Haustech 4/2017

Mehr Schwung für energetische Erneuerungen

Neues Leben in einer alten Liegenschaft: Beispielsweise mit dem Programm «Sanierung ist die halbe Miete» der Gemeinde Adelboden. (Foto: zVg)
Paolo D'Avino /

Die jährliche Sanierungsquote von Gebäuden verharrt in der Schweiz auf einem tiefen Niveau. Anreizsysteme können Abhilfe schaen. Sie sorgen für ein erhöhtes Erneuerungstempo bei Liegenschaftssanierungen. Damit der Charme des Alten erhalten bleibt.

Wer in einer historischen Liegenschaft wohnt, weiss um den Charme eines Altbaus. Die Wohnungen in den alten Liegenschaften sind begehrt, die alten Häuser vermitteln einen speziellen Reiz und sie sind vor allem in städtischen Gebieten rar. Doch spätestens bei der Heizkostenabrechnung sprechen die Nachteile von Altbauten eine andere Sprache. Eine energieeffiziente Komplettsanierung, aber auch andere spezifische Einzelmassnahmen schaffen Abhilfe.

Nimmt man die Quote des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenverein (SIA) als Richtwert,  verharrt die Sanierungsrate seit Jahren auf einem tiefen Niveau. «Mit der energetischen Sanierungsrate von derzeit 0.9 Prozent dauert es über 100 Jahre, bis diese Gebäude einen Standard erreichen werden, der langfristig nachhaltig sein wird», schreibt der SIA auf seiner Webseite. Viel zu wenig gemäss dem Verein, und um den Modernisierungsschub beim Gebäudepark zu beschleunigen, braucht es gemäss dem SIA unter anderem mehr Kenntnisse über den energetischen Zustand von Gebäuden. Und zwar bei Eigentümern wie auch bei Unternehmern, Planern und Handwerkern.

Das Gebäudeprogramm

Roger Nufer, Fachspezialist Gebäude beim Bundesamt für Energie vom BFE will die Quote vom SIA nicht näher kommentieren, meint dazu, dass die vielfältigen Hürden, die zu einem Sanierungsstau führen, abgebaut werden müssten. Anreizsysteme können den energetischen Erneuerungsprozess beschleunigen. Seit 2010 motiviert «Das Gebäudeprogramm» Eigentümer, mit der energetischen Sanierung einen konkreten Beitrag zur Energieeffizienz und zum Klimaschutz zu leisten. Nach sechs Betriebsjahren hat das Programm gemäss Jahresbericht 2015 insgesamt rund 1,2 Milliarden Franken an Fördermitteln ausbezahlt.

Die Einsparungen über die Lebensdauer der geförderten Massnahmen: fast 19 Millionen Tonnen CO2 sind vermieden bzw. rund 94 000 Gigawattstunden Energie eingespart worden. «Das Programm zeigt seine Wirkung», sagt Nufer, und er ergänzt, dass das Gebäudeprogramm ein wichtiges Instrument der Energie- und Klimapolitik zur Erreichung der Klimaziele im Gebäudebereich ist. «In den Jahren 2010 bis 2014 wurden mit den Fördermitteln rund 17 Millionen Quadratmeter Gebäudehüllenbauteile saniert, knapp 5000 Holzheizungen und rund 30 000 Solarkollektoren sowie 8500 Wärmepumpen installiert», betont Nufer und fügt hinzu, dass etwa 1400 Gesamtsanierungen durchgeführt und knapp 4600 Gebäude über Wärmenetze zur Nutzung von Holzenergie und Abwärme erschlossen worden sind. Nufer stützt sich dabei auf den Bericht des Bundesrates vom März 2016 «Wirksamkeit der Finanzhilfen zur Verminderung der CO2-Emissionen bei Gebäuden gemäss Artikel 34 CO2-Gesetz».

Sanierung ist die halbe Miete

Ein besonderes Anreizsystem hat sich Adelboden im Berner Oberland einfallen lassen. Von einer energetischen Sanierung der Gebäude erhofft sich die Gemeinde viel. Der innovative Ansatz nennt sich «Sanierung ist die halbe Miete» und geht auf eine Initiative von Tourismusdirektor Urs Pfenninger und der Gemeinde zurück. «Nach Annahme der Zweitwohnungsinitiative fehlten dem lokalen Gewerbe die Aufträge. Gleichzeitig sind viele Zweitwohnungen in einem sanierungsbedürftigen Zustand und werden überdies schlecht genutzt», sagt Pfenninger. Es musste ein neuer Weg gefunden werde; erstens die Wohnungen mit einheimischem Gewerbe zu sanieren und anschliessend der Vermietung zuzuführen.

«Mit diesem Anreizsystem sollen in Adelboden mehr hochwertige vermietbare Ferienwohnungen und mehr gute genutzte Zweitwohnungen entstehen.» Grundsätzlich gehe es darum, aus kalten Betten qualitativ gute warme Betten zu machen, ergänzt Pfenninger. Das Ziel: Der Wertschöpfungskreislauf soll am Ort erhalten bleiben. «Im Kern», so Pfenninger, «sieht die Idee ein Anreizsystem vor, mit dem Chalet- und Wohnungsbesitzer motiviert werden, ihre Liegenschaften mithilfe des einheimischen Gewerbes zu renovieren und diese dann für die Vermietung freizugeben.»

Ein Komplett-Paket

Die alpinen Destinationen sind in verschiedenster Hinsicht gefordert und die Bedingungen, die sich für Adelboden stellen, stehen wohl stellvertretend für viele Gemeinden in anderen Bergregionen. Viele Wohnungen stammen aus den Jahren des wirtschaftlichen Booms zwischen 1970 und 1990. Investiert wurde seither wenig. Verschärft wird die Situation bei einem Stockwerkeigentum, wo der Unterhalt und die Erneuerung der gemeinschaftlichen Teile oft ausgeklammert und auf die lange Bank geschoben werden.

So bietet Adelboden in einem Paket eine kostenlose Beratungsleistung an, die unter anderem bei der Suche nach einem Planungsbüro, Abklärungen bei lokalen Behörden oder der Hilfe auf mögliche Unterstützungsbeiträge beispielsweise beim Gebäudeprogramm hilft. «Oder Vorabklärungen von Finanzierungslösungen, Empfehlungen zur Auswahl der Handwerker, Organisation einer Ferienunterkunft während der Bauzeit», ergänzt Pfenninger. Das Ziel sei, die Bauherrschaft einerseits von allem Unangenehmen zu entlasten, andererseits sollen die Eigentümer in einem Netzwerk eingebunden werden, das ihnen bei der Vermarktung, der Vermietung und beim Unterhalt unter die Arme greift. «Das geht von der Vermietung, der Verwaltung, der Endabnahme über die Koordination und Planung von Instandstellungsarbeiten.»

Die Initiative ist im Sommer 2016 lanciert worden und es müsse sich um ein wertsteigerndes Umbauprojekt handeln, präzisiert Pfenninger. Die Verpflichtung für den Hauseigentümer: «Die Sanierung muss durch einheimisches Gewerbe erfolgen und die Wohnung oder das Chalet wird anschliessend für mindestens drei Jahre vermietet werden.» Das Programm zeige seine Wirkung. «Wir haben zahlreiche Anfragen.»

Helvetia erneuert den Hauptsitz

Einen etwas anderen Ansatz verfolgen die Helvetia Versicherungen. Neben den energetischen Ambitionen stehen für Ralph-Thomas Honegger, Leiter Anlagen und Mitglied der Konzernleitung, mit der Sanierung des Hauptsitzes an der St. Alban-Anlage in Basel zwei Aspekte im Vordergrund: «Die hochwertige Architektur von Herzog & de Meuron trägt sowohl den Bedürfnissen nach einer deutlichen Verbesserung unserer Abläufe und einer Modernisierung unserer Arbeitswelt am Basler Hauptsitz Rechnung als auch den Anliegen der lokalen Bevölkerung nach einer Aufwertung des Quartiers mit Begegnungszonen in einer offenen, ansprechenden Atmosphäre.»

Die Versicherung will 200 Millionen Franken investieren, um neben modernen Büroräumlichkeiten auch Begegnungsräume für die Bevölkerung zu schaffen. Die Bauarbeiten sollen dieses Jahr im August beginnen. Bis voraussichtlich Ende 2020 entsteht parallel zum heutigen Hauptgebäude ein Zwillingsbau als Neuinterpretation des bestehenden Gebäudes. Die beiden Hochhäuser werden durch einen Zwischenbau verbunden, der ein grossräumiges, transparentes Auditorium einen  repräsentativen Empfangsbereich und Räumlichkeiten für Veranstaltungen aufnimmt. Mit den rund 350 neuen Büroarbeitsplätzen werden die logistischen Kapazitäten für das starke Wachstum des Unternehmens in den vergangenen und in den kommenden Jahren bereitgestellt. Für Philipp Gmür, CEO von Helvetia, ist diese Investition ein klares Bekenntnis zum Standort. «Wir wollen ein attraktiver Arbeitgeber in Basel bleiben.»

Ausbau der Kenntnisse

Damit sich die Sanierungsquote erhöht, so Roger Nufer vom Gebäudeprogramm, muss den vielfältigen Hemmnissen mit einem vielfältigen Instrumentenmix begegnet werden. «Da sind wir gut aufgestellt. Neben dem Gebäudeprogramm gibt es die CO2-Abgabe auf fossilen Brennstoffen sowie die Energievorschriften der Kantone und Normen im Gebäudebereich.» Dazu wird die Informationsbasis weiter ausgebaut und die Bevölkerung noch besser auf die Umweltauswirkungen sensibilisiert. In diesem Zusammenhang weist Nufer auch auf die Aus- und Weiterbildung der Fachleute hin.

«Die Kenntnisse und die Qualität der Fachleute haben einen grossen Einfluss auf den Entscheid, wann und in welchem Umfang energetisch saniert wird.» EnergieSchweiz etwa unterstützt den Ausbau des fachlichen Know-hows auf allen Bildungsstufen, damit die neuen Technologien, Materialien und Systemlösungen in den Bereichen Energieeffizienz und erneuerbare Energien möglichst rasch und fachgerecht in die Praxis umgesetzt werden. Die Wahl eines Architekten, Handwerkers oder Lieferanten, der gut informiert und fachlich auf der Höhe der Zeit ist, trägt laut Nufer zum guten Gelingen einer energetischen Sanierung bei. Und dazu gehört auch, dass der Charme eines Altbaus beibehalten werden kann.