Haustech 1/2019

«Wir stehen am Anfang einer Reise»

(Foto: Nicolas Zonvi)
Simon Eberhard /

Herr Liechti, in einer Umfrage des Bundes unter Experten zum Thema Digitalisierung hat gerade mal eine Person BIM als relevantes Thema genannt. Was ist in Ihren Augen der Grund dafür?

Das Resultat zeigt, dass das Thema BIM in der breiten Öffentlichkeit noch nicht angekommen ist – ganz im Gegensatz zu unserer Branche. Wir sind heute mit Hochdruck daran, die BIM-Methode auf der technischen Ebene einzuführen und Standards zu etablieren. Auf der politischen Ebene hingegen müssen wir die Vorteile der BIM-Methode noch stärker transportieren durch aktives Lobbying. Hier sind vor allem die Verbände wie Bauen digital Schweiz oder SIA gefordert.

Was halten Sie in diesem Zusammenhang von der Strategie Digitale Schweiz, die der Bundesrat im vergangenen Herbst verabschiedet hat?

Ich halte es grundsätzlich für wichtig, dass der Bund den digitalen Wandel mit Impulsprogrammen begleitet und entsprechend Fördergelder spricht. Insbesondere wenn man bedenkt, dass wir hier auch im internationalen Wettbewerb stehen und internationale Konzerne immer mehr in den Schweizer Markt drängen. Damit die stark mittelstandsgeprägte Schweizer Baubranche wettbewerbsfähig bleibt, sind die Aktivitäten des Bundes ein positives Zeichen. Allerdings scheint mir, dass die Fördergelder eher auf die Fertigungsindustrie ausgerichtet sind und noch zu wenig auf die Baubranche.

Woran liegt das?

Die Fertigungsindustrie ist etabliert, wohingegen die Bedürfnisse der Baubranche in Zusammenhang mit der Digitalisierung noch zu wenig wahrgenommen werden. Hier müssen wir als Branche den Druck aufrechterhalten, darauf aufmerksam machen, dass die Digitalisierung auch in der Baubranche enorme Chancen bietet und entsprechende Projekte gefördert werden müssen. Wichtig ist dabei auch, dass die Förderung in Partnerschaft mit Lehre und Forschung erfolgt. Wir haben in der Schweiz einen Bottom-up-Ansatz, also dass Standards und Normen aus der Praxis heraus definiert werden. Dies müssen wir unbedingt so beibehalten.

Zurück zu BIM: Was macht ein erfolgreiches BIM-Projekt für Sie aus?

Der Erfolg eines BIM-Projekts hängt ganz wesentlich davon ab, wie gut das Projektteam harmoniert. Denn BIM bedeutet auch eine neue Planungskultur. Neben der eigenen Arbeitsumgebung arbeite ich als Planer heute nebst der internen IT auch in einer Projektumgebung mit unterschiedlichsten Kommunikations- und Kollaborationsplattformen, die Grenzen zwischen Unternehmens- und Projektdomäne verwischen hier immer mehr. Aus diesem Grund spielt auch die Zusammenarbeit eine viel entscheidendere Rolle als früher: Man muss sich als Team zuerst finden und sich einigen auf einen Prozess und die entsprechenden Tools. Es ist ein bisschen wie bei einem Fussballteam: Um erfolgreich zu sein, müssen Torhüter, Verteidiger, Mittelfeldspieler und Stürmer zusammenarbeiten, um als Team erfolgreich zu sein.

Und Sie sehen sich in diesem Team als Coach?

Ja und nein. Als Elektroplaner stossen wir traditionellerweise zu einem eher späten Zeitpunkt zu einem Projekt, weshalb typischerweise eher der Architekt oder der HLK-Planer die führende Rolle hat und so auch die Aufgaben des BIM-Koordinators oder BIM-Managers übernimmt. Allerdings haben wir dank unserer mittlerweile über 30 BIM-Projekte in den vergangenen vier Jahren eine grosse Erfahrung gewinnen und uns viele Kompetenzen aufbauen können in diesem Bereich. So werden uns in Projekten vermehrt auch solche Koordinationsaufgaben übertragen.

Ihr Unternehmen nutzt seit vier Jahren BIM, seit zwei Jahren sind Sie als Kompetenzfeldleiter mit an Bord. Wie kam das?

Im Rahmen eines Projekts ist man damals ins kalte Wasser gesprungen, ohne BIM-Erfahrung, ohne Software, ohne Bauteile. Dank eines kompetenten Projektleiters konnte man den Einstieg zwar relativ schnell finden, hat dabei aber auch festgestellt, dass BIM doch ein bisschen mehr ist als eine neue Software, die lediglich etwas Schulung und Konfiguration erfordert – und dass ein Projektleiter dies nicht im Nebenjob erledigen kann. So hat die Geschäftsleitung ein Kompetenzfeld BIM definiert, das sich gezielt um die Einführung und Weiterentwicklung der BIM-Methodik im Unternehmen kümmert. Heute kümmern sich drei Vollzeitstellen um den Support und die kontinuierliche Weiterentwicklung der BIM-Methodik im Unternehmen.

Was sind dabei die grössten Herausforderungen?

BIM ist ein grosses Fass, das immer grösser wird und unzählige Möglichkeiten bietet. Da ist es enorm wichtig, zu definieren, wie wir intern in den BIM-Projekten arbeiten, wer welche Aufgaben übernimmt, wie die Qualitätskontrolle erfolgt und woraus unsere Leistungen in den BIM-Projekten bestehen. Eine weitere Herausforderung besteht sicher darin, den wachsenden Erwartungen seitens unserer Auftraggeber gerecht zu werden. Deren Wunschliste wächst ziemlich schnell, wobei es auch um Aufgaben geht, die über die klassischen Planungsleistungen hinausgehen. 

Wie gehen Sie als Unternehmen damit um?

Letztes Jahr haben wir unseren BIM-Prozess standardisiert. Dieser definiert genau, mit welchen Werkzeugen wir arbeiten und wer welche Aufgaben übernimmt. Zudem haben wir ein Leistungsbild definiert, das unsere Leistungen in Grundauftrag und Zusatzleistungen abgrenzt. So können wir in unterschiedlichen Projekten eine einheitliche Vorgehensweise gewährleisten. Dieses Jahr werden wir zudem in unserer HHM Academy einen BIM-Lehrpfad mit insgesamt vier Modulen ins Leben rufen, mit dem wir unsere Mitarbeitenden weiterbilden und auf die Anwendung der BIM-Methodik vorbereiten.  

Wie haben Sie die Akzeptanz von BIM seitens Ihrer Kollegen erlebt?

Am Anfang war vor allem Euphorie, doch folgte darauf relativ schnell die Ernüchterung. Auch bei uns war die Erwartungshaltung an BIM hoch, und wir haben dann feststellen müssen, dass diese neue Welt ein Umdenken erfordert. Die meisten Projektleiter waren sich beispielsweise gewohnt, Apparate- und Installationspläne im CAD zu zeichnen. Bei der BIM-Methodik werden Apparate und Installationen jedoch im 3-D-Modell konstruiert, was einer neuen Arbeitsweise entspricht. Dies macht es für den Projektleiter oft schwierig, den Aufwand einzelner Arbeitsschritte korrekt abzuschätzen. Das löst natürlich Unsicherheiten aus. Auf der anderen Seite können wir dank unserer systematischen Schulungen auch feststellen, dass die Akzeptanz seitens der Projektleiter für die Methode deutlich gewachsen ist.

Wie verändert BIM das Berufsfeld des klassischen Planers?

Diese Frage haben wir uns im Rahmen diverser Innovationsprojekte schon mehrmals gestellt. Dass sich das Berufsfeld wandeln wird, ist unbestritten, in welcher Form, das lässt sich heute aber schwer abschätzen. Ich vermute aber, dass es stärker in Richtung Generalist gehen wird. In einem Vortrag, den ich vor einiger Zeit beim VSEI gehalten habe, habe ich die Prognose gewagt, dass sich der Elektroplaner in Zukunft hin zu einem «Elektromatiker» wandeln wird: Mit der Digitalisierung nimmt die Informatik einen immer wichtigeren Stellenwert ein, so dürfte auch der Beruf des Elektroplaners in Zukunft stärker dadurch geprägt sein als heute.

Bei HHM sind Sie schon relativ weit in Sachen BIM, während andere, gerade kleinere Unternehmen erst am Anfang stehen. Was raten Sie diesen Unternehmen?

Meiner Einschätzung nach dürften viele kleine Unternehmungen den Umstieg auf die BIM-Methodik oder allgemein den digitalen Wandel nicht aus eigener Kraft schaffen. So würde ich ihnen empfehlen, die Zusammenarbeit oder vielleicht sogar den Zusammenschluss zu suchen mit anderen Betrieben, um so die Kräfte zu bündeln und Synergien zu nutzen.

Wenn Sie fünf Jahre in die Zukunft blicken: Wie wird man dann über BIM sprechen?

Wenn ich zunächst fünf Jahre zurückschaue: Damals gab es in der Schweiz wohl einige Pioniere, allerdings hat noch fast niemand mit BIM gearbeitet. Seither hat ein riesiger Wandel stattgefunden, und vieles ist möglich geworden, das vor Kurzem noch unmöglich schien. Der IFC-Datenaustausch beispielsweise war bis vor Kurzem ein grosses Thema, das viele Probleme bereitet hat. Heute sind diese Probleme praktisch vom Tisch. So wird auch in fünf Jahren vieles selbstverständlich sein, was uns heute noch Kopfzerbrechen bereitet.

Zum Beispiel?

Ich denke da beispielsweise an Themen wie BIM-basierte Kostenplanung, Ausschreibung,  Bestellung, Logistik oder Ressourcenplanung. In fünf Jahren werden wir sicher nicht alle diese Probleme gelöst haben, aber bedeutend weiter sein als heute. Ich bin positiv gestimmt, warne aber auch vor zu grossen Erwartungen. Denn es ist ein riesiger Wandel, den wir da vor uns haben, an dem die unterschiedlichsten Disziplinen und Kulturen beteiligt sind. Wir stehen am Anfang einer Reise. Und wir haben die Chance, den Prozess mitzugestalten.

Welche konkreten Aufgaben stehen an?

Wir müssen in den kommenden Jahren Best-Practices etablieren, damit wir nicht immer das Rad neu erfinden. Das Ziel muss letztendlich darin bestehen, durch BIM eine Produktivitäts- und Qualitätssteigerung im Planungs- und Bauprozess zu bewirken – dass also mit gleichem Personalbestand in einer kürzeren Zeit mehr gemacht werden kann, und dies in einer besseren Qualität. Ich bin überzeugt, dass uns dies gelingen wird – aber es wird ein kurvenreicher und steiniger Weg.