Haustech 1/2018

Die Bauwirtschaft steht Kopf

(Foto: iStock.com)
Paolo D'Avino /

Die Digitalisierung stellt klassische Strukturen und Prozesse in Frage. So auch 
in der Bauwirtschaft, die 
sich je länger, je mehr damit auseinandersetzen muss. 
Wie ein solcher Transformationsprozess aussehen könnte, wurde unter anderem am 2. BIM-Kongress erläutert und diskutiert.

Nichts ist so beständig wie der Wandel, heisst eine oft zitierte Redewendung, und mittendrin in einer Phase der Transformation befindet sich die Bauwirtschaft. Das digitale Zeitalter klopft an deren Tür, und in der Branche herrscht Unsicherheit, wie die Transformation in die Moderne erfolgen soll.

Dem Thema Digitalisierung hat sich Bauen digital Schweiz (BdS) angenommen, ein Zusammenschluss aus Institutionen, Verbänden und Unternehmungen. Die Organisation vertritt ein einziges Interesse: die Digitalisierung. Dafür hat BdS sechs Thesen aufgestellt, nach denen sich ihr Handeln ausrichtet.

Eine dieser Thesen ist, dass die Digitalisierung die Zusammenarbeitskultur, die Menschen und deren Rollen, Arbeitsweise und Funktionen verändern wird. Die Karten werden neu gemischt, die Bedingungen und die Voraussetzungen ändern sich, und eine der zentralen Fragen dieser Transformation ist, wie die Bauwirtschaft als Ganzes von der Digitalisierung profitieren kann. Wirtschaftlich, technisch und kulturell.

BIM-ready

Eine erste Antwort der Bauindustrie auf diese Entwicklung ist Building Information Modeling (BIM). So vielfältig die Vorstellungen von der Digitalisierung sind, so zahlreich sind die Hoffnungen, die mit BIM in der Praxis verbunden sind. Die Frage natürlich, die im Zuge der Digitalisierung und aufkommender neuer Technologien die Unternehmen umtreibt, ist, wie man sich darauf vorbereitet, oder, anders ausgedrückt, wie man ein Unternehmen «BIM-ready» macht.

Die bevorstehenden Veränderungen betreffen die gesamte Wertschöpfungskette: Besteller, Planer, Ersteller, Zulieferer und Betreiber sowie Bildungseinrichtungen und Technologieanbieter. BIM-Technologien sind zwar schon einige Jahre auf dem Markt verfügbar, doch um diese in Prozessen zu etablieren, sind gemäss Bauen digital Schweiz klare Anforderungen zu formulieren und die Schnittstellen zwischen allen Teilnehmenden festzulegen.

BdS hat dafür einen Stufenplan definiert, der in vier Etappen von einem analogen Status Quo in ein kommunizierendes und funktionsfähiges System führt. Der Weg, den BdS zeichnet: Auf den ersten zwei Stufen soll es ein erstes Herantasten von «Little BIM» an «Big BIM» sein. Auf einer dritten und vierten Ebene gilt es, zuerst eine modellbasierte Kollaboration zu integrieren, die dann auf der letzten Stufe in die Vernetzung der physischen mit der virtuellen Welt führt.

Alleinstellungsmerkmal

Den Weg von «Little» zu «Big BIM» hat das Architekturbüro Werknetz Architektur von Philipp Wieting bereits vollzogen. Seit über zehn Jahren setzt der Architekt auf Building Information Modeling, und für den Gewinner des letztjährigen BIM Arc Award ist die Methode nicht eine Frage der Grösse, sondern der Einstellung. «Wir haben schon immer in unserem Büro eine Kultur der Veränderung gelebt», sagt der Architekt, und diesen Prozess der kontinuierlichen Verbesserung habe das Büro verinnerlicht. BIM sei einfach das Werkzeug dazu.

In den späten 90er-Jahren standen für Wieting folgende Fragen im Raum, für die er damals eine Antwort suchte: Wie kann er sich als Architekt positionieren? Für was stehen seine künftigen Arbeiten? Und welche Ansprüche stellt er an sich und seinen Berufsethos? Diese Auseinandersetzung mündete in der Vision, dass ein Gebäude von allen am Bau Beteiligten verstanden wie auch die Freude am Planungsprozess geteilt und aktiv mitgetragen werden müsse. «Integrale Planung war die logische Folge davon.» Eine unabdingbare Voraussetzung, wie Wieting ergänzt. Seitdem gehe er diesen Weg konsequent, und bei jedem neuen Bauvorhaben müsse er seine eigenen Prozesse hinterfragen, damit er nicht nur die eigenen Ressourcen, sondern auch diejenigen von Dritten besser und effektiver einsetzen kann.

Nur einmal planen

«BIM sehe ich nicht primär als Kosten- oder Effizienzoptimierungstool», meint Wieting, auch wenn die Kalkulierbarkeit eines Projekts ein wichtiger Punkt sei, auf den er sehr grossen Wert lege. BIM ist für den studierten Architekten ein Werkzeug, das ihm qualitative Argumente bereithält, um auch bewusst Entscheide für die Architektur zur erreichen. Er will dem Bauherrn oder dem Auftraggeber eine architektonische Sicherheit geben. Er erklärt es so: «Bei der Architektur begibt man sich immer auf eine Entdeckungsreise», wo es um Räume und deren Stimmung geht. Und jede kleine Veränderung habe einen Einfluss auf die Projektentwicklung. Die Simulation von Räumen, Bauabläufen und Montagen helfe ihm, das gemeinsam mit dem Bauherrn definierte Ziel nie aus den Augen zu verlieren. «Die Ingenieure oder Haustechniker haben nachvollziehbare Argumente in der Hand, wieso man etwas nicht bauen oder nicht installieren sollte.»

Die Architektur benötigt dies auch in der Form von nachvollziehbaren Konzepten. Andernfalls besteht die Gefahr, dass die Architektur zuerst leidet. Wieting will nur einmal planen, dafür richtig. Er sieht den Architekten nach wie vor in einer Führungsrolle, wenn es um die räumliche oder gestalterische Qualität eines Gebäudes geht. Integrale Planung heisst auch Teamarbeit. BIM ermögliche es, dass alle Teilnehmer an einem Tisch sitzen und vom Gleichen reden. Wieting bringt es auf den Punkt: «Mit BIM hat man eine gemeinsame visuelle Sprache.» Die Digitalisierung ermögliche ihm, diese Führungsrolle weiterhin für sich in Anspruch zu nehmen.

Veränderungs- und Lernprozess

BIM sieht auch die Direktion Infrastruktur des Inselspitals Bern als Chance, der Planungsphase einen neuen kollaborativen Drive zu geben, wie Bruno Jung, Gesamtprojektleiter des Neubaus 12, ausführt. Vor allem im Spitalbau, wo viele Ansprüche und Anforderungen ineinandergehen. Deshalb sei es für die Leitung des Inselspitals zentral, dass in der Planungsphase Visionen und Zielsetzungen von allen Beteiligten geteilt und gelebt werden. Vom Entwurf des Planungsprozesses bis hin zur Umsetzung für den Betreiber.

Der Koordinationsaufwand ist enorm. Beim Neubau 12 sind gemäss Jung für den Generalplaner Archipel rund 23 Subplanerbüros mit über 150 Planenden involviert. Dazu komme noch, dass man ein Gebäude nicht nur für Patienten, Kliniken und Forschung baue, sondern auch einen 24-Stunden-Betrieb sicherstellen und die Kosten für die Investition und den Betrieb im Griff haben müsse. Die Komplexität und Anforderungen in einen Spitalbau seien kaum zu übertreffen, sagt Jung, und das Inselspital stehe mitten in einem Veränderungs- und Lernprozess, der bewusst angegangen und jetzt in die Tat umgesetzt werde.

«Innerhalb der Organisation des Inselspitals sind wir ein Dienstleister. Wir unterstützen das Kerngeschäft: die medizinische Versorgung», meint Jung, und das sei mit ein Grund, wieso man auf BIM setze. «In der Medizin reden wir teilweise von Erneuerungszyklen von drei bis fünf Jahren. Da können wir mit der baulichen Infrastruktur nicht hinten anstehen.» Gerade bei Immobilien, wo Planungsprozesse in der Regel sehr lange dauern, müsse man von Anfang an die gesellschaftlichen, technologischen und wirtschaftlichen Entwicklungen sowie die Umwelt und Politik mit berücksichtigen, die manchmal sehr schnell in eine andere Richtung gehen können.

Teamarbeit statt Silodenken

Um die komplexen Herausforderungen zu meistern, bekenne sich das Inselspital klar zu BIM. Alles in einem vernünftigen und machbaren Rahmen, wie Jung betont. Man will keine Datenfriedhöfe produzieren, die dann, sobald der Planungsprozess beendet ist, niemand mehr brauchen kann. Das Commitment dazu sei heute in der Direktion gegeben, der Transformationsprozess in die digitale Zukunft ist noch zu gehen.

So müsse BIM nicht nur einen Mehrwert während des Baus generieren, sondern auch später im Betrieb, meint Jung.Dazu hat die Direktion Infrastruktur ein Innovationsmanagement eingeführt, in dem nicht nur die Direktionsleitung, sondern auch die Mitarbeitenden befähigt werden, die Veränderungen und die Öffnung weg vom Silo- hin zum Teamdenken zu stemmen. Das Bekenntnis des Inselspitals, auf das Innovationsmanagement zu setzen, fordere eine nicht zu unterschätzende Veränderung der internen Prozesse, zeigt sich Bruno Jung überzeugt. Und ganz ohne externe Unterstützung mit einem Aussenblick sei es nicht zeitgerecht und wirtschaftlich umzusetzen, wie Jung beifügt.

Offene Kommunikation

Wie stellt man sich auf diesen Veränderungsprozess ein? Das Inselspital setzt drei zentrale Hebel ein. Als ersten Punkt erwähnt Jung, dass eine offene und transparente Kommunikation sehr wichtig sei. «Den Mitarbeitenden muss klar sein, was man mit BIM erreichen möchte.» Als zweiten Punkt sieht er, dass das Projekt für alle Beteiligten im Mittelpunkt stehen muss. «Vom Investor, Planer, Nutzer zum Betreiber, und zwar über den ganzen Lebenszyklus eines Gebäudes. Erst wenn fertig geplant ist, wird gebaut.»

Als letzter Schritt, so Jung, muss das Daten- und Planungsmaterial des BIM so gestaltet sein, dass es für die nächsten Stufen – beim Inselspital nennt man es BAM (Building Assembly Modeling) und BOOM (Building Owner Operator Modeling) – ebenso brauchbar ist, damit der Zusammenarbeitsprozess auf den Stufen nach BIM weiter gewährleistet werden kann. «Eine Effizienzsteigerung zahlt sich nur aus, wenn die Qualität der Daten auch für die zwei weiteren vom Inselspital definierten Stufen garantiert werden kann», betont der Projektleiter des Neubaus 12.

Digitalen Wandel näherbringen

Die Digitalisierung vernetzt den Wertschöpfungsprozess. Unternehmer wie Angestellte sind gefordert. In der Schweiz sind gemäss einer Medienmitteilung von BdS von der Bauwirtschaft rund 60 000 Unternehmungen und über 500 000 Mitarbeitende direkt oder indirekt davon abhängig. Das Volumen entspricht rund zehn Prozent des Schweizer Bruttoinlandprodukts.

Die Sorge um die Branche trieb auch das Eidgenössische Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF) und das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) an, im Juli 2017 einen Aktionsplan Digitalisierung für den Bundesrat zu formulieren. Im Bildungsbereich sieht der Plan die verstärkte Förderung in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik vor. In der Weiterbildung geht es darum, den Beschäftigten die digitalisierte Arbeitswelt näherzubringen. Im Forschungsbereich will der Bund künftig interdisziplinär ausgerichtete Forschungsprogramme zum Thema «Digitaler Wandel von Wirtschaft und Gesellschaft» unterstützen.

Für die Bauwirtschaft steht einiges auf dem Spiel, und sie tut gut daran, neue und disruptive Geschäftsmodelle wenn nicht sofort, doch mittelbar in den Köpfen der Mitarbeitenden zu verankern. Die Digitalisierung treibt die datentechnische Vernetzung 
der Wertschöpfungskette voran. Eine 
Abkehr ist nicht denkbar. Die Bauwirtschaft steht am Anfang der vierten industriellen Revolution – der Vernetzung aller am Produktionsprozess beteiligten Unternehmen.

Hohes Marktvolumen

Nicht nur in der Schweiz ist die Frage 
virulent, sondern auch auf europäischer Ebene. Die EU BIM Task Group hat Ende Juli 2017 ein Handbuch für Ausschreibungen für die öffentliche Hand erarbeitet, wie Ilka May anlässlich des 2. BIM-Kongress erläuterte. «Das Handbuch sammelt die gemeinsamen Erfahrungen von politischen Entscheidungsträgern, von öffentlich-rechtlichen Eigentümern und Infrastrukturbetreibern aus einundzwanzig europäischen Ländern und gibt Empfehlungen ab», sagt die Co-Vorsitzende der Task Group.

Man wolle mit diesem Handbuch der öffentlichen Hand ein Instrument mit auf den Weg geben, das unter anderem folgende Fragen beantworten soll: Was ist BIM und was ist die gemeinsame europäische Definition? Warum ergreifen Regierungen Massnahmen, um BIM zu unterstützen und zu fördern? Welche Vorteile sind zu erwarten und wie können öffentliche Auftraggeber einen Führungsanspruch übernehmen? Ilka May liefert dafür eindrückliche Zahlen: Das Marktvolumen im Euroland beträgt rund 1,2 Billionen Euro, was ungefähr neun Prozent des Bruttoinlandprodukts ausmache. «18 Millionen Arbeitsplätze und rund 3 Millionen Betriebe hängen davon ab», präzisiert May.

Auf Qualität setzen

May verhehlt nicht, dass es auch die Sorge um die Wettbewerbsfähigkeit genau dieser Betriebe geht, wieso ein Handbuch erarbeitet wurde. Neue gemeinsame Regeln seien wichtig, und weil die öffentliche Hand viel Geld für Bauprojekte ausgibt, ist es für May klar, dass mit der Vergabe von öffentlichen Aufträgen auch die Verantwortung einhergehe, dass man mit öffentlichen Geldern nicht nur sorgsam umgehen soll, sondern dass die Bauten auch in guter Weise der Öffentlichkeit dienen sollten.

«Mit der digitalen Transformation erhoffen wir uns, dass künftig nicht derjenige die Ausschreibung gewinnt, der am günstigsten offerieren kann, sondern derjenige den Wettbewerb gewinnt, der die beste Wertschöpfung für das Projekt realisiert.» Eine Zusicherung, die man so in letzter Zeit nicht mehr oft gehört hat.