«Die Stadt Zürich ist auf gutem Weg»

(Photo: Peter Frommenwiler)
Oskar E. Aeberli /

Der Bund hat die Energiestrategie 2050 verabschiedet, die Stadt Zürich will bis 2050 sogar die 2000-Watt-Gesellschaft realisieren. Bruno Bébié, Energiebeauftragter der Stadt, erläutert, mit welchen Massnahmen dieses hochgesteckte Ziel erreicht werden soll.

Haustech: Der Bund hat bekanntlich die Energiestrategie 2050 im Fokus. Was sind die konkreten energetischen Ziele der Stadt Zürich?

Bruno Bébié: Die Stadt Zürich beziehungsweise der Souverän haben am 30. November 2008 beschlossen, bis zum Jahr 2050 die 2000-Watt-Gesellschaft zu realisieren. Dabei wurden fünf relevante Zielsetzungen bestimmt.

Wie will die Stadt Zürich die postulierten 2000-Watt-Ziele konkret erreichen?

Entsprechende Massnahmen werden in Themenschwerpunkten im Rahmen folgender Stossrichtungen umgesetzt: Beim  Konsum: Ressourcenschonend produzieren und konsumieren (Graue Energie). Bei der Siedlung: Qualitätsvoll verdichten und effizient erschliessen. Beim Gebäude: Klimafreundlich und energieeffizient erstellen, betreiben und erneuern. Bei der Energieversorgung: Nutzung erneuerbarer Energien und Abwärmen. Und bei der Mobilität: Belastungen durch den Verkehr reduzieren. Mit einem vom Stadtrat beschlossenen Masterplan Energie setzen rund 18 stadtinterne Abteilungen und Energieversorger jährlich 300 bis 400 energiepolitische Massnahmen um.

Mit einem Energieverbrauch von aktuell rund 4500 Watt ist die Zielerreichung aber noch in weiter Ferne ...

Das sehe ich anders. Ich denke, die Stadt Zürich ist auf einem guten Weg. Der Primärenergieverbrauch der Stadt hat seit  1990 deutlich abgenommen. Im Mittel der letzten fünf Jahre beanspruchten die Zürcher etwas unter 4200 Watt  Primärenergie. Das sind über 1000 Watt weniger als vor 25 Jahren. Im gleichen Zeitraum setzten die Einwohnerinnen und Einwohner der Stadt rund 4,7 Tonnen Treibhausgase pro Person und Jahr frei. Das sind etwa 1,5 Tonnen weniger als vor25 Jahren.

Gibt es ein Zwischenziel, das es zu erreichen gilt?

Das Zwischenziel für 2020 liegt beim Primärenergieverbrauch in Griffweite bei 4000 Watt pro Kopf, bei den  Treibhausgasen ist die Distanz zum Zwischenziel jedoch grösser und liegt bei 4 Tonnen pro Kopf. Das Treibhausgasziel von einer Tonne pro Kopf gilt für 2050, es bleibt also noch etwas Zeit für weitere Massnahmen. Zudem haben auch die Planung und der Bau des soeben eröffneten Gotthard-Eisenbahntunnels mehrere Jahrzehnte benötigt, und die Umsetzungder 2000-Watt-Gesellschaft beurteile ich im Vergleich zu diesem «Jahrhundertprojekt» als mindestens so herausfordernd.

Die Energie ist stets auch ein politisches Thema, obwohl kostenmässig nur bedingt relevant. Ist sie aber nicht volkswirtschaftlich bedeutungsvoll?

Dank des Plebiszits von 2008 sind energiepolitische Massnahmen in der Stadt Zürich auch sehr politisch relevant. Zudem bin ich als Ökonom der Überzeugung, dass die volkswirtschaftliche Argumentation mit den Energiekosten, die machen im langfristigen Mittel aber auch rund fünf Prozent des BIP aus, viel zu kurz greift. Energieeffizienz und erneuerbare Energien schaffen inländische Wertschöpfung sowie eine gute Basis für künftige wettbewerbsfähige Produkte und Dienstleistungen und eine geringere Abhängigkeit von teilweise nicht sehr zuverlässigen ausländischen Lieferanten fossiler Energien. Nicht umsonst sind die in der Organisation Swisscleantech organisierten Branchen klare Befürworter einer konzisen Energiestrategie.

Sind die Lebenszykluskosten bei den Gebäuden nicht wesentlich relevanter?

Die Stadt Zürich entscheidet bei ihren Bauprojekten – und übrigens auch bei der Beschaffung von Dienstfahrzeugenund Trams – schon seit langem auf Basis der Lebenszykluskosten bzw. der «Total Costs of Ownership». Für den  Gebäudebereich wurden bereits 2006 Grundlagen hierfür erarbeitet, deren Ergebnisse auch auf der Website des Hochbaudepartements der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden. Das gilt insbesondere für die Broschüren unter dem Titel «Lukrezia».Zudem wurde eine Fachstelle «Projektökonomie» geschaffen, die den baulichen Zustand der städtischen  Gebäudeportfolios bewertet, die wirtschaftlichsten Massnahmen bestimmt, die daraus abzuleitenden Erstellungs- und Lebenszykluskosten berechnet, Zielkosten definiert und die Begleitung des Projekts bezüglich Kosten und  Wirtschaftlichkeit vollzieht.

Debattiert werden bei grossen Neubauten, beispielsweise beim Spitalbau, stets nur die Investitionskosten. Warum?

In diese Debatten bin ich in meiner Funktion als Energiebeauftragter nicht involviert, hier steht das Hochbaudepartement bzw. der Besteller im Rampenlicht. In meiner Wahrnehmung wird das Thema Investitionskosten in diesen Debatten nicht durch die Verwaltung, welche wie erläutert durchaus mit Lebenszykluskosten rechnet, sondern durch die politischenParteien bzw. den Gemeinderat bestimmt. Allerdings scheinen diese Exponenten in bester Gesellschaft mit vielen Gebäudeeigentümerschaften zu sein, deren Erneuerungsverhalten gemäss den Ergebnissen unseres  Forschungsschwerpunkts daran krankt, dass sie zu stark auf die Investitionskosten fokussieren.

Was sind die Gründe für dieses Verhalten vor allem auch bei den öffentlichen Institutionen?

Da kann ich aufgrund meiner Funktion nur spekulieren. Ich vermute, dieses Phänomen hängt bei öffentlichen Vorhaben mit deren Finanzierung über Steuermittel zusammen. Auch private Entscheidungsträger sind aber oft nicht dagegen gefeit, aufgrund von zu kurzfristigen Überlegungen langfristig suboptimale Entscheide zu treffen.

Könnte nicht ein steuerlicher Anreiz die Eigentümer zu einer vermehrten Sanierungstätigkeit animieren?

Da bin ich aufgrund der bisherigen empirischen Arbeiten, die mehrheitlich auf hohe Risiken bezüglich Mitnahmeeffektenhinweisen, eher skeptisch. Auch aus volkswirtschaftlicher Sicht scheint mir die in der Bundesenergiestrategie 2050 ab 2020 vorgesehene Klima- und Energie-Lenkungsabgabe besser geeignet. Wichtig ist allerdings, dass mit einem auf längere Sicht gültigen Abgabenerhöhungspfad klare Entscheidungsgrundlagen für die Eigentümerschaften geschaffen werden, weil damit konzise langfristige Sanierungsstrategien attraktiver werden.

Auf welchen Ansätzen basiert die Forschungstätigkeit der Stadt Zürich im Energiebereich?

Ich fokussiere auf den 2010 ins Leben gerufenen Forschungsschwerpunkt, obwohl es daneben in verschiedenen Dienstabteilungen noch weitere, aufgabenspezifische Forschungsaktivitäten gibt. Die Energieforschung Stadt Zürich ist ein auf zehn Jahre angelegtes Forschungsprogramm zur Förderung von Energieeffizienz und erneuerbaren Energien. Mit anwendungsorientierter Forschung an der Nahtstelle von sozialwissenschaftlicher Forschung und der Anwendung von neuen oder bestehenden Effizienztechnologien will die Stadt Zürich einen Beitrag auf dem Weg zur 2000-Watt-Gesellschaft leisten. Der Fokus liegt dabei auf den Themenbereichen Haushalte und Gebäude, denen auf dem Weg zur 2000-Watt-Gesellschaft eine zentrale Rolle zukommt.

Welche besonderen Aspekte werden denn in den beiden Bereichen Haushalt und Gebäude untersucht?

Im Themenbereich Haushalte werden insbesondere umweltpsychologische Aspekte untersucht, die einen bewussten Umgang mit Energie fördern oder verhindern. In verschiedenen Feldstudien mit Stadtzürcher Haushaltenwird analysiert, welche Handlungshemmnisse in der Stadt Zürich im Alltag relevant sind und welche Massnahmenbei deren Überwindung hilfreich sind. Der Themenbereich Gebäude setzt bei der Gebäudeinfrastrukturan. Wobei in wissenschaftlich fundierten und begleiteten Umsetzungsprojekten zusammen mit denEigentümerschaften Sanierungsstrategien für Gebäude entwickelt und umgesetzt werden, die massgeblich zurbesseren Sanierung und Erneuerung der Gebäudesubstanz in der Stadt Zürich beitragen.

Welche wichtigsten Erneuerungscluster wurden ermittelt?

Im Rahmen von Energieforschung Stadt Zürich wurde aufgrund der Ergebnisse verschiedenen Grundlagenstudien zu Sanierungshemmnissen auf den Clusteransatz fokussiert. Cluster bzw. Erneuerungscluster sind Gruppen von Gebäudeeigentümer/innen, die entweder eine ähnliche Bewirtschaftungsstrategie bezüglich ihrer Gebäude oder gleichartige Gebäudeportfolios oder Gebäude mit gleichartigen Erneuerungsproblemen aufweisen. Dabei wurden folgende sieben prioritären Erneuerungscluster evaluiert:

  • Mittlere und kleinere Wohnbaugenossenschaften,
  • Pensionskassen und Versicherungen mit umfangreichem Mehrfamilienhaus-Bestand,
  • Immobilien- und Finanzgesellschaften mit umfangreichem Mehrfamilienhaus-Bestand,
  • Mehrfamilienhäuser im Versorgungsperimeter Altstetten oder Zürich Nord,
  • Stockwerkeigentümergemeinschaft,
  • Immobilien- und Finanzgesellschaften mit umfangreichem Büro- und Verwaltungsgebäude-Bestand,
  • Private Bürogebäudebesitzer.

Was soll mit den Energieclustern konkret erreicht werden?

Mit der Bildung von Erneuerungsclustern und der Arbeit in diesen Erneuerungsclustern sollen folgende Ziele verfolgt werden:

  • Verbesserung des im Rahmen von geplanten Erneuerungen erreichten energetischen Standards erneuerter Gebäude, sodass sie möglichst SIA-Effizienzpfad-kompatibel werden,
  • Beschleunigung der energetischen Erneuerung des Gebäudebestands,
  • Erarbeitung von Bewirtschaftungs- und Erneuerungsstrategien für die Gebäude der im Cluster teilnehmenden Eigentümer,
  • Reduktion der Informations- und Transaktionskosten für die Eigentümer, Beschleunigung der Know-how-Diffusion und Reduktion von Investitions- und Ausführungsrisiken,
  • Identifikation von Unterstützungsbedarf bei den Eigentümern und Angebot oder Vermittlung von cluster-spezifischen Unterstützungsleistungen.

Welche Energiecluster sind besonders erfolgsversprechend?

Bei den Erneuerungsclustern wurden erst begleitete Projekte mit Stockwerkeigentümern und mittleren undkleineren Wohnbaugenossenschaften durchgeführt, wobei die Beteiligung der Eigentümer über den ganzenProzess noch nicht zufriedenstellend war. Analoge Arbeiten mit zwei Segmenten der zweiTop-100-Clusters, das heisst zwei Gruppen aus dem Kreis der grössten Immobilienbesitzer mit oder ohnePortfoliostrategie und mit Erneuerungszielen, sind angelaufen.

Was für eigentümerspezifische Ansätze drängen sich auf?

Für definitive Antworten hierzu ist es aufgrund des Standes der Forschungsarbeiten noch zu früh. Bei den mittleren und kleineren Wohnbaugenossenschaften wurden als wichtigste Herausforderungen Informationsdefizite, wobei bestehende Beratungsangebote noch viel zu wenig genutzt werden, knappe personelle Ausstattung und anspruchsvolle interneEntscheidungsprozesse aufgrund der teilweise grossen Zahl von Beteiligten evaluiert. Bei den Stockwerkeigentümerschaften wurden als kritische Hemmnisse eine entscheidungsschwache interne Organisation (Standardreglement), die strategische Erneuerungsplanung, die Finanzierung und Bildung von Rückstellungen sowie der Projektentwicklungsplan (Vorgehensplan) identifiziert.