Haustech 6-7/2019

Legionellen im Vormarsch

(Foto: CDC)
Erik Brühlmann /

Jedes Jahr erkranken mehrere Hundert Menschen in der Schweiz an der gefährlichen Legionärskrankheit. Erreger sind im Wasser lebende Bakterien. Massnahmen zur Energieeffizienz in Gebäuden oder Solarwärmespeicher könnten Gründe dafür sein, dass die Zahl der Erkrankungen steigt. Noch besteht kein Grund zur Panik – das Bundesamt für Gesundheit hat dennoch ein Auge auf die Entwicklung.

Fast jedes Jahr, vor allem in den warmen Sommermonaten, finden Legionellen den Weg in die Schlagzeilen. Die im Wasser lebenden Bakterien sind Erreger der sogenannten Legionärskrankheit oder Legionellose. Sie kommen dort vor, wo warmes Wasser optimale Bedingungen für ihre Vermehrung bietet – etwa in Warmwassererzeugungs- und -verteilungsanlagen, in Boilern, Schwimm-bädern oder Luftwäschern von Klimaanlagen. Laut Statistik des Bundesamts für Gesundheit (BAG) wurden 2018 schweizweit 567 Fälle von Legionellose registriert. Das mag überschaubar klingen. Es sind aber nicht die absoluten Zahlen, welche die Mitarbeitenden der Abteilung Übertragbare Krankheiten aufhorchen lassen, sondern es ist die Entwicklung. «Seit etwa zehn Jahren nimmt die Zahl der Legionellose-Erkrankungen stetig zu», sagt Abteilungsleiter Daniel Koch. «Wir müssen diesen Anstieg genau beobachten und versuchen, die Gründe dafür zu eruieren.»

Energiesparen als Ursache?

Ein Grund für die Zunahme an Erkrankungen dürfte die Alterung der Bevölkerung sein. Denn ältere Menschen mit geschwächten Immunsystemen sind stärker gefährdet als jüngere. Zudem gibt es heute tendenziell mehr stehendes Wasser in den Haushalten. Das könnte mit der Tendenz zum Wassersparen zu tun haben. «Eine unserer grossen Sorgen ist, dass Warmwasser aus Energiespargründen nicht mehr konsequent auf 60 Grad aufbereitet wird», sagt Daniel Koch. Bei 60 Grad werden die Legionellen inaktiv, energieeffiziente Wärmepumpen zur Erhitzung von Warmwasser werden aber nur mit 45 bis 55 Grad betrieben.

Wissenslücken

Daniel Koch räumt ein, dass es schwierig ist, die Gründe für die Entwicklung genau festzumachen, und dass rund um das Thema Legionellen Wissenslücken bestehen, die sich nur schwer schliessen lassen. Bekannt ist, dass Legionellen überall vorkommen, wo stehendes Wasser einen Biofilm bildet – auch in der Natur. Am liebsten haben sie Temperaturen zwischen 25 und 45 Grad. «Solche Temperaturen können in Wasserleitungen immer wieder vorkommen», sagt Koch, und er fügt an, dass ein Legionellenbefall nichts über den Zustand eines Leitungssystems aussagt. Auch in brandneuen Leitungen, in denen das Wasser über längere Zeit steht, können sich die Bakterien ansiedeln. Doch selbst ein Legionellenbefall führt nicht zwangsläufig zu Legionellose. Koch: «Wenn man Legionellen trinkt oder Hautkontakt mit ihnen hat, geschieht gar nichts. Nur wenn man sie einatmet und sie in die Lungen geraten, kann es gefährlich werden.» Und dies geschieht vor allem bei Sprühnebel, wie er zum Beispiel beim Duschen entsteht.

Schwierige Suche nach Ursachen

Stellt ein Arzt mit einem Labortest eine Legionellose fest, muss er den Fall melden. Das Kantonale Labor Zürich betreibt seit diesem Jahr die Fachstelle Legionellen. Wird im Kanton Zürich dem Kantonsärztlichen Dienst ein Legionellosefall gemeldet, bietet die Fachstelle den Betroffenen Abklärungen an. Man versucht, den Infektionsherd mit Messungen so schnell wie möglich ausfindig zu machen. «Es ist aber oft schwierig, die Ursache zu finden», sagt Fachstellenleiter Hans Peter Füchslin. Betroffene können sich bei verschiedenen Quellen angesteckt haben: der Dusche zu Hause, öffentlichen Duschen in Hallenbädern, bei Kühltürmen oder Klimaanlagen. Zudem ist die aktuelle Standardnachweismethode ISO 11731 zwar allgemein anerkannt. Das Probenvolumen ist aber beschränkt, und es werden nur kultivierbare Legionellen nachgewiesen. Das Kantonale Labor prüft deshalb alternative Probenahmen und Verfahren, um die Suche nach der Infektionsquelle zu verbessern.

Lange Inkubationszeit

In der Schweiz werden bei Legionellosepatienten generell keine Proben genommen, da dies unangenehm für die Betroffenen und aufwendig ist. Ein genotypischer Vergleich zwischen Patienten- und Umweltproben ist entsprechend nicht möglich. Dieser wäre aber nötig, um eine Infektionsquelle sicher zu bestätigen. Eine nicht unerhebliche Erschwernis bei der Suche nach Infektionsherden ist ausserdem, dass die Inkubationszeit bei Legionellose zwei bis zehn Tage beträgt – ein Zeitraum, in dem ein Mensch an unzähligen Orten mit befallenem Wasser in Kontakt kommen kann. Dies ist vor allem bei Hotels mit vielen internationalen Gästen ein Problem: Bis sich die Symptome der Legionellose bemerkbar machen, sind die Gäste unter Umständen bereits wieder in aller Welt verstreut, und das Hotel ist als Hotspot nicht mehr auszumachen. Es gibt deshalb seit 2010 eine internationale Zusammenarbeit, die im Rahmen der European Working Group for Legionelle Infections (EWGLI) organisiert ist. Bei Personen, die sich während der Inkubationszeit im Ausland aufhielten, werden die ausländischen Gesundheitsbehörden informiert. Umgekehrt werden auch Adressen von verdächtigen Unterkünften in der Schweiz dem BAG durch die ausländischen Behörden gemeldet. Das BAG informiert die betroffenen Kantone, damit Abklärungen vor Ort durchgeführt werden können.

Höchstwerte für öffentliche Anlagen

Wegen der schwierigen Verortung weisen offizielle Erkrankungsstatistiken nicht aus, ob die Ansteckung im öffentlichen oder privaten Raum geschehen ist. Mutmasslich finden die meisten Ansteckungen im privaten Umfeld statt, wo die Legionellenprävention auf Selbstverantwortung basiert. Denn in öffentlich zugänglichen Anlagen wie Hotels, Sportanlagen, Altersheimen und Spitälern ist Duschwasser als Gebrauchsgegenstand im Lebensmittelgesetz (LMG) geregelt. Inhaber von öffentlichen Duschanlagen sind ausserdem zur Selbstkontrolle verpflichtet. Sie müssen jederzeit die einwandfreie Qualität des Duschwassers sicherstellen. In öffentlichen Duschen gibt es amtliche Stichproben. Wegen der grossen Zahl von öffentlichen Duschanlagen können aber keine regelmässigen amtlichen Kontrollen durchgeführt werden. Die Fachstelle Legionellen erarbeitet derzeit jedoch ein Merkblatt für öffentliche Betriebe, das die Themen Risikoeinschätzung, Präventionsmassnahmen und Selbstkontrolle genauer definiert.

Weitere gesetzliche Regelungen nötig?

Es zeigt sich immer wieder, dass Legionelloseerkrankungen in Anlagen ihren Ursprung haben, die nicht unter die aktuelle gesetzliche Regelung für Dusch- und Badewasser fallen. So musste im Kanton Zürich 2018 eine Autowaschanlage kurzzeitig teilweise ausser Betrieb genommen werden, weil drei Legionellosefälle mit ihr in Verbindung gebracht wurden. Messungen ergaben überhöhte Legionellenkonzentrationen, die eine Desinfizierung der Anlage mit Chlor nötig machten. Für Hans Peter Füchslin ist die Autowaschanlage ein Beispiel dafür, dass die Schweizer Gesetzgebung bezüglich Legionellenprävention aktuell noch Lücken aufweist: «Sieht man über die Landesgrenzen hinaus, stellt man fest, dass auch Anlagen wie Kühltürme und Klimaanlagen immer wieder Quellen für Legionelloseerkrankungen sind.» Kühltürme sind in Deutschland – im Gegensatz zur Schweiz – entsprechend gesetzlich geregelt. Es besteht eine Melde- und Kontrollpflicht.

Hygiene gegen Energieeffizienz

In der Schweiz haben das BAG und das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) für Trinkwasserinstallationen ausserhalb öffentlich zugänglicher Anlagen zwar keine gesetzlichen Normen, jedoch 2018 neue Empfehlungen erarbeitet. Diese empfehlen unter anderem bei der Warmwasserversorgung Mindesttemperaturen am Austritt des Wasserspeichers (60 Grad), in warmgehaltenen Leitungen (55 Grad) und an den Entnahmestellen (50 Grad). Die Kaltwassertemperatur sollte 25 Grad nicht überschreiten. Diese Vorgaben wurden zu einem Politikum: Sie sollten über eine Verschärfung der SIA-Norm 385/1 erreicht werden, die für Sanitäre beim Einbau von Boilern gilt, doch es regte sich Widerstand gegen einen ersten Entwurf, der im Herbst vergangenen Jahrs hätte veröffentlicht werden sollen. Er kam nicht nur von verschiedenen Fachverbänden, auch das Bundesamt für Energie wies ihn zurück, weil die neuen Verordnungen die Energieeffizienz von Gebäuden verschlechtern und den weiteren Einsatz von Solarwärmespeichern verhindern würden. Die SIA-Norm 385/1 wurde daraufhin überarbeitet und befand sich bis Anfang August dieses Jahrs in der Vernehmlassung.

Kräftig spülen!

Thomas Ammann, Ressortleiter Energie- und Bautechnik des Hauseigentümerverbands (HEV) Schweiz, verspricht sich von der Überarbeitung eine Balance zwischen Hygiene und Energieeffizienz. Einen Grund für Aktionismus seitens der Hauseigentümer sieht er jedoch nicht. «Viele Boiler zum Beispiel verfügen bereits standardmässig über eine Legionellenschaltung, die das Warmwasser regelmässig auf mindestens 60 Grad aufheizt», 
sagt er. Am meisten risikobehaftet seien Installationen, die nicht regelmässig genutzt würden: die Gästedusche im Keller, der Wasserhahn in der Mansarde oder Installationen im Ferienhaus. «Wer auf Nummer sicher gehen will oder gesundheitlich angeschlagen aus den Ferien zurückkehrt, lässt am besten bei allen Duschen und Wasserhähnen einige Minuten lang das Wasser heiss laufen», so Ammann. «Währenddessen sollte man den Raum verlassen, um den Sprühnebel nicht einzuatmen.» Dies sollte etwaige Legionellenherde herausspülen – und die Gefahr, so klein sie auch immer sein mag, beseitigen.