Haustech 01-02/2017

«Die Gebäudetechnik wird integraler»

(Foto: Peter Frommenwiler)
Simon Eberhard /

Vor rund einem halben Jahr hat die Schweiz die neuen EU-Richtlinien für Lüftungsgeräte übernommen. Haustech unterhielt sich mit dem Professor und Lüftungsspezialisten Heinrich Huber über aktuelle Marktentwicklungen und seine Arbeit an der Prüfstelle Gebäudetechnik der Hochschule Luzern.

Haustech: «Ich brauche keine künstliche Lüftung – wenn ich frische Luft will, öffne ich einfach das Fenster.» Was sagen Sie als Fachmann zu einer solchen Aussage?

Heinrich Huber: Das ist grundsätzlich nicht falsch, denn die Aussenluft hat meistens eine hohe Qualität. Das Fenster zu öffnen, soll auch weiterhin möglich sein, wenn eine mechanische Lüftung installiert ist. Diese hat ihre Berechtigung vor allem dann, wenn man nicht die Möglichkeit hat, das Fenster zu öffnen, beispielsweise während des Schlafens oder während einer Sitzung bei lauter Aussenumgebung.

Und trotzdem ist das Image der mechanischen Lüftung immer noch zwiespältig.

Das ist tatsächlich so. Dieses schlechte Image hängt wohl auch noch mit den alten Klimaanlagen zusammen und mit den Erinnerungen an alte Bürogebäude, in denen es andauernd gezogen hat. Dieses Image zu verbessern, ist nicht einfach, denn Luft ist schwer fassbar. Viele Menschen reagieren sensibel, wenn der Eindruck entsteht, man mache etwas mit ihrer Luft. Zudem ist die Lüftung auch schwieriger verständlich und weniger transparent als beispielsweise die Heizung. Einen Heizkörper kann man wärmer oder kälter stellen. Bei einer Lüftungsanlage ist hingegen nicht einfach nachzuvollziehen, was geschieht, wenn man eine Stufe verstellt, sofern das überhaupt möglich ist. Das verleiht der Lüftung aus dem Bauchgefühl heraus etwas Unheimliches.

Was kann man machen, um das zu verbessern?

Gute Information ist entscheidend. Heute wohnt rund eine Million Menschen in der Schweiz mit einer Komfortlüftung, und 80 bis 90 Prozent davon schätzen diese. Die Skepsis kommt vor allem von denjenigen, die Komfortlüftungen nicht kennen. So gesehen ist die beste Möglichkeit, Skeptiker zu überzeugen, wenn man ihnen die Möglichkeit gibt, selbst mal eine Komfortlüftung zu erleben.

Diese ist ja stark mit dem Minergie-Standard verknüpft. Droht sich das schlechte Image der Lüftung auch auf das Label zu übertragen?

Minergie hat die Komfortlüftung in der Schweiz grossgemacht. Früher haben Planer und Bauherren eine Komfortlüftung installiert, weil dies der Minergie-Standard erfordert hat. Dies wird heute vermehrt hinterfragt. So gibt es tatsächlich Bauherren und Genossenschaften, die wegen Komfortlüftungen auf den Minergie-Status verzichten. Dennoch denke ich, dass Minergie den Stellenwert der Lüftung hochhalten wird. Es wird vermutlich eine Verschiebung der Kommunikation geben: Die Komfortlüftung ist nicht die einzig mögliche Variante für den definierten, kontrollierten Luftaustausch in einem Minergie-Gebäude, sondern nur eine in einem ganzen Strauss von Möglichkeiten.

Ein kontroverses Thema im Zusammenhang mit der Lüftung ist auch die Raumbefeuchtung. Was ist Ihr Standpunkt dazu?

Das Thema Feuchtigkeit wird derzeit tatsächlich kontrovers diskutiert, unterdessen auch in deutschen Medien. Es muss hier differenziert werden: Spricht man von dem generellen Einfluss der Luftfeuchtigkeit auf das Wohlbefinden des Menschen, oder spricht man von dem Ansteckungsrisiko mit Krankheiten, das mit tiefer Luftfeuchtigkeit steigt? Mir scheint, dass da noch keine gemeinsame Sprache gefunden worden ist. Hier gilt es für beide Seiten, sich anzunähern und von extremen Positionen abzuweichen. Dass extrem tiefe Luftfeuchtigkeiten von 20 bis 25 Prozent auf Dauer nicht wünschenswert sind, liegt auf der Hand. Aber wir müssen auch nicht in Panik verfallen, wenn die Luftfeuchtigkeit mal unter 35 Prozent fällt.

Über diese Prozentzahlen wird viel diskutiert. Gibt es da einen Richtwert?

Was die Normen sagen, ist in meinen Augen immer noch angemessen. Diese gehen in der Regel von einer Untergrenze von 30 bis 35 Prozent aus, aber es kann auch kurzfristige Unterschreitungen geben. Das finde ich pragmatisch und praktikabel. Auf der Normenseite ist man tendenziell eher zurückhaltend mit Befeuchtung. Neben dem hohen Energieaufwand kann diese auch hygienische Probleme verursachen. Das Risiko ist hier möglicherweise grösser als das geringfügig höhere Ansteckungsrisiko von Krankheiten. Diese pragmatische Sichtweise ist auch in den europäischen Normen verankert.

Stichwort europäische Normen: Seit 1. Januar 2016 hat die EU neue Energieetiketten für Wohnungslüftungsgeräte eingeführt, am 1. August hat die Schweiz nachgezogen. Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation?

Es ist insgesamt sicher ein Fortschritt. Alle namhaften Hersteller haben reagiert. Die neuesten Geräte haben eine bessere Ventilatorenleistung, und auch die Optionen für die Regulierung haben zugenommen. Bezüglich Wärmerückgewinnung waren sie schon vorher gut. So gesehen ist positiv, was die Energieetikette bis jetzt auf dem Markt bewirkt hat. Natürlich findet man auch den einen oder anderen Schwachpunkt.

Zum Beispiel?

Die Etikette berücksichtigt den Energieaufwand für den Vereisungsschutz nicht differenziert. Hier sind wir daran, eine entsprechende Ergänzung als Vorläufer für eine Norm zu erarbeiten, damit diese bei einer allfälligen Überarbeitung der Energieetikette als aktueller Stand der Technik zur Verfügung steht.

Sie engagieren sich seit Jahren im Lüftungsbereich. Bevor Sie zur Forschung kamen, haben Sie in den Neunzigerjahren als einer der ersten Schweizer Planer Komfortlüftungen in Wohnungen realisiert. Wie unterscheiden sich die damaligen Systeme von den heutigen?

Es gab damals zwar Geräte, vor allem aus dem skandinavischen Raum, jedoch noch keine eigentlichen Systemanbieter. Es lief damals ein wenig ähnlich wie bei der Heizung: Man kaufte sich als Planer ein Gerät sowie ein Verteilsystem und musste sich überlegen, wie die einzelnen Zimmer im Wohnbereich erschlossen werden. Heute ist es für einen Planer nicht mehr ökonomisch, sich alles selbst zusammenzukaufen und zu bauen. Stattdessen muss man sich für ein System entscheiden und beurteilen, welches am besten zum Objekt passt. Wenn das System dann ausgewählt ist, sind alle Detailfragen gelöst: Der Schalldämpfer ist auf das Gerät abgestimmt, man weiss, wie die Rohrleitungen zu führen sind.

Unterstützung kann dabei auch das sogenannte KWL-Tool bieten, ein Instrument zur Dimensionierung von Komfortlüftungen, das Sie vor rund einem Jahr entwickelt haben. Was sind Ihre ersten Erfahrungen damit?

Zuerst das Positive: Auch Fachleute in einem gewissen Alter, die tendenziell eher weniger affin sind für elektronische Planungstools, schaffen es erstaunlich schnell, mit dem KWL-Tool zu arbeiten. Wenn man das nötige Fachwissen mitbringt, kann man sich offensichtlich in zwei bis drei Stunden in das Tool einarbeiten. Das Negative: Es hat weniger Wirkung, als wir erhofft haben.

Woran liegt das?

Vielleicht haben wir uns etwas überschätzt, indem wir davon ausgegangen sind, dass alle mitmachen. Das Tool hängt sehr stark davon ab, wie viele reale Daten von Komponenten und Geräten darin enthalten sind. Leider ist die Auswahl der verschiedenen Fabrikate noch nicht überwältigend. Hinzu kommt die Tatsache, dass nur diejenigen das Tool anwenden können, die von der Sache etwas verstehen. Es ist kein Expertentool, mit dessen Hilfe man eine Komfortlüftung bauen kann, sondern eher ein Tool, das erst mit Wissen gefüttert werden muss, bevor man damit arbeiten kann.

Seit 2015 leiten Sie die Prüfstelle am Zentrum für Integrale Gebäudetechnik (ZIG) der Hochschule Luzern. Was sind die derzeitigen Schwerpunkte am ZIG?

Im Energiebereich besteht beispielsweise bei Niedertemperatur-Verbünden oder den sogenannten Anergie-Netzen verstärkter Bedarf nach Forschung und Entwicklung. Weiter wollen wir die Bereiche Hygiene und Akustik in nächster Zeit stärken. Diese beiden wichtigen Bereiche sind in den vergangenen Jahren etwas zu kurz gekommen, weil in dieser Zeit vor allem die energiepolitischen Entwicklungen grosse Treiber waren.

Diese Entwicklungen sind derzeit schwierig einzuschätzen. Kürzlich wurde die Atomausstiegs-Initiative abgelehnt, über die Energiestrategie 2050 wird voraussichtlich ebenfalls das Volk das letzte Wort haben. Wie würde sich eine mögliche Ablehnung auf Ihre Arbeit auswirken?

Natürlich wird sich das auf das ganze ZIG auswirken, allerdings nicht unmittelbar, da wir ja ein sehr breites Forschungsgebiet haben. In meinem Bereich bei der Prüfstelle sind wir zudem europäisch stark vernetzt, da wir z. B. auch für Eurovent Prüfungen durchführen. Mehr als die Hälfte unserer Kunden sind international, vor allem aus dem europäischen Raum. Wenn nun also auf nationaler Ebene die Energiestrategie 2050 abgelehnt würde, wäre dies zwar bedauerlich. Unsere Themen werden aber weiterhin von Bedeutung bleiben, denn ein politischer Entscheid alleine kann die Herausforderungen unserer Gesellschaft nicht komplett umstossen.

Die Prüfstelle Gebäudetechnik führt aufwendige Untersuchungen von verschiedenen Komponenten und Apparaten durch. Könnte man solche Versuche nicht auch simulieren?

Ich denke, eine Kombination von rechnerischer Simulation und experimentellen Untersuchungen ist am sinnvollsten. Das ZIG ist diesbezüglich mindestens in der Schweiz einmalig: Einerseits bietet es eine hochstehende Infrastruktur für physikalische Untersuchungen. Anderseits haben wir hier eine Gruppe von Fachkräften, die mit hoher Kompetenz Berechnungsmodelle entwickeln. Mit unseren Laboruntersuchungen gewinnen wir oft Erkenntnisse über Phänomene, die durch reine Simulation nicht bemerkt würden. Zudem helfen Messungen mit, Simulationsmodelle zu validieren. Simulationen haben wiederum den Vorteil, dass in kurzer Zeit eine grosse Anzahl von Varianten untersucht werden kann. Laborprüfungen dienen z. B. bei der Eurovent-Zertifizierung von Wärmerückgewinnungs-Komponenten dazu, die Auslegesoftware der Hersteller zu verifizieren. Es ist also meiner Meinung nach kein «Entweder-oder», sondern ein «Sowohl-als-auch».

Sie sind als Dozent auch nah bei der Lehre. Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation im Nachwuchsbereich?

In der klassischen Gebäudetechnik mit den Unterbereichen Heizung, Lüftung, Klima und Sanitär ist das Nachwuchsproblem weitgehend vorgelagert und kommt von der Sekundarstufe her. Offensichtlich lassen sich starke Schüler nur schwer motivieren, in die klassische Gebäudetechnik einzusteigen. Hier haben wir ein Nachwuchsproblem: Wir könnten doppelt so viele Absolventen ausbilden und alle fänden eine Stelle. Auf einer anderen Stufe ist das Problem beim Gebäude-Elektroengineering zu finden. Dort gibt es genug Nachwuchskräfte mit Berufslehre und Berufsmatur, die die Fähigkeit zum Fachhochschulstudium mitbringen. Doch es wissen noch längst nicht alle, dass es diese Ausbildung gibt. Dieses Problem lässt sich einfacher lösen.

Indem man das Marketing verstärkt?

Ja, indem man bekannt macht, dass Gebäude-Elektroengineering eine Alternative ist zum klassischen Elektroingenieur-Studium. Dies zu kommunizieren, ist die Hochschule derzeit intensiv daran.

Sie werden am kommenden Planertag ein Referat halten. Können Sie einen Ausblick geben, was die Zuhörer dort erwartet?

Ich werde sicher über mein Schwerpunktthema erzählen, also über aktuelle Trends in Lüftung und Gebäudetechnik. Dazu gehören auch die bereits erwähnte Energieetikette und die Labeling-Prüfung. Dies ist sehr stark mit der Forschung verknüpft. Das lässt sich in Zukunft nicht mehr trennen, denn die Gebäudetechnik wird integraler und somit komplexer. Zwar besteht der Ruf nach einfacheren Systemen, aber für Entwicklung, Forschung und Dienstleistungen in diesem Bereich wird es dadurch nicht einfacher. Auch vermeintlich einfache Systeme sind erstaunlich trickreich. Das wird dazu führen, dass es auch für die Enduser, also Planer und Bauherren, immer komplexer wird. Da haben die Zertifizierung, Prüfung und das Labeling auf allen Stufen ihre Bedeutung.

Zur wachsenden Komplexität trägt auch die Digitalisierung bei. Wie wirkt sich diese auf Ihre Arbeit aus?

Mich persönlich betrifft sie bedingt, im Prüfwesen und im Datenaustausch spielt sie sicher eine wichtige Rolle. Wirklich fundamental ist in meinen Augen jedoch vor allem die Planung, aber auch der Betrieb betroffen. Da wird sich die Welt ziemlich stark verändern. Einerseits müssen die Menschen lernen, mit den heutigen Tools umzugehen. Andererseits stellt sich die Frage, inwiefern Maschinen dereinst die Arbeit von Planern abnehmen können. Was das für die Ausbildung und die Branche heisst, ist heute noch nicht abzusehen.