Haustech 12/2017

Die Flatrate wird abgeschafft

(Foto: NeoVac)
MIchael Staub /

Mit der VEWA gibt es ein neues Abrechnungsmodell für die Nebenkosten. Es schlüsselt die allgemeinen und individuellen Kosten für Heizung, Kühlung und Wasserbezug wesentlich detaillierter auf. Bei Neubauten wird das Modell ab 2018 zur Anwendung empfohlen.

Beim Strombezug ist die verbrauchsabhängige Abrechnung die natürlichste Sache der Welt. Wer konsequent das Licht löscht und seine Geräte nur an das Netz hängt, wenn er sie tatsächlich braucht, wird auf eine relativ überschaubare Stromrechnung kommen. Ein Nachbar, der stundenlang bei Festbeleuchtung fernsieht und Kaffeemaschine und Computer den ganzen Tag laufen lässt, wird hingegen mehr bezahlen. Bei der Elektrizität ist eine Flatrate also undenkbar. Doch genau dieses Prinzip gilt bis heute in vielen Schweizer Mehrfamilienhäusern. Zwar tragen alle Parteien einen Anteil der gesamten Kosten, diese werden jedoch nach festen Schlüsseln verteilt.

Das bisher gültige Abrechnungsmodell ist die Verbrauchsabhängige Heizkostenabrechnung (VHKA). Sie gilt nach wie vor für Bestandesbauten. Für Neubauten kommt ab 2018 die Verbrauchsabhängige Energie- und Wasserkostenabrechnung zur Anwendung (VEWA, siehe Infobox «Ein neuer Standard»). Die VEWA wurde von einer breiten Trägerschaft erarbeitet. Beteiligt waren unter anderem der Schweizerische Verband der Immobilienwirtschaft (Svit), der Schweizerische Mieterverband (MV), der Hauseigentümerverband Schweiz (HEV) sowie der SIA.

Als Projektleiter amtete Patrik Lanter, Präsident des Schweizerischen Verbands für Wärme- und Wasserkostenabrechnung (SVW). Die Gründe für den Wechsel zum neuen Abrechnungsmodell umreisst er wie folgt: «Einerseits gab es massive technische Fortschritte, etwa die verbesserte Wärmedämmung oder die veränderten Heiz- und Kühltechnologien. Gleichzeitig sind die Schweizer Durchschnittstemperaturen gestiegen, die Kühlung wird immer wichtiger. Und nicht zuletzt ist es aus Umwelt- und Transparenzgründen sinnvoll, auch den Wasserbezug der Parteien individuell abzurechnen.»

Neue Unterscheidungen

 

Die Warmwasseraufbereitung gilt in der Branche zuweilen als Energiefresser, während die Heizwärme wegen der heutigen Baustandards gerne als «quantité négligeable» betrachtet wird. Doch dieser Eindruck täuscht. Wie Untersuchungen des SVW zeigen, entfallen nach wie vor zwei Drittel des Energieaufwands auf die Raumheizung, die Warmwasseraufbereitung beansprucht hingegen «nur» ein Drittel. Dieses Ungleichgewicht könnte in Zukunft besser wahrgenommen werden, denn die VEWA empfiehlt, die Energiekosten für Wassererwärmung und Heizung gesondert auszuweisen. Dies geschieht mit der Messung des Energieeintrags in den Warmwassererzeuger. Ebenso wird bei der Heizung zwischen Grundkosten und verbrauchsabhängigen Kosten unterschieden.

Zu den Grundkosten zählen unter anderem die Heiznebenkosten, Bereitschaftsverluste älterer Heizkessel oder 
die Beheizung von Gemeinschafts-räumen (Eingang, Waschküche oder Treppenhaus). Aufgrund von Erfahrungswerten geht die VEWA von folgender Aufteilung aus: Die Grundkosten betragen 
30 Prozent der gesamten Heizkosten, 
die verbrauchsabhängigen Kosten 70 Prozent. Letztere werden mittels Wärmezählern respektive Heizkostenverteilern erfasst.

Auch beim Wasserbezug wird in der VEWA zwischen Grund- und verbrauchsabhängigen Kosten unterschieden. In einem typischen Schweizer Mehrfamilienhaus betragen die Grundkosten ungefähr 20 Prozent der gesamten Kosten für die Wasserversorgung und -entsorgung  im Haus. Die verbrauchsabhängigen Kosten betragen hingegen oft 80 Prozent oder sogar noch mehr.

Wie «schlimm» der relativ grosse Trinkwasserbezug ist, hängt von der Optik ab. Der Schweizerische Verband des Gas- und Wasserfachs (SVGW) betont seit langem, dass die Trinkwassernetze einen gewissen Durchsatz benötigen, damit man hygienische Probleme und Extraspülungen vermeiden kann. Der SVW betont hingegen, Konsequenz sei nötig. «Ein Grossteil der Wasserkosten wird schon heute aufgrund des gemessenen Verbrauchs verrechnet. Dazu haben wir die Hauswasserzähler. Dieses Verursacherprinzip will man nun bis zur Wohnung weiterziehen», sagt Patrik Lanter.

Guter Rückhalt

 

Der Schweizerische Mieterverband (MV), der an der Ausarbeitung der VEWA beteiligt war, unterstützt den Fokus auf Effizienz und individuelle Abrechnung. Generalsekretär Michael Töngi sagt: «Wärme und Wasser nach gemessenem Verbrauch abzurechnen, ist konsequent, denn je nach Person sind die Zahlen sehr unterschiedlich. Wie bei der Telefon- oder Stromrechnung wird so verschwenderisches und sorgloses Verhalten spürbar gemacht.» Dass einzelne Mietparteien, etwa Familien mit vielen Kindern, naturgemäss mehr bezahlen werden als bisher, werde innerhalb des MV unterschiedlich bewertet, meint Töngi: «Der sozialpolitische Ausgleich muss aber an anderen Orten spielen. Probleme mit der Abrechnung sehen wir zuweilen bei überhöhten Ablesekosten einzelner Firmen. Das zerstört viel Goodwill für die verbrauchsabhängige Abrechnung.»

Ein wichtiges Merkmal von VEWA ist die genaue und übersichtliche Abrechnung. Der Anspruch dahinter: Mieter oder Eigentümer sollen die Berechnungen verstehen und nachvollziehen können, und zwar «vom Zählerstand bis zum Frankenbetrag», wie Lanter sagt. Diese neue, transparentere Abrechnung streicht auch Thomas Ammann hervor. Er ist Ressortleiter Energie- und Bautechnik beim Hauseigentümerverband Schweiz (HEV). Dank der übersichtlicheren Abrechnungsdarstellung könne nun jedermann einen Vergleich mit seinem eigenen Verbrauch im Vorjahr wie auch mit dem durchschnittlichen Verbrauch innerhalb der Liegenschaft anstellen: «Dies ermöglicht dem Nutzer auch eine Einschätzung des eigenen Verhaltens. Allenfalls sorgt es auch für die nötige Motivation, sparsamer mit der Energie umzugehen.»

Als guten Anreiz zum Energiesparen sieht Ammann insbesondere die individuelle Abrechnung des Warmwasserbezugs. Für Bestandesbauten, die nicht energetisch saniert oder durch Neubauten ersetzt werden, wird zur Abrechnung der Energiekosten weiterhin die VHKA zur Anwendung kommen. Dies ist laut Ammann unproblematisch: «Die Umstellungskosten für alle bestehenden Abrechnungssysteme stünden in keinem Verhältnis zu den kleinen Veränderungen des Abrechnungsmodells.»

Ein Schritt zurück?

 

Pikanterweise schlagen die MuKEn 2014 vor, bei Neubauten keine Ausrüstung mit Wärmezählern für Raumwärme vorzusehen. Warmwasser hingegen soll nach wie vor erfasst werden. Das offizielle Argument: Der heutige Baustandard entspreche früheren Minergie-Vorgaben, die ihrerseits keine Zählerpflicht kannten. Aus Sicht des MV ist dies ein bedauerlicher Fehler, wie Michael Töngi sagt: «Auch bei diesen Bauten gibt es grosse Verbrauchsunterschiede. Leider hat man es versäumt, mit der Energiestrategie 2050 die verbrauchsabhängige Abrechnung für grössere Bestandesbauten einzuführen. Dies hätte zu mässigen Preisen eine erhebliche Ressourceneinsparung bringen können.»

Ähnlich äussert sich Patrik Lanter namens des SVW: «Es ist natürlich sehr schade, dass die MuKEn wieder hinter die VEWA zurückgehen. Die MuKEn sind nicht bindend, haben aber eine grosse Signalwirkung.» Dies gerade, weil die neuen Minergie-Vorgaben die Messungen wieder vorsähen. Die Logik gebiete es, auch Wärme, Warmwasseraufbereitung oder Wasser ebenso individuell abzurechnen wie den Strombezug: «Da zähle ich auf die planerische und architektonische Vernunft.»