der Schweizer Wirtschaft. Es ist ein sehr stabiler Markt, und im Moment sehe ich auch keine signifikanten Warnzeichen am Himmel.

In der Schweiz war die Aufregung gross, als das Bundesamt für Umwelt vor Kurzem seinen Bericht zur Qualität des Grundwassers in der Schweiz veröffentlichte. Inwiefern betrifft es Grundfos, wenn solche Umweltthemen in der breiten Öffentlichkeit diskutiert werden?

Das Thema geht uns sehr wohl etwas an, auch weil wir in diesem Sektor tätig sind. Intern fragen wir uns dann, was wir mit unseren Produkten tun können, um solche Umweltbelastungen erst gar nicht entstehen zu lassen. Wenn unser Know-how gefragt ist, bringen wir es selbstverständlich ein.

Ressourcenschonung und die Verwendung von ökologischen Materialien sind Teil der aktuellen Klimadebatte. Welche Bedeutung messen Sie der Klimadebatte bei?

Die Welt der Pumpen hat sich radikal verändert. Noch vor zehn Jahren hatte die Pumpe im Keller Ihres Hauses ungefähr eine Grundlast von 55 bis 60 Watt. Heute hat eine gleich grosse Pumpe, die im Verhältnis sogar weniger kostet als eine vergleichbare vor zehn Jahren, eine Last von 4 bis 5 Watt. Ein Zehntel dessen, was noch vor zehn Jahren eine Pumpe brauchte. Das heisst im Klartext: weniger Stromverbrauch. Rechnet man das auf ein Jahr hoch, ist der Beitrag der Pumpenhersteller gross. Geht man davon aus, dass eine Pumpe rund 30 Jahre täglich 24 Stunden im Einsatz ist, kommt da eine beträchtliche Einsparung zusammen. In Deutschland, um eine Grössenordnung zu geben, sind 15 bis 20 Millionen solcher Pumpen im Einsatz. Auch in der Auswahl der Materialien versuchen wir die Nachhaltigkeitsziele 6 und 13 der Uno zu erreichen, die einerseits auf die nachhaltige Bewirtschaftung von Wasser und andererseits auf die Bekämpfung des Klimawandels abzielen.

Wann steht der nächste Innovationspreis an?

Da lasse ich mich überraschen. Mir ist es viel wichtiger, und das freut mich sehr, dass unsere Umweltanliegen und unser soziales Engagement dank der unermüdlichen Kommunikationsarbeit auch ausserhalb unserer Branche wahrgenommen werden. Das macht mich persönlich sehr stolz, denn solche Preise strahlen auf unsere Mannschaft ab.