Haustech 6/2018

«Die Energiestrategie ist ein Steilpass für unsere Branche»

Rony Riedo. (Foto: Nicolas Zonvi)
Simon Eberhard /

Seit vielen Jahren engagiert sich Rony Riedo für das Schweizer Unternehmen Belimo – aktuell als Verkaufsleiter Schweiz. Ein Gespräch über Smart Home, Fachkräftemangel und seine Wünsche an Bauherren und Planer.

Haustech: Anfang 2018 haben Sie die Nachfolge von Alfred Freitag als Leiter Verkauf Schweiz bei Belimo angetreten. Wie haben Sie die ersten Monate erlebt?

Rony Riedo: Mit der Swissbau ist es gleich sehr intensiv losgegangen. Dort präsentierten wir unseren Kunden die Cloud-Anwendung mit dem Energy Valve, die wir letztes Jahr eingeführt haben. Weiter haben wir anhand eines Prototyps demonstriert, wie der PR-Antrieb für unsere neue Absperrklappe mittels Augmented Reality parametriert werden kann, und schliesslich haben wir unsere Lösung für Mehrfamilienhäuser vorgestellt, die wir in diesem Jahr in der Schweiz einführen. Zudem war es uns wichtig, 
dynamisch und modern aufzutreten. Unsere orangenen On-Turnschuhe waren ein richtiges Highlight. Damit wollten wir aufzeigen: Wir wollen vorwärtsgehen und sehen die neuen Technologien als Chance. Denn meiner Meinung nach schaut unsere Branche zu häufig in den Rückspiegel. Sie sollte sich in 
Zukunft dynamischer zeigen.

Abgesehen vom Messeauftritt – wie setzen Sie diesen Vorsatz in Ihrem Unternehmen um?

Unser Hauptfokus liegt bei der Forschung, Entwicklung, Herstellung und dem Vertrieb von Antrieben, Ventilen und Sensoren. Wir sehen nicht nur das Produkt, sondern die ganze Wertschöpfungskette. Gemäss diesem Grundsatz haben wir unsere interne Firmenphilosophie «CESIM» entwickelt. Die Abkürzung steht für Komfort (Comfort), Energie, Sicherheit, Installation und Instandhaltung (Maintenance). Wir versuchen damit, unsere Kunden von Anfang an in die Produktentwicklung miteinzubeziehen, sodass wir am Ende ein Produkt auf den Markt bringen, mit dem wir einen Mehrwert bieten. Ebenfalls haben wir vor zwei Jahren in unser neues Logistikcenter in 
Hinwil investiert. Uns ist es wichtig, eine hohe Produktverfügbarkeit und kurze Lieferfristen zu bieten.  

Welche Herausforderungen sehen Sie in den nächsten Monaten auf das Unternehmen zukommen?

Wir haben letztes Jahr unser Portfolio mit Sensoren erweitert. Das bedeutet vor allem im Innendienst einen beträchtlichen Mehraufwand, hier geraten wir teilweise an die Kapazitätsgrenzen. Gleichzeitig stellen die neuen Technologien natürlich auch Herausforderungen an unsere Mitarbeiter. Eine grosse Herausforderung besteht daher sicher in der Rekrutierung und der Weiterbildung von qualifizierten Mitarbeitenden. Angesichts des aktuellen Fachkräftemangels ist dies eine anspruchsvolle Aufgabe. Dies ist zwar kein neues Phänomen, es wird sich in meinen Augen aber in den nächsten Jahren verstärken.

Wie gehen Sie als Unternehmen mit dem Fachkräftemangel um?

Wir bieten unseren Mitarbeitern interne Trainings sowie mehrtägige Hydraulik-, Lüftungs- und Elektrotechnikkurse. Ausserdem haben wir dieses Jahr unser neues Experience Center in Betrieb genommen, ein voll funktionsfähiges HLK-Labor. Dort können interessierte Kunden, Planer oder Schulen erleben, wie hydraulische Schaltungen funktionieren und was die Vor- und Nachteile bestimmter Produkte sind. Was die Nachwuchsförderung betrifft, bin ich der Meinung, dass sich unsere Branche etwas zu wenig gut verkauft. Wir, die gesamte Gebäudetechnik-Branche, haben geniale Möglichkeiten, und mit der Energiestrategie 2050 haben wir einen Steilpass erhalten, gemeinsam weiterzukommen. Trotzdem bekunden wir häufig Mühe, Junge für einen Beruf in der Gebäudetechnik zu begeistern.

Engagieren Sie sich aus diesem Grund auch in der Verbandsarbeit?

Ja, das ist sicher ein wichtiger Grund. Ich hatte zudem vor ein paar Jahren ein Schlüsselerlebnis, als ich die Lüftungsanlage eines Kunden begutachtete. Aus dem Luftwäscher im Monoblock hätte man den Biofilm mit der Suppenkelle rauslöffeln können. Als ich die Sicherheitsverantwortliche gefragt habe, weshalb da nie etwas gemacht wurde, sagte sie, die Geschäftsleitung habe dies abgelehnt mit der Begründung, es störe ja niemanden, also lohne es sich auch nicht, zu investieren. Das kann es ja nicht sein! Dieses Aha-Erlebnis war für mich Motivation, mich für eine saubere Luft einzusetzen. Und genau dies ist das Anliegen des SVLW, Fürsprecher zu sein für eine gute Raumluft. Ich denke, es ist wichtig für eine Branche, gemeinsam vorwärtszukommen.

Die Branche steht aber auch vor grossen Veränderungen. Durch die Digitalisierung werden die Gebäude immer vernetzter. Was hat dies für Konsequenzen?

Zunächst ändern sich die Anforderungen an die am Bau involvierten Parteien: Neben dem Gebäudetechniker wird auch der IT-Verantwortliche eines Gebäudes ein wichtiger Ansprechpartner. Gleichzeitig entsteht mehr Transparenz: Dank Monitoring wird man nachvollziehen können, ob ein Gebäude korrekt geplant, gebaut und betrieben wird. Das dürfte sich positiv auf die Qualität auswirken. Ein weiterer wichtiger Schritt ist die Weiterbildung, zum Beispiel gibt es den «Projektleiter Gebäudeautomation» mit eidgenössischem Diplom.

Skepsis besteht allerdings häufig bezüglich der Datensicherheit. Wie geht Ihr Unternehmen damit um?

Wir investieren viel, um die grösstmögliche Sicherheit zu gewährleisten. Das Rechencenter für die 
Belimo Cloud befindet sich in Wallisellen und wir haben eine Firma beauftragt, mit sogenanntem Blackhacking unsere Cloud-Anwendung regelmässig auf die Sicherheit zu testen. Ausserdem haben wir «IoT-Principles» verfasst, die festlegen, was wir mit all den gesammelten Daten wollen. Unser Hauptfokus liegt darin, ein Produkt zu verkaufen, und die Kunden sollen die gesammelten Daten innerhalb des entsprechenden Datenschutzes nutzen können. Persönlich würde ich mir wünschen, dass die Leute ein wenig offener wären gegenüber neuen Technologien. Manchmal erlebe ich die Schweiz diesbezüglich als konservativ.

Sie haben eine Zeit lang in Shanghai gelebt und gearbeitet und waren viel in Japan und Südkorea unterwegs. War dort die Hemmschwelle gegenüber neuen Technologien weniger hoch?

Das ist mittlerweile schon über zehn Jahre her. Aber ja: Tatsächlich habe ich die Asiaten als offener gegenüber solchen Themen erlebt. Das hat sicher auch mit dem Staatssystem zu tun, ich bin deshalb nicht der Ansicht, dass man alles 1:1 vergleichen sollte. Aber ein bisschen mehr von diesem asiatischen Spieltrieb wünsche ich mir auch bei uns. Die Schweiz und 
Europa müssen aufpassen, dass wir bei neuen Technologien nicht den Anschluss verlieren.

Kann man aus dieser Aussage eine Forderung an die Politik herauslesen, hier aktiver zu werden?

Durchaus. Wir haben in der Schweiz ein ausgezeichnetes Bildungssystem, beispielsweise was die Berufslehre, die Fachhochschulen und die Universitäten betrifft. Was hingegen etwas zu kurz kommt, ist die Unterstützung von Start-ups, die Neugier, das Spielerische, dort sind uns die asiatischen Staaten und auch die Amerikaner voraus. Und da wäre es mein Wunsch, dass wir Schweizer etwas risikofreudiger wären.

Wie sieht es denn bei Ihnen persönlich aus? Wie smart ist Ihr eigenes Zuhause?

Ich bin derzeit privat am Bauen. Persönlich war es mir sehr wichtig, eine Komfortlüftung und 
Belimo-Zonenventile im Heizverteiler zu haben. Ansonsten muss ich zugeben, dass mein Zuhause noch nicht übermässig smart ist. Der Grund: Es gibt noch nicht wirklich eine durchgängige Lösung. Meiner Meinung nach sollten wir wegkommen von proprietären Lösungen hin zu einem übergreifenden Standard, wie zum Beispiel im Zweckbau, wo sich in meinen Augen BACnet als Standard abzeichnet. Einen solchen sehe ich derzeit im Smart Home noch nicht. Viele Produkte sind unausgereift oder haben Sicherheitslücken. In meinen Augen droht dem Smart Home eine ähnliche Entwicklung wie der Komfortlüftung. Hier wurde zu Beginn häufig nicht sauber gearbeitet, weshalb sie bis heute einen schlechten Ruf hat. Diesen nachher zu korrigieren, ist sehr schwierig.

Was wird sich in Ihren Augen denn künftig durchsetzen im Smart-Home-Bereich?

Letztendlich alles, bei dem der Nutzer einen Mehrwert hat. Ich beispielsweise lasse mir eine automatische Bewässerung einbauen, weil ich keine Lust habe, meine Pflanzen selbst zu giessen. Eine andere Person hat aber vielleicht gerade dies zum Hobby. In diesem Fall ist die automatische Bewässerung auch nicht sinnvoll. Das ist letztendlich das Entscheidende beim Smart Home: Jeder Nutzer soll für sich selbst rausnehmen können, was für ihn wichtig ist. Zum Glück hat ja jeder Mensch, zu jeder Zeit andere Prioritäten.

In den Smart-Home-Bereich drängen vermehrt auch grosse Player wie Google, Microsoft oder Amazon. Sehen Sie diese eher als Konkurrenz oder als Partner?

Eindeutig als Partner. Es wird sicher nicht das Ziel dieser Unternehmen sein, eigene Feldgeräte herzustellen, wie wir das tun. Wir werden mit unseren Geräten versuchen, mit den Lösungen dieser neuen Marktplayer zu kommunizieren, sei dies über eine Cloud, sei dies über Power-over-Ethernet oder über was noch kommen wird. Schlussendlich geht es um die Daten. Wer diese besitzt, kann ganz neue Geschäftsmodelle entwickeln, wer sie nicht hat, dürfte in Zukunft vermutlich Mühe haben. Seit Kurzem sitzt ja bei uns mit Sandra Emme auch eine Google-Mitarbeiterin im Verwaltungsrat. Ich bin überzeugt, dass sie uns dabei helfen kann, besser mit der digitalen Transformation umzugehen.

Abschlussfrage: Welche Wünsche haben Sie als Hersteller an Architekten, Bauherren und Planer?

Ich wünsche mir, dass das Thema Gebäudetechnik und -lebenszyklus einen höheren Stellenwert erhält. Dass also bei der Vergabe eines Projektes auch Faktoren wie der Nutzerkomfort, Energiebedarf, die Zuverlässigkeit und die Langlebigkeit ein Kriterium sind und nicht nur der Anschaffungspreis. Obwohl ich derzeit ein gewisses Umdenken feststelle, ist dies heute bei vielen Projekten noch nicht der Fall. Doch es ist für unsere Gesellschaft und die Zukunft wichtig, Gebäude zu bauen, die «Enkeltauglichkeit» aufweisen. Hier kann unsere Branche einen grossen Beitrag leisten, und dieser Verantwortung sollten wir uns bewusst sein. Und zum Abschluss wäre es wichtig, dass die Immobilienbewerter die Gebäudetechnik bei 
ihren Analysen miteinbeziehen.