Haustech 6-7/2019

Wohin mit dem Regenwasser?

(Foto: Ramboll)
Simon Eberhard /

Der Klimawandel bringt nicht nur mehr Hitzeperioden, sondern auch vermehrt starke Niederschläge. Dies stellt die Infrastruktur von Siedlungsgebieten vor eine Belastungsprobe und erfordert neue Lösungen – nicht nur technischer Natur.

Am späten Abend des 11. Juni 2018 öffneten sich in der Westschweiz die Schleusen – und dies richtig heftig: Während nur zehn Minuten gingen über Lausanne mehr als 40 Liter Wasser pro Quadratmeter nieder – ein neuer Schweizer Rekordwert. Das Unwetter blieb nicht ohne Folgen: Bilder der komplett überfluteten Bahnhofsunterführung oder von Strassen, die einem Fluss glichen, gingen durch die Presse und die sozialen Medien. Glücklicherweise kamen keine Personen zu Schaden. Doch der Sachschaden war immens, er belief sich nach Angaben der Schweizerischen Depeschenagentur auf einen zweistelligen Millionenbetrag.

Versickern, wenn immer möglich

Unwetter wie dasjenige in Lausanne mögen Ausnahmeereignisse sein. Doch dürften Starkregenfälle in den nächsten Jahren zunehmen. Grund dafür ist der Klimawandel. Laut Experten erhöht dieser das Risiko für extreme Wetterereignisse. Zu erwarten sind so beispielsweise längere Hitzeperioden im Sommer wie eben auch häufiger auftretende Starkregenfälle.

Dies stellt auch die Baubranche vor eine Herausforderung. Denn rund 90 Prozent aller Gebäudeschäden jährlich sind auf Wasser zurückzuführen, rund 30 bis 50 Prozent davon auf den sogenannten Oberflächenabfluss. Davon ist die Rede, wenn das Wasser nicht versickert, durch offenes Gelände abfliesst und so Schaden anrichten kann. Der Oberflächenabfluss ist zu unterscheiden vom Hochwasser, das eintritt, wenn Flüsse oder Seen über die Ufer treten. Im Gegensatz zum Hochwasser sind mehr Siedlungsgebiete von möglichen Schäden des Oberflächenabflusses betroffen, wie auch in der neuen Gefährdungskarte Oberflächenabfluss (s. Box S. 13) ersichtlich ist.

Das Gesetz gibt für die Handhabung des Regenwassers eine klare Prioritätenreihenfolge vor: Erste Priorität hat die Versickerung des Wassers im Boden. Ist eine solche nicht möglich, soll das Wasser als zweite Priorität in ein oberirdisches Gewässer geleitet werden. Erst in dritter Priorität, also wenn die anderen beiden Möglichkeiten nicht machbar sind, soll das Wasser in die Mischwasserkanalisation abgeleitet werden.

Bewirtschaften statt entsorgen

Auf dieser Grundlage basiert auch die Richtlinie «Abwasserbewirtschaftung bei Regenwetter», die der Verband Schweizer Abwasser- und Gewässerschutzfachleute (VSA) im vergangenen Frühling herausgegeben hat. Sie ersetzt unter anderem die «Richtlinie Regenwasserentsorgung» aus dem Jahr 2002. Bereits die Änderung des Namens von «Entsorgung» zu «Bewirtschaftung» deutet darauf hin, dass dem Regenwasser eine neue Bedeutung beigemessen wird.

Wenn auch die drei oben genannten Prioritäten die gleichen geblieben sind, so ist diesen laut VSA-Direktor Stefan Hasler neu eine neue «Priorität 0» vorgelagert: «Zukünftig soll sich jeder Planer und Architekt vor der Planung eines Gebäudes die Frage stellen, ob der Abfluss und die Belastung von Niederschlagsabwasser verringert oder vermieden werden kann.» Ausgehend von dieser Frage leitet Hasler den Grundsatz ab, dass Regenwasser möglichst nicht gesammelt, sondern dezentral bewirtschaftet werden soll, um die Abflusswege so gering als möglich zu halten. Denn bei Starkregen ist die Kanalisation nach wenigen Minuten überlastet, und dann drohen Überflutungen von Tiefgaragen oder Kellern.

Mit der neu überarbeiteten Richtlinie und einem Musterpflichtenheft für die Generelle Entwässerungsplanung (GEP) stellt der Verband Instrumente für die Regenwasserbewirtschaftung zur Verfügung. «Es braucht aber noch mehr, um Städte resilienter zu machen gegen den Klimawandel», sagt Hasler. Denn auch bei Trockenperioden kommt dem Wasser eine zentrale Rolle zu. «Es gilt deshalb, das Niederschlagswasser in den Städten zu behalten». Hasler sieht die Wasserwirtschaft in einer Schlüsselrolle und plädiert dafür, Projekte mit Leuchtturmcharakter aufzubereiten sowie der Siedlungsentwässerung bereits am Anfang jedes Bauprojektes Priorität einzuräumen.

Auch Nicht-Experten miteinbeziehen

Die dezentrale Siedlungsentwässerung der Zukunft erfordert neue Lösungsansätze. Diesen widmet sich auch das Berliner Forschungsprojekt «netWORKS 4». Es untersucht die Möglichkeiten der Verknüpfung sogenannter blauer, grauer und grüner Infrastruktur. Unter der blauen Infrastruktur sind Massnahmen wie z.B. Gewässer Bäche/Gerinne und Teiche oder Wasserspiele/Brunnen zu verstehen; die graue Infrastruktur ist Wasser in Leitungen, Rohren und Anlagen zur Betriebswassernutzung in Gebäuden; die grüne Infrastruktur schliesslich bezeichnet unversiegelte Freiflächen, Bauwerksbegrünungen oder Versickerungsanlagen mit sichtbarem Grün.

Um eine solche Verknüpfung zu ermöglichen, hat das Forschungsteam einen Massnahmenkatalog mit 20 Bausteinen entwickelt wie beispielsweise Grünflächen, Wasserflächen oder Stauraum im Kanaleinzugsgebiet. Dieses Massnahmenpaket wurde anschliessend im Rahmen der «KURAS Plus»-Methode in der Versorgungsphase von fünf Fokusgebieten im Nordosten Berlins angewendet. Eines davon ist eine Kindertagesstätte, wo ein bestehender Bau durch einen Neubau ergänzt werden sollte. Das Entwässerungskonzept ist dabei entlang der «KURAS Plus»-Methode im Rahmen eines partizipativen Workshops entstanden – eines Workshops, an dem sich nicht nur Experten beteiligten, sondern alle Betroffenen, also auch die Mitarbeitenden der Tagesstätte.

In diesem Workshop wurde schliesslich eine Lösung erarbeitet, die unter anderem die Begrünung des Neubaus, die Sammlung des Wassers in einer Zisterne für die Wiederverwendung in der Toilettenspülung und die Bewässerung der Grünfläche beinhaltet. Laut Andreas Matzinger vom Kompetenzzentrum Wasser Berlin betragen die Mehrkosten für das Entwässerungskonzept rund ein Prozent der gesamten Umbaukosten – ein vertretbarer Aufwand. «Die Methode hat sich in der Praxis bewährt», resümiert Matzinger. Wichtig sei dabei gewesen, die gemeinsamen Ziele von Anfang an festzulegen. «Dies führt schliesslich zu einer grossen Gestaltungsvielfalt in der Planung.» Oder anders formuliert: Es gibt die unterschiedlichsten Massnahmen, um dieselben Ziele zu erreichen.

Natur als Vorbild

Basierend auf dem erarbeiteten Konzept hat der Landschaftsarchitekt Gerhard Hauber schliesslich eine Vision zur Umsetzung entwickelt. Er hat viel Erfahrung mit modernem Regenwassermanagement, hat er doch schon entsprechende Lösungen in Singapur, Kopenhagen oder Stuttgart entworfen. «Entscheidend ist der interdisziplinäre Ansatz», sagt auch Hauber. Ausserdem nimmt er sich immer wieder die Natur als Vorbild.

Hauber spricht in diesem Zusammenhang von der «Soft City» – einer Stadt, die sich an den Bedürfnissen der Menschen und deren sozialen Beziehungen orientiert und entsprechende Lösungen realisiert. Ausgefeilte Technik ist dafür natürlich wichtig, genauso wichtig ist aber, eine Botschaft zu vermitteln. «Wir wollen Bilder kreieren, Geschichten erzählen», sagt Hauber. Beispielsweise die Geschichte eines Feuchtgebietes, das früher mal da lag, wo jetzt das Gebäude steht. Dieses wird jetzt durch ein Gewässer teilweise wiederbelebt, das sowohl eine infrastrukturelle Funktion übernimmt als auch einen Mehrwert als Erholungsgebiet bietet.

«Man kann überall etwas tun, es gibt keine Ausrede», sagt Hauber. Die Kosten als Gegenargument lässt er dabei nicht gelten: «Unsere Erfahrungen sagen, dass es sich langfristig lohnt.» Mit einer natürlichen Entwässerung brauche es so beispielsweise kein wartungsaufwendiges Kanalystem. «Wir als Gesellschaft können uns das leisten.»

Auch soziale Medien helfen

Und trotzdem: Wenn es wieder einmal so stark regnet wie letztes Jahr in Lausanne, dann gerät wohl auch die beste Infrastruktur an den Anschlag. Dann gilt es, den Schaden zu begrenzen. Und möglichst viele Informationen zu sammeln über den Ort und das Ausmass der Überflutungen, um die Infrastruktur für die Zukunft zu optimieren.

Und hier kann auch auf überraschende Methoden zurückgegriffen werden, wie ein abermaliger Blick nach Berlin zeigt. Dort wurden im Rahmen eines Forschungsprojektes während einer Überschwemmung nämlich Bilder und Videos gesammelt 
und ausgewertet, die Nutzer in sozialen Medien veröffentlicht haben. Das Beispiel beweist: Die Regenwasserbewirtschaft-
ung erfordert mehr als nur technische Lösungen.