«Der Mensch muss im Mittelpunkt stehen»

Olivier Steiger. (Foto: Peter Frommenwiler)
Simon Eberhard /

Schöne neue Welt oder Horrorvision? Haustech unterhielt sich mit Olivier Steiger von der Hochschule Luzern über die Chancen und Risiken des intelligenten Gebäudes. Dabei zeigte sich: Auch der Experte ist manchmal skeptisch.

Herr Steiger, wie intelligent ist Ihr eigenes Zuhause?

Olivier Steiger: Nicht sehr intelligent. Momentan gibt es einige Gründe, die für, aber auch einige Gründe, die gegen ein Smart Home sprechen. Bei mir zu Hause habe ich derzeit eine Audioanlage von Sonos sowie das Lichtsteuersystem Philips Hue installiert. Ansonsten ist mein Zuhause noch nicht sehr vernetzt.

Was sind denn Ihre bisherigen Erfahrungen aus Nutzersicht?

Einerseits bringen solche Systeme durchaus einen gewissen oder sogar grossen Nutzen. Andererseits funktionieren einige Anlagen noch nicht zuverlässig, und die Bedienbarkeit ist noch nicht optimal.

Woran liegt das Ihrer Ansicht nach?

Das hat mit dem historischen Ursprung der Technologie zu tun. Diese wurde während langer Zeit vor allem von Technikern entwickelt, die naturgemäss einen höheren Fokus auf die Funktionalität als auf die Bedienbarkeit gelegt haben. Letztere ist häufig noch nicht ganz auf «Apple-Niveau».

Und was muss passieren, damit ein solches Niveau erreicht wird?

Die Planer der Anlagen – beziehungsweise bei Eigenheimen auch die Nutzer selbst – sollten der Nutzbarkeit mehr Aufmerksamkeit widmen und versuchen, früh mögliche Probleme zu erkennen. Ein Beispiel ist das Tablet als zentrale Steuerung. Dieses ist bequem und elegant. Dabei geht gerne vergessen, dass es zusätzlich nach wie vor Steuerungsmöglichkeiten braucht wie Lichtschalter oder Thermostaten, die jederzeit funktionieren, auch dann, wenn der Akku des Tablets leer ist. Das ist letztendlich eine Planungsaufgabe: sich von Anfang an zu überlegen, was verfügbar sein muss, damit der Nutzer bei jedem möglichen Szenario die Anlage ohne Frust bedienen kann – auch dann, wenn der komplexere Teil ausfällt. Dieser Schritt wird heute zu wenig gemacht.  

Das heisst, das beliebte Bild des Smart-Home-Nutzers, der sämtliche Funktionen via Tablet steuert, ist gar keine realistische Zukunfts­vision?

Aus meiner Sicht nicht. Der Mensch muss immer im Mittelpunkt stehen, und nicht die Maschine. Auch wenn die schöne Ästhetik eines Touch Panels oder eines User Interfaces sehr verführerisch sein kann, geht es am Schluss darum, dass der Mensch die Maschine so bedienen kann, wie er sich das gewohnt und wie das für ihn natürlich ist.

Was halten Sie von sogenannten natürlichen Steuerungen wie Gesten- oder Sprachsteuerung?

Ob diese die ultimative Lösung sind, muss sich noch zeigen. Hier fehlen gegenwärtig Erfahrungswerte. Lösungen wie Amazon Echo haben sicherlich Potenzial, müssen sich aber erst etablieren. Der Lichtschalter hingegen ist bereits etabliert.

Und es wird ihn also auch in 20 oder 30 Jahren noch geben?

Das ist meine Vermutung, ja. Wobei ich mich natürlich auch irren kann. Meine zwei Töchter beispielsweise haben einen ganz anderen Umgang mit neuen Technologien als ich. Offenbar können sich Gewohnheiten also schnell ändern.

Im Smart-Home-Bereich gibt es derzeit unübersichtlich viele Lösungen, die häufig nicht miteinander kompatibel sind. Welche Lösungen beurteilen Sie als sinnvoll, welche weniger?

Das ist eine schwierige Frage. Eigentlich hätte ich eine Standardisierung gewisser Lösungen erwartet, ich kann das im Moment aber nicht beobachten. Das erstaunt mich, hat aber vielleicht auch damit zu tun, dass es sehr viele Firmen gibt, die in diesem Bereich aktiv sind. Ich vermute, dass es einen Trend in Richtung integrierender Systeme, sogenannten Middlewares, geben wird. Beispiele hierfür sind iBricks, das Apple Home Kit und der quelloffene OpenHAB. Diese Systeme zentrieren bereits existierende Systeme wie Philips Hue, Digitalstrom, Sonos usw. unter einem Dach. Das heisst also, der Nutzer sieht nur noch eine Schnittstelle.

Erachten Sie es als realistisch, dass es hier eine einheitliche Lösung geben wird? Schliesslich wollen sich die verschiedensten Anbieter ein Stück vom Kuchen abschneiden.

Ich glaube schon, ja. Wenn ein Player dominant genug ist wie Apple und Google und es schafft, eine integrierende Plattform zu etablieren, werden sich die meisten Anbieter hier anschliessen wollen.

Gerade Namen wie Apple und Google wecken aber auch Bedenken hinsichtlich des Datenschutzes.

Das ist ein sehr wichtiger Punkt, und das Bewusstsein dafür ist derzeit erst am Entstehen. Nehmen Sie «Siri» oder all die anderen Sprachassistenten. Viele Nutzer sind sich nicht im Klaren darüber, dass diese Daten nicht lokal auf dem Telefon verarbeitet werden, sondern auf einem Server, häufig im Ausland. Als Nutzer hat man eine beschränkte Kontrolle, was mit diesen Daten geschieht und wie lange sie abgespeichert werden. Bevor man aus technischer Begeisterung solche Lösungen einsetzt, muss man sich daher fragen, was schiefgehen kann und wie man sich dagegen absichert. Ich bin überzeugt, dass diese Absicherung möglich ist. Aber man muss sich der Thematik zunächst bewusst sein. Wir Menschen blenden solche Probleme gerne aus zugunsten der erwünschten Funktionalität.

Wie kommen Sie zu diesem Schluss?

Nehmen Sie die Entwicklung der Webcams als Beispiel. Vor ungefähr 20 Jahren sind diese aufgekommen und waren alle mit einem mechanischen Verschluss ausgestattet, also einer Vorrichtung, mit der die Kamera geschlossen werden konnte. Ein paar Jahre später war an den Kameras noch eine rote Leuchte angebracht, die angezeigt hat, dass sie am Filmen ist. Heute ist die Kamera im Laptop oder im Smartphone integriert und zeigt nicht an, ob sie läuft oder nicht. Viele Leute haben in ihrem Wohnzimmer einen smarten Fernseher mit einer Kamera, die womöglich den ganzen Tag filmt. Ich finde erstaunlich, dass dies heute vollkommen akzeptiert zu sein scheint. Hier braucht es eine verstärkte Reflexion dar­über, was möglich ist und was mit den Daten passiert.

Das klingt nicht sehr optimistisch.

Es werden immer mehr Daten erfasst, und damit steigen auch die Risiken. Doch mit dem wachsenden Leidensdruck werden auch entsprechende Lösungen entwickelt werden. Aus technischer Sicht denke ich, dass solche Lösungen machbar sind. Aber es braucht Spezialisten dafür, und davon gibt es derzeit noch nicht genug, auch nicht bei den Herstellern von Smart-Home-Systemen.

Sind neue Kommunikationsstandards wie LoRaWAN eine Möglichkeit, die Sicherheit zu erhöhen?

Nicht direkt – aber sie eignen sich grundsätzlich für relativ sichere Anwendungen. Es ist der richtige Weg, solche Standards einzusetzen, bei denen man die Verschlüsselung sozusagen mitgeliefert bekommt. Wenn man seine eigene proprietäre Kommunikation aufbaut, muss man dagegen bei Null anfangen, was die Sicherheit betrifft. Bei einem WLAN, bei einem Blue­tooth und bei einem LoRaWAN sind diese Überlegungen schon gemacht worden, und man kann sich auf bewährte Lösungen abstützen.

Low Power Wide Area Networks (LPWAN) wie beispielsweise LoRaWAN sind in der Fachwelt derzeit ein grosses Thema. Weshalb?

Es ist eine attraktive Lösung für das Internet of Things, also das Verbinden von Sensorik mit Intelligenz. LPWAN ist eigentlich das Pendant zum Mobilfunknetz, also ein Netzwerk, bei dem eine Vernetzung über gros­se Distanzen stattfindet; nicht wie bei Bluetooth oder WLAN innerhalb eines Gebäudes, sondern über mehrere Kilometer hinweg. Das Netzwerk unterscheidet sich allerdings fundamental vom Handynetz dadurch, dass es für einen sehr geringen Energieverbrauch optimiert ist, der um Faktoren tiefer ist als bei 3G und 4G. Entsprechend ist auch die Kommunikationsrate, also die Anzahl Informationen, die man pro Sekunde übertragen kann, viel tiefer.

Welche Anwendungen eignen sich dafür?

Beispielsweise das Erfassen der Temperatur oder der Präsenz von Personen in einem Raum, das Fernauslesen von Energiezählern oder die Überwachung eines Solarpanels. Bei solchen Anwendungen kann man damit leben, dass nur wenige Informationen übertragen werden können. Dank der Tatsache, dass der Energieverbrauch so niedrig ist, kann man einen solchen Sensor für 10 oder 15 Jahre mit einer Batterie betreiben oder sogar Energie aus der Umgebung gewinnen, zum Beispiel aus Wärmedifferenzen oder über mechanische Energie.

Die LPWAN-Technologie wird auch von Anbietern wie beispielsweise Sigfox genutzt, um proprietäre Kommunikationslösungen zu entwickeln. Was ist denn nun besser? Offene Standards oder proprietäre Lösungen?

Grundsätzlich sind Standards eine sehr gute Sache; einerseits, weil man weiss, wie sie funktionieren und man auch die Einschränkungen nachvollziehen kann; andererseits, weil man sie herstellerübergreifend planen und aufbauen kann. Ein Nachteil davon ist, dass sie im Konsens entstehen und somit meistens nicht die letzten fünf Prozent Leistung ausreizen. Ein Hersteller wie Sigfox kann seine Lösung genau auf die Anwendung abstimmen und die maximale Leistung herausholen. Trotzdem sollten Standards aus meiner Sicht die Zukunft sein. Sie machen das Leben einfacher.

Auch Swisscom baut derzeit ja ein Low-Power-Netzwerk auf. Wie beurteilen Sie dieses?

Was das Technische betrifft, ist LoRaWAN an sich ja sehr einfach: Jeder kann ein Netz aufbauen mithilfe von Notizen aus dem Internet und einigen elektronischen Geräten. Doch die Verrechnungs- und Dienstleistungsinfrastruktur ist dann ein ganz anderes Paar Schuhe. Und hier ist die Swisscom mit ihrem Projekt schon relativ weit, soweit ich das aus meiner Warte beurteilen kann.

Sie sind Leiter der neuen Forschungsgruppe Licht, Automation und elektrische Systeme im Gebäude der Hochschule Luzern. Welches sind Ihre Forschungsschwerpunkte?

Unsere Aktivitäten im Bereich Licht laufen schon länger und werden von der entsprechenden Themenplattform nun in unsere Gruppe überführt. Dort liegt der Fokus auf Tageslicht und Kunstlicht sowie deren Einfluss auf die Behaglichkeit. In der Gebäudeautomation wird der Fokus vor allem auf den smarten Systemen sowie auf den gewerblichen Anwendungen liegen. Das iHomeLab der HSLU konzentriert sich eher auf Heimanwendungen, während unsere Gruppe sich vorwiegend mit Zweckbauten auseinandersetzt. Im Bereich der elektrischen Systeme schliesslich fängt unsere Arbeit erst gerade an, da ist es noch zu früh, etwas zu sagen.

Am Gebäudetechnik-Kongress 2017 werden Sie ebenfalls auftreten, Ihr Referat trägt den sprechenden Titel «Das sehende Haus». Ist das nun ein Versprechen oder eine Drohung?

Beides. Ich komme ja ursprünglich aus dem Gebiet der Bildverarbeitung, das Thema Video ist mir daher nah. Video hat ein grosses Potenzial in diesem Bereich und bietet die Möglichkeit, viel Information zu erfassen, die sonst schwer zugänglich ist. Mit dem sogenannten Ambient Assisted Living wird es beispielsweise möglich, dass Menschen dank technischer Unterstützung länger zu Hause leben können. Insofern ist das «sehende Haus» sicher ein Versprechen. Es ist aber dann eine Drohung, wenn die Präsenz von Kameras im intimsten Rahmen, also im Eigenheim oder am Arbeitsplatz, eine Überwachung zur Folge hat. Man sollte hier nicht blind der Technologie folgen, gerade wenn es um so wichtige Dinge geht wie das Gebäude, wo wir ja unsere meiste Zeit verbringen.

Was ist denn nun eigentlich Ihre Zukunfts­vision des intelligenten Heims? Ein Paradies oder eine Horrorvorstellung?

Weder noch. Ich habe hier selber einen inneren Konflikt. Wenn man aktuelle Studien liest, kommt man zum Schluss, dass das Smart Home uns viele Möglichkeiten bietet. Es erlaubt uns, länger in unserem Heim zu wohnen, es nimmt uns gewisse Hausarbeiten ab, und es übernimmt Sicherheits- und Überwachungsfunktionen. Diese Vision ist grundsätzlich wünschenswert, aber ich bin mir im Moment nicht sicher, ob am Ende der Nutzen die Probleme aufwiegen wird.

Weshalb?

Die Technik wird uns zweifellos vieles abnehmen, vor allem im Zweckbau. Die automatische Beschattung oder die Optimierung des Raumklimas sind Beispiele dafür. Aber was das betrifft, was darüber hinausgeht, könnten wir eventuell überrascht werden. Um beim Beispiel Ambient Assisted Living zu bleiben: Vielleicht wird es sich als billiger und effizienter erweisen, eine Spitex-Lösung aufzubauen. Meiner Ansicht nach ist der Technikglaube im Moment ein bisschen zu stark, auch in Bezug auf die Möglichkeiten. Wenn das Smart Home wirklich so wird, wie die visionärsten Akteure momentan postulieren, wenn also alle Anlagen in einem Gebäude auf uns Menschen reagieren, wenn unsere ganzen Vital­parameter erfasst werden, dann bin ich konservativ und sage: Nein, das möchte ich nicht.